Eine Untersuchung der Funktionen des ethnographischen Museums für unsere Gegenwart

Zwischen Raritätenkabinett und Forum der Kulturen


Magisterarbeit, 2007

96 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Sozialgeschichte der ethnographischen Museen

2. Der Prozess der Musealisierung
2.1. Die Logik des Sammelns
2.2. Die Inszenierung des musealen Objekts

3. Das Museum als kulturelles Gedächtnis

4. Ästhetisches Erleben im Museum

5. Das Museum als Bildungsort

6. Das Museum und die Konfrontation mit dem Eigenen und Fremden

7. Ausblick – das ethnographische Museum in einer globalisierten Welt

Bibliographie

Einleitung

Die ersten Museen in Europa sind aus fürstlichen Kunst- und Wunderkammern hervorgegangen. Der Begriff Museum existiert seit ca. 200 Jahren und bezeichnet eine „öffentliche Sammlung von künstlerischen und wissenschaftlichen Gegenständen und deren Gebäude.“ (WOHLFROMM 1992:11) Heute befindet sich in Deutschland eine fast unüberschaubare Anzahl von Museen aller Art. Auf der Homepage „kunst-und-kultur.de“ sind in der Museumsdatenbank 2080 Museen registriert. Das Durchstöbern der Datenbank eröffnet die unbegrenzte Themenvielfalt der deutschen Museumslandschaft: es gibt das Gartenzwergmuseum in Gräfenroda, das Tapetenmuseum in Kassel, das Drahtmuseum in Altona, ein Hutmuseum in Bad Homburg vor der Höhe und sogar ein Schnarchmuseum in Alsfeld, das sich in einer Ausstellung von über 200 Exponaten mit der Geschichte und den therapeutischen Möglichkeiten des Schnarchens auseinandersetzt. Den Möglichkeiten der Musealisierung sind anscheinend keine Grenzen gesetzt und es gibt nichts, was nicht als museumswürdig eingestuft werden kann. Museen sind längst fester Bestandteil der Freizeitbeschäftigung breiter Bevölkerungsschichten geworden, was beliebte Events wie „Die lange Nacht der Museen“ zeigen.[1]

Aber welchen Nutzen hat diese Musealisierung der Welt? Welche Funktion hat ein Museum und welchen Beitrag leistet es für die Gesellschaft?

Nach der Definition des Internationalen Museumsrats (ICOM) ist das Museum eine „gemeinnützige, ständige, der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtung im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die zu Studien-, Bildungs,- und Unterhaltungszwecken materielle Zeugnisse von Menschen und ihrer Umwelt beschafft, bewahrt, erforscht, bekannt macht und ausstellt.“ (ICOM 2002:18)

Die Auseinandersetzung mit der Funktion und Bedeutung des Museums ist Gegenstand vieler wissenschaftlicher Disziplinen. Fächer wie Geschichte, Ethnologie und Kulturwissenschaften sind inhaltlich eng mit dem Phänomen der Musealisierung verbunden. Auch die Philosophie und Sozialwissenschaften beschäftigen sich mit dem Museum und seiner Bedeutung. Innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen werden dem Museum verschiedene Funktionen zugeschrieben. Das Museum wird z.B. als ein Ort der Erinnerung oder als kulturelles bzw. soziales Gedächtnis angesehen, an dem Kulturen ihre Traditionen aufbewahren und vor dem Verschwinden retten. (z.B. CRANE 2000; ASSMANN 1988; FLÜGEL 2005; LÜBBE 1992; RITTER 1963, FLIEDL 1988 )

Weiterhin soll das Museum auch an der Konstruktion von Identität beteiligt sein (z.B. MCDONALD 2000; BEIER 2000), da es eng verbunden ist mit dem kulturellen Erbe und dem Aufbewahren von kulturellen Normen und Handlungen einer Gesellschaft und somit neben der Erinnerungsfunktion auch eine identitätsstiftende Bedeutung erlangen kann.

Des Weiteren wird in der pädagogischen Forschung dem Museum eine wissensvermittelnde Funktion zugeschrieben. (z.B. ICOM 2002; LEPENIES 2003; PARMENTIER 2001; SCHÄFER 1995)

Peter Sloterdijk weist wiederum auf die Bedeutung des Museums als eine „xenologische Institution“ hin, die Fremdheitserfahrungen beim Besucher auslösen kann. (SLOTERDIJK 1989)

Die Kunst- und Kulturwissenschaften schreiben dem Museum eine ästhetische Bedeutung zu. Die Faszination eines Museumsbesuches liegt in der Authentizität und Originalität der Objekte begründet, die eine gewisse „Aura“ ausstrahlen und das ästhetische Erlebnis ausmachen. (z.B. KORFF 2000; BENJAMIN 1963)

Museen sind Institutionen, die gesellschaftliche Funktionen erfüllen und damit einen bedeutenden Platz in der Öffentlichkeit einnehmen. Museen stehen, wie alle gesellschaftlichen Institutionen, im Kontext ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Umwelt und orientieren sich an ihm. Sie bleiben nicht unbeeinflusst vom sozialen Wandel außerhalb der eigenen Mauer. Ganz im Gegenteil – sie tragen sogar zu diesem Wandel bei, indem sie aktiv gesellschaftliche Funktionen übernehmen. Museen nehmen gesellschaftliche Impulse auf und verarbeiten sie in Ihren Ausstellungen. Als pädagogische Institutionen vermitteln sie Erkenntnisse und Wissen. Diese gesellschaftlichen Funktionen können sich im Laufe der Zeit wandeln. Manche kommen neu hinzu, andere treten in den Hintergrund. Und auch die Art und Weise, wie Museen ihren gesellschaftlichen Auftrag wahrnehmen, unterliegt den Moden der Zeit.

In dieser Arbeit soll der Fokus auf die ethnographischen Museen in Deutschland gesetzt werden. Die Bedeutung dieser Museen hat sich im Laufe der Geschichte gewandelt – aus den hauptsächlich der Wissenschaft zugewandten Institutionen sind öffentliche und kulturelle Einrichtungen geworden, die heute weniger wissenschaftlich forschen, als vielmehr die gesammelten Objekte museal aufbereiten und ausstellen. Die wissenschaftliche Arbeit findet heute in den Universitäten oder anderen Forschungsinstitutionen statt.

Ich möchte mich im Folgenden mit der Bedeutung des ethnographischen Museums in der Gegenwart auseinandersetzen und eine Untersuchung der Funktionen des Museums entwerfen, die sich nicht nur mit den genuin musealen Aufgaben beschäftigt (also Sammeln, Bewahren, Konservieren und Ausstellen), sondern auf die Frage bezogen ist, welche Bedeutung diese Institution im Hinblick auf den Einzelnen und die Gesellschaft erfüllt. Dabei habe ich vier Funktionen ausgewählt, die ich für das ethnologische Museum untersuchen möchte: das Museum als kulturelles Gedächtnis (Erinnerungsfunktion), das Museum und die Konfrontation mit dem Fremden und Eigenen (identitätsstiftende Funktion), das Museum als ein ästhetisches Erleben (ästhetische Funktion) und das Museum als Bildungsort (wissensvermittelnde Funktion).

