»Das Erdbeben in Chili« von Kleist unter dem Aspekt der Französischen Revolution


Seminararbeit, 2001

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
1.1 Vorwort
1.2 Zur Zitierweise und zur Literatur

2. Analyse mit produktionsästhetischem Schwerpunkt

3. Ein kurzer Überblick über Handlung und Struktur

4. Einige Interpretationsansätze
4.1 Der Mittelteil der Erzählung
4.2 Das Ende der Erzählung
4.3 Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einführung

1.1 Vorwort

Schlagwörter wie Humanität oder Theologenschelte (Thomas Mann 1951), Sozialproblematik (Wolff 1954), Ironie (Wittkowski 1969), anarchische Gesellschaft (Horn 1978), Bewusstseinskritik (Beckmann 1978), Theodizee (Ledanff 1986), patriarchalische Ordnung (Zimmermann 1989), Paradiesvorstellungen (Emmrich 1990), Katastrophenbewältigung (Moucha 2000) und die mehr als fragwürdige „Verteidigung der Weltordnung“ (Pongs 1969) etc. machten es mir nicht leicht, mich für eine bestimmte Thematik zu entscheiden. Spontan wollte ich das Thema der im Text enthaltenen Theodizee und der damit verbundenen religiösen Elemente für meinen Aufsatz wählen; doch unternimmt man den Versuch, die Autorintention ausschließlich durch diese metaphysisch-theologische Sichtweise zu erschließen, so unterschätzt man die Wirkungsabsicht dieser Erzählung. Das Thema der Theodizee ist wichtig und Ernst zu nehmen, doch sehe ich die politisch und sozial motivierte Zeitkritik Kleists eher im Vordergrund. Daraus erschließt sich für mich die These, den Vorgang des Erdbebens nicht als Metapher für etwas all zu Abstraktes zu verstehen, vielmehr möchte ich ansatzweise auf die zu Kleists Lebzeiten herrschende Staatswirklichkeit eingehen, um wenigstens eine – meiner Meinung nach aber sehr wesentliche Facette – der möglichen Autorintention näher zu beleuchten. Im Folgenden soll es also um politisch-soziale Momente in Kleists Erdbeben gehen. Um diese Elemente im Text ausfindig machen zu können, muß man die allegorische Erzählweise Kleists beachten: »Allegorisches Erzählen heißt ein Erzählen mit Absichten, mit einem intellektuellen Einsatz, mit Wertvorstellungen im Hintergrund, die verteidigt oder etabliert werden müssen, oft in dieser Zeit auch: mit Gegenwartskritik. […] Zum allegorischen Erzählen gehört, daß nicht direkte Gegenbilder der Wirklichkeit in der Literatur zu finden sind und umgekehrt: daß die Literatur nicht direkt und unverändert die Wirklichkeit projektiert.«[1]

Auch andere zeitgenössische Schriftsteller wie Eichendorff, Chamisso, Brentano und Novalis bedienten sich dieses allegorischen Erzählens, um in erster Linie politische Standpunkte zu vertreten oder Gesellschaftskritik zu üben. Dieses Erzählen ist bei Kleist durch maßlose Übertreibung gekennzeichnet, was aber durchaus legitim – und vor allem wirkungsvoll – ist, um durch das ungeheuerliche Naturgleichnis des Erdbebens die Nachwirren der Revolution deutlich zu machen.

1.2 Zur Zitierweise und zur Literatur

Als Textgrundlage für diesen Aufsatz verwende ich die zweibändige Ausgabe von Helmut Sembdner (Heinrich von Kleist, Sämtliche Werke und Briefe, 2. Aufl., München 1961).

Im Wesentlichen arbeite ich als Sekundärliteratur mit den Artikeln von Helmut Koopmann, Peter Horn und Harry Steinhauer. Die »Einführung in die Literaturinterpretation« von Jürgen Schutte dient mir zur Gliederung und Orientierung. (Eine vollständige Liste der verwendeten Literatur finden Sie im Literaturverzeichnis am Ende.)

