Fritz Schachermeyr und sein Wirken in der Zeit des Nationalsozialismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

1. Gedanken zu Althistorie und Lehrstuhlpolitik im 3. Reich

2. Leben und Werk des Fritz Schachermeyr

3. Analyse ausgewählter Schriften

4. Die Frage der Kontinuität

Resümee

Bildnachweise

Quellen- und Literaturverzeichnis

Vorbemerkung

Schachermeyr zwingt zur Auseinandersetzung.[1]

Dieser Ausspruch von Gerhard Dobesch[2] beschreibt sehr treffend die vielschichtige Persönlichkeit des Fritz Schachermeyr. Seine Arbeiten zeugen von einem unerhörten Forscherdrang. So hat sich Schachermeyr nicht nur intensiv mit der hellenischen Geschichte auseinandergesetzt, er verfasste auch mehrere Werke zu Alexander dem Großen und der Geschichtstheorie. Daneben finden wir einige bedeutsame Beiträge zur Kulturmorphologie.

Dobesch hebt insbesondere seine Fähigkeit zur Bewältigung großer Stoffmassen hervor, die er sprichwörtlich als schachermeyrsche Materialbewältigung umschreibt: Er war als Forscher Realist und arbeitsstark, aber er war auch dezidiert und entscheidungsfreudig.[3]

Auch in seiner Funktion als Professor wurden ihm von seinen Zeitgenossen große Fähigkeiten attestiert. Fritz Schachermeyr verfügte nicht nur über herausragende didaktische Fähigkeiten, auch seine Ausstrahlung als Vorleser soll ihr Ziel nicht verfehlt haben.

Trotz der unbestreitbaren wissenschaftlichen Verdienste liegt ein dunkler Schatten auf Schachermeyrs Wirken während der Zeit des Nationalsozialismus. In den Veröffentlichungen jener Jahre bekannte sich der Historiograph nicht nur zur Rassenkunde, er sympathisierte zudem ganz offen mit dem bestehenden System. Dennoch gelang es Schachermeyr auch nach 1945 seine Karriere fortzusetzen. Hochangesehen schied er aus dem wissenschaftlichen Betrieb aus.

Es fällt auf, dass bis dato nur sehr wenige Publikationen zu jenem Zeitraum existieren, welche sich zumeist auch eher überblicksartig bzw. nur am Rande mit der Person Fritz Schachermeyr beschäftigen.[4] Die Forschung steht hier erst am Anfang, es wird noch einige Zeit brauchen, bis jene Historikergeneration ihren Platz in der Wissenschaftsgeschichte gefunden hat. Gerade deshalb ist es aber reizvoll sich diesem Problemfeld zu nähern. Das Thema scheint in vielfacher Hinsicht komplex und unerschöpflich zu sein.

Es stellen sich bei der Lektüre seiner Werke unzählige Fragen, die sich keineswegs im Rahmen dieser Arbeit auch nur annähernd erschöpfend beantworten lassen. Um sich dem Menschen Schachermeyr ein wenig zu nähern, werde ich mich auf folgende Kernfragen konzentrieren: 1. Wie lässt sich seine berufliche Haltung während der Phase des Nationalsozialismus charakterisieren? 2. Welches Geschichtsbild vertritt Fritz Schachermeyr in den Werken des Dritten Reiches und wie begründet er dieses? 3. In welcher Form setzt sich der Historiograph mit dem Nationalsozialismus auseinander?

Um diesen Fragen nachzuspüren, beziehe ich mich auf die wichtigsten Veröffentlichungen von Fritz Schachermeyr während des Dritten Reiches, aber auch auf seine Autobiographie, sowie das abschließende Werk: Die Tragik der Voll- Endung.[5]

Anhand seiner Autobiographie möchte ich veranschaulichen, ob und in welcher Form sich Schachermeyr mit seiner eigenen Vergangenheit auseinander setzte, während das Werk Die Tragik der Voll- Endung hauptsächlich der Frage der Kontinuität dienlich sein soll.

Hervorheben möchte ich in diesem Zusammenhang allerdings auch, dass ich nicht gedenke `die Schuldfrage`[6] zu stellen, da ich vermeiden möchte, ein moralisches Urteil über Fritz Schachermeyr zu fällen. Ziel dieser Arbeit soll eine Analyse seiner Werke sein, die Rückschlüsse auf Schachermeyrs Gedankenwelt eröffnet.

Unverzichtbar ist ein Blick auf die Entwicklung des Faches der Alten Geschichte während der Jahre zwischen 1933- 1945, da dies nicht nur den Gesamtrahmen sichtbar werden lässt, in dem Fritz Schachermeyr agierte, es wird auch deutlich, welche Lebenswege andere Vertreter seines Fachgebietes gingen. Dem schließt sich eine Darstellung seiner wichtigsten Lebensstationen an, wobei der Schwerpunkt auf der Phase des Nationalsozialismus liegen soll. Es darf aber nicht vergessen werden, dass der Lebensweg dieses Mannes mehr als 90 Jahre umfasst und das Dritte Reich nur ein, wenn auch bedeutsamer Lebensabschnitt für Fritz Schachermeyr war.

Die letzten beiden Kapitel sollen der Quellenanalyse dienen: Zunächst wird auf die Veröffentlichungen während des Dritten Reiches eingegangen, anschließend geht es um die Frage der Kontinuität.

Kommen wir jedoch zunächst zu einem Überblick über die Entwicklungen des Faches der Alten Geschichte während der Zeit des Nationalsozialismus.

1. Gedanken zu Althistorie und Lehrstuhlpolitik im 3. Reich

Dieser Abschnitt widmet sich der Frage der Lehrstuhlpolitik in der Zeit zwischen 1933 bis 1945, wobei auch ein Blick auf die Weimarer Zeit fallen soll, da erst ein weiträumig gesteckter Zeitrahmen die Entwicklungslinien erkennbar werden lässt.[7]

Die aktuelle Forschung scheint in zwei Lager gespalten zu sein: Vornehmlich die jüngere Historikergeneration bezeichnet die `alte Garde` der Zunft häufig als Vordenker der Vernichtung, die sich zum System bekannte und diesem treu ergeben war.[8]

Die Gegenseite weist darauf hin, dass keineswegs alle Historiographen auf die Seite der Nationalsozialisten übergetreten seien, vielmehr müsse zunächst definiert werden, was unter NS- Historiker bzw. NS- Geschichtswissenschaft zu verstehen sei.

So ist beispielsweise auch die Volkstumsforschung keineswegs ein Kind des Nationalsozialismus, ihre Wurzeln liegen vielmehr in den rechten, antidemokratischen Intellektuellenkreisen der Weimarer Jahre. Dieser Personenkreis hatte sich das Ziel gesteckt, die Hegemonie des Deutschen Reichs in Mitteleuropa zu legitimieren. Ferner ist auch die sogenannte NS- Historie kein Phänomen, dass erst nach 1933 nachweisbar ist. Es lassen sich auch schon für die 1920er Jahre Vorläufer für diese Form der Historiographie ausfindig machen.[9]

Jürgen Elvert unterstreicht in seiner Abhandlung, dass die Bandbreite der (Alt)-historiker von glühenden Verfechtern der Weimarer Republik bis hin zu erbitterten Gegnern reichte.[10] Dennoch habe eine breite Mehrheit die Revision des Versailler Vertrages angestrebt. Zudem war ein Großteil der Wissenschaftler davon überzeugt, dass nur ein autoritär geführter Staat das Reich vor dem Untergang bewahren könne. Der `Traum von Weimar` stieß dagegen nur bei einem Bruchteil der Geschichtsschreiber auf Zuspruch. Es gab allerdings einige `Vernunftrepublikaner`, die daran interessiert waren, den jungen Staat kritisch- konstruktiv zu begleiten.[11] Eine breite Mehrheit verstand sich als konservative Bürger, die aber dennoch bestrebt waren, zur Parteipolitik auf Distanz zu gehen.

Es ist demzufolge offensichtlich, dass es den deutschen (Alt)- Historiker nicht gegeben hat. Vielmehr bietet sich der Forschung ein höchst differenziertes Bild, wobei die Forschungslücken immer noch beträchtlich sind.[12]

Unmittelbar nach der `Machtergreifung` kam es für die Wissenschaftler schnell zu einem bedeutsamen Einschnitt, der sich mit dem Gesetz für die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (7. April 1933) manifestierte.[13] Diese Bestimmung bot zahlreiche Möglichkeiten, um `Nichtarier` und andere politische Gegner aus ihren Ämter zu verdrängen.

Als Konsequenz dieser Maßnahmen traten zahlreiche Forscher die Flucht ins Ausland an oder sie zogen sich ins Private zurück.[14] Fraglos riskierte das Regime durch diese Politik eine Minderung an wissenschaftlicher Qualität, sie war aber bereit, diesen Preis zu zahlen.

