Eine Dekade macht eine neue Welt

Politische und gesellschaftliche Veränderungen in der Türkei und Deutschland und ihre Einflüsse auf die Protagonisten der Romane „Die Tochter des Schmieds“ und „Die Brücke am goldenen Horn“


Seminararbeit, 2007

23 Seiten


Leseprobe

Gliederung

1. Vorwort

2. Kurze historische Einordnung
2.1. Versuchte Demokratie
2.2. Rotationsprinzip

3. „>>Sei nicht so á la Turca.<<“

4. Zusammenfassung

5. Literatur

„Heute gehen alle ins Land der Ungläubigen, als gäbe es dort etwas. Sind die etwa besser als wir?“[1]

„Meine Tochter, du hast dir wahrscheinlich in Deutschland den Kopf erkältet.“[2]

1. Vorwort.

Zwei Romane, zwei Biografien, zwei grundlegend verschiedene Wel­ten. Die eine, die der Protagonistin aus „Die Tochter des Schmieds,“ Gül, stellt die Türkei der fünfziger, frühen sechziger Jahre dar. Zu dieser Zeit ist die Türkei ein Land des Umbruchs, eines stetigen Wechsels. Nicht nur auf die Regierungen des Landes trifft das zu, sondern auch auf die Menschen, vor allem die in den Dörfern. Die Türkei zu diesem Zeitpunkt ist ein Agrarland, versucht aber, diesen Umstand zu ändern. Ein Drang nach Westen hin setzt ein, der Ver­such, in der Welt, vor allem aber auch Europa anerkannt zu sein. Ohne innenpolitische Probleme geht diese Angliederung allerdings nicht. Die historisch verwurzelten Ansichten der Menschen sitzen zu tief. Gül lebt in dieser, von Tradition und Umbruch umspülten Welt. In ihr ist sie aufgewachsen, an ihr ist sie gewachsen und in ihr ihr sie verwurzelt. Alles neue, potentiell aufrührerische, moderne spielt für sie kaum eine Rolle. Dennoch findet es statt. Die namenlose Haupt­figur in „Die Brücke vom goldenen Horn“ fällt mitten hinein in die Aufruhr, den Wandel, die sich entwickelnde Moderne. Im Verlauf die­ser Arbeit wird sie Emine genannt werden (müssen), weil Autorin (Emine Sevgi Özdamar) und ihre Protagonistin die selbe Person dar­stellen. Emine also erlebt Deutschland, hauptsächlich Berlin. Sie er­lebt einen Schmelztiegel, denn Deutschland und insbesondere Berlin unterscheiden sich, im Hinblick auf Wandel und Veränderung gar nicht so sehr von der Türkei. Auch hier finden Entwicklungen statt, die das Leben und die Menschen im Land nachhaltig prägen. Zwar sind das andere Änderungen als in der Türkei, wirkungsvoll sind sie jedoch auf ähnliche Weise. Emine erlebt aber auch die Türkei im Wandel. Im Unterschied zu Gül mit einem einerseits städtisch ge­schulten, andererseits illusorisch beeinflußten Blick. Emine lebt in der Stadt, Gül auf dem Land. Im Unterschied zu Gül erlebt, erfühlt sie die Türkei erst nachdem sie aus Deutschland zurück ist und ihre Erfah­rungen, ihr Erwachsenwerden im „Westen“ gelernt hat. Gül wird eine der Gastarbeiterinnen sein, und hier treffen sie die Biografien, die zur Arbeit in Deutschland sind, nicht um sich zu integrieren. Sie wird eine der Arbeiterinnen sein, die dem Planungsbild entsprechen, Gastarbei­ter zu sein. Die Betonung liegt auf „Gast“ - kommen, bleiben, wieder gehen. Die wenigsten Gastarbeiter tun das wirklich, die meisten blei­ben, das aber ist für diese Arbeit nicht interessant. Vielmehr geht es darum zu zeigen, wie sich die Biografien der Frauen, der Heldinnen der Autoren, unterscheiden, wie ihr Land-, respektive Stadtleben, ihr Türkei- und Deutschland-Erleben, ihrer beiden Leben geprägt und verändert hat. Es gilt herauszufinden, wie und welche Veränderungen in den jeweils relevanten Staaten zu welcher Biografie führen konn­ten oder mussten.