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Zitate und Verweise im Text werden in der Regel mit dem Erscheinungsjahr und der Seite der Quelle in den Fußnoten genannt und beziehen sich auf das Literaturverzeichnis auf Seite 20. Zitate aus dem Primärtext (Hrsg. v. H. Sembdner, Bd. 2) erscheinen in Klammern unmittelbar hinter dem jeweiligen Zitat mit Seitenangabe, jedoch ohne Jahreszahl.

2. Analyse mit produktionsästhetischem Schwerpunkt

Kleists Erzählung »Jeronimo und Josephe. Eine Scene aus dem Erdbeben zu Chili, vom Jahr 1647.« erschien im ersten Jahrgang des »Morgenblattes für gebildete Stände« im September 1807. (Nr. 217-221 vom 10. bis 15. September 1807)[2]

Otto August Rühle von Lilienstern vermittelte – vielleicht auch über Ernst von Pfuel – das Manuskript während Kleists Gefangenschaft an Johann Friedrich Cottas neue Zeitung. Da Rühle von Lilienstern bereits im Oktober 1806 im Besitz des Manuskripts gewesen ist, muß man davon ausgehen, dass Kleist seine – wohl erste – Erzählung bereits in diesem Jahr, wahrscheinlich in seiner Königsberger Zeit 1805-1806, abgeschlossen hat. Ob »Der Findling« oder »Die Verlobung in St. Domingo« bereits vor dem Erdbeben entstanden sind, gilt als nicht vollkommen gesichert. Andere Vermutungen führen dahin, die Entstehung des Erdbebens um die Jahrhundertwende nicht auszuschließen, da eindeutige Parallelen zu Schillers Wallenstein-Drama und zu Kleists eigenem Aufsatz, den sicheren Weg des Glücks zu finden bestehen. Die Tatsache, »daß Die Familie Schroffenstein, Kleists im wesentlichen 1802 entstandenes Drama, in Wort und Geist dem Erdbeben in Chili so nahe steht wie kein anderes Werk des Dichters«,[3] könnte folglich für eine wesentlich frühere Entstehung dieser Erzählung – als erst um 1806 – sprechen.

Im Jahre 1810 stellte Kleist selbst einen Erzählungsband zusammen, der neben dem »Erdbeben in Chili« auch die »Marquise von O…« (ebenfalls um 1805/06 entstanden) und den »Michael Kohlhaas« (1810) enthielt. Diese Sammlung seiner Erzählungen gab er der »Realschulbuchhandlung« des Berliner Verlegers Georg Andreas Reimer in den Druck.[4]

Dass Kleist zu diesem Zeitpunkt den Titel des Erdbebens veränderte, erklärt N. Oellers folgendermaßen: »Es sollte nicht um die (private) Geschichte von zwei einzelnen Personen gehen, sondern um ein Geschichts- (oder gar Welt-)Ereignis von allgemeiner (öffentlicher) Bedeutung.«[5]

*

Heinrich von Kleist (1777-1811) lebt zur Zeit der Französischen Revolution, in der – v.a. in Intellektuellenkreisen – die geistige Auseinandersetzung mit einer Umwälzung der Gesellschaft durchaus üblich ist. Die Kantische Philosophie der Aufklärung, die Literatur der Weimarer Klassik und die Lehren von Jean-Jacques Rousseau wirken in Kleist und formen so nicht nur seine politische Gesinnung, sondern beeinflussen seine gesamte Weltanschauung und damit seine literarische Tätigkeit. Bereits am 18. Juli 1801 schreibt Kleist an Karoline von Schlieben:

»Seit 8 Tagen sind wir nun hier in Paris, und wenn ich Ihnen alles schreiben wollte, was ich in diesen Tagen sah und hörte und dachte und empfand, so würde das Papier nicht hinreichen, das auf meinem Tische liegt. Ich habe dem 14. Juli, dem Jahrestage der Zerstörung der Bastille beigewohnt, an welchem zugleich das Fest der wiedererrungenen Freiheit und das Friedensfest gefeiert ward. Wie solche Tage würdig begangen werden könnten, weiß ich nicht bestimmt; doch dies weiß ich, daß sie fast nicht unwürdiger begangen werden können, als dieser. Nicht als ob es an Obelisken und Triumphbogen und Dekorationen und Illuminationen, und Feuerwerken und Luftbällen und Kanonaden gefehlt hätte, o behüte. Aber keine von allen Anstalten erinnerte an die Hauptgedanken, die Absicht, den Geist des Volks durch eine bis zum Ekel gehäufte Menge von Vergnügen zu zerstreuen, war überall herrschend […] Rousseau ist immer das 4. Wort der Franzosen; und wie würde er sich schämen, wenn man ihm sagte, daß dies sein Werk sei?«[6]

