Sportunterricht und seine Legitimation sind heute wieder in aller Munde. Vor dem Hintergrund der Diskussionen nach dem schlechten deutschen PISA-Abschneiden einerseits (der Sport erscheint hier im Vergleich zu den so genannten Kernfächern als entbehrlich) und der vorherrschenden Bewegungs- und Erfahrungsarmut unseres alltäglichen Lebens andererseits wird wieder verstärkt nachgedacht über die Gründe, ob und warum Sport in der Schule überhaupt unterrichtet und auf welche Weise das getan werden sollte.
Diese Diskussion ist nun kein wirklich neues Phänomen, vielmehr zieht sie sich quer durch die Geschichte der modernen Leibeserziehung, deren Beginn in der Literatur übereinstimmend bei den Philanthropen verortet ist. Es ist ein Trugschluss in der (Sport)Pädagogik von einem stetig zunehmenden Erkenntnisgewinn hin zu immer größerer Allgemeinheit und Reichweite auszugehen. Ziele, Methoden und Inhalte wandeln sich, sie sind abhängig von der jeweiligen Zeit, von der gesellschaftlichen Lage und Stimmung. Dabei gibt es keinen ständigen Fortschritt, alt bekanntes taucht wieder auf und verschwindet in der Versenkung, nur um einige Zeit später in neuem Gewand wieder zu erscheinen. Es scheint daher lehrreich einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, weil er die Abhängigkeit und Relativität dessen, was uns heute richtig erscheint, freilegen kann (vgl. Kurz, 1993, S. 12). Vor diesem Hintergrund erscheint es interessant einmal genauer nachzuschauen, wie sich die Begründungen für Leibeserziehung/Sportunterricht (Ziele) und ebenso wichtig, die jeweilige Umsetzung in die Praxis (Inhalte/Methoden), denn ohne den Blick auf die reale Praxis bleibt der Blick auf die Ziele eine leere Hülle, im Laufe der Zeit gewandelt haben. Was bleibt, was kommt und geht und was kann uns das für heute sagen, das ist die entscheidende Frage. Aus diesem Grund ist der Fortlauf dieser Arbeit in drei große Teile gegliedert. Der erste Teil ist der Analyse des Zeitalters der Philanthropen, dem Beginn der modernen Leibeserziehung, gewidmet (Rahmenbedingungen, Ziele, Inhalte, Methoden der Leibeserziehung), während im zweiten Teil der heutige Ist-Zustand des Sportunterrichts anhand von fachdidaktischen Modellen, Lehrplänen und einem Blick in die Schulrealität beleuchtet wird. Abschließend erfolgt dann ein Vergleich der beiden Zeiten, aus dem wir interessante Folgerungen für die heutige bzw. zukünftige Begründung von Sportunterricht und deren Umsetzung in die Praxis ziehen können.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Zeitalter der Philanthropen
2.1 Der Rahmen – Wurzeln in der Aufklärung und Rousseau
2.2 Die philanthropische Leibeserziehung
2.2.1 Wozu Körperbildung? Die Ziele der Philanthropen
2.2.2 Was für Leibesübungen? Die inhaltliche Ausrichtung der Philanthropen
2.2.2.1 Ernsthafte, anhaltende Arbeit
2.2.2.2 Gesellschaftliche Jugendspiele
2.2.2.3 Die eigentlich gymnastischen Übungen
2.2.3 Wie Leibesübungen vermitteln? Die methodische Ausrichtung der Philanthropen
3 Meilensteine der Sportgeschichte
3.1 Heinrich Pestalozzi – Theoretische Weitsicht und praktische Einengung
3.2 Friedrich Ludwig Jahn – Der Durchbruch der bürgerlichen Gymnastik
3.3 Adolf Spieß – Vater des Schulturnens
3.4 Die Reformbewegung – Wiederentdeckung des Kindes
3.5 Die Sportbewegung – Zweite Wurzel mit enormer Strahlkraft
4 Sport und Sportunterricht heute
4.1 Sportliche und sportunterrichtliche Entwicklungen der letzten 50 Jahre
4.1.1 Die Theorie der Leibeserziehung