„Die Tochter des Schmieds“ und „Die Brücke vom goldenen Horn“ be­schreiben eine Epoche in der Entwicklung der Türkei bzw. Deutsch­lands, die weit kürzer als eine Generation ist. Alles spielt sich inner­halb weniger Jahre ab und dennoch sind die Veränderungen so mas­siv, dass sie zwei Gastarbeiterinnen entstehen lassen, die unter­schiedlicher nicht sein könnten: Schüchtern, devot die eine (Gül), aufrührerisch, mutig die andere (Emine). Es geht in dieser Arbeit nicht darum, eine Geschichte der Türkei oder Deutschlands zu bieten. Natürlich werden relevante Momente nicht nur eine Erwähnung fin­den. Es geht darum, diese Momente anhand des Roman-Textes zu suchen, zu finden und zu betrachten. Ereignisse, die Gül erlebt, von denen sie hört, bedingen andere Ereignisse, in die Emine sozusagen eingreift, die sie körperlich miterlebt. Beide Bücher zusammenge­nommen bilden zwei Zeitstrahlen in der Geschichte zweier Länder. Jedes auf seine, jede Hauptfigur auf ihre Weise, jede mit ihrem eige­nen Ziel. Verbunden sind sie trotzdem. Sogar sehr eng. Wie – das soll diese Arbeit zeigen.

2. Kurze historische Einordnung

2.1. Versuchte Demokratie.

Zu Beginn der folgenden Betrachtungen muss eine historische Ein­ordnung stehen. Um welche Zeit geht es, was zeichnet sie aus? Wes­halb befinden sich sowohl die Türkei als auch Deutschland in einem massiven Wandel? Welche Faktoren sind hier relevant?

Weil beide zu betrachtenden Charaktere, die eine (Gül) mehr, die an­dere (Emine) weniger, als Gastarbeiter(innen) in Deutschland sind, wird die histo­rische Betrachtung beider Länder zeitlich, historisch in einen überschaubaren Rahmen gefügt.

Beide Protagonisten werden in die Türkei der Post-Atatürk-Ära gebo­ren. Dieser hatte die Türkei bis zu seinem Tode 1938 in eine Republik gewandelt. Gegründet 1923 war das Land zunächst ein landwirt­schaftlich geprägtes Gebilde. 80 Prozent der Bevölkerung lebten in Dörfern,[3] 90 Prozent der Ein­wohner waren Analphabeten. Unter Ata­türk änderte sich vieles. Mitte der zwan­ziger Jahre wurde, nach Schweizer Vorbild das Zivilrecht und damit die Einehe eingeführt. Die Frau wurde dem Mann weitgehend gleichgestellt. 1934 erhielten auch Frauen das aktive und passive Wahlrecht.[4] Der Islam war nicht mehr die einzig gültige Religion. Zur selben Zeit wurden erst Nachnamen für die Einwoh­ner eingeführt.[5] Weitere, große Stichworte der Zeit sind Industrialisierung, Bodenreform, Entwicklung des beruflichen Bildungswesens und, vor allem auch eine Hinwendung zum Westen. Die Türkei bildet, rein geografisch, einen Puffer zwischen dem Europa im Westen und Asien im Osten. Atatürks Nach­folger, Ismet Inönü schließlich brachte die Bindung an den Westen auf den Weg. Nach dem zweiten Weltkrieg vermied er es, sein bis dahin blockfreies Land zu nah an die UdSSR zu binden. Vielmehr wandte er sich der USA zu. Dieses Bekenntnis wiederum brachte der Türkei eine gewisse Sicher­heit gegen mutmaßliche Invasoren, bilaterale militärische und wirt­schaftliche Verträge, vor allem aber Geld. Zwischen 1947 und, hier streifen wir bereits die für beide Romane relevante Zeit, 1971 flossen insgesamt 3,2 Milliarden US-Dollar Wirtschaftshilfe ins Land.[6] Die Türkei ist damit einer der größten Empfänger amerikanischer Unter­stützung weltweit.

