Mode und Charakter in William Makepeace Thackerays "Vanity Fair"


Seminararbeit, 2003

16 Seiten, Note: 1,4


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Charakterisierung von Rebecca „Becky“ Sharp
1.1 Beckys gesellschaftliche Ambitionen und ihr Aufstieg
1.1.1 Beckys presentation at court
1.1.2 Calling cards

2. Becky, Kleidung und Charakter
2.1 Becky und Amelia
2.2 Becky und Joseph Sedley
2.3 Beckys Ehe mit Rawdon Crawley

3. Schlusswort

4. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Roman Vanity Fair von William Makepeace Thackeray, der 1847-1848 erstmals veröffentlicht wurde.

Ich werde mich in dieser Arbeit mit der Fragestellung beschäftigen, inwiefern die Mode, d.h. die Beschreibung der Garderobe von Rebecca Sharp (Becky), Amelia Osborne u.a. sich auf die Wahrnehmung ihrer Charaktere durch die Leser auswirkt.

Einführend beschreibe ich im ersten Hauptteil meiner Arbeit Beckys Charakter und ich werde danach auf ihre gesellschaftlichen Ambitionen eingehen sowie die Verwirklichung dieser Ansprüche. Weitergehend wird eine kurze Darstellung der presentation at court und dem Abgeben und Annehmen der calling cards gegeben, welche in der damaligen Zeit äußerst bedeutsame und vielsagende Rituale waren.

Der sich daran anschließende zweite Hauptteil meiner Arbeit besteht aus der eingehenderen Analyse von Beckys Verhältnis zu Amelia Sedley und zu ihrem Ehemann Captain Rawdon Crawley unter dem Aspekt der Zuhilfenahme der Kleidung für die Charakterisierung und Selbstdarstellung der obengenannten Personen. Die Gegenüberstellung der Charaktere von Becky und Amelia nimmt hier eine wichtige Rolle ein, da die Unterschiede zwischen den beiden Frauen sich auch beträchtlich über unterschiedliche Kleidung definieren.

Aufgrund der engen Begrenzung der Fragestellung werde ich Themen wie die zeitlich-historische Einordnung des Romans oder die Porträtierung des Autors und seines Werkes vernachlässigen.

1. Charakterisierung von Rebecca „Becky“ Sharp

Becky Sharp stammt aus einer dubiosen Verbindung zwischen einem mittellosen Maler und einer früh verstorbenen französischen Opernsängerin. Dass sie die Möglichkeit hat, für einige Jahre in einem anerkannten Mädcheninternat in London ausgebildet zu werden, verdankt sie einerseits der dortigen Anstellung ihres Vaters als Zeichenlehrer, andererseits dem Wunsch der Schulleiterin nach einer unbezahlten Französischlehrerin. Sie fühlt sich in dieser Institution unwohl, es helfen ihr jedoch die dort geknüpften Kontakte zu den Mädchen der besseren Gesellschaft, ihrem Ziel des gesellschaftlichen Aufstiegs näher zu kommen. Becky scheint sich ihrer Herkunft nicht zu schämen und verteidigt auch ihren Vater bei verschiedenen Gelegenheiten. Allerdings tendiert sie zur Schönfärberei hinsichtlich der Familie ihrer Mutter, indem sie durch Andeutungen, z. B. bei Miss Crawley, den Eindruck erweckt, sie entstamme einem alten französischen Adelsgeschlecht. Die alte Dame fällt auch schnell darauf herein und verteidigt Becky: „Well, Becky would have made a good Lady Crawley, after all (….) She is a Montmorency, Briggs, and blood is something.”[1] Später trifft Becky in Paris auf ihre Großmutter, „(...) who was not by any means a Montmorency, but a hideous old box-opener at a theatre on the Boulevards.“[2]

In diesem novel without a hero stellt sich schnell heraus, dass Becky Sharp die heimliche Heldin ist. Becky weiss von Anfang an sehr genau, was sie will und entscheidet sich für eine „Karriere“ in der Gesellschaft:

„What is a young woman of spirit and intelligence to do in the polite but barbarous world of bourgeois society? Only two courses are open to her, the passive one of acquiescence to subjugation or the active one of independent rebellion.“[3]

Sie ist willensstark, intelligent, durchsetzungsfähig, skrupellos und zäh: „‘Revenge may be wicked, but it’s natural’, answered Miss Rebecca, ‘I’m no angel.’“[4] Sie schwindelt, vertuscht und macht Schulden, sie betrügt ihren Mann und ihre Freundin, sie ist eine Spielerin mit Hang zum Alkohol, interessiert sich nicht für ihr Kind und ist immer nur und ausschließlich auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Doch sie beeindruckt durch ihre Klugheit und List und ihre natürliche Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Sie spürt sehr schnell, wie sie mit ihnen umgehen muss, damit sie ihr hilfreich sind. Ganz besonders bei den Herren hat sie ein leichtes Spiel. Ihr ganz selbstverständlicher Anspruch auf eine hohe Position in der Gesellschaft, ja sogar das Gefühl, dass das Leben ihr Luxus und Glamour schuldig ist, lässt sie viele unschuldige Menschen auf ihrem Wege dorthin verschuldet zurück, und „(...) the Countess de Borodino informs every English person who stops at her establishment, and announces that Madame Rawdon [i.e. Becky Sharp] was no better than a vipère.“[5]