In diesem Brief berichtete Kleist über seine nachrevolutionären Paris-Erfahrungen; ein Bedauern, nicht darüber, dass die Revolution stattgefunden hat, sondern darüber, in welcher gesellschaftlich-dekadenten Form ihm das Resultat entgegen tritt, kommt deutlich zum Ausdruck. Auch in dem Brief an Wilhelmine von Zenge vom 15. August 1801 macht er mit dem Satz »Freiheit, ein eignes Haus, und ein Weib, meine drei Wünsche…«[7] den Willen deutlich, ein Leben nach Vorbild Rousseauischen Idealen führen zu wollen. ­In einem Brief vom 12. Januar 1802 an Ulrike von Kleist kommt seine politische Resignation aufgrund der Enttäuschungen in Zusammenhang mit den Auswirkungen der Französischen Revolution und seinem ohnehin ambivalenten Verhältnis zum preußischen Staat zum Ausdruck, indem er schreibt, er habe »gar keine politische Meinung« mehr.[8]

In der Vielzahl der Sekundärliteratur wird immer wieder darauf verwiesen, dass Intentionen und Themen im Werke Kleists oft im hohen Maße abstrakt sind. Diesen Eindruck scheint erst recht das Erdbeben zu bestätigen, doch wird bei genauerem Lesen vieles greifbarer. Kleist ist ein sehr genauer und realistischer Schriftsteller; deshalb darf man seine Werke nicht, ebenso ‚Das Erbeben in Chili‘, auf eine allzu abstrakte Weise begreifen. Vielmehr scheint es sich im Erdbeben um ein soziales Thema, nämlich dem Scheitern des Rousseau-Mythos zu handeln.

Rousseau hob den negativen Einfluss von Wissenschaft und Kunst auf den Menschen hervor und forderte die Rückkehr zum einfachen Leben in Naturverbundenheit. In seiner Gesellschaftstheorie ging Rousseau von der natürlichen Freiheit und Gleichheit aller Menschen aus, die zur Gründung eines Staates einen sogenannten Gesellschaftsvertrag schließen sollten; primär sieht er hierbei die Volkssouveränität. Seine antirationalistische Einstellung trug zur Überwindung der Aufklärung bei, seine Staatsphilosophie zum Ausbruch der Französischen Revolution. Rousseaus Werte, das Gefühl über den Verstand, das Handeln über das Wissen und die Skepsis über die Bücherweisheit zu stellen, fanden bei Kleist großen Anklang. »Rousseaus Mythos ist eine weltliche, moderne Formulierung des biblischen Mythos vom Sündenfall. In beiden Fassungen ist die Ursache des Falles die Ersetzung einer auf dem Instinkt basierenden Lebensweise durch Verstand, Erkenntnis, freie Forschung.«[9]

Insofern möchte ich an dieser Stelle H. Koopmann insofern rechtgeben, Kleists Bedauern um die Zerstörung von Rousseaus Idealen nicht zu absolut zu sehen: »Und Kleist war nicht versponnener Idealist genug, um in der völligen Befreiung des Menschen „von Staat und Gesetz“ eine utopische Alternative zu sehen.«[10] Gegen ein radikales ‚Zurück zur Natur des Menschen‘ spricht er sich nicht zuletzt in seinem Marionettentheater aus. Die diesbezüglichen desillusionierenden Paris-Erfahrungen führen zu der Annahme, dass Heinrich von Kleist Rosseaus Utopien selbst relativiert hat; er bedauert zwar ihr Scheitern, erkennt aber auch ihre Undurchführbarkeit aufgrund der in der Realität herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse an. Kleist richtet sich gegen ein zu einseitiges »Zurück zur Natur«, als auch gegen eine zu abstrakt verstandene »Freiheit« im Rousseauischen Sinne. Kleist wünscht sich wohl eine gesellschaftliche Gemeinschaft, „die alle zu einer Familie macht“,[11] nahe an der Natur, in der gesellschaftliche Konventionen, ähnlich denen eines gesunden Staatsvertrages, zugunsten eines real funktionierenden Anarchismus nicht vollkommen negiert werden.