Um vorab einen Überblick über die historische Entwicklung der ethnographischen Museen zu bekommen, werde ich mich zu Beginn meiner Arbeit mit ihrer Sozial- und Entstehungsgeschichte auseinandersetzen. Die Wunder- und Raritätenkabinette von Fürsten und Gelehrten im Mittelalter werden als die Vorstufen des heutigen Museums angesehen. Den Fürsten dienten die Sammlungen zur Repräsentation von Macht und Reichtum – den Gelehrten zur Befriedigung ihrer wissenschaftlichen Neugier. Erst das Zeitalter der Aufklärung und das wachsende Interesse an der Geschichte der Menschheit führten zu einer intensiveren Beschäftigung mit fremden Völkern. Es wurden vergleichende Untersuchungen der gesammelten Objekte vorgenommen, um damit die Geschichte der europäischen Hochkulturen aus den „geschichtslosen“ Völkern rekonstruieren zu können. Dieser neue wissenschaftliche Blick schlug sich auch in den Sammlungsprinzipien der Gelehrten nieder, die nun ihre Objekte nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten sammelten und ordneten. Die ersten völkerkundlichen Museen entstanden schließlich Mitte des 19. Jahrhunderts aus den naturwissenschaftlichen Sammlungen heraus. Auch die koloniale Vergangenheit Europas begünstigte die Entwicklung der ethnologischen Museen in Deutschland.

Im Anschluss an die Sozialgeschichte des Museums möchte ich auf den Prozess der Musealisierung eingehen. Dabei soll es nicht um eine verfahrenstechnische und organisatorische Auseinandersetzung mit dem Museum gehen, sondern um das Erkennen des Transformationsprozesses, den ein Gegenstand auf seinem Weg in die museale Sammlung durchläuft. Mit dem Eintritt ins Museum verändert sich der Status des gesammelten Objektes. Es wird von nun an nicht mehr über seine Gebrauchsfunktion benutzt, sondern fungiert als Stellvertreter einer Zeit, einer Gesellschaft oder eines Rituals. Der Gegenstand erhält eine neue Bedeutung, die über die Ausstellung und deren inhaltlichen Kontext sichtbar gemacht wird. Die Ausstellung zielt auf ein öffentliches Publikum ab und soll zu einer Kommunikation zwischen Objekt und Besucher einladen. Die Inszenierung des Objektes in der Ausstellung stellt diesen in einen Bedeutungs- und Sinnzusammenhang, den der Besucher in der Interaktion mit dem Museumsstück erkennen soll.

Nach dieser sozialgeschichtlichen und musealisierungstheoretischen Einführung werde ich mich meinem Hauptthema zuwenden: die Untersuchung der Funktionen des ethnologischen Museums.

Das Museum als kulturelles Gedächtnis

Museen speichern Erinnerungen und schützen vor dem Vergessen. Sie fungieren als eine Art „soziales Gedächtnis“ (Fliedl), das Vergangenheit konserviert, aufbewahrt und präsentiert. Jan Assmann bezeichnet Orte und Medien, die Vergangenheit speichern, als kulturelle Gedächtnisse, die den Wissensvorrat einer Gesellschaft enthalten und die sich daraus ihre kollektive Identität reproduzieren kann. Um dem kollektiven Vergessen entgegenzuarbeiten, richten Gesellschaften Museen ein, um dort die als wertvoll eingestuften Erinnerungen aufzubewahren. Joachim Ritter sieht in der zunehmenden Musealisierung eine Kontrabewegung zur zunehmenden Traditionslosigkeit der Moderne. Andere Vertreter dieser Kompensationstheorie des Museums sind Hermann Lübbe und Odo Marquard, die in der Beschleunigung der Welt einen „Vertrautsheitsschwund“ und eine „Identitätsunsicherheit“ (LÜBBE) der Menschen wahrnehmen, und darin den Erfolg der Museen ansetzen.

Um welche Art von Erinnerungsarbeit es sich bei den ethnologischen Museen handelt, die sich weniger auf die eigenkulturelle Vergangenheit, als vielmehr auf das Leben von fremden Völkern bezieht, soll in diesem Kapitel dargestellt werden.

Das Museum und die Konfrontation mit dem Fremden und dem Eigenen

Als Kultureinrichtungen und Kulturvermittler sind Museen maßgeblich an der Herausbildung kollektiver Identitätskonstruktionen beteiligt. Museen klären uns darüber auf, wie wir zu dem geworden sind, was wir heute sind. Das ethnologische Museum ist weniger ein Ort der Konfrontation mit der eigenen Identität, als vielmehr eine Gegenüberstellung mit dem Anderen und Fremden. Inwieweit ethnographische Museen an der Identitätsbildung des Einzelnen beteiligt sind bzw. welche Bedeutung die Darstellung fremder Kulturen für unsere eigene Kultur und unser Leben hat, soll in diesem Kapitel diskutiert werden.

Das Museum als Bildungsort

Eine bildungspolitische Funktion haben Museen, insofern sie an der Produktion und Vermittlung von Wissen beteiligt sind. Dieser gesellschaftliche Auftrag ist zum Beispiel auch in den Richtlinien des ICOM (Der Internationale Museumsrat) festgelegt. Ob Museen eine Bedeutung für die Weitergabe von Wissen haben, ist in der Museumsforschung jedoch umstritten. Während die einen das Museum als Lernort ansehen, dem ein pädagogischer Auftrag zukommt, entgegnen andere, dass man im Museum nichts Neues lernen kann und dass die Mehrzahl der Museumsbesucher auch gar nichts lernen möchte. Ich möchte in diesem Kapitel untersuchen, wie die Museum ihren bildungspolitischen Auftrag wahrnehmen und wie die didaktischen Gestaltungen der Ausstellungen konzipiert sind bzw. sein sollten, um den Museumsbesucher zum Wissenserwerb anzuregen.

Das Museum als ein ästhetisches Erlebnis

Museen laden uns dazu ein, ästhetische Erfahrungen zu machen, einfach indem sie Objekte in den Kontext des musealen Erfahrungsraumes überführen. Dieses ästhetische Erleben bezieht man jedoch meist auf die Kunstmuseen, die in ihren Ausstellungen die Objekte, Bilder und Skulpturen für sich sprechen lassen. Gilt die Möglichkeit einer ästhetischen Erfahrung auch in ethnographischen Museen, wo die meisten Gegenstände aus dem Alltag der Menschen sind und innerhalb der Ausstellung in einen Kontext gestellt werden müssen? Auch die Neuausrichtung der ethnologischen Museen auf zeitgenössische Kunst und die Diskussion, ob ethnologische Objekte im Museum überhaupt als Kunst angesehen werden können, soll in diesem Kapitel diskutiert werden.

Mit Hinblick auf die zuvor untersuchten Funktionen soll abschließend in einem Ausblick ein Fazit über die Funktionen der ethnographischen Museen in unserer Gegenwart gezogen und zukünftige Herausforderungen an die Museen in Zeiten der Globalisierung diskutiert werden.

In einer globalisierten Welt, in der alles immer schnelleren Veränderungen unterworfen ist und Kulturen sich mehr und mehr vermischen, muss auch eine Institution wie das Museum seine gesellschaftlichen Funktionen stetig reflektieren und neu definieren. Das ethnologische Museum hat den Anspruch, Vermittler zu einer anderen Welt zu sein. Aber brauchen wir diese Vermittlung überhaupt noch? Aufgrund der sich stets weiter entwickelnden Verkehrstechnologie und der damit verbundenen unbegrenzten Mobilität, können wir heute fast jeden Winkel der Welt bequem bereisen. Oder wir nutzen Medien wie das Internet, das uns mit nur wenigen Mausklicken ferne Länder auf dem Bildschirm erscheinen und virtuell entdecken lässt. Auch Museen folgen übrigens diesem Trend und digitalisieren ihre Bestände und geben uns so die Möglichkeit, Sammlungen via Internet einzusehen. Ethnologische Museen konkurrieren also nicht nur mit anderen Museen um die Gunst der Besucher. Das Problem reicht tiefer. Es stellt sich die Frage, ob das ethnologische Museum im Zeitalter grenzenloser Mobilität und globaler Vernetzung überhaupt noch einen Sinn macht. Brauchen wir sie in der Zukunft noch?