4.1.2 Die Versportlichung der Leibeserziehung
4.1.3 Entwicklungen bis heute
4.2 Der heutige Sportunterricht – Begründungen und ihre praktische Umsetzung
4.2.1 Begründungen für den Sportunterricht in der Fachdidaktik
4.2.1.1 Das Sportartenkonzept
4.2.1.2 Mehrperspektivischer Unterricht nach Kurz
4.2.1.3 Bewegte Schule
4.2.1.4 Mehrperspektivischer Unterricht bei Ehni
4.2.1.5 Das Konzept der Körpererfahrung
4.2.1.6 Der offene Sportunterricht
4.2.2 Begründungen für den Sportunterricht in den Lehrplänen
4.2.3 Die Praxis des Sportunterrichts
5 Das „Erbe“ der Philanthropen
5.1 Philanthropische Leibeserziehung und moderner Sportunterricht – ein Vergleich
5.1.1 Vergleich der Begründungen
5.1.2 Vergleich der Inhalte
5.1.3 Vergleich der Methoden
5.2 Folgerungen – Abschied von der pädagogischen Begründung?
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die geschichtliche Legitimation des Sportunterrichts, indem sie die philanthropische Leibeserziehung des 18. Jahrhunderts mit dem heutigen Sportunterricht vergleicht. Sie stellt die Forschungsfrage, welche Parallelen in Begründung, Inhalten und Methoden trotz zeitlicher Differenzen bestehen und inwiefern diese für die heutige fachdidaktische Diskussion relevant sind.
- Entstehung der modernen Leibeserziehung bei den Philanthropen
- Entwicklungslinien und Meilensteine der Sportgeschichte
- Gegenwärtige fachdidaktische Modelle und Praxis des Sportunterrichts
- Vergleichende Analyse von Zielen, Inhalten und Methoden (damals vs. heute)
- Kritische Reflexion über die Möglichkeiten pädagogischer Zielsetzungen im Schulsport
Auszug aus dem Buch
Wozu Körperbildung? Die Ziele der Philanthropen
Will man verstehen, warum die Köperbildung bei den Philanthropen eine solch große Rolle spielte, muss man bei ihrem Körperverständnis, bei ihren Vorstellungen über das Verhältnis von Leib und Seele ansetzen. Mit diesem Verhältnis hat sich in der Forschung insbesondere Eugen König (1989) differenzierter auseinandergesetzt, auf den wir uns im Folgenden weitestgehend beziehen.
Es fällt auf, dass die Philanthropen weiterhin wie in der Zeit zuvor zunächst einmal einem dualistischen Menschenbild verhaftet bleiben, wonach Leib und Seele voneinander trennbare unterschiedliche Teile des Menschen ausmachen, die auch eine unterschiedliche Wertigkeit besitzen. Dabei macht die Seele bei weitem den „vornehmsten Teil“ des Menschen aus, in ihr haben Leben, Kraft und Moralität ihren Hauptsitz, die „Seele ist eigentlich das Wesen des Menschen, sein Ich“ (Villaume, 1787, S. 5). Die Seele ist ohne Grenzen, unabhängig von äußeren Umständen, sie ist die einzig Sinn und Zweck gebende Instanz. Der Körper dagegen ist zunächst einmal völlig fremdbestimmt, dignitätslos, ist bloß „Wohnsitz unseres Geistes“ (Vieth, 1795, S. 76). Er kann nichts ohne die Leitung der Seele, ist „nur Mittel, nur Werkzeug“ (Villaume, 1787, S. 7). Der Körper ist in unsere raum-zeitliche Welt, in unsere körperliche Welt eingeschlossen, deshalb ist der Entwicklung seiner Kräfte Grenzen gesetzt, er ist beschränkt und vergänglich. Die Seele dagegen geht über die empirisch fassbare Welt hinaus, sie existiert auf einer metaphysischen Ebene und sprengt so die Grenzen der Empirie, sie ist uneingeschränkt mächtig, sozusagen unsterblich.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die langjährige Tradition des Sportunterrichts und hinterfragt dessen heutige Legitimation angesichts von Einsparungen und veränderten Bildungsanforderungen.
