Zunächst werden die Thesen dargestellt, die das Grundgerüst der Theorie Horst Reimanns bilden und die im weiteren Verlauf des Textes an zwei Fällen, traditional orientierter Gemeinden in Sizilien, empirisch überprüft werden.
Reimann erklärt anhand der als modernisierungsresistent bekannten Sizilianer, wie traditionale Gesellschaften mit der “Kultur der Moderne” umgehen. Er zeigt, dass sich bestimmte autochthone Systemelemente als vital genug erweisen um gegen das Eindringen “moderner” bestehen zu können.
Im weiteren Verlauf dieser Arbeit sollen die kulturellen Besonderheiten Siziliens dargestellt werden, die nach Reimann ausschlaggebend für die Resistenz dieser autochthoner Systemelemente sind.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I.) Zum Verhältnis der Kultur der Moderne in traditionalen Gesellschaften
II.) Kasuistik: Zwei Fallbeispiel: Gela und Riesi
III.) Sizilien - Kontinuität und Wandel an der europäischen Peripherie - Besondere kulturelle Eigenarten der Sizilianer
Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht anhand der theoretischen Konzepte von Horst Reimann, wie traditionale Gesellschaften, insbesondere am Beispiel Siziliens, auf den Einfluss und die Herausforderungen der sogenannten „Kultur der Moderne“ reagieren und dabei ihre autochthonen Strukturen bewahren.
- Analyse der Vitalität und Resilienz autochthoner Kulturmuster
- Kulturelle Siebung und strukturelle Selektion bei Modernisierungsprozessen
- Empirische Fallbeispiele für den Zusammenprall von Moderne und Tradition (Gela und Riesi)
- Die Rolle von Patronage-Systemen und Klientelismus als soziale Sicherungsnetze
- Das Spannungsfeld zwischen traditioneller Gemeinschafts-Kultur und modernem Wandel
Auszug aus dem Buch
Teilkultur der Moderne: Gela
Gela ist eine westgriechische Gründung aus dem 7. Jahrhundert vor Christus. Gela ist eine der ärmsten Siedlungen in der ohnehin entwicklungsbedürftigen Provinz Caltanissetta. Ein wichtiges Ereignis für die Entwicklung von Gela ist 1975 die Entdeckung eines großen Erdölvorkommen. Wenige Jahre später beschloss der staatliche Erdölkonzern ENI, in die Erdölförderung und –weiterverarbeitung zu investieren. Damit beginnt der Bau gewaltiger Industrieanlagen in unmittelbarer Nähe der fast noch mittelalterlich anmutenden Agrarstadt: eines der modernsten petrochemischen Werke der Welt (ANIC-Gela), Raffinerie, Kraftwerk, Industriehafen, beachtliche infrastrukturelle Einrichtungen. Erwartet werden beispielgebende Umwälzungen im Wirtschafts- und Sozialleben der Kommune.
Die tatsächliche Auswirkungen sind folgende. Zum einen verdoppelt sich die Einwohnerzahl innerhalb zweier Jahrzehnte, der dadurch ausgelöste Bauboom zog zunächst viele Bauarbeiter an, der dauerhafte Beschäftigungseffekt der hochautomatisierten chemischen Betriebe war allerdings vergleichsweise gering. Des weiteren gab es beträchtliche Veränderungen in der Berufsstruktur, die Anzahl der Beschäftigten im Primärsektor nahm um die Hälfte ab, bald waren zwei Drittel der erwerbstätigen Bevölkerung im sekundären und tertiären Sektor tätig. Mit dem zunehmendem Einkommenszuwachs stieg auch die Konsumquote, die Automobilisierung verdrängte die traditionalen Fortbewegungsmittel, nämlich zweirädrige Eselskarren, und das damit verbundene Handwerk.