Bcky ist diejenige, die sich letztendlich trotz vieler Widrigkeiten und ihrer vergleichsweise niedrigen Herkunft am Besten auf dem Vanity Fair durchsetzen kann. Dass sie überhaupt letzten Endes gezwungen ist, ihre gute Position in der Gesellschaft aufzugeben, wird mit der simplen These erklärt, dass sie „enttarnt“ worden ist: Auf einem Ball, als sie schon längst in die niedrigeren Sphären der Gesellschaft zurückgekehrt ist, sieht sie „(...) a number of old faces which she remembered in happier days, when she was not innocent, but not found out.“[6]

1.1 Beckys gesellschaftliche Ambitionen und ihr Aufstieg

Becky Sharp ist aufgrund ihrer Herkunft dafür prädestiniert, bestenfalls das gesittete Leben einer governess zu führen, die wenig verdient und nur allzu häufig jeglicher Art von Erniedrigungen ausgesetzt ist: „And so she uses consciously and systematically all the men’s weapons plus her one natural material assett, her sex, to storm the men’s world.“[7] Als sie sich ganz offensichtlich noch vor Antritt ihrer ersten Stelle um den Bruder ihrer gesellschaftlich weitaus besser gestellten Freundin Amelia bemüht, sieht deren Verlobter George Osborne das gar nicht gern:

„Who’s this little schooling girl making love to him? Hang it, the family’s low enough already, without her. A governess is all very well, but I’d rather have a lady for my sister-in-law. (...) I’ve proper pride, and know my own station: let her know hers.”[8]

Becky versucht alles, um ihre gesellschaftliche Stellung zu verbessern („And so (...) she was writhing and pushing onward towards what they call „a position in society“(...)“[9] )und verhehlt dies bei verschiedenen Gelegenheiten nicht im geringsten: Bei einem Treffen mit dem ihr verhassten George Osborne, der ihre Verbindung zu Amelias Bruder Joseph Sedley verhindert hat, klärt sie ihn selbstbewusst über ihre Intentionen auf: „I didn’t break my heart about him (….) and I quite agree with you that I would have married Mr. Joe Sedley; for could a poor penniless girl do better? Now you know the whole secret.”[10] Und als Sir Pitt Crawley, nicht informiert über die Heirat Beckys mit seinem Sohn, ihr einen Heiratsantrag macht, teilt sie ihre Enttäuschung über die notwendige Abweisung in einem Brief ihrem Ehemann mit und macht keinen Hehl aus ihrem Endziel: „Poor little me. I might have been Lady Crawley.“[11]

Sie wird zwar keine Lady, aber ein Aufstieg gelingt ihr durchaus: Durch Unverschämtheit, Chuzpe, Glück und Witz erhält sie Einlass in die besten Kreise, lässt das einfache Leben einer governess weit hinter sich, verzaubert ganz besonders die Herren und macht die Damen neidisch: „Becky, unremittingly selfish, is at least blessed with a refreshing clarity about her own motives, behaviour, and attractions.“[12]

1.1.1 Beckys presentation at court

Becky kommt ihrem Ziele, endgültig zur guten Gesellschaft zu gehören, näher, als

sie wahrscheinlich selbst für möglich gehalten hätte: die presentation at court wird für sie Wirklichkeit. Durch den guten Leumund und den Adelsstand ihres Schwagers Sir Pitt bekommt sie die Möglichkeit, in die höchsten Kreise Londons aufzusteigen. „(...) presentation was a prerequisite to attending a court ball or concert, you had to be presented at some point if you were socially active, since everyone who was anyone attended at least one court function a year.“[13] Für Becky hat die presentation noch eine andere, ebenso wichtige Funktion: Nicht nur der Aufstieg in die besseren Klassen ist so fast gesichert, auch die Vergangenheit mit all ihren kleinen Lügen, Affären und den Gerüchten um ihre schlechte Herkunft wird so nahezu für ungültig erklärt. „From that august interview they come out stamped as honest women. The Lord Chamberlain gives them a certificate of virtue.”[14] Renate Mann sieht den Grund für Beckys Eifer ebenfalls in der

„(...) Respektabilität, die man sich durch die Aufnahme in die entsprechenden Kreise der Gesellschaft erwirbt. In der Romanwelt Thackerays wird die öffentliche Anerkennung durch die Protektion eines Lord Steyne erkauft; die Reputation ist so eine Sache der Beziehungen geworden.“[15]