Im Gegensatz durfte die amerikanische Regierung Nuklearwaffen in der Türkei stationieren. Außerdem genossen US-Soldaten gewisse Privilegien, so durften sie sich etwa frei über Grenzen bewegen. Die Bürger der Türkei durften das bis dato nicht. Unmut war die Folge. Dieser vergrößerte sich noch, als das Land über 5000 Soldaten in den Koreakrieg entsandte. Zwar wird daraufhin die Türkei in die NATO aufgenommen, in der Bevölkerung aber wird der Kriegseinsatz bis heute als „Bauern im Kriegsschach“ betitelt.[7]

Zur Zeit Güls und Emines befinden sich die freundschaftlichen Bezie­hungen zwischen der Türkei und den Vereinigten Staaten auf einem Tiefpunkt. Auslöser war die Kuba-Krise 1962/63, während der die USA gegen den Willen der Türkei, aber im Gleichklang mit Rußland, ihre Atomwaffen demontierten. Dieser Schritt lies in der türkischen Regierung die Befürchtung wachsen, die Sowjetunion könne nun ver­suchen, ihrerseits in Richtung der Türkei zu expandieren. Einen wirk­lich ernsten Riß erhielt das lädierte Verhältnis als die Türkei Mitte der sechsziger Jahre ihre Aufmerksamkeit Zypern zu wandte und 1974[8] tatsächlich auf der Insel landete. Daraufhin verhängten die Vereinig­ten Staaten ein mehrjähriges Waffenembargo. Der ohnehin in der Bevölkerung nur sehr geringen Begeisterung den Amerikanern ge­genüber dürfte dieser Schritt kaum eine Wende gegeben haben. Wohl auch deshalb sind die sechziger und siebziger Jahre die Blüte­zeit der deutsch-türkischen Beziehungen.

2.2. Rotationsprinzip.

Gül wird in eine Zeit hinein geboren, in der die Türkei ein weitgehend agrarisch geprägtes Land ist. Sie wächst in einer kleinen Stadt, aller­dings auch in einem dörflichen Umfeld auf. In einer Zeit beginnender, fast noch vorsichtigen Modernisierung, in der die große Stadt (Istan­bul oder Ankara) einen ungläubig bestaunten Ort darstellt, der My­then hervorruft und in den man nur selten, wenn überhaupt, gelangt. Kemal Atatürk, Industrialisierung, Kino, Radio, Elektrizität, Schulbil­dung sind Stichworte dieser Zeit. Aber auch Militärdienst, Militär­putsch, Ausgangssperre. Fortschritt versus Stillstand führt zu einer Art Hab-Acht-Stimmung und Unsicherheit, das wiederum zu Unzu­friedenheit.

Als in Deutschland Arbeitskräfte gebraucht werden, folgen viele die­sem Ruf. Für ein Jahr, sagen sie, um Geld zu verdienen und, um dann zurück zu kommen. Viele bleiben jedoch. Emines Türkei dage­gen ist eine etwas spätere Türkei. Sicherer und zufriedener ist diese jedoch nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Das Volk, vor allem in den Städten hat sich emanzipiert. Es begehrt auf, es sucht die Konfronta­tion und bringt das Land mehr als einmal an den Rand einer Revolu­tion. Emine ist dabei. Sie ist mit dem Gesetz in Konflikt, reist durch das Land, fällt auf und muss leiden. Nicht an ihrer Emanzipation, sondern an den Repressalien des Landes. Wohl auch an der Unsicher­heit des Landes und seiner Regierung. Auf der einen Seite stehen Re­former, die Türkei möchte näher an den Westen. Auf der anderen Seite aber darf man den Glauben, die Religion nicht verraten. Freie Liebe trifft gewissermaßen auf Kopftücher. Diese freie Liebe durch­zieht auch das Deutschland dieser Zeit, Studenten revoltieren und protestieren, vor allem auch beeinflußt durch Anti-Kriegs-Demonstra­tionen in den USA. Die Wirtschaft brummt, allerdings tut sie das nicht durchgehend, es gibt auch hier Krisen, die Deutschland unmit­telbar beeinflussen.

Die Zeit: Es sind die sechsziger und siebziger Jahre in Deutschland und der Türkei, um die es hier geht. Sie sind eine komplizierte Zeit, in beiden Ländern. Gül und Emine landen beide in diesen Jahren, die Suche nach Arbeitskräften in Deutschland spült sie aus der Türkei in die Fremde. Gül bleibt für immer dort, Emine wird vorwärts-zurück getragen.

Beide gehören nicht zu der ersten Generation Gastarbeiter aus der Türkei, die in Deutschland arbeiten. Sie kommen in der Zeit der so­genannten zweiten und dritten Generation, Mitte der sechziger bis Anfang der Siebziger Jahre in die Bundesrepublik. Gül früher als Emi­ne.

