Die Türkei ist ein Land der Gegensätze, landschaftlich, kulturell, aber auch wirtschaftlich. Einen Teilaspekt hiervon, die Landwirtschaft, soll vorliegende Arbeit näher beleuchten. Erkenntnisleitendes Moment wird die Frage sein, ob und wie sich der türkische Agrarsektor in einem zunehmend liberalisierten Markt behaupten kann. Welche Auswirkungen haben Modernisierung und staatliche Eingriffe auf die Landwirtschaft allgemein, aber auch für den Arbeitsmarkt? Kann der Spagat zwischen Subsistenz und Weltmarkt auch weiterhin gelingen oder muss das Pendel zugunsten einer Seite ausfallen?
Um diese – im Rahmen der EU Beitrittsgespräche immer wichtiger werdenden – Fragen angemessen beantworten zu können, sollen im zweiten Kapitel zuerst die physischen Bedingungen der Landwirtschaft in der Türkei kurz umrissen werden, bevor die einzelnen Anbauregionen in ihrer jeweiligen Spezifikation untersucht werden (Kapitel III). Hernach wird die historische Entwicklung der Landwirtschaft vorgestellt, um daraus die heutige Struktur der Agrarbetriebe erklären zu können. Zudem wird der allgemeine politische Einfluss sowie dessen extremste Form, die integrative Entwicklung ganzer Regionen auf seine Auswirkung für Bevölkerung und Umwelt diskutiert (Kapitel IV). Anschließend soll anhand wichtiger Daten die Bedeutung der Landwirtschaft für die Türkei bemessen werden (Kapitel V), ehe abschließend ein Ausblick vor dem Hintergrund des möglichen EU Beitritts gewagt wird.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Physische Bedingungen
1. Klima
2. Böden
3. Relief
III. Anbauregionen
1. Schwarzmeerregion
2. Mediterrane Anbaugebiete
3. Westliches Binnenland und tiefes Südostanatolien
4. Gebirge und Becken der Osttürkei
IV. Politisch-gesellschaftliche Entwicklung
1. Historisch
2. Struktur der Agrarbetriebe
3. Allgemeiner politischer Einfluss
4. MEYSEB Projekt
5. GAP
V. Landwirtschaftsdaten der Türkei
1. Pflanzliche Produkte
2. Viehbestände
3. Bedeutung der Landwirtschaft für die türkische Wirtschaft
VI. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den türkischen Agrarsektor im Spannungsfeld zwischen Subsistenzwirtschaft und den Anforderungen eines zunehmend liberalisierten Weltmarktes. Die Forschungsfrage fokussiert dabei darauf, ob sich die Landwirtschaft in diesem Transformationsprozess behaupten kann und welche Rolle Modernisierungsbestrebungen sowie staatliche Eingriffe in diesem Kontext spielen.
- Physisch-geographische Grundlagen der türkischen Landwirtschaft
- Regionale Spezifika der verschiedenen Anbauregionen
- Strukturelle und politische Entwicklungshemmnisse im Agrarsektor
- Auswirkungen großflächiger Entwicklungsprojekte (MEYSEB und GAP)
- Bedeutung der Landwirtschaft für die Devisenerwirtschaftung und Beschäftigung
Auszug aus dem Buch
3. Allgemeiner politischer Einfluss
Hinsichtlich des politischen Einflusses auf die Landwirtschaft lassen sich in der Türkei drei dominante Aspekte feststellen: Erstens, die häufige Unterbindung oder Verwässerung von Reformen durch den starken Lobbyismus. Wie schon angedeutet, ist aus diesem Grunde bis heute keine Bodenreform oder zumindest eine Flurbereinigung durchgeführt worden. Hinzu kommt, zweitens, dass der politische Einfluss in peripheren Regionen sehr gering ist. Oberster Richter und höchstes Gut ist die Dorfgemeinschaft, nicht der Staat. Probleme werden deshalb nicht unter staatlicher Aufsicht oder Anleitung geklärt, sondern innerhalb der Dorfgemeinschaft selbst, was oftmals zur Erhaltung bestehender Ungerechtigkeiten führt.