Im Hinblick auf die Personalpolitik an den Universitäten ist festzustellen, dass bei der Neubesetzung von Lehrstühlen die Parteizugehörigkeit eine tragende Rolle spielte, aber eben auch die traditionellen Netzwerke weiterhin funktionsfähig blieben.[15]

Dennoch wird insbesondere in dem Artikel von Volker Losemann deutlich, dass bei der Entscheidung über die Neubesetzung fraglicher Professorenposten sich zugleich auch die Existenzfrage für das Fach stellte, da ein vermehrter Bedarf an Lehrstühlen für weltanschaulich besonders relevante Fächer oder auch zur Versorgung nationalsozialistischer Aktivisten auf Kosten ideologisch gefährdeter oder weniger wichtiger Disziplinen gedeckt werden sollte. [16]

Als Beispiel lässt sich die Aussage Walter Franks[17] anführen, der 1935, die Umwandlung der vakanten altphilologischen oder mittelalterlichen Professuren in eine `ordentliche Professur für Geschichte der nationalsozialistischen Revolution` verlangte. [18]

Die Hauptmotive für eine Kooperation (oder zumindest die stillschweigende Duldung) mit dem Regime waren demzufolge nicht nur der ablehnenden Haltung der Weimarer Republik

gegenüber geschuldet. Sie gründeten auch auf der Sorge vor einer nachteiligen Umgestaltung des individuellen Fachbereichs.[19]

Die folgende Grafik dient der Illustration, um einen Eindruck vom Ausmaß der Umgestaltungsaktivitäten zu geben, wobei davon auszugehen ist, dass insgesamt 147 Geschichtslehrstühle im deutschen Einflussbereich in der Zeit zwischen 1933- 1945 lagen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenAbb.2[20]

Die Darstellung veranschaulicht, dass immerhin 43,5% (64) der Stellen neu besetzt wurden, diese aber `nur` in gut 40% (26) der Fälle aus politischen oder rasseideologischen Motiven mit neuen Kräften belegt worden, wobei 36 Lehrstühle gänzlich von einer Umgestaltung unberührt blieben.[21]

Für die Geschichtswissenschaft muss, wenn man von diesen Daten ausgeht, festgestellt werden, dass es fraglos zu politisch intendierten Umgestaltungsmaßnahmen kam, der größere Teil der Stellen von diesen Schritten jedoch verschont blieb.

In diesem Zusammenhang aufschlussreich ist auch die Studie, die von Ursula Wolf durchgeführt wurde und die Frage der Systemtreue bzw. Systemgefolgschaft zu beleuchten versucht.[22] Die Wissenschaftlerin kommt darin zu dem interessanten Ergebnis, dass etwa 40% der Historiker offen mit dem Regime kooperierten und sich eine ebenso große Gruppe mit dem System arrangierte. Nur eine verschwindende Minderheit entschied sich für eine kritische Haltung, die sie dennoch meist nur inkognito in ihren Arbeiten äußerte, wo sie auf wenig Resonanz stoßen konnte. Die Grundhaltung der Wissenschaftler erklärt sich auch durch die zahlreichen Hoffnungen, die an die neuen Machthaber geknüpft wurden. So rechneten viele mit einer vorteilhaften Reorganisation der Gesellschaft, sowie einer staatlichen Neuordnung.[23] Auch der im Mittelpunkt dieser Arbeit stehende Althistoriker Fritz Schachermeyr zählte zu dieser Personengruppe, was durch das folgende Zitat verdeutlicht wird: (...)Meine Sympathien zu Hitler waren damals nicht gering, da ich in ihm den Österreicher und vor allem den gebbürtigen Linzer sah, von ihm auch ich die Beseitigung des von mir so verhassten preußischen Standesdünkels erhoffte. [24]

[...]


[1] Dobesch, Gerhard, AJAH 13, 1988 (1996), S. 46.

[2] Gerhard Dobesch (* 15. September 1939 in Wien) ist ein österreichischer Althistoriker, Keltologe und Altphiloge. Derzeit Ordentlicher Universitätsprofessor für Römische Geschichte, Altertumskunde und Epigraphik an der Universität Wien.

[3] Dobesch (wie Anm. 1), S. 12f.