Zunächst sind Gastarbeiter in Deutschland auch keine Türken, son­dern sie kommen aus anderen südeuropäischen Ländern. Allen voran Portugal, Spanien, Italien und Griechenland. Erst ein Militärputsch Ende Mai 1960 ändert das[9]. Aus diesem Putsch resultiert die erste Zäsur türkischer Gastarbeiter: Eine neue Verfassung und die damit verbundene generelle Reisefreiheit für alle Türken im folgenden Jahr. Mit dieser Zäsur einher geht eine zweite, nicht minder wichtige; der Bau der Mauer in Berlin und die Abriegelung der DDR gegenüber der BRD. Hauptursache hierfür war ein stetig wachsender Strom ostdeut­scher Arbeitskräfte in den Westen des Landes. Mit dem Mauerbau versiegte dieser Strom. Die BRD sah sich nun gezwungen, die infolge des zweiten Weltkriegs und der boomenden Wirtschaft dringend be­nötigten Arbeitskräfte aus dem Ausland zu holen. Für die Türkei war diese Art des Arbeitskräfte-Verleihs theoretisch sehr von Nutzen. So gab es, nicht nur mit Deutschland, bilaterale Anwerbeabkommen[10], die zunächst vorsahen, deutschen Betrieben die Möglichkeit ein­zuräumen, eine bestimmte Anzahl Arbeiter in ihre Betriebe zu holen. Diese blieben einige Zeit in diesen Betrieben, wurden entlohnt, aus­gebildet und in den Produktionen eingesetzt, mit dem Ziel aber in die Türkei zurückzukehren. Diese bekam, im Umkehrschluß, qualifizierte Fachkräfte, die ihrerseits in der Lage waren eine angestrebte Indus­trialisierung der Türkei voranzutreiben. Deutschland hatte das Know-How, jedoch zu wenige Arbeitskräfte, die Türkei hatte derer zu viele, aber nicht das nötige Wissen. Festgeschrieben wurde dieses Verfah­ren unter anderem auch im ersten Fünf-Jahresplan der Türkei, 1961. Es blieb allerdings in der Regel bei der Theorie. Das im Anwerbeab­kommen festgeschriebene Rotationsprinzip der Dauer eines Jahres wurde de facto nie in die Tat umgesetzt. Das heißt, die Gastarbeiter blieben in der Regel in Deutschland. Sie versuchten, wie auch die Hauptfiguren der zu besprechenden Bücher (bei Gül bleibt es bei einer Vermutung, da der Roman mit der Abreise nach Deutschland endet), längerfristig, bzw. für immer, zu bleiben. Trotzdem blieb man vertragsmäßig bei der Annahme des Rotationsprinzips. Effektiv klar wurde den Regierungen beider Staaten erst, dass die Vielzahl der Gastarbeiter im Land bleiben würden, in den siebziger Jahren. 1966 und 1967, während einer weltweiten Wirtschaftskrise, verloren zwar viele der Gastarbeiter ihre Anstellung, sie gingen allerdings nicht zurück in die Türkei, sondern versuchten ihr Glück im benachbarten Ausland. Nachdem sich die Industrie von dieser Krise erholt hatte, kamen die Gastarbeiter wieder zurück auf ihre vorherigen Arbeitsplätze. Viele von ihnen hatten inzwischen auch begonnen, ihre Familien nach Deutschland nachzuholen. Für alle zählt das zwar nicht: „Zwei der Männer waren Bergleute. Einer sagte: >>Ach, diese Kohle mit dem Vitamin.<< Der andere sagte: >>Ich hatte mir geschworen, wenn ich in die Türkei zurückkehre, werde ich einen Sack voll Kohle zum Andenken mitnehmen. Die deutsche Kohle hat Vitamin, keinen Staub, sie macht nicht krank. [...] Ich habe meine Haare in Deutschland gelassen, was soll ich machen, ein Jahr ist zu Ende, Allah sei Dank.<<[11] “ - viele aber bleiben für immer.