Ich möchte in diesem letzten Kapitel überlegen, welchen Herausforderungen die ethnologischen Museen in der Zukunft begegnen werden und welche aktuellen Themen museal verarbeitet werden könnten. Wie können ethnographische Museen einen Beitrag für die Gesellschaft leisten, die aufgrund der Globalisierung und kulturellen Hybridisierung stets neuen Veränderungen gegenübersteht? Welche zeitliche Orientierung sollte ein modernes, ethnologisches Museum haben? Soll es seine Thematik weiterhin nur auf die Vergangenheit setzen oder sich auch den Problematiken und Themenkomplexen der Gegenwart öffnen?

1. Die Sozialgeschichte der ethnographischen Museen

Der Ursprung des Europäischen Museums liegt in Griechenland. Sein Name ist verbunden mit den Schützerinnen der freien Künste - den Musen, die die Töchter des Zeus und der Mnemosyne waren. „Die Orte, an denen nach antiken Vorstellungen die Musen wohnten – es waren heilige Berge und Wälder, denen heilige Quellen entsprangen – wurden „museion“ genannt.“ (FLÜGEL 2005:35) Das Wort „museion“, als eine Ableitung aus dem griechischen Wort „mousa“ für Muse, bedeutet etymologisch „zunächst entlehnt in der Bedeutung Studierzimmer; im 17. Jahrhundert dann Kunstsammlung.“ (KLUGE 1999:576)

Die eigentliche Geschichte des Museums beginnt Ende des 15. Jahrhunderts, als in ganz Europa weltliche und klerikale Herrscher damit begannen, Schatzkammern einzurichten und sie mit Kunst- und Wertgegenständen aus Beutezügen füllten. (dazu WOHLFROMM 1992) Auch die Sammeltätigkeit der katholischen Kirche zu diesem Zeitpunkt kann als ein Vorläufer des Museums angesehen werden. Und im Gegensatz zu den verborgenen Schätzen der klerikalen Herrscher, öffneten die Kirchen ihre Sammlungen an bestimmten Tagen auch für ein Publikum. An Festtagen und bei sogenannten Heiligtumsschauen wurden die Reliquien der Märtyrer und anderer Heiliger öffentlich ausgestellt, um an ihnen die Geschichte des Christentums und die Ursprünge der Kirche zu vergegenwärtigen.

Als entscheidende Vorstufe des Museums jedoch gelten die Kunstkammern und Raritätenkabinette, die private Sammler wie Fürsten, Gelehrte oder Künstler in dieser Zeit aufbauten. Bedingung für diese Sammlungen war die steigende Zahl der Fernreisen: „Die aus fernen Ländern zurückkehrenden Expeditionen bringen nämlich nicht nur äußerst gewinnträchtige Waren mit, sondern auch ein neues Wissen. Textilien, Goldschmiedearbeiten, Porzellangeschirr, Federgewänder, Fetische, Exemplare der fremden Fauna und Flora, Muscheln und Steine gelangen nun in großer Zahl in die Kabinette von Fürsten und Gelehrten.“(POMIAN 1994:57) Die Bedeutung dieser Gegenstände für ihren Sammler lag dabei nicht in ihrem Gebrauchs- oder Erkenntniswert, sondern in ihrer Repräsentationsfunktion. Sie zeugten von der Existenz exotischer Länder und fremder Völker. Die gesammelten Objekte wurden noch nicht wie wissenschaftliche Forschungsgegenstände behandelt, sondern dienten als faszinierende Raritäten und Kuriositäten aus unbekannten Orten der Welt.

Ein weiterer Eckpunkt in der Geschichte der europäischen Sammeltätigkeit ist das sich ausweitende Mäzenatentum im 15. Jahrhundert. Für jeden fürstlichen Sammler, der auf sein Ansehen bedacht war, wurde es zur Pflicht, die schönen Künste zu fördern und am Hofe Maler, Bildhauer oder Graveure arbeiten zu lassen. Dabei wurden die Objekte weniger um ihrer selbst willen in Auftrag gegeben und gesammelt, sondern vor allem, um die eigene Macht und Herrlichkeit zur Schau zu stellen. Sammeln war einer kleinen Elite vorbehalten und der Kauf besonders wertvoller Stücke diente dazu, die Stellung innerhalb dieses geschlossenen Milieus zu behaupten bzw. zu verbessern. Die Sammlung war Ausdruck der eigenen Machtfülle und repräsentierte die Geschichte der Herrscherfamilie. Wie eng diese Verbindung war zeigte sich, wenn Sammlungen nach dem Tod eines Fürsten aufgelöst und von den Erben verkauft werden mussten. „Der Verlust oder der zwangsweise Verkauf einer Sammlung, die nicht selten das Ergebnis leidenschaftlicher Anstrengung von Generationen gewesen war, wurde leicht als die Auflösung eines Teils der Geschichte von Dynastien gesehen, als Minderung von Prestige und teilweisen Verlust des Rechtes, Macht auszuüben.“(GROTE 1994:178).

Mit der Entstehung der modernen Naturwissenschaften zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert entwickelt sich zugleich eine neue Sichtweise der Gelehrten auf die gesammelten Gegenstände. Die methodische und vergleichende Betrachtungsweise von Objekten innerhalb der Naturwissenschaften unter Zuhilfenahme neuartiger Beobachtungs- und Messinstrumente, findet ihre Anwendung auch auf die privaten Sammlungen. Anstatt die Gegenstände wie bisher nur in den Schatzkammern zu horten, beginnt man nun, die Sammlungen nach Sachgruppen sowie räumlichen und zeitlichen Kriterien zu klassifizieren und inventarisieren, und stellt so eine Ordnung her, die Bezüge zwischen den Objekten entstehen lässt. Die gesammelten Objekte werden nicht mehr nur wegen ihres Geld- und Prestigewertes gesammelt, sondern zur Aneignung von Wissen. Aus den ungeordneten Schatzkammern wurden somit erste wissenschaftliche Sammlungen und in dieser Zeit entwickeln sich auch das Interesse und die Vorstellung, durch Sammlungen die Natur- und Kunstgeschichte der Welt abbilden zu können.

Die ersten öffentlich zugänglichen Sammlungen, und damit die ersten Museen, so wie wir sie heute kennen, entstanden im 17. Jahrhundert. Es waren die Nachlässe gelehrter Bürger, die von Universitäten bzw. Stadtgemeinden aufgekauft und dann einem größeren Publikum zugänglich gemacht wurden. Das erste Museum, das in staatlicher Trägerschaft errichtet wurde, ist das „British Museum“, das am 15.01.1759 seine Pforten öffnete. Allerdings war es lange Zeit einer kleinen, gut situierten Bevölkerungsschicht vorbehalten das Haus zu betreten und auch nur dann, wenn der Besuch vorher schriftlich beantragt worden war. „Die Museumsleitung verwahrte sich gegen unterhaltungssuchende Unterschichten-Besucher und betonte die Wissenschaftlichkeit und Reputation des Hauses.“ (GERCHOW 2002:342)

Als erster vollkommen eigenständiger Museumsbau in Deutschland gilt das Museum Fridericianum in Kassel, das 1769-1779 gebaut wurde, um die Sammlungen des Landgrafen Friedrich II. von Hessen-Kassel aufzunehmen, der sie der Öffentlichkeit seiner Residenzstadt zur Verfügung stellte. (dazu GERCHOW 2002) Im Vergleich zu England waren es in Deutschland vor allem die Fürsten, die bis ins 19. Jahrhundert hinein ihre Sammlungen dem Publikum sukzessiv öffneten und das neue Medium des Museums dazu nutzten, „ihre politische Position mit kulturellen Mitteln zu stärken.“(GERCHOW 2002:343)

