Bereits in der Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, als die wachsenden ökologischen Probleme offenkundig und auch öffentlich diskutiert, aber von der erst später einsetzenden und insbesondere durch die Massenmedien forcierten Globalperzeption noch weit entfernt waren, warf Niklas Luhmann die Frage auf, ob die moderne Gesellschaft in der Lage sei, sich auf die ökologische Gefährdung einzustellen. Nur zwei Jahrzehnte danach wird offenbar, dass die Gesellschaft in zunehmendem Maße durch die „Effekte rückbetroffen [ist], die sie in ihrer Umwelt selbst ausgelöst hat.“ Mit anderen Worten: „Es ist das Eingriffs- und Transformationspotential des Menschen ihm selbst zum Hindernis, zum Problem geworden.“ Demnach darf die Frage nicht mehr lauten, ob die Gesellschaft sich auf ökologische Probleme einstellen kann (sie muss es einfach), sondern schlichtweg wie sie es tut.
Der Frage nachzugehen, wie die Gesellschaft als soziales System auf eine, die Systemstabilität bedrohende, ökologische Krise reagieren kann, soll Gegenstand dieser Arbeit sein. In diesem Kontext wird sich die Untersuchung auf das augenscheinlich öffentlichkeitswirksamste aller ökologischen Probleme fokussieren, den vornehmlich durch die Dominanz der fossilen Energieerzeugung verursachten und damit zum großen Teil anthropogenen Klimawandel, der unseren Planeten erfasst hat. Dass der Klimawandel inzwischen als scheinbar objektive Tatsache den ökologischen Diskurs beherrscht, ist offensichtlich, wenngleich es sich immer noch um ein mit Unsicherheit behaftetes Phänomen handelt, das sich, trotz enormer Fortschritte insbesondere der Naturwissenschaften, wegen seines hohen Grades an Komplexität niemals bis ins letzte Detail wird fassen lassen.
Eben diese Fortschritte in den Naturwissenschaften generierten jedoch einen entscheidenden Nachteil in der Problemperzeption und Lösungssuche. Ihre jahrelange Dominanz reduzierte den Klimawandel zuvorderst auf ein vorrangig technologisch zu behandelndes und lösendes Problem, wodurch die viel tiefer liegenden Ursachen und Wirkungen dieser Krise aus dem Blick gerieten. Der Klimawandel darf jedoch keinesfalls nur als eine (exogene) Störung der Natur begriffen und behandelt werden, denn gestört ist nicht die Natur als solche, sondern unser gesellschaftliches Verhältnis zu ihr. Letztendlich ist ‚Natur’ eine menschliche Konstruktion und selbst die scheinbar so objektivistischen Naturwissenschaften sind nur unsere Art über ‚Natur’ zu kommunizieren.
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung
B. Entscheiden unter Unsicherheit und Risiko
B. I. Klimawandel als Entscheidungsrisiko
B. II. Objektivierender versus reflexiver Zugriff
C. Vulnerabilität und Klimawandel
C. I. Vulnerabilität als dynamische Systemeigenschaft
C. II. Vulnerabilität sozialer Systeme in Bezug auf Klimawandel
D. Anpassung als Strategie der Reduktion von Vulnerabilität
E. Schlussbetrachtung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie soziale Systeme auf die durch den anthropogenen Klimawandel bedingten Risiken reagieren können. Im Zentrum steht dabei die Forschungsfrage, inwieweit die Strategie der Reduktion von Vulnerabilität – im Gegensatz zu einer primär technologisch fokussierten Mitigation – als effektiverer Ansatz für den politischen Entscheidungsprozess unter Unsicherheit dienen kann.
- Systemtheoretische Analyse des Klimawandels als Entscheidungsrisiko
- Kritik an der Dominanz naturwissenschaftlich-technischer Ansätze
- Konzeptualisierung von Vulnerabilität als dynamische Systemeigenschaft
- Mehrebenenanalyse sozioökonomischer und politischer Einflussfaktoren
- Gegenüberstellung von Prävention (Mitigation) und Anpassungsstrategien (Adaptation)
Auszug aus dem Buch
C. I. Vulnerabilität als dynamische Systemeigenschaft
Bevor tiefer in die Materie eingestiegen und die Zusammenhänge zwischen systemischer Vulnerabilität und Klimawandel in einem Modell dargestellt werden sollen, bedürfen zunächst einige Begriffe einer näheren Konturierung. Es wird weiterhin von der Gesellschaft als dem zu untersuchenden Suprasystem ausgegangen, welches sich in spezifische, funktionelle Teilsysteme als Hauptcharakteristikum ausdifferenziert hat. Im Falle einer hochgradig ausdifferenzierten Gesellschaft wie sie heute für die meisten Staaten kennzeichnend ist, bestehe sie aus den Teilsystemen Politik, Recht, Wissenschaft, Wirtschaft, Religion, Kultur und Erziehung. Hinzugefügt sei das psychische System, das wie alle sozialen Systeme mit ‚Sinn’ operiert und sich damit von anderen lebenden oder künstlichen Systemen abgrenzen lässt. Grundlage eines sozialen Systems sind mindestens zwei psychische Systeme oder – anders gesagt – zwei menschliche Beziehungen und ihre spezifische Kommunikation. Soziales und psychisches System durchdringen (Luhmann: interpenetrieren) sich, stellen einander Komplexität zur Verfügung, unterscheiden sich jedoch immer, da sie nach ihrem charakteristischen Modus der Sinnverarbeitung organisiert sind, sich schließlich hierdurch erst konstituieren und damit von ihrer Umwelt unterscheiden lassen. Durch diese Selbstreferenz, stellt das System also einen Bezug zu sich durch Abgrenzung von der Umwelt her.
