Untersuchungsgegenstand dieser Seminararbeit sind systematische Fehler von Wahlprognosen. Bis zum heutigen Zeitpunkt wurde die Fehlerhaftigkeit von Wahlprognosen in Deutschland lediglich einmal in einer wissenschaftlichen Arbeit umfassend empirisch untersucht. Dies ist deshalb verwunderlich, da die Institute anscheinend ihre Daten veröffentlichen können, ohne dass diese seitens der Öffentlichkeit oder der Wissenschaft kritisch hinterfragt werden. Brisant erscheint dies besonders vor dem Hintergrund, dass solche Prognosen in den heutigen Wahlkämpfen von besonderer Bedeutung sind. Der Rückblick auf die vergangenen drei Bundestagswahlen zeigt die enorm gestiegene Präsenz von Wahlprognosen in den Medien bereits Monate vor der eigentlichen Wahl. Verstärkt wird die Bedeutung dieser Prognosen dadurch, dass sowohl die Politik als auch die Medien die veröffentlichten Daten in ihre Strategien, Berichte und Diskussionen einbeziehen. Andererseits zeigen diese Wahlen aber auch deutlich die Diskrepanz der Wahlprognosen einiger renommierter Institute zu den amtlichen Endergebnissen. So hat Infratest dimap bspw. die CDU zwei Wochen vor der Bundestagswahl 2005 um 7,8 % zu hoch prognostiziert und damit einen völlig anderen Wahlausgang vorhergesagt. Diese Beobachtung stellt bei weitem keinen Einzelfall dar und ist u.a. einer der Hauptgründe für das Interesse an der vorliegenden Seminararbeit. Die Analyse der Wahlprognosen erfolgt unter der zentralen Untersuchungsfrage: Bewerten Meinungs-forschungsinstitute bestimmte Parteien mit ihren Prognosen systematisch zu hoch oder zu niedrig?
Es werden Prognosen von Bundes- und Landtagstagswahlen im Zeitraum 1957 – 2006 von sechs großen deutschen Instituten für Demoskopie ausgewertet, die jeweils zwischen einer und vier Wochen vor der entsprechenden Wahl erstellt wurden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Wahlprognosen
2.1 Begriffsbestimmung und Historie
2.2 Wahlprognosen und Erhebungsverfahren
3. Daten
3.1 Meinungsforschungsinstitute in Deutschland
3.2 Datengrundlage
4. Auswertung der Daten
4.1 Vorgehensweise
4.2 Auswertung Wahlprognosen gesamt
4.3 Auswertung Wahlprognosen Landtagswahlen
4.4 Mögliche Ursachen für systematische Abweichungen
5. Folgen für die Wahlen
5.1 Einfluss auf die Stimmenabgabe
5.2 Einfluss auf die Wahlbeteiligung
5.3 Wahlprognosen als Instrument der Parteien und der Medien
5.4 Gesetzliches Verbot von Wahlprognosen?
6. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die systematische Fehlerhaftigkeit von Wahlprognosen in Deutschland, um zu prüfen, ob Meinungsforschungsinstitute bestimmte Parteien systematisch über- oder unterbewerten. Ziel ist die empirische Analyse von Prognosen vergangener Bundes- und Landtagswahlen sowie die Diskussion möglicher Ursachen und politischer Folgen.
- Empirische Untersuchung systematischer Abweichungen bei Wahlprognosen
- Analyse der Methodik und Datenerhebung deutscher Demoskopie-Institute
- Überprüfung politischer Tendenzen bei der Prognoseerstellung
- Diskussion der Auswirkungen von Wahlprognosen auf das Wählerverhalten
- Bewertung der Rolle von Medien und Parteien im Kontext der Demoskopie
Auszug aus dem Buch
2.1 Begriffsbestimmung und Historie
Wahlprognosen sind seit vielen Jahren ein elementarer Bestandteil deutscher Bundes- und Landtagswahlen. In der Bundesrepublik Deutschland wurden diese erstmals zur Bundestagswahl 1949 veröffentlicht. Anfangs noch durch wenige Institute praktiziert, hat sich die Wahlforschung im Laufe der Jahrzehnte zu einer eigenständigen Wissenschaft entwickelt, die heute durch eine Vielzahl von Unternehmen betrieben wird. Die Ursprünge der Demoskopie stammen hingegen aus den Vereinigten Staaten von Amerika. George Gallup untersuchte durch Fallstudien die Präsidentschaftswahlen 1940. Seine Ergebnisse beruhen jedoch auf Plausibilitätsargumenten und nicht auf experimentelle Untersuchungen. Solche Studien erfolgten erst in den sechziger Jahren.