In Frankreich markierte die Französische Revolution den zentralen Umbruch der europäischen Erinnerungskultur. Die Enteignung und Säkularisierung von Schlössern und Kirchen im Anschluss an die französische Revolution führte dazu, dass aus privaten Kunst- und Kuriositätensammlungen öffentlich zugängliche Museen wurden. Unter der Führung Napoleons erhielt Frankreich 15 neue Museen, in denen die Kunstobjekte, die er während seiner Feldzüge erbeutete, zum ersten Mal der Öffentlichkeit gezeigt wurden. „Mehr noch haben jedoch die nach der Niederlage Napoleons 1814 einsetzenden Rücktransporte die Idee des nationalen Museums in die europäische Staatenwelt verbreitet. Feierlichkeiten und Ausstellungen empfingen die als „nationales Kulturgut“ zurückgewonnenen Adels- und Kirchenschätze.“ (GERCHOW 2002:346)

Die Entstehung der völkerkundlichen Museen verlief parallel zur Entstehung der Ethnologie als Wissenschaftsdisziplin. Während naturwissenschaftliche Disziplinen wie Zoologie oder Biologie schon im 18. Jahrhundert damit begonnen hatten, wissenschaftliche Sammlungen aufzubauen, stand das ethnologische Sammeln um die Mitte des 19. Jahrhunderts noch ganz am Anfang. Als Wissenschaft führte die Ethnologie ein bescheidenes Dasein als Teilgebiet der Geographie und Geschichte, oder der Anthropologie und Naturwissenschaften. Die stetige Zunahme an wissenschaftlichen Erkenntnisgegenständen in den einzelnen Disziplinen führte zu einer Differenzierung der Fachgebiete. „Dass das 19. Jahrhundert die Periode der Gründung eigenständiger völkerkundlicher Museen wurde, hat mit der naturwissenschaftlichen Orientierung der Zeit und ganz praktisch mit dem Anwachsen der viele Fächer umfassenden Sammlungen zu tun, die einfach aufgeteilt und untergebracht werden mussten.“ (ZWERNEMANN 1991:15) Das ethnologische Sammlungen zumeist aus naturwissenschaftlichen Sammlungen hervorgingen, zeigt sich z.B. in der Geschichte des „Museum für Völkerkunde“ in Hamburg. Innerhalb des Naturhistorischen Museums wurde 1867 eine eigene kleine Ausstellung unter dem Titel "Die Ethnographische oder Sammlung für Völkerkunde im Anschluss an das Naturhistorische Museum in Hamburg" eröffnet. Diese Sammlung wies zunächst einen Bestand von 645 Objekten auf und wuchs mit der Zeit stetig an, so dass die ethnographische Sammlung zusammen mit der Naturhistorischen Sammlung 1871 in ein größeres Gebäude umziehen musste und in „Culturhistorisches Museum“ umbenannt wurde. 1879 schließlich wurde das „Museum für Völkerkunde“ gegründet, das mit Georg Thilenius 1904 seinen ersten hauptamtlichen Direktor erhielt.

Die Wurzeln des Berliner Ethnologischen Museums reichen bis weit in das 17. Jahrhundert zurück. Die frühesten ethnographischen Objekte entstammen dem Kunst- und Raritätenkabinett des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm I., der Raritäten wie Waffen, Geräte und Naturalien aus fremden Erdteilen sammelte. Später entwickelte sich daraus die Königlich- Preußische Kunstkammer, aus deren Beständen dann 1829 eine „Ethnographische Sammlung“ gebildet wurde. Unter seinen Nachfolgern (Friedrich II. und Friedrich Wilhelm III.) erweiterte sich die Sammlung stetig und es war Alexander von Humboldt, der 1829 zusammen mit Carl Ritter, Friedrich Wilhelm III. vorschlug, die völkerkundlichen und vorgeschichtlichen Sammlungen nicht mehr nur in Kunstkammern zu „verstecken“, sondern sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und so übergab Friedrich Wilhelm III. seine Sammlung den Staatlichen Museen und versuchte sie auch weiterhin zu erweitern. (dazu NEVERMANN 1937) Die Verwaltung dieser Sammlung übernahm ab 1869 Adolf Bastian, der sich für einen Ausbau der völkerkundlichen und anthropologischen Sammlungen einsetzte und dessen Bau eines eigenen Museums dann auch am 12.Dezember 1872 von Kaiser Wilhelm I. veranlasst wurde. 1886 konnte Bastian mit seinen Sammlungen dann sein neues Quartier beziehen.

Eine entscheidende Voraussetzung für die Etablierung der deutschen Ethnologie als eigenständige und populäre Wissenschaft, und damit auch für die Errichtung ethnographischer Museen, waren die Ambitionen des deutschen Staates zur Kolonialmacht aufzusteigen. Das Ethnologische Museum in Berlin z.B. profitierte direkt von der deutschen Kolonialpolitik, weil Forschungsreisen vom Reichskolonialamt und der „Deutschen Kolonialgesellschaft“ finanziert wurden. Dieses finanzielle Engagement hatte eigennützige Hintergründe, denn die Kolonialmächte besaßen ein lebhaftes Interesse daran, sich die Ergebnisse ethnologischer Forschung für Zwecke der Kolonialverwaltungen nutzbar zu machen. Der Ethnologe Richard Thurnwald, der 1901-1906 als wissenschaftliche Hilfskraft am Berliner Museum arbeitete, beschrieb die Funktion des Museums damals folgendermaßen: „Aber warum wollen wir diese fremden Völker studieren die uns doch nichts angehen? Es gibt dafür praktische und wissenschaftliche Gründe. Praktisch fordern nämlich diese Völker von Stunde zu Stunde mehr unser Interesse heraus, teils deshalb, weil wir Handelsbeziehungen mit ihnen angeknüpft haben, um das abzusetzen, was die von ihrer Hände Fleiß und Geschicklichkeit lebenden Massen der heimischen Bevölkerung produzieren und um einzutauschen, was Luxus und gesteigerter Bedarf daheim zu verlangen sich gewöhnt hat. […] Wirtschaftliche Wechselwirkungen wie politische Leitung machen ein Kennenlernen nötig. Eine Symbiose hat Platz gegriffen, welche einer bewussten Verständigung bedarf. Nur wer den anderen kennt, kann ihn auch beeinflussen und kann mit Vorteil mit ihm in Beziehung treten. Die allgemeine Psyche dieser fremden Völker wollen wir von diesem Standpunkt aus erschließen.“(THURNWALD 1912:199)

Das Wissen Macht ist, gilt „gerade in den überseeischen Feldern der Ethnologie, wo Wissenschaft und Politik oft eng miteinander verzahnt sind und wo der Ethnologe häufig genug im Haus des Kolonialbeamten als Gast lebt.“(KASCHUBA 2003:68) Über die ethnologischen Museen mit ihren Sammlungen sah man die Möglichkeit der Legitimierung der Kolonialpolitik. Hier konnte sich das deutsche Reich als Kolonialmacht selbst darstellen und damit den Kolonialismus in den Köpfen der Menschen als etwas Selbstverständliches verankern. Die Museen wurden von der Regierung instrumentalisiert: Die Verbreitung ethnographischer Kenntnisse sollte bei der Bevölkerung Verständnis für die Auslandsinteressen des Kaiserreiches wecken und damit den Rückhalt bieten für weitere koloniale Bestrebungen. In dieser Hinsicht standen die noch jungen Völkerkundemuseen in einem Feld politischer Einflussnahme, wo es nicht leicht war, sich zu positionieren.

Mit der Kolonialpolitik und dem damit einhergehenden verstärkten Interesse an außereuropäischen Kulturen, waren die Wege für eine selbständige Ethnologie geebnet und die Fachdisziplin konnte endlich aus dem Schatten der anderen Wissenschaftsdisziplinen heraustreten und ihren eigenen Weg gehen. Adolf Bastian, der innerhalb der kulturhistorischen Forschung als „Vater der Volkskunde“ bezeichnet wird, entwickelte damals die organisatorischen, theoretischen und methodischen Grundlagen dieser Wissenschaft. Bastian selbst beschrieb die Situation der Ethnologie Ende des 19. Jahrhunderts folgendermaßen: „Für alle Dinge zwischen Himmel und Erde war vorgesorgt; für die Sterne durch die Astronomie; und früher die Astrologie; für die Welt im Großen und Ganzen durch die Kosmologie; für die Steine durch die Mineralogie; für die Pflanzen durch die Phytologie; für die Tiere durch die Zoologie; für winzige Insekten gar durch die Entomologie; aber dem Menschen war kein Sitz eingeräumt im facultativen Conclave der Fachdisciplinen; er fand sich an die Luft gesetzt mit seiner Anthropologie, um anderswo für sie ein Unterkommen zu finden.[…] Man zog das unscheinbar kleine Dingelchen aus seinem Versteck hervor, um es genauer zu beschauen, und unter Umherwenden in geschickten Händen, entpuppte es sich plötzlich in den Umrissen einer grossartigen Wissenschaft, worin man beim aufmerksamen Hinsehen, die lang gesuchte erkannte: die „Lehre vom Menschen in höchst eigener Person.“(BASTIAN 1881:139)

Die ethnologischen Museen in Deutschland waren zur Zeit ihrer Gründung in erster Linie als Forschungsinstitutionen und weniger für die Öffentlichkeit gedacht. „ The aspiring ethnologists who founded these museums did not initially conceive of them as the scientific showcases of the age or places for articulating different kinds of cultural and social messages, but as laboratories where they could explore the multiplicity of humanity. […] The initial attraction of museums as research institutions was ultimately the most significant factor in the genesis of German ethnographic museums.” (GLENN 2002:24) Bevor die Ethnologie als Disziplin an die deutschen Universitäten gelangte, waren die Völkerkundemuseen die einzigen Institutionen dieser Wissenschaft. „Germans developed a future-oriented ethnology centred around large collecting museums, and they regarded their displays as working arrangements for exploring human nature, rather than static explanations about humanity and the world. These museums were created in conscious opposition to the wonder cabinets of an earlier age, and they represented a determined attempt to move beyond the curiosity and toward an empirically based science of human culture and history.” (GLENN 2002:2)

Das Ziel der noch jungen Museen war es, in kurzer Zeit möglichst viele materielle Zeugnisse fremder Kulturen zu sammeln und so ein umfassendes Archiv der Weltkulturen aufzubauen. Im Museum angekommen, sollten die gesammelten Gegenstände erforscht, und so neue Erkenntnisse über das Leben fremder Völker gewonnen werden. Weiteres Forschungsmaterial erhielten die ethnographischen Museen durch die zahlreichen archäologischen Entdeckungen des 19. Jahrhunderts. „They helped convince many aspiring ethnologists such as Bastian that both the material culture of contemporary peoples and the material traces of earlier peoples could read as historical texts.“ (GLENN 2002:26)[2]

Die Öffnung der ethnologischen Museen für die Öffentlichkeit beginnt in Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Zeit der Moderne und die damit einhergehende Verbesserung der Lebensbedingungen führten dazu, dass immer mehr Kinder die Schule besuchen konnten. Es kam zu einer rasch anwachsenden Zahl von Schulen und die Verbesserung des Bildungsniveaus der Menschen im Sinne einer Volkserziehung wurde zum politischen Programm. Auch die Museen wurden auf Druck der Regierung und anderer öffentlicher Institutionen zunehmend auf ihre pädagogische Bedeutung aufmerksam machten. „Ethnologists found themselves pushed by local governments, private supporters, and scientist alike to follow the natural sientiest` lead and begin reshaping their museums to accomodate a much broader public.“(GLENN 2002:146) Dabei orientierten sich die ethnologischen Museen in der Gestaltung der neuen Aufgabe an den naturwissenschaftlichen Museen, die bereits zuvor „Schausammlungen“ für ein Publikum öffneten. In Hamburg und München waren die ersten völkerkundlichen Museen, die sich der Bevölkerung öffneten und pädagogische Konzepte zur Ausstellungsdidaktik entwickelten.

Die Möglichkeit des finanziellen Zugewinns beschleunigte diese Transformation von der rein wissenschaftlichen Institution hin zum öffentlichen Raum. Denn die ständig anwachsende Zahl der Sammlungsstücke, sowie die Kosten für Expeditionen und den Ankauf neuer Gegenstände, führten in vielen Museen zu Platz- und Geldnot. Und nicht jedes ethnologische Museum in Deutschland befand sich in so einer glücklichen Lage wie das Berliner Museum, das von der Preußischen Regierung gefördert und finanziert wurde.

Museen, die finanziell weitestgehend auf sich selbst gestellt waren, sahen sich genötigt, mit der Öffnung ihres Hauses für die Bevölkerung auch neue Ausstellungskonzepte zu entwickeln. Die Inszenierung und Präsentation der Sammlungsstücke mussten dem Geschmack der zahlenden Besucher angepasst werden. Max Buchner, Direktor des Staatlichen Museums für Völkerkunde in München war der Erste, der sich 1907 um eine neue Ausstellungsgestaltung in seinem Museum bemühte. Er stellte die Objekte „on different colored backgrounds, or creating free-standing exhibits that would increase the aesthetic appeal of the displays. He used mirrors to light the backs or interior of larger pieces, transferred the collections from overcrowed tables to the vertical space of cabinets that would provide better viewing, and called on Munich`s local artists to help him conceptualize the new arrangements in the museum`s permanent display as well as its temporary exhibits.”(GLENN 2002:154) Diese Neuausrichtung der ethnologischen Sammlungen fand nicht überall Beifall. Adolf Bastian etwa kritisierte diese publikumswirksamen Inszenierungen der Objekte als „unscientific and thus inadequate for the pursuit of their ethnographic project.“ (GLENN 2002:147)

Während der Weimarer Republik und zu Beginn des Nationalsozialismus nimmt die Bautätigkeit der völkerkundlichen Museen zu, da die gewachsenen Sammlungen und die Öffnung für ein Publikum schon bald größere Räumlichkeiten erforderten. 1920 erweiterte z.B. das Dresdner Völkerkundemuseum seine Ausstellungsräume und auch viele andere Museen in Deutschland mussten aufgrund von Platzmangel in andere Gebäude umziehen oder ihre Räumlichkeiten umbauen. (dazu HOG 1981:20) Im Nationalsozialismus verloren die Völkerkundemuseen zunehmend an Bedeutung, da aus politischen Gründen Heimat,- Volks- und Heeresmuseen eine gewichtigere Stellung in der Museumslandschaft übernahmen. Insbesondere die Nachbar-Disziplinen wie Vor- und Frühgeschichte, Volkskunde, Geschichte und auch die Germanistik standen im Interesse der Nationalsozialisten. Die Ethnologie als eine Wissenschaft von den Kulturen fremder Völker, die zu dieser Zeit überwiegend aus der Untersuchung von „Naturvölkern“ bestand, wurde ab 1933 eher vernachlässigt, das sie „nicht praktisch oder ideologisch brauchbar war.“ (FISCHER 1990:147) Für die Museen bedeutete die nationalsozialistische Zeit eine Eingrenzung ihrer wissenschaftlichen und musealen Arbeit. In den Kriegszeiten waren keine ausländischen Expeditionen möglich und die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg führten zu einem großen Verlust oder einer starken Zerstörung der Museumsgebäude und Sammlungen. „Die Verluste an Sammlungsbeständen reichten von 0% bis 100%, wobei festgestellt werden kann, dass sie im Norden größer waren als im Süden und Südwesten Deutschlands: Berlin, Hamburg, Leipzig und Lübeck hatten die schwersten Verluste zu verzeichnen.“ (HOG 1981:24) Viele Gebäude mussten neu aufgebaut werden und da mit der Zerstörung auch viele Inventarlisten und Bibliotheksbestände verloren gingen, waren einige Museen bis 1960 damit beschäftigt, ihre Sammlungen neu zu ordnen und aufzustellen. Einzelne Museen beginnen sich in den Nachkriegsjahren auch wieder verstärkt mit den Universitäten zu verbinden und gemeinsam an wissenschaftlichen Ergebnissen zu arbeiten.

