In dieser Arbeit möchte ich mich mit den ersten beiden Punkten des ‚Indiculus superstitionum et paganiarum’ beschäftigen. Der Indiculus ist ein in seiner Art einzigartiges Schriftstück. Es ist ein in lateinischer Sprache abgefasstes, unbetiteltes Verzeichnis, welches in 30 überschriftartigen Nennungen heidnische und christlich-abergläubische Gebräuche aufzählt.
Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen die ersten beiden Nennungen des Indiculus, die sich auf den Totenkult der Heiden bzw. bekehrten Sachsen beziehen. Ich möchte versuchen zu erklären, welche Bedeutung sich hinter den genannten Gebräuchen verbirgt, da auch diese nicht immer ganz eindeutig ist. Dabei sollen beide Nennungen aber nicht gemeinsam behandelt, sondern als zwei einzelne Punkte wie im Text selber getrennt voneinander abgehandelt werden. Es geht auch nicht um eine Darstellung der vorchristlichen heidnischen Bräuche der Germanen im Zusammenhang mit dem Totenkult, sondern um eine Interpretation der im Indiculus genannten Punkte, welche sich auf den Totenkult beziehen. Trotzdem ist es natürlich unvermeidbar, zum besseren Verständnis auch den religiösen Hintergrund aufzuzeigen, zumindest bei den Punkten, wo ohne diesen keine völlige Klarheit erreicht werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Totenkult
3. Interpretation
3.1. De sacrilegio ad sepulchra mortuorum
3.2. De sacrilegio super defunctos, i.e. dadsisas
4. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die beiden ersten Nennungen des "Indiculus superstitionum et paganiarum", um die zugrunde liegenden heidnischen Praktiken im Kontext des Totenkults zu interpretieren und deren kirchenkritische Einordnung zu verstehen.
- Analyse der Funktion und Gattung des "Indiculus superstitionum et paganiarum"
- Interpretation der heidnischen Totenopfer und der Bedeutung des Totenmahls
- Untersuchung des germanischen Volksglaubens an den "lebenden Leichnam"
- Deutung der "dadsisas" (Totenlieder) und des rituellen Lachens im Totenkult
- Einfluss der kirchlichen Bekämpfung auf die Umformung heidnischer Bräuche
Auszug aus dem Buch
Der Totenkult
Es ist nicht verwunderlich, dass der Totenkult an erster Stelle der Aufzählung heidnischer Gebräuche steht. Seine Ausübung und seine Erscheinungsformen sind die auffälligsten und verbreitetsten Merkmale heidnischen Brauchtums. Auch ist es wohl der Kult, über den wir die meisten Zeugnisse besitzen, was wiederum seine Bedeutung deutlich macht. Zudem ist der Totenkult wahrscheinlich das sich am hartnäckigsten und am längsten haltende Brauchtum der Heiden gewesen, dessen Überreste sich - wenn auch selten - heute noch an manchen Stellen finden. Dass die Sitten bei Tod und Begräbnis zu denen gehören, die im Allgemeinen am zähesten bewahrt bleiben, liegt wohl vornehmlich daran, dass das Verhältnis zwischen Lebenden und Toten bei den Germanen ein besonders gefährliches war, da die Furcht bestand, dass der Tote, falls er auf irgendeine Weise in seinen Rechten gekürzt wurde, eine fürchterliche Rache nehmen konnte. Die Handlungen an den Toten sollten ihn gewöhnlich unter anderem beschwichtigen und ihn an möglicherweise feindseligen Handlungen hindern.
Die beiden Nennungen beschäftigen sich mit diesem Totenkult, wobei ich mich bei der Interpretation vornehmlich auf die faktischen Vorgänge beziehen möchte. Zeugnisse über die damit verbundenen Vorstellungen vom Weiterleben nach dem Tod und vom Jenseits sind nur für die letzte Phase der heidnischen Religion erhalten und kritisch zu betrachten, wodurch für meine Interpretation nur hypothetische Aussagen über die Vorstellung von dem Leben nach dem Tod gemacht werden könnten, was ich, wenn es nicht nötig ist, vermeiden möchte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Schriftstück "Indiculus superstitionum et paganiarum" ein, diskutiert dessen Datierung und Zweck und stellt die methodische Herangehensweise der Arbeit vor.