[4] hier sind u.a. zu nennen: Näf, Beat, Der Althistoriker Fritz Schachermeyr und seine Geschichtsauffassung im wissenschaftsgeschichtlichen Rückblick, in: Storia della Storiografia 26 (1994), kurze Beachtung findet Schachermeyr bei: Gottwald, Herbert, Die Jenaer Geschichtswissenschaft in der Zeit des Nationalsozialismus, in: `Kämpferische Wissenschaft`, Studien zur Universität Jena im Nationalsozialismus, hrsg. von Uwe Hoßfeld, Jürgen John, Oliver Lemuth, Rüdiger Stutz, Köln, Weimar, Wien 2003 und Losemann Volker, Nationalsozialismus und Antike Studien zur Entwicklung des Faches Alte Geschichte 1933- 1945, Hamburg 1977, S. 27- 86.

[5] Schachermeyr, Fritz, Die Tragik der Voll- Endung. Stirb und Werde in der Vergangenheit. Europa im Würgegriff der Gegenwart, Wien, Berlin 1981.

[6] Jaspers, Karl, Die Schuldfrage, München 1979, Jaspers differenziert verschiedene Ebenen der Schuld (kriminelle, politische, moralische und metaphysische), spricht sich aber gegen eine `Kollektivschuldthese` aus.

[7] Das Kapitel stützt sich auf die Literatur von 1. Schriften des Historischen Kollegs Kolloquien 53, Die Rolle der Geisteswissenschaften im Dritten Reich 1933- 1945, hrsg. von Hans- Rutger Hausmann, Oldenbourg Verlag München 2002, S. 87- 133 und 2. Losemann Volker, Nationalsozialismus und Antike Studien zur Entwicklung des Faches Alte Geschichte 1933- 1945, Hamburg 1977, S. 27- 86.

[8] Losemann, Volker, Alte Geschichte (wie Anm. 4), S. 29.

[9] Ein bekanntes Beispiel: Spengler, Oswald, Der Untergang des Abendlandes, ungekürzte Sonderausgabe, München 1981.

[10] Bsp. hierfür wären u.a. Peter Rassow, der sich öffentlich für die „rechtliche, liberale“ Ordnung durch parteipolitisches Engagement in der DDP einsetzte, sowie als `Gegenpol` Martin Spahn, der zu den heftigsten Kritikern der Weimarer Republik zählte und als `Vertrauensmann` der „Konservativen Revolutionäre“ zählte.

[11] Losemann, Volker, Alte Geschichte (wie Anm. 4), S. 28.

[12] So existiert bis dato keine umfassende Biographie zu Bernhard Rust, der immerhin von 1933-1945 Bildungsminister war. Zur fehlenden Literatur bei Fritz Schachermeyr siehe die Vorbemerkung.

[13] Losemann führt weiter aus, dass sich durch zahllose weitere Verordnungen und Gesetze die Situation bis zum Auswanderungsverbot am 23. Oktober 1941 weiter verschärfte, in: Losemann, Volker, Alte Geschichte (wie Anm. 4), S. 30.

[14] Hier sind allein für die Universität Berlin zu nennen: Elias Bickermann, Arthur Rosenberg und Ernst Stein.

[15] Elvert, Jürgen, Geschichtswissenschaft, (wie Anm. 7), S. 97.

[16] Losemann, Volker, Alte Geschichte (wie Anm. 4), S. 46.

[17] Walter Franks: geboren am 12.2.1905 in Fürth, gestorben am . Mai 1945 in Brunsrode. Franks war ein deutscher Historiker und Präsident des Reichsinstituts für Geschichte des Neuen Deutschlands.

[18] Losemann, Volker, Alte Geschichte (wie Anm. 4), S. 46.

[19] Es ist klar, dass daneben auch andere Motivmuster aktiv waren, die für die individuelle Entscheidung von mindestens ebenso großer Bedeutung gewesen sein können: Karrierebestrebungen stehen hier sicherlich an einer prominenten Position.

[20] Losemann, Volker, Alte Geschichte (wie Anm. 4), S. 46.

[21] Ebd.

[22] Wolf, Ursula, Litteris et patriae: Das Janusgesicht der Historie, Stuttgart 1996.

[23] Elvert, Jürgen, Geisteswissenschaften (wie Anm. 7), S. 132.

[24] Näf, Beat, Der Althistoriker Fritz Schachermeyr (wie Anm. 4), S. 92.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Fritz Schachermeyr und sein Wirken in der Zeit des Nationalsozialismus
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V84812
ISBN (eBook)
9783638011617
ISBN (Buch)
9783638920667
Dateigröße
1096 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fritz, Schachermeyr, Wirken, Zeit, Nationalsozialismus, Geschichte, 2. Weltkrieg, Alte Geschichte, Fritz Schachermeyr
Arbeit zitieren
Richard Oehmig (Autor), 2006, Fritz Schachermeyr und sein Wirken in der Zeit des Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84812

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