Kleists anarchistische Auffassung scheint sich insofern von anderen Vordenkern oder Zeitgenossen zu unterscheiden, als dass er eine Freiheit der Menschen ohne Staat nicht als fiktiven Zustand hinnehmen will. Er entwirft zwar ähnlich wie Kant, Rousseau oder auch Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling die Utopie einer anarchistischen Gemeinschaft, »wie nur ein Dichter davon träumen mag« (Sembdner 149), doch hält er eine Realisierung – wie wir weiter unten sehen werden – für nicht unmöglich. Er verschiebt sie lediglich auf einen späteren Zeitpunkt, vielleicht schon in die Folgegeneration.[12]

Einerseits war Kleist von den sozialen Idealen Rousseaus fasziniert und strebt diese an, andererseits sah er aber auch die paradoxen Seiten einiger Theorien. Er sehnte sich zwar nach einem einfachen Leben, doch fühlte er sich von den Wissenschaften auch sehr angezogen, die Rousseau aber verurteilte. Diese »an Verzweiflung grenzende Unruhe«[13] trieb Kleist wohl gerade um die Jahrhundertwende in einen immer wankelmütiger werdenden Gemütszustand.

Der Einwand H. Koopmanns, das Erdbeben in nicht zu enger Verbindung zu Kleists Rousseau-Erfahrungen im Jahre 1801 auf seiner Paris-Reise zu betrachten, ist zwar berichtigt, doch gerade aufgrund der philosophischen Konstanz Kleists, muß man – meiner Meinung nach – im Erdbeben von einem engen Stoffbezug zum Rousseauischen Gedankengut ausgehen.[14] Seine zunehmend problematische Auseinandersetzung mit Preußen und seinem eigenen Stand in diesem Staat könnten die Sehnsucht nach einem einfachen Leben und damit dem Aufgreifen seiner um 1800-1802 gemachten Erfahrungen gerade zur Entstehungszeit des Erdbebens (1805-06) geweckt haben. Dieser Aspekt soll hier nur kurz erwähnt sein, da Heinrich von Kleists »Krise« in Preußen bis hin zu seiner Abkehr von diesem Staat an dieser Stelle zu weit führen würde. Zum weiteren Verständnis dieser Zusammenhänge verhalf mir sehr der Artikel von Rudolf Vierhaus im Kleist-Jahrbuch 1980.

[...]


[1] Koopmann 1990, S. 107

[2] Anmerkung: Alle in diesem Kapitel in ‚einfache Redezeichen‘ gesetzten Termini sind dem Kapitel »Wirklichkeit – Autor – Text« (Schutte, Jürgen: Einführung in die Literaturinterpretation, Stuttgart 1985, S. 44 – 75) entnommen.

[3] Oellers 1998, S. 106

[4] Vgl. Brandenburger Ausg. 1993, S. 45 ff.

[5] Oellers 1998, S. 87

[6] Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke und Briefe. Hrsg. v. Helmut Sembdner 1961, Bd. 2, S. 664 f.

[7] Ebenda, S. 683

[8] Ebenda, S. 715

[9] Steinhauer 1981, S. 289-292

[10] Koopmann 1990, S. 93

[11] Horn 1978, S. 128

[12] Vgl. ebenda, S. 126 ff.

[13] Zit. in: Steinhauer 1981, S. 294

[14] Wie bereits erwähnt, wäre auf der anderen Seite eine wesentlich frühere Entstehung der Erzählung auch durchaus denkbar; auf Kleists geistige Kontinuität hinzuweisen, wäre damit hinfällig.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
»Das Erdbeben in Chili« von Kleist unter dem Aspekt der Französischen Revolution
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
23
Katalognummer
V84722
ISBN (eBook)
9783638009874
ISBN (Buch)
9783638915496
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erdbeben, Chili«, Kleist, Aspekt, Französischen, Revolution
Arbeit zitieren
Thomas Schumacher (Autor), 2001, »Das Erdbeben in Chili« von Kleist unter dem Aspekt der Französischen Revolution, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84722

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