Wahlprognosen sind durch Meinungsforschungsinstitute ermittelte Vorhersagen von Wahlergebnissen. Sie sind empirisch überprüfte Vorhersagen des Wählerverhaltens bezüglich individueller Wahlbeteiligung (Stimmabgabe) und Sachpräferenz (Stimmverhalten) und werden bis zum Wahltag erhoben. Diese Begriffswahl ist auch unter den Meinungsforschungsinstituten weitestgehend adaptiert und wird in dieser Seminararbeit ebenfalls verwendet. Lediglich das Institut Forsa spricht in diesem Zusammenhang von Vorwahlbefragungen.
Abzugrenzen von den Wahlprognosen sind die sogenannten „Exit Polls“ oder auch Nachwahlbefragungen. Hier werden Wähler am Wahltag nach ihrer Stimmenabgabe zu ihrer Wahlentscheidung befragt. Aus diesen Daten werden auch die bekannten 18 Uhr-Prognosen erstellt, welche dann durch die Medien verbreitet werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die systematische Fehlerhaftigkeit von Wahlprognosen in Deutschland, da diese in Wahlkämpfen eine hohe Relevanz besitzen, jedoch selten kritisch hinterfragt wurden.
2. Wahlprognosen: Dieses Kapitel definiert Wahlprognosen als empirische Vorhersagen des Wählerverhaltens und grenzt diese von Exit Polls und Hochrechnungen sowie den gängigen Erhebungsverfahren wie Random- oder Quota-Stichproben ab.
3. Daten: Hier werden die wichtigsten deutschen Meinungsforschungsinstitute porträtiert und die Datengrundlage erläutert, die aufgrund mangelnder Kooperation der Institute primär aus Sekundärliteratur besteht.
4. Auswertung der Daten: Dieser Teil enthält die Kernanalyse mittels statistischer Verfahren wie dem Kolmogorov-Smirnov-Test und T-Tests, wobei systematische Fehlertendenzen für verschiedene Parteien und Institute nachgewiesen werden.
5. Folgen für die Wahlen: Es werden Hypothesen zur Beeinflussung des Wählerverhaltens durch Prognosen diskutiert, darunter der Bandwagon-Effekt, Underdog-Effekt, Fallbeileffekt sowie die Rolle von Medien und Parteien.
6. Zusammenfassung: Die Ergebnisse bestätigen die Existenz politischer Tendenzen in Wahlprognosen bei der Mehrheit der Institute und betonen die Notwendigkeit einer kritischen Auseinandersetzung mit diesen Daten.
Schlüsselwörter
Wahlprognosen, Demoskopie, Meinungsforschung, systematische Fehler, Wahlverhalten, Stichprobe, Statistik, Bundestagswahlen, Landtagswahlen, SPD, CDU, FDP, Bündnis 90/Die Grünen, Medien, Repräsentativität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, ob deutsche Meinungsforschungsinstitute bei der Erstellung von Wahlprognosen systematische Fehler machen und bestimmte Parteien tendenziell über- oder unterbewerten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Methoden der Datenerhebung, die statistische Validität der Prognosen, die Rolle politischer Auftraggeber sowie die möglichen Auswirkungen auf das tatsächliche Wahlverhalten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, auf empirischer Basis zu prüfen, ob die in der öffentlichen Wahrnehmung vermuteten politischen Tendenzen einzelner Institute durch statistische Auswertungen nachweisbar sind.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Autoren nutzen statistische Tests (Kolmogorov-Smirnov-Anpassungstest und T-Test) zur Auswertung von Daten zu Bundes- und Landtagswahlen, um die Signifikanz der Abweichungen zum amtlichen Endergebnis zu prüfen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Neben der empirischen Auswertung der Daten werden die Hintergründe der Datenerhebung, mögliche Ursachen für systematische Verzerrungen und die potenziellen Folgen der Prognoseveröffentlichung auf die Wähler beleuchtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wahlprognosen, Demoskopie, systematischer Fehler, Wahlverhalten, statistische Signifikanz und politische Repräsentativität.
Gibt es ein Institut, das keine systematischen Tendenzen aufweist?
Ja, laut der Analyse der Autoren liefert das Institut Infas als einziges keine signifikanten Über- oder Unterbewertungen und weist somit keine systematischen Fehler auf.
Wie bewerten die Autoren die Rolle der Forschungsgruppe Wahlen?
Obwohl die Forschungsgruppe Wahlen in der Öffentlichkeit oft als konservativ wahrgenommen wird, bestätigen die Ergebnisse der Arbeit diese Einordnung nicht; vielmehr werden SPD und Grüne dort systematisch überbewertet.
- Quote paper
- Robert Ehrenpfordt (Author), Stefan Maaßen (Author), 2007, Systematische Fehler von Wahlprognosen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84278