2 Das Zeitalter der Philanthropen: Dieses Kapitel definiert den Philanthropismus als Beginn der modernen Leibeserziehung und analysiert dessen gesellschaftliche Wurzeln in der Aufklärung sowie pädagogische Konzepte.
3 Meilensteine der Sportgeschichte: Es erfolgt ein Überblick über prägende Etappen der Sportgeschichte, wie die Ansätze von Pestalozzi, Jahn, Spieß und der Reformbewegung, die den Weg zum Sportunterricht ebneten.
4 Sport und Sportunterricht heute: Dieses Hauptkapitel analysiert die Entwicklung des Sports in den letzten 50 Jahren sowie die heutigen fachdidaktischen Modelle und deren Umsetzung im Schulalltag.
5 Das „Erbe“ der Philanthropen: Der letzte Teil schlägt die Brücke zwischen historischer Leibeserziehung und heutigem Sportunterricht, vergleicht Ziele, Inhalte und Methoden und zieht Schlussfolgerungen.
Schlüsselwörter
Sportunterricht, Leibeserziehung, Philanthropen, Sportgeschichte, Sportpädagogik, Sportdidaktik, Körperbildung, Aufklärung, Schulsport, Körpererfahrung, Bewegungslehre, Didaktik, Bildungsziel, Leistungsprinzip, Körperverständnis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die geschichtliche Begründung des Sportunterrichts. Sie vergleicht die Ansätze der Philanthropen aus dem 18. Jahrhundert mit modernen fachdidaktischen Modellen und deren Umsetzung im heutigen Schulalltag.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die pädagogischen Begründungen der Leibeserziehung im Wandel der Zeit, die methodische Strukturierung des Sportunterrichts sowie das Verhältnis zwischen theoretischen Konzepten und der tatsächlichen Schulpraxis.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich die Begründungen und Methoden der körperlichen Bildung seit dem Philanthropismus verändert haben und welche Parallelen trotz technischer und gesellschaftlicher Entwicklungen bestehen geblieben sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor wählt einen sportpädagogischen und sportgeschichtlichen Ansatz, der durch eine vergleichende Analyse von historischen Quellen (Philanthropen) und aktuellen bildungsdidaktischen Lehrplänen sowie Modellen geprägt ist.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historischen Wurzeln bei den Philanthropen, beleuchtet wichtige Meilensteine der Sportgeschichte und untersucht detailliert die aktuellen Begründungsmodelle des Sportunterrichts sowie deren praktische Umsetzung in den heutigen Lehrplänen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie Leibeserziehung, Philanthropismus, Sportpädagogik, Körperbildung, Handlungskompetenz und pädagogische Begründung stehen im Fokus der Untersuchung.
Was ist das „Erbe“ der Philanthropen laut dem Verfasser?
Das Erbe liegt in der erstmaligen planvollen und wissenschaftlich begründeten Leibeserziehung, die zwar heute moderner wirkt, im Kern aber die Tendenz zur Funktionalisierung und systematischen Durchstrukturierung des Körpers beibehalten hat.
Welche Rolle spielen die Lehrpläne im Vergleich zwischen den Bundesländern?
Der Autor nutzt die Beispiele Baden-Württemberg und Hessen, um zu verdeutlichen, wie unterschiedlich fachdidaktische Ansprüche (sportartenorientiert vs. mehrperspektivisch-pädagogisch) in Lehrplänen formuliert werden, auch wenn die Praxis in beiden Fällen oft eine ähnliche "Methodenmonokultur" aufweist.
- Quote paper
- Christian Klaas (Author), 2007, Zur geschichtlichen Legitimation des Sportunterrichts am Beispiel der philanthropischen Gymnastik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84652