Ich möchte an diese Stelle noch einmal darauf zurückkommen, wie die Ethnologie und die ethnologischen Museen von den kolonialen Bestrebungen Europas profitierten. Die Kolonialherrschaft hatte viele Schattenseiten, denn die Ausbeutung der Eingeborenen in Afrika, Asien, Australien und Amerika durch die „Herren“ aus Europa kannte keine Grenzen – auch nicht in den Wissenschaften. Ethnologen und Wissenschaftler, die im Auftrag von Museen zum Sammeln von kulturellen Artefakten ausgesandt wurden, zeigten sich zum Teil skrupellos in der Aneignung von Objekten:„ Franz Boas collected hundreds of bones and skeletons by digging up Native American burial sites during the night and against the will of a number of different tribes; Adrian Jacobson attempted to secure skulls und religious objects by climbing into grave sites in trees; and George Dorse gained renown for his plundering of burial caves – all actions conducted under the cloak of scientific legitimacy.“ (GLENN 2002:100) Und Adolf Bastian wird von Hartmut Böhme als „skrupelloser Räuber und obsessioneller Sammler materieller Kulturobjekte“ beschrieben, der den Kolonialismus „ungehemmt für sich und seine Zwecke“ ausnutzte. (BÖHME 2006:223) Viele Objekte, die wir heute im Museum bewundern, gerieten so auf unrechtmäßige Art und Weise in die Hände der Kuratoren. Und bis heute sind nur wenige der entwendeten Objekte von Europa zurück in ihre Heimat gelangt.[3] Bis heute sieht sich die Ethnologie deshalb dem Vorwurf, eine „Kolonialwissenschaft“ zu sein, ausgesetzt.

Die Kolonialzeit ist lange vorbei, aber ein gleichberechtigter Umgang mit den Kulturen ist in den völkerkundlichen Museen noch nicht erreicht und die Demütigung fremder Völker geht weiter. Das zeigt sich auch sehr deutlich im Umgang mit den Rückgabeforderungen einiger Sammlungsstücke. Viele postkoloniale Staaten Afrikas, Asiens, Ozeaniens sowie Süd- und Mittelamerikas drängen auf die Rückgabe widerrechtlich angeeigneter Kulturgüter durch die ehemaligen Kolonialmächte. Die Reaktionen auf solche Forderungen sind noch immer durch ein eurozentrisches Weltbild geprägt. So wird argumentiert, dass in einer globalisierten Welt kulturelle Artefakte „nicht an einen Ort gebunden sind, sondern überall aufbewahrt werden können, solange sie zugänglich bleiben.“ (BERGER 2001:4)

Und noch heute kommt es in vielen Staaten zu Kulturgüterdiebstählen in Form von Plünderungen und illegalen Ausfuhren von Artefakten. Der Handel mit Ethnographica blüht und bringt den Händlern Milliardenumsätze ein. In Costa Rica sind rund 95% aller archäologischen Stätten ganz oder teilweise geplündert. In Indien sind in der Zeit von 1979 – 1989 über 50.000 Objekte außer Landes geschmuggelt worden. Neben diesen Plünderungen nehmen auch Diebstähle aus Museen, Tempeln oder privaten Altären zu. (dazu BERGER 2001) Diese geraubten Kulturgüter werden dann auf internationalen Kunstmärkten oder an private Sammler und Museen verkauft. Als wichtigstes Abkommen gegen diesen Schmuggel von Kulturgütern, ist die UNESCO-Konvention zur Verhütung der unzulässigen Einfuhr, Ausfuhr und Übereignung von Kulturgütern zu nennen. Diese Konvention verbietet den staatlichen Museen den Kauf von illegal exportierten Objekten und verpflichtet den Händler, Auskunft über die Herkunft seiner Stücke zu geben. Viele Museen halten sich jedoch nicht an diese Konvention mit der Begründung, da es gerade „dem regen Handel zu verdanken ist, dass viele Kulturgüter nicht zerstört worden sind, sondern für die Nachwelt erhalten bleiben.“ (BERGER 2001:5) Hier zeigt sich die Eindimensionalität der UNESCO Konvention. Sie basiert auf einer westlichen Rechtsauffassung, welche die Erhaltung des Kulturguts als oberste Priorität betrachtet. Der Stellenwert des Aufbewahrens und „Konservierens“ dieser Kulturgüter ist eine westliche Sichtweise, denn vielen indigenen Völkern ist es oftmals viel wichtiger, dass die Objekte wieder ihre ursprüngliche Funktion zurückerhalten. Diese Vorstellung ist für westliche Museen jedoch nicht akzeptabel. „Insbesondere auch die Tatsache, dass die Konventionen nicht rückwirkend geltend gemacht werden können, schränkt den Handlungs-Spielraum weiter ein. Sie wird damit begründet, dass während der Kolonialzeit noch niemand von Kulturgüterraub gesprochen hat und erst im Laufe der Zeit ein Paradigmenwechsel stattfand – erneut also eine klar eurozentristische Sicht der Dinge.“ (BERGER 2001:5)

Gehen wir heute in ein ethnologisches Museum, müssen wir feststellen, dass teilweise immer noch völlig unreflektiert mit dem kolonialen Erbe der Ethnologie umgegangen wird. Das Berliner Museum beispielsweise hat viele Sammlungsstücke aus den Reisen James Cook oder Johann Adrian Jacobson erhalten. Auf was für eine grausame Art sich Cook den Eingeborenen gegenüber verhielt, lässt sich in den Büchern Georg Forsters, der als Naturforscher diese Reise begleitete, nachlesen. Im Museum jedoch findet sich dazu kein Hinweis. Adrian Jacobson war an der Organisation von Völkerschauen beteiligt und brachte Lappländer, Eskimos und Patagonier nach Deutschland, um sie dort wie dressierte Tiere in Shows „aufzuführen“. Im Ethnologischen Museum Berlin findet man dazu folgenden Beitrag auf einer der Schautafeln: „Jacobson organisierte 1910 mit Indianern eine Show in Hagenbecks Zoo, die sehr erfolgreich war.“ Das dieses Verhalten menschenverachtend war, liest der Besucher an keiner Stelle.

Durch diesen unkritischen Umgang mit der eigenen Sammlungsgeschichte halten die Museen den eurozentrischen Blick und die Perspektive von oben nach unten (von der eigenen zivilisierten Kultur auf die „Primitive“ Kultur) aufrecht. Nur wenige Museen nehmen sich der Verantwortung an und versuchen sie innerhalb ihrer Ausstellung zu thematisieren.

2. Der Prozess der Musealisierung

Bevor ich mich mit den Funktionen und Zuschreibungen eines Museums beschäftige, möchte ich zunächst den Prozess erläutern, den ein Gegenstand von seinem Ursprungsort hin zum musealen Raum erfährt. Mit der Entscheidung, ein Objekt aus seinem realen Leben herauszunehmen und in das Museum zu holen, erhält das gesammelte Stück eine neue Existenz und einen neuen Status, den ich im Folgenden erörtern möchte.

