„It is a triumph more glorious, because far more useful to mankind, than was ever won by conqueror on the field of battle.” Diese prägnanten Worte des amerikanischen Präsidenten James Buchanan entstammen einer telegraphisch übermittelten Nachricht an die Königin von England vom 16. August 1858. Wenige Tage zuvor, am 5. August, war der Atlantic Telegraph Company unter Cyrus W. Field die erste erfolgreiche Verlegung eines Telegraphenkabels durch den atlantischen Ozean gelungen. Die Botschaft Buchanans verleiht der immensen Euphorie und Begeisterung Ausdruck, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Erfindung und Genese des elektromagnetischen Telegraphen in breiten Kreisen der amerikanischen Bevölkerung, Presse und Wissenschaft hervorgerufen worden war.
Die Arbeit möchte sich vor diesem Hintergrund vor allem dem Verhältnis zwischen technischer Vision und tatsächlicher historischer Entwicklung des elektro-magnetischen Telegraphen widmen: Im Zentrum steht dabei einerseits die Frage, welche Hoffnungen und Ideen von den Zeitgenossen mit der Ausbreitung des neuen Kommunikationsmittels verknüpft wurden. Demgegenüber wird eine Untersuchung der empirisch erfassbaren Folgen der technischen Entwicklung einen weiteren inhaltlichen Schwerpunkt bilden. Im Ergebnis soll so ein kontrastierender Vergleich zwischen Realität und Utopie bzw. Vision ermöglicht werden.
Hierzu scheint zunächst eine kurze Auseinandersetzung mit den Charakteristika der vortelegraphischen Kommunikation sowie der frühen Entwicklungsgeschichte der Technologie sinnvoll. Einer Beleuchtung der strukturellen Weiterentwicklung des neuen Kommunikationsnetzwerkes in den Vereinigten Staaten wird sich die Untersuchung der Herstellung einer ersten transatlantischen Telegraphenverbindung anschließen, da hier besonders viele medienbezogene Zukunftsvorstellungen greifbar werden. Hinführend zum abschließenden Resümee soll schließlich die Analyse der Kernbereiche der Anwendung der Technologie stehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kommunikation 1775 – 1844: Staatliche Kontrolle und experimenteller Fortschritt
2.1. Gestalt und Infrastruktur der Kommunikation vor dem Telegraphen: Das amerikanische Postsystem
2.2. Optische Telegraphie und frühe Entwicklung des elektro-magnetischen Telegraphen
3. Privatisierung und Monopolbildung: Die Infrastruktur des neuen Mediums
4. Utopie und Wirklichkeit
4.1. Das Medium als Kristallisationspunkt kollektiver Utopien und Visionen
4.2. Das Spannungsfeld zwischen Vision und Wirklichkeit
4.3. Die Auswirkungen des Mediums – Kernbereiche der Veränderung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen der technischen Vision und der tatsächlichen historischen Entwicklung des elektro-magnetischen Telegraphen in den USA des 19. Jahrhunderts. Dabei wird analysiert, welche gesellschaftlichen Hoffnungen mit dem neuen Kommunikationsmittel verknüpft wurden und wie diese den realen empirischen Folgen des technischen Fortschritts gegenüberstanden, um einen kontrastierenden Vergleich zwischen Utopie und Realität zu ziehen.
- Vergleich von technischer Vision und historischer Realität
- Strukturelle Entwicklung der Kommunikationsinfrastruktur (Postwesen und Telegraphie)
- Die Rolle der Privatisierung und Monopolbildung (Western Union)
- Ideologische Einbettung des Telegraphen (Manifest Destiny, Exzeptionalismus)
- Anwendungsfelder und Auswirkungen auf Presse, Handel und Eisenbahn
Auszug aus dem Buch
4.1. Das Medium als Kristallisationspunkt kollektiver Utopien und Visionen
Im Folgenden soll es nun vor dem bisher geschaffenen Hintergrund um die Untersuchung des Telegraphen in seiner Funktionsweise als Projektionsfläche für Utopien und Visionen gehen. Vielversprechend scheint hier vor allem ein Blick auf die frühen Versuche zur Herstellung einer transatlantischen Telegraphenverbindung, denn hier werden besonders viele derartige Zukunftsvorstellungen greifbar.