Angetan in einem Kleid von höchster Eleganz („(...) Mrs. Rawdon Crawley’s costume de cour on the occasion of her presentation was of the most elegant and brilliant description.“[16] ) lässt sie sich zusammen mit Sir Pitt, Lady Jane und ihrem Ehemann zu Hofe kutschieren. Das Ziel der endgültigen Dazugehörigkeit zur guten Gesellschaft vor Augen, lässt sie sich gehen und beweist so unfreiwillig doch ihre Herkunft: „And as she went to Court in the carriage, the family carriage, she adopted a demeanour so grand, self-satisfied, deliberate, and imposing, that it made even Lady Jane laugh.“[17]

1.1.2 Calling cards

Anfang des 18. Jahrhunderts begannen Mitglieder der bürgerlichen Schichten, die zu Reichtum und Ansehen gelangt waren und daher nicht mehr zu arbeiten brauchten, selbstbewusst ihren Platz in der fast durchweg adligen Gesellschaft einzufordern. Diese waren „(...) people, in short, who wanted to be part of the social world of those who were the social world.”[18] Die Grenzen zwischen Bürgertum und Adel verschwammen, und es war theoretisch fast jedem möglich, gesellschaftlich aufzusteigen.[19] Um sich einen festen Platz in der society zu erobern, war es hilfreich, sich mit alteingesessenen Mitgliedern der feinen Kreise zu zeigen. Ganz besonders wichtig war das Ritual des Abgebens und Erhaltens der calling cards, die Becky Sharp bei Erhalt mit Stolz weithin sichtbar drapiert: „(...) you may be sure they occupied a conspicuous place in the china bowl on the drawing-room table (…)”[20] Diese calling cards dienten dazu, den Mitgliedern der society die eigene Ankunft in London mitzuteilen und so einen festen Platz im Zirkel zu beanspruchen.[21] Dass Becky calling cards erhält, darüber hinaus noch von einer marchioness und einer countess, weist auf ihren zu diesem Zeitpunkt gefestigten Stand in der guten Gesellschaft hin. Allerdings geschieht dies erst nach Beckys presentation, obwohl sie sich vor diesem Ereignis schon einige Jahre in London aufgehalten hatte, ohne von den Damen der feineren Gesellschaft offiziell bemerkt worden zu sein. Ihre „Ankunft“ in den besseren Kreisen geschieht also offensichtlich erst nach der Audienz bei Hofe.

[...]


[1] William Makepeace Thackeray, Vanity Fair (London, 1994), 137.

[2] Ibid, 692

[3] Arnold Kettle, Vanity Fair, in: Michael (Hrsg.) Sundell, Twentieth Century Interpretations of Vanity Fair (Englewood Cliffs, N.J., 1969), 20

[4] William Makepeace Thackeray, Vanity Fair (London, 1994), 8

[5] Ibid, 628

[6] Ibid, 630

[7] Arnold Kettle, Vanity Fair, in: Michael (Hrsg.) Sundell, Twentieth Century Interpretations of Vanity Fair (Englewood Cliffs, N.J., 1969), 20

[8] William Makepeace Thackeray, Vanity Fair (London, 1994), 52

[9] Ibid, 430

[10] Ibid, 130

[11] Ibid, 141

[12] Michael (Hrsg.) Sundell, Twentieth Century Interpretations of Vanity Fair (Englewood Cliffs, N.J., 1969), 6

[13] Daniel Pool, What Jane Austen Ate and Charles Dickens Knew (New York, 1993), 70

[14] William Makepeace Thackeray, Vanity Fair (London, 1994), 458

[15] Renate Mann, Jane Austen: Die Rhetorik der Moral (Diss. Köln, 1975), 173

[16] William Makepeace Thackeray, Vanity Fair (London, 1994), 460

[17] Ibid, 460

[18] Daniel Pool, What Jane Austen Ate and Charles Dickens Knew (New York, 1993), 66

[19] cf. Ulrike Schleinkofer, Moll Flanders und Roxana - Zwei Frauengestalten im Romanwerk Daniel Defoes: Eine vergleichende Analyse (Hamburg, 1987), 18

[20] William Makepeace Thackeray, Vanity Fair (London, 1994), 464

[21] cf. Daniel Pool, What Jane Austen Ate and Charles Dickens Knew (New York, 1993), 66

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Mode und Charakter in William Makepeace Thackerays "Vanity Fair"
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,4
Autor
Jahr
2003
Seiten
16
Katalognummer
V84406
ISBN (eBook)
9783638005494
ISBN (Buch)
9783638913942
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mode, Charakter, William, Makepeace, Thackerays, Vanity, Fair
Arbeit zitieren
Katharina Stricharz (Autor), 2003, Mode und Charakter in William Makepeace Thackerays "Vanity Fair", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84406

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