Neben der Selbstreferenz als dem Bewusstsein des Systems über seiner selbst und ihrer damit (in Bezug auf die Systemumwelt) distinguierenden Funktion, führt Luhmann mit dem Begriff der Autopoiesis einen weiteren Terminus von zentraler Relevanz in die Diskussion ein. Unter Verwendung eines zunächst nur auf biologische Systeme bezogenen Konzeptes der chilenischen Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela, benennt Luhmann solch Systeme als autopoietisch, die der Selbstherstellung und des Selbsterhaltes fähig sind. Durch die Autopoiesis erfolgt demnach die operative Schließung des Systems, mit anderen Worten: Es kommt zur Ausgrenzung der Umwelt und damit erst zur Differenz zwischen dem System und seiner Umwelt, also zur Entstehung des Systems überhaupt. Operativ geschlossene Systeme reproduzieren sich demgemäß durch eine Zirkularität, indem sie, begrenzt auf einen bestimmten Raum, die Elemente aus denen sie bestehen, mit Hilfe der Elemente herstellen, aus denen sie wiederum bestehen.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die ökologische Krisenhaftigkeit der modernen Gesellschaft und hinterfragt die Dominanz rein technologischer Lösungsansätze für den Klimawandel.
B. Entscheiden unter Unsicherheit und Risiko: Dieses Kapitel analysiert das Entscheidungsdilemma in der Klimapolitik, wobei der Fokus auf dem Übergang von technisch-probabilistischen hin zu reflexiven soziologischen Risikoansätzen liegt.
C. Vulnerabilität und Klimawandel: Hier wird Vulnerabilität systemtheoretisch als dynamische Eigenschaft sozialer Systeme definiert und auf die komplexen Wechselwirkungen des Klimawandels angewendet.
D. Anpassung als Strategie der Reduktion von Vulnerabilität: Das Kapitel skizziert Anpassung als Alternative zur reinen Mitigation und differenziert zwischen reaktiven und antizipativen, elastizitätsorientierten Strategien.
E. Schlussbetrachtung und Ausblick: Die Schlussbetrachtung plädiert für eine Aufwertung der Vulnerabilitätsreduktion im politischen Diskurs, um angesichts der Unsicherheit des Klimawandels resilientere gesellschaftliche Strukturen zu schaffen.
Schlüsselwörter
Klimawandel, Vulnerabilität, Systemtheorie, Niklas Luhmann, Risikogesellschaft, Anpassung, Mitigation, Unsicherheit, Elastizität, Mehrebenenanalyse, Autopoiesis, Soziale Systeme, Entscheidungsrisiko, Prävention, Resilienz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Umgang der modernen Gesellschaft mit den Risiken des Klimawandels, insbesondere durch eine Gegenüberstellung von technischer Emissionsvermeidung und der systematischen Stärkung gesellschaftlicher Widerstandsfähigkeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Risikosoziologie, die Systemtheorie nach Niklas Luhmann, Strategien der Klimaanpassung sowie die gesellschaftliche Verwundbarkeit (Vulnerabilität) gegenüber ökologischen Veränderungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Vulnerabilitätsansatz als eine gleichwertige und oft realistischere politische Strategie neben die klassische Mitigation zu stellen, um Unsicherheiten im Klimahandeln besser zu bewältigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretisch-soziologische Perspektive, insbesondere systemtheoretische Ansätze, um gesellschaftliche Entscheidungsprozesse im Kontext ökologischer Krisen zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert die Konzepte von Risiko und Unsicherheit, die systemtheoretische Definition von Vulnerabilität sowie konkrete Anpassungsstrategien auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Klimawandel, Vulnerabilität, Systemtheorie, Anpassung, Mitigation und gesellschaftliche Resilienz.
Wie unterscheidet sich die "autonome" von der "geplanten" Anpassung?
Autonome Anpassung erfolgt spontan und reaktiv als direkte Systemantwort auf Umwelteinflüsse, während geplante Anpassung ein bewusst gesteuerter, politisch gestalteter Prozess ist.
Warum spielt die Mehrebenenanalyse eine so wichtige Rolle?
Sie ist entscheidend, da soziale Systeme in der Mikroebene nicht isoliert agieren, sondern durch Entscheidungen auf Meso- und Makroebenen (wie Staat oder internationale Regime) in ihrer Verletzlichkeit maßgeblich mitbestimmt werden.
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- Kai Posmik (Author), 2006, Die Reduktion von Vulnerabilität als Strategie im Umgang mit den Auswirkungen des Entscheidungsrisikos Klimawandel, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84439