3. „>>Sei nicht so á la Turca.<<“

Im Gegensatz zu Emine wird Gül wird nachgeholt. Leicht ist der Weg nach Deutschland für sie nicht. Sie geht erst, als alle, die ihr Leben sind, sie gewissermaßen verlassen haben. Fuat, ihr Mann ist schon vorgegangen. Auch wenn sie ihn kaum lieben kann, so gebieten ihr doch Erziehung und Tradition, sowie ihre Unselbstständigkeit und Un­sicherheit, ihm nachzufolgen. Auch ihre Freun­din, einer der wenigen Menschen, die sie an sich heran läßt, Suzan, ist in Deutschland, nicht mehr also in ihrer nahen (und wichtigen) Umgebung, sie wurde ebenfalls von ihrem Mann nachgeholt. „Murat möchte dort bleiben, für immer, wenn es geht. Er will nie wieder in die Türkei zurück, in dieses Land von Halsabschneidern, wie er sagt.“[13] Aber auch ihre Fa­milie, ihre Mutter und Schwestern haben sie verlassen. Die Mutter starb, als Gül Kind war, die Schwestern in Richtung verschiedener In­ternate. Einzig ihr Vater bleibt. Von ihrer zweiten Familie, Schwieger­eltern, Stiefmutter, kann sie nicht von einer großen Bindung spre­chen. Was hält Gül also?[14] - Sicher, auch Deutschland wird ihr nicht zur Heimat werden, die bleibt die Türkei, das Städtchen in dem sie groß wurde, da, wo ihr Vater ist und ihre Schwestern sind. Deshalb hält auch sie am Glauben des 'Ein-Jahr-Bleiben' fest. „Es soll nur für ein Jahr sein, ein weiteres Jahr, in dem sie zu zweit Geld verdienen wollen.“[15] Doch die Ersparnisse reichen nicht nach einem Jahr. „Sie werden sehr lange nicht reichen, jahrelang, und wenn er schließlich ein eigenes Haus hat bauen lassen, ein mit europäischen Toiletten, mit Wannenbad und Heizung, mitten in der Stadt, in der er aufge­wachsen ist, werden sie fast vergessen haben, daß sie zurückkehren wollten in die Türkei. Längst werden sie ihre Töchter nachgeholt ha­ben, die in Deutschland aufwachsen, dort zur Schule gehen, heiraten und Kinder kriegen werden. Sie werden ihre Rückkehr so lange im­mer wieder in eine unbestimmte Zukunft verschoben haben, bis sie selbst nicht mehr daran glauben, bis sie sich schließlich eingestehen, dass sie wahrscheinlich für immer in Deutschland bleiben werden, bei ihren Kindern und Enkeln.“[16][12]

Das ist die deutsche Episode von Gül. Sie ist kurz und knapp und doch so typisch für viele der Gastarbeiter, die während der ersten bis dritten Phase nach Deutschland geholt werden. Emines Episode ist anders. Es ist auch nicht nur eine Episode, es sind mehrere. Sie kommt nach Deutschland aus ganz freien Stücken, natürlich auch nur für ein Jahr, so plant sie es, auch, um Geld zu verdienen, in dieser Idee unterscheidet sie sich nicht von Gül. Allerdings ist sie eine Per­son, eine Frau mit einer eigenen Idee, keine Puppe, die an den Strip­pen durch ihren Mann gezogen wird. Emine möchte Schauspielerin werden. Sie hat ein eigenes Ziel. Sie will in Deutschland arbeiten, Geld sparen, um ihre Leben zu verwirklichen, ihren Plan in die Tat umzusetzen. Der Weg dahin ist hürdenfrei. „Ich ging zur Istanbuler Vermittlungsstelle. >>Wie alt bist du?<< - >>Achtzehn.<< Ich war gesund und bekam nach zwei Wochen einen Paß und einen Einjahresvertrag für Telefunken in Berlin.“[17] Im Gegensatz zu Gül, über deren Leben in Deutschland man nicht viel erfährt, nur einmal, als es heißt: „Sie wird noch oft an diesen ersten Tag denken. Sie wird sich an ihn erinnern, wenn sie Jahre später in Deutschland an einer elektrischen Nähmaschine sitzt und im Akkord Büstenhalter näht. Vierhundert bis vierhundertfünfzig am Tag [...].[18], muss man über Emines Leben in der Fremde nicht mutmaßen. Sie erlebt Deutschland nicht nur, sie lebt es und sie entwickelt sich hier von der türkischen Stadtbürgerin zur Europäerin. Sie saugt das Leben auf, als wäre sie ein Schwamm. Und auch wenn sie scheinbar nie wirklich versteht, was hier mit ihr passiert, zu wirr und zu naiv sind ihre Reaktionen, zu automatisch und unreflektiert, passiert viel mit ihr, das mit Gül wohl nie passiert ist oder wäre. Sie ist etwas älter, schüchterner, eine Landpomeranze. Emine ist in der Großstadt geboren. Nicht fern von technischem Fortschritt, sondern mitten drin. Trotzdem, Deutschland ist anders als Istanbul. Ein trüber, fremder Moloch, in dem man sich unbehaglich fühlen muss, allein deshalb, weil man fremd ist und die Sprache nicht spricht. „In den ersten Tagen war die Stadt für mich wie ein endloses Gebäude.[19] - Egal wo in Deutschland sich Emine befindet, alles ist gleich. „Der Fabrikhof schluckte uns im Dunkeln. [...] In der Arbeitshalle gab es nur Frauen. Jede saß da allein vor einem grüngefärbten Eisentisch. Jedes Gesicht schaute auf den Rücken der anderen. [...] Man sah nur Haare. [...] Die ersten Wochen lebten wir zwischen Wonaymtür, Hertietür, Bustür, Radiolampenfabriktür, Fabriktoilettentür, Wonaymzimmertisch und Fabrikgrüneisentisch.“[20] Zu allem Überfluß regnet oder schneit es unentwegt.