2. Der Totenkult: Das Kapitel erläutert die zentrale Bedeutung und Langlebigkeit des Totenkults im germanischen Brauchtum, geprägt durch die Furcht vor den Toten und den Wunsch, diese zu besänftigen.
3. Interpretation: In diesem Hauptteil werden die ersten beiden Nennungen des Indiculus detailliert gedeutet, wobei die religiösen Hintergründe und die kirchliche Perspektive beleuchtet werden.
3.1. De sacrilegio ad sepulchra mortuorum: Dieser Abschnitt analysiert die heidnischen Handlungen an Gräbern, insbesondere Totenopfer und das Totenmahl, im Kontext des Glaubens an den "lebenden Leichnam".
3.2. De sacrilegio super defunctos, i.e. dadsisas: Dieser Teil befasst sich mit den "dadsisas" (Totenliedern) und der damit verbundenen Leichenwache sowie der rituellen Funktion des Lachens im Totenkult.
4. Fazit: Die Arbeit fasst die Ergebnisse zusammen und zeigt auf, wie die Kirche heidnische Riten durch Umformung in christliche Gedenkkulturen zu bekämpfen suchte.
Schlüsselwörter
Indiculus, Totenkult, germanische Mythologie, Heidentum, Totenopfer, Totenmahl, lebender Leichnam, dadsisas, Totenlieder, Leichenwache, rituelles Lachen, Christianisierung, Brauchtum, Volksglaube, heidnische Praktiken
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit einer wissenschaftlichen Untersuchung der ersten beiden Nennungen des frühmittelalterlichen Schriftstücks "Indiculus superstitionum et paganiarum", das heidnische Gebräuche auflistet.
Welche thematischen Schwerpunkte werden gesetzt?
Die zentralen Themenfelder sind der germanische Totenkult, die Bedeutung von Grabbeigaben, die Rolle von Totenliedern sowie die religiöse Auseinandersetzung zwischen heidnischem Volksglauben und kirchlicher Praxis.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist die Interpretation der im Indiculus genannten Gebräuche, um zu verstehen, welche Bedeutung hinter den Praktiken steckt und warum diese von der Kirche explizit bekämpft wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine interpretative Analyse, bei der historische Quellen sowie Sekundärliteratur zur germanischen Religionsgeschichte herangezogen werden, um die faktischen Vorgänge hinter den knapp formulierten Indiculus-Einträgen zu erschließen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Punkte "De sacrilegio ad sepulchra mortuorum" (Grabriten) und "De sacrilegio super defunctos, i.e. dadsisas" (Totenlieder/Leichenwache) ausführlich interpretiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Indiculus, Totenopfer, lebender Leichnam, dadsisas, carmina diabolica, rituelles Lachen und die Konversion von heidnischen in christliche Riten.
Warum wurde das Lachen im Totenkult als "magisches Lachen" bezeichnet?
Das rituelle Lachen diente als vitales Zeichen der Lebensbehauptung, das den Bann des Todes und alles Lebensfeindliche brechen sollte, um sich von der Trauer und dem Zustand des Verstorbenen zu distanzieren.
Welche Rolle spielte der "lebende Leichnam" in der Argumentation?
Das Konzept des "lebenden Leichnams" erklärt, warum der Tote nach dem Verständnis des germanischen Volksglaubens bis zum Ende der 30-tägigen Trauerfrist als Rechtsperson galt und weiterhin Ansprüche auf Besitz und Speise erhob.
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- Sebastian Runkel (Author), 2007, Der Totenkult im "Indiculus superstitionum et paganiarum", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84798