Es kam aber zu keinem gesellschaftlichem Umbruch, sondern vielmehr zu einer allmählicher Trennung der Gemeinde. Die alte Stadt und deren Bewohner bewahrten die autochthonen Strukturen; gleichzeitig bildete sich eine „Teilkultur der Moderne“ heraus, und eine gleichzeitige Absonderung derselben. Die räumliche Segregation entstand ursprünglich aus städtebaulichen Gründen: Schaffung einer moderner Trabantenstadt als Wohnraum für Industrieangestellte aus Norditalien und anderen Teilen Siziliens, dies führte dann allerdings zu einer praktischen Trennung der beiden Welten.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Es werden die theoretischen Thesen von Horst Reimann eingeführt, die untersuchen, wie traditionale Gesellschaften gegen das Eindringen moderner Einflüsse bestehen.
I.) Zum Verhältnis der Kultur der Moderne in traditionalen Gesellschaften: Dieses Kapitel erläutert kultursoziologische Ansätze und den Begriff der kulturellen Siebung bei der Adaption fremder Elemente.
II.) Kasuistik: Zwei Fallbeispiel: Gela und Riesi: Anhand der Industriestadt Gela und der Waldenser-Initiative in Riesi wird der Widerstand autochthoner Strukturen gegen Modernisierungsdruck illustriert.
III.) Sizilien - Kontinuität und Wandel an der europäischen Peripherie - Besondere kulturelle Eigenarten der Sizilianer: Es wird die historische Überlagerungsmentalität sowie die Bedeutung des Patronage-Systems und des Familismus für den Fortbestand traditionaler Strukturen analysiert.
Schluss: Das Fazit fasst zusammen, dass trotz partieller Anpassungen eine tiefgreifende Modernisierung aufgrund soziokultureller Beharrungskräfte ausbleibt.
Schlüsselwörter
Kultursoziologie, Sizilien, Modernisierung, Autochthon, Tradition, Kulturelle Siebung, Akkulturation, Patronage-System, Gela, Riesi, Familismus, Soziale Kontrolle, Strukturwandel, Klientelismus, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die soziologische Dynamik zwischen traditionellen Gesellschaftsstrukturen und dem Einfluss der westlichen „Kultur der Moderne“ am Beispiel Siziliens.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen sind kultureller Wandel, die Resilienz autochthoner Systemelemente, das Patronage-System sowie die soziokulturellen Auswirkungen industrieller Modernisierung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, mittels der Theorie von Horst Reimann aufzuzeigen, warum und wie traditionale Gesellschaften bestimmte moderne Elemente selektiv integrieren, während sie ihre grundlegende Identität bewahren.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es wird eine kultursoziologische Analyse angewandt, die theoretische Konzepte (Reimann) mit empirischen Fallbeispielen aus Sizilien verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit den Fallstudien Gela und Riesi sowie mit den kulturellen Besonderheiten Siziliens, insbesondere der Überlagerungsmentalität und der sozialen Sicherung durch Familismus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Autochthonie, Modernisierungsdruck, kulturelle Siebung, Klientelismus und die Dichotomie zwischen Tradition und Moderne definiert.
Warum ist das Projekt in Gela aus soziologischer Sicht gescheitert?
Obwohl durch die Ansiedlung von Industrie eine „Teilkultur der Moderne“ entstand, kam es zu keiner echten Integration, sondern zu einer räumlichen und sozialen Segregation, da die autochthonen Strukturen in der Altstadt weitgehend unangetastet blieben.
Welche Rolle spielt die Mafia innerhalb der beschriebenen Strukturen?
Die Mafia fungiert als Teil des Patronage-Systems, welches auf asymmetrischen Abhängigkeiten basiert und durch das „solidarische Schweigen“ (Omertà) den Zugriff staatlicher Institutionen erschwert.
Wie verändert sich das Bewusstsein der Sizilianer laut dem Fazit?
Obwohl eine vollständige Identifikation mit der modernen Kultur fehlt, finden Lernprozesse statt, die das bisherige System nicht mehr als alternativloses Schicksal erscheinen lassen.
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- Frank Huber (Author), 2003, Zum Charakter und der Beharrung vormoderner Kultur: Das Beispiel Siziliens, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84292