Museen sind Sammlungen. Professionell werden hier nach bestimmten Kategorien Objekte und Informationen gesucht und gesammelt. Museen zeichnen sich für uns dadurch aus, dass wir in Ihnen originale Sachzeugnisse betrachten können, die wissenschaftlich interpretiert und in Ausstellungen präsentiert werden. Ein Grund, warum Museen so erfolgreich sind, ist die Faszination, die die originalen Objekte auf uns ausüben. Die Gegenstände, die wir im ethnologischen Museum betrachten, begegnen uns als Kuriositäten, über die wir staunen oder lachen können; als Kunst, die wir bewundern oder als Beleg für eine wissenschaftliche These. Das ethnologische Museum vermittelt uns eine Vorstellung der Welt, indem es uns fremde Gegenstände in ihren jeweiligen kulturellen und historischen Kontexten ausstellt und damit einen Einblick in die Kultur der sie entstammen, ermöglicht. Die ausgestellten Objekte repräsentieren hier nicht mehr nur sich selbst, sondern werden, wie z.B. die Maske des Vogelmonsters Huxwhukw im Ethnologischen Museum Berlin, zu einem ethnographischen Synonym für die Indianerkultur Nordamerikas.[4]

Im Zeitalter der Digitalisierung, wo wir an jedem Ort der Welt Zugriff auf reproduzierte Bilder und Objekte haben, bietet das Museum die originale Materialität der Dinge. Aus welchem Material ein Gegenstand beschaffen ist oder was ein Werkzeug leisten kann, erfahren wir nur im Rückgriff auf das Original. Ein bedeutender Aspekt des Museums ist demzufolge ihre Objektbindung, weil es sich mit seiner Sammlung auf die Zeit und Moden überdauernde Materialität der Dinge bezieht. Kulturhistorische Museen beherbergen in der Regel von Menschen produzierte und genutzte Gegenstände. Durch die Dokumentation des Kontextes ihrer Entstehung, ihrer Verwendung und ihres Erwerbs eröffnet das Museum die Möglichkeit, mit immer neuen Fragen an das Objekt heranzutreten. Neben dem Sammeln von Gegenständen gehören auch das Bewahren, Erforschen und Ausstellen zu den typischen Aufgaben des Museums. Zusammenfassend werden sie mit dem Begriff der Musealisierung beschrieben, der eine bestimmte Umgangsform mit einem Objekt kennzeichnet. „Musealisierung ist ein Vorgang, ein Geschehen, eine zeitlich mehr oder weniger ausgedehnte Handlungsweise: jemand musealisiert etwas; etwas wird musealisiert.“ (STURM 1991:12) Im Umkreis der Geschichtswissenschaften entstanden, charakterisiert das Wort „Musealisierung“ ein Phänomen, das nach Eva Sturm als Geschichtsliebe verstanden werden kann. „Geschichte ist zu einem lukrativen massenmedialen Thema geworden, man spricht von Geschichtshunger und einem beispiellosen Geschichtsinteresse; Flohmarktkulturen haben Renaissance. Die Tendenz, alles aufzuheben, zu schützen, zu restaurieren, vor dem Untergang zu retten, nicht sterben zu lassen etc… ist eine Manifestation dieser massiven Geschichtsliebe.“ (STURM 1991: 13) Eine zunehmende „Popularisierung des Musealen“ beobachtet auch Gottfried Korff, der auf die „neue Bewegung“ aufmerksam macht, die sich jedem Gegenstand in „rettend-historisierender Weise“ zuwendet. „Man kennt die zum Teil kämpferisch-stimmstarken Bemühungen um die Erhaltung von Heustadeln, um die Sicherung von Holzrechen, Bügeleisen und Küchenwaagen, um die Sammlung von Pfeifenköpfen, Poesiealben und Fotografien.“ (KORFF 1988:12) Die zunehmende Musealisierung von Alltagsgegenständen führt zu einer wachsenden Anzahl von Museen jeder Art. Der Blick auf die Museumslandschaft Deutschlands bestätigt den Eindruck, dass es bald für jedes Objekt und jedes Thema ein Museum geben wird. Vom Schokoladenmuseum über das Apothekenmuseum bis hin zum Schwulenmuseum – alles scheint musealisierbar und findet offensichtlich auch sein Publikum.

Dinge zu musealisieren ist eine Tätigkeit, der nicht nur öffentliche Einrichtungen wie etwa Museen nachgehen, sondern auch Privatpersonen, wie die unzähligen Privatsammlungen bestehend aus Briefmarken, Münzen, Postkarten etc… zeigen. Museumskuratoren und Privatsammler eint der Entschluss, Objekte nicht vergehen oder verschwinden zu lassen, sondern sie in ihrer Materialität zu bewahren. Der Sammler wirft die Briefmarke nicht in den Müll, sondern bringt sie an einen sicheren Ort. Er entzieht das Objekt seiner Sammelleidenschaft dem normalen Lebenszyklus und bewahrt es so vor dem Verschwinden. Dieser Prozess wird als Musealisierungsprozess bezeichnet und er manifestiert sich in einem veränderten Verhalten des Menschen gegenüber dem Objekt. Man nähert sich dem musealisierten Gegenstand nun nicht mehr über den Gebrauch, sondern über die Besichtigung. In manchen Fällen bedeutet Musealisierung nicht nur die Aufbewahrung des Alten, sondern auch – im Falle des Verlustes - dessen Rekonstruktion, wie die zahlreichen Museumsdörfer und Freilichtmuseen zeigen.

Zbynek Z. Stránský ist der Begründer der Forschungsrichtung Museologie. Deren Ziel ist weniger eine verfahrenstechnische und organisatorische Auseinandersetzung mit dem Museum, als vielmehr das Erkennen des Prozesses, den ein Gegenstand auf seinem Weg ins Museum durchläuft. Dieser Prozess ist für Stránský durch eine Bedeutungsverschiebung gekennzeichnet. Das gesammelte Objekt wird zu einem Bedeutungsträger, der den historischen Kontext seiner Entstehung und seines Gebrauchs konserviert und gegenwärtig hält. Musealisierung ist für Stránský deshalb eine besondere Form sich mit der Realität auseinanderzusetzen. „Die spezifische Art dieser Beziehung liegt darin, dass der Mensch aus seiner Umwelt Objekte herausnimmt, die für ihn gewisse Kulturwerte repräsentieren. Diese Repräsentanten bewahrt er auf, um sie in einem neuen Kontext als kulturbildende Faktoren zur Geltung zu bringen. Durch diesen Eingriff stellt sich der Mensch gegen den Prozess ständiger Veränderung und ständigen Untergangs. Er schafft sich auf diese Weise ein sachliches Gedächtnis, das sowohl dem Geschichtsbewusstsein dient, als auch Ausdruck einer existierenden Kultur ist. Deshalb ist auch diese spezifische Beziehung des Menschen zur Wirklichkeit mit seiner Existenz dauerhaft verknüpft, wenn auch der Inhalt dieser Beziehung im Laufe der Geschichte ununterbrochen verändert wird.“ (STRÁNSKÝ 1989:41) Seit der Einführung des Begriffs der Museologie finden sich verschiedene Definitionen des Gegenstandsbereiches dieser Wissenschaftsdisziplin. Museologie als eine Wissenschaft, die sich mit der spezifischen Beziehung des Menschen zu Objekten seiner Welt beschäftigt, haben wir eben bei Stránský kennen gelernt. Andere Wissenschaftler beschäftigen sich innerhalb der Museologie vor allem mit Aktivitäten, die die Erhaltung des kulturellen Erbes zum Ziel haben. Dazu zählen alle Tätigkeiten des Sammelns, Konservierens und Klassifizierens von musealen Objekten.