Beispielsweise werden bei der Erbschaft die Töchter benachteiligt oder ganz ignoriert; um aber den Frieden der Dorfgemeinschaft nicht zu gefährden, leitet die Tochter bzw. der Schwiegersohn keine rechtlichen Schritte ein, auch wenn sie gesetzlich dazu die Berechtigung hätten. Drittens hat der Staat neben diesen beiden Aspekten im Laufe der Zeit ein unübersichtliches System von Stützpreisen und Garantiequoten eingeführt. Diese Subventionen sind für einen Großteil der (vor allem) kleineren Betriebe von existentieller Bedeutung, führen aber dazu, dass keine Anreize zu qualitativ höherwertiger Produktion vorhanden sind. Zudem wird diese Unterstützung nicht eigens auf Notwendigkeit geprüft, sodass finanziell solventere Großbetriebe oftmals überdurchschnittlich subventioniert werden. In den letzten Jahren ist die Förderung de Landwirtschaft nach einer anfänglichen Fokussierung auf die Industrie wieder deutlich gestiegen. Den höheren Ausgaben stehen aber keine äquivalenten Reformerfolge gegenüber, sodass trotz hoher Ausgaben die Landwirtschaft nur schleppend modernisiert wird.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der türkischen Landwirtschaft ein und stellt die zentrale Fragestellung zur Wettbewerbsfähigkeit des Agrarsektors im globalen Markt dar.
II. Physische Bedingungen: Hier werden die landschaftlichen Rahmenfaktoren – insbesondere Klima, Böden und Relief – analysiert, die die agrarische Nutzungsmöglichkeit in der Türkei maßgeblich beeinflussen.
III. Anbauregionen: Dieser Teil untersucht die regionalen Besonderheiten und spezifischen Nutzungen der verschiedenen Gebiete von der Schwarzmeerküste bis zur Osttürkei.
IV. Politisch-gesellschaftliche Entwicklung: Das Kapitel beleuchtet historische Hintergründe, die Agrarbetriebsstrukturen sowie den Einfluss staatlicher Politik, inklusive spezifischer Großprojekte wie MEYSEB und GAP.
V. Landwirtschaftsdaten der Türkei: Hier werden statistische Daten zu Erzeugnissen, Viehbeständen und die volkswirtschaftliche Relevanz der Landwirtschaft für die Türkei erörtert.
VI. Ausblick: Das Fazit skizziert die zukünftigen Herausforderungen für den Agrarsektor im Hinblick auf EU-Beitrittsbemühungen und notwendige marktwirtschaftliche Reformen.
Schlüsselwörter
Türkei, Landwirtschaft, Agrarsektor, Subsistenzwirtschaft, Weltmarkt, EU-Beitritt, Bewässerungsprojekte, GAP, Südostanatolien, Agrarstruktur, Modernisierung, Bodenreform, Export, ländliche Entwicklung, Transformation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Landwirtschaft in der Türkei und deren Entwicklungspotenziale unter dem Einfluss von Modernisierung, staatlichen Eingriffen und der Marktliberalisierung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die physisch-geographischen Voraussetzungen, die regionale Differenzierung, die sozio-politischen Strukturen sowie die Auswirkungen großflächiger staatlicher Entwicklungsprojekte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu analysieren, wie sich der türkische Agrarsektor gegenüber dem Weltmarkt positionieren kann und welche Auswirkungen dies auf den Arbeitsmarkt und die Lebensbedingungen der Landbevölkerung hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine geographisch-analytische Untersuchung, die auf der Auswertung aktueller Fachliteratur, statistischer Daten und der Analyse spezifischer Fallbeispiele (wie dem GAP-Projekt) basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der natürlichen Bedingungen, eine regionale Anbau-Analyse, eine Untersuchung der politischen und strukturellen Rahmenbedingungen sowie die Bewertung der agrarwirtschaftlichen Daten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie türkische Landwirtschaft, Subsistenz, Weltmarktintegration, GAP, Agrarstruktur und regionale Entwicklung definiert.
Wie bewertet der Autor den Erfolg des GAP-Projektes?
Der Autor steht dem Projekt kritisch gegenüber und führt an, dass zwar ökonomische Ziele verfolgt wurden, jedoch gravierende ökologische, soziale und infrastrukturelle Probleme entstanden sind, die den Gesamterfolg gefährden.
Warum ist die Modernisierung der Landwirtschaft in der Türkei so komplex?
Die Modernisierung ist komplex, da sie auf traditionelle, oft durch Realerbteilung kleinteilige Strukturen trifft und ein abrupter Umbau zu hoher Arbeitslosigkeit und Landflucht führen würde, ohne dass alternative Arbeitsplätze in ausreichendem Maße vorhanden sind.
- Citation du texte
- Johannes Ohnmacht (Auteur), 2005, Die türkische Landwirtschaft zwischen Subsistenz und Weltmarkt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84300