Weil Emine allein ist und keinem Mann hinterher gereist ist, landet sie in einem Wohnheim, Wonaym sagen die Frauen, weil sie die Sprache nicht können, in dem nur Frauen leben. Es gibt auch Wohn­heime, in denen Männer sind, aber Frauen und Männer bleiben unter sich, so sie nicht verheiratet sind. Vielleicht deshalb haben alle Frau­en, mit denen Emine im Wohnheim zu tun hat, sehr eigene, sehr per­sönliche, beinahe emanzipierte Träume und Gründe ihr Jahr in Euro­pa zu verbringen. Natürlich ist allen eins, nur ein Jahr in Deutschland bleiben zu wollen. Natürlich geht es einzig und allein ums Geld, das jede von ihnen verdienen muss und möchte, um ihren individuellen Traum zu verwirklichen. Den Traum Schauspielerin zu werden, wie Emine, nach Amerika zu kommen der Liebe wegen, oder eine Brust-Operation bezahlen zu können. Die Träume haben in der Regel nichts mit dem typischen Bild der Familie zu tun. Es geht nicht, wie bei Gül darum, eine familiäre Bindung am Leben zu halten und Geld nach Hause zu schicken, oder Familienmitglieder nachzuholen. Alle Gründe sind sehr persönlich, egoistisch, im positiven Sinne.

[...]


[1] Vgl. Özdogan, S. 302

[2] Vgl. Özdamar, S. 230

[3] Vgl. beide Zahlen: Seufert, Kubaseck, S.87

[4] Vgl. ebenda, S. 89

[5] Vgl. ebenda, S. 90

[6] Vgl. ebenda, S. 93

[7] Vgl. ebenda

[8] Vgl. Daten Seufert, Kubaseck, S.93

[9] Vgl. Abadan-Unat, S. 53ff. Sowie Kreiser / Neumann, S. 433ff.

[10] ebenda

[11] Vgl. Özdamar, S. 104

[12] Vgl. Özdamar, S. 250

[13] Vgl. Özdogan, S. 302

[14] Vgl. Özdogan, S. 304

[15] Vgl. Özdogan, S. 303

[16] Vgl. ebenda

[17] Vgl. Özdamar, S. 14

[18] Vgl. Özdogan, S. 156f

[19] Vgl. Özdamar, S. 18f

[20] Vgl. Özdamar, S. 25ff

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Eine Dekade macht eine neue Welt
Untertitel
Politische und gesellschaftliche Veränderungen in der Türkei und Deutschland und ihre Einflüsse auf die Protagonisten der Romane „Die Tochter des Schmieds“ und „Die Brücke am goldenen Horn“
Hochschule
Universität Potsdam
Veranstaltung
Türkische Literatur
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V84342
ISBN (eBook)
9783638005272
ISBN (Buch)
9783638912648
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eine, Dekade, Welt, Türkische, Literatur
Arbeit zitieren
Klaus Esterluß (Autor), 2007, Eine Dekade macht eine neue Welt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84342

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