Die Transformation der Gegenstände beim Übergang von der Welt in den musealen Raum thematisiert auch der Historiker Krzystof Pomian. Er betont in seiner Definition des Museums den öffentlichen Charakter dieser Institution: „Das Museum ist eine öffentliche Sammlung. Öffentlich vor allem in dem Sinn, dass es im Gegensatz zur Privatsammlung nicht einem bestimmten Individuum gehört. Es ist abhängig von einer juristischen Person – dem Staat, einer Kommune, einer religiösen Institution, einem Verein, einer Universität oder einer Stiftung, was ihm eine wesentlich längere Lebensdauer garantiert als dem Menschen.“ (POMIAN 1994:114) Pomians Sammlungsbegriff gewinnt eine kulturhistorische Dimension durch seinen semiologischen Ansatz. Objekte, die im Museum landen, vollziehen mit Eintritt in den musealen Raum eine fundamentale Statusänderung. Die gesammelten Gegenstände werden aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgerissen und ihrer bisherigen Funktion enthoben. Lokomotiven und Eisenbahnwagen, die in einem Eisenbahnmuseum stehen, transportieren keine Reisenden mehr. Utensilien, Kleidungsstücke und Werkzeuge, die Ausstellungsobjekte eines ethnologischen Museums geworden sind, haben keinen Anteil mehr am Alltag und an der Arbeit ihrer Vorbesitzer. Der Begriff der Musealisierung bezeichnet auch die Entfernung von Objekten aus aktiven Lebenskontexten – sie verlieren ihre ursprüngliche Gebrauchsfunktion. Gegenstände im Museum werden dem ökonomischen Kreislauf entzogen und somit ihrer Nützlichkeit enthoben. Mochte den Objekten in ihrem früheren Leben ein bestimmter Verwendungszweck zugekommen sein – im Museum haben sie ihn verloren. „Durch den Musealisierungsakt wird die ursprüngliche Bedeutung des Objektes, die in seinem Gebrauch gleich welcher Art gelegen hat, zurückgedrängt und durch eine neue Bedeutung ersetzt.“ (FLÜGEL 2005: 26) Mit dem Eintritt ins Museum verlieren die Objekte ihre ursprüngliche Funktion und werden gleichzeitig aufgewertet. Der ihnen zugesprochene Wert veranlasst das Museum dazu, sich besonders sorgsam um die Sammlungsstücke zu kümmern. Um sie vor zerstörerischen Einflüssen zu schützen, kontrolliert man Faktoren wie Licht, Feuchtigkeit, Temperatur, Luftverschmutzung…etc. und stellt sie so aus, das ein körperlicher Kontakt mit ihnen kaum möglich ist. Sind Gegenstände beschädigt, versucht man den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen.

[...]


[1] Die letzte „ Lange Nacht der Museen“ in Frankfurt am Main am 05.05.07 zog 40.000 Menschen von 19.00 – 01.00 in die Ausstellungen (siehe „Die große Partynacht der Museen“ aus: „Frankfurter Rundschau“ vom 07.05.07)

[2] Als zusätzliche Information soll hier noch auf die sogenannten „Völkerschauen“ eingegangen werden, die parallel zu den Völkerkundemuseen erstmals ab 1850 im Zoologischen Garten Berlin oder in Hagenbeck`s Tierpark Hamburgs gezeigt wurden. „Eingeborene wurden in ihrer Heimat von Werbern für einen Aufenthalt in den Metropolen engagiert. Nach Deutschland gebracht, gaben sie dann, zuweilen in Zoologischen Gärten, nach festgelegter Choreographie, Szenen der Kulturtradition ihres Volkes zum Besten, wie sie sich der europäische Arbeitgeber vorstellen wollte.“ (DUCKS 2003:37) Diese neue Form von Freizeitvergnügen stieß bei den Menschen auf ein großes Interesse. „An manchen Wochenenden strömten bisweilen mehrere zehntausend Menschen zu verbilligten Volkspreisen in die zoologischen Gärten, um sich bei Bier und Limonade, Kaffee und Kuchen ethnografische Folklore mit exotischen Samoanern, Lappen, Beduinen, Indianern, Australiern, Kamerunern, Nubiern, Somali, Javanern, […] und Kalmücken anzuschauen.“ (DUCKS 2003:34) Der Anblick nie zuvor gesehener Menschen aus fremden Ländern war eine Sensation und faszinierte das Publikum. Dabei ging es weniger um eine authentische Darstellung der Lebensweisen dieser exotischen Fremden, als vielmehr um das Vergnügen, das man dabei hatte. Thomas Ducks erläutert an einem Beispiel, das der Versuch einer authentischen Darstellung von Bellacoola-Indianern aus Nordamerika 1885 zu einem Misserfolg wurde, da „diese sesshaften Fischer so gar nicht dem europäischen Wunschbild eines echten Indianer-Kriegers entsprachen, das sich spätestens seit General G.S. Custers Niederlage am Little Bighorn River in den Sioux festmachte, also am Typus der berittenen Prärieindianer – in Lederkleidung und mit Tomahawk.“ (DUCKS 2003:38) Authentizität musste Rücksicht auf europäische Bedürfnisse und Erwartungshaltungen nehmen und hielt damit Klischees und Stereotypisierungen aufrecht. Die Motive für den Besuch der Völkerschauen waren mannigfaltig: mit Sensationslust gemischte Neugierde am Exotischen und Ablenkung vom tristen Alltag, Wunsch nach Zerstreuung und auch erotische Gelüste und Phantasien. Die „Wilden“ erfüllten das, was der gesittete Mensch damals nicht zulassen konnte: Ursprünglichkeit, Ungebundenheit, Triebhaftigkeit, Wildheit, Lüsternheit, Grausamkeit, Müßiggang und Lebensfreude. Das Fremdenbild des Europäers war meistens sehr abschätzend: so wurden australische Ureinwohner mit Gorillas verglichen und Schwarzafrikaner als „breitmäulige und plattköpfige Congonigger“ bezeichnet. (dazu DUCKS 2003:39) Das Völkerschauen als Möglichkeit des Verstehens anderer Kulturen genutzt wurde, kann nicht behauptet werden. Viele Besucher gingen mit einer eher verständnislosen Neugierde zu den Veranstaltungen hin und brachten den fremden Menschen nicht mehr als das Interesse für das Kuriose entgegen.

[3] wie z.B. die „Hottentotten-Venus“ – ein fachkundig sezierter und in Formalin eingelegter Frauenkörper des Khoi-Khoin-Stammes in Südafrika, der 1810 in England als „anatomische Witzfigur“ ausgestellt wurde und später im naturhistorischen Museum Paris präsentiert wurde. Erst 2002 trat dieses „Ausstellungsstück“ die Heimreise nach Kapstadt an. Die Leiche der Afrikanerin ist eine von vermutlich vielen Hundert Menschenresten, die noch in den Asservatenkammern der europäischen Museen auf ihre „Befreiung“ warten. (aus: Ducks, Thomas „Von weißen Wilden und wilden Weißen“, IKO-Verlag für interkulturelle Kommunikation, Frankfurt am Main/ London, 2003)

[4] siehe „Calvin Hunt“ , Maske des Vogelmonsters Huxwhukw im Ethnologischen Museum Berlin in der Dauerausstellung „Indianer Nordamerikas – Vom Mythos zur Moderne“

Ende der Leseprobe aus 96 Seiten

Details

Titel
Eine Untersuchung der Funktionen des ethnographischen Museums für unsere Gegenwart
Untertitel
Zwischen Raritätenkabinett und Forum der Kulturen
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Europäische Ethnologie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
96
Katalognummer
V84785
ISBN (eBook)
9783638886130
Dateigröße
757 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zwischen, Raritätenkabinett, Forum, Kulturen, Eine, Untersuchung, Funktionen, Museums, Gegenwart
Arbeit zitieren
Claudia Scheffler (Autor), 2007, Eine Untersuchung der Funktionen des ethnographischen Museums für unsere Gegenwart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84785

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