In der Tat stellt die erste erfolgreiche Verlegung eines transatlantischen Kabels durch die Atlantic Telegraph Company im August 1858 einen Höhepunkt der Euphorie um das neue Medium dar, der besonders deutlich bei einer Betrachtung der Presseberichterstattung seiner Zeit hervortritt. Voraussetzung dieser Entwicklung ist ein im 17. und 18 Jahrhundert vollzogener Wandel zu einer auf den Menschen zentrierten Weltvorstellung, welche die ‚Zukunft’ als beeinflussbare, in ihrer Gestaltung noch nicht vorbestimmte Zeitebene für individuelle Zukunftsspekulationen verfügbar machte. Im Gegensatz zur frühen Entwicklungsphase nach 1844, in der neben Begeisterung, Verwunderung und Stolz auch Gefühlsregungen wie Zweifel und abergläubische Furcht die gesellschaftliche Reaktion auf das Medium stark kennzeichneten, scheinen 1858 auf den ersten Blick positive Erwartungen der Verbindung zwischen Valencia Bay in Irland und St. John’s in Neufundland dominant zu sein. Dies kennzeichnet eine Veränderung der Wahrnehmung, bei der sich die telegraphische Kommunikation von einem technischen Mysterium zu einer der bedeutenden Annehmlichkeit der Moderne wandelte. Dabei hatte die von Morse frühzeitig antizipierte Verlegung eines Unterseekabels noch in den 1840er Jahren angesichts enormer Kosten, Risiken und technischer Unzulänglichkeiten selbst als unerfüllbare Illusion gegolten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der gesellschaftlichen Wahrnehmung des Telegraphen ein und definiert die zentrale Forschungsfrage zum Spannungsfeld zwischen technischer Vision und realer historischer Entwicklung.
2. Kommunikation 1775 – 1844: Staatliche Kontrolle und experimenteller Fortschritt: Das Kapitel analysiert das vortelegraphische Kommunikationswesen, insbesondere das amerikanische Postsystem, und die frühen technischen Entwicklungen in Chemie und Elektrizität.
3. Privatisierung und Monopolbildung: Die Infrastruktur des neuen Mediums: Hier wird der Prozess der Privatisierung der Telegraphennetze beschrieben, der in der monopolartigen Vormachtstellung der Western Union Telegraph Company gipfelte.
4. Utopie und Wirklichkeit: Dieses Kapitel untersucht den Telegraphen als Projektionsfläche für Visionen, wie etwa die Manifest Destiny, und stellt diese den tatsächlichen Auswirkungen in den Bereichen Wirtschaft und Gesellschaft gegenüber.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass der Telegraph weniger selbst utopienbildend war, sondern als Verstärker bereits tief verwurzelter gesellschaftlicher Überzeugungen fungierte.
Schlüsselwörter
Telegraphie, Kommunikationsrevolution, USA, 19. Jahrhundert, Manifest Destiny, Western Union, Infrastruktur, Medienutopie, Pressewesen, Eisenbahn, Informationstechnologie, Privatisierung, technische Vision, Nachrichtenkonzept, transatlantisches Kabel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historische Rolle des elektro-magnetischen Telegraphen in den USA des 19. Jahrhunderts und wie diese neue Technologie das gesellschaftliche Leben sowie die Infrastruktur beeinflusste.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Entwicklung der Kommunikationsinfrastruktur, der Prozess der Privatisierung durch Unternehmen wie Western Union und die utopischen Erwartungen der Zeitgenossen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, den Kontrast zwischen den medialen Zukunftsvisionen und der tatsächlichen, empirisch messbaren historischen Entwicklung des Telegraphen aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verfolgt einen historisch-medienwissenschaftlichen Ansatz, unterstützt durch die Recherche in historischen Zeitungsarchiven, insbesondere dem Brooklyn Daily Eagle.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des vortelegraphischen Postsystems, die wirtschaftliche Monopolbildung sowie eine detaillierte Analyse der Diskrepanz zwischen utopischen Visionen und der Anwendung in Wirtschaft, Eisenbahnwesen und Presse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Telegraphie, Kommunikationsrevolution, Manifest Destiny, Monopolbildung und die soziokulturellen Auswirkungen auf den Informationsfluss.
Wie wurde die "Manifest Destiny" durch den Telegraphen beeinflusst?
Der Telegraph fungierte als technisches Vehikel, um die territoriale Ausdehnung und die Verbreitung amerikanischer Ideale voranzutreiben, und unterstützte somit die Doktrin der Manifest Destiny.
Welche Bedeutung hatte die Zusammenarbeit mit der Eisenbahn?
Die Kooperation zwischen Eisenbahngesellschaften und Telegraphenfirmen war eine symbiotische Beziehung, die zur Kostenreduzierung bei der Kabelverlegung beitrug und gleichzeitig die organisatorische Effizienz des Schienenverkehrs durch Verkehrsberichte steigerte.
Warum wird der Telegraph als Implosion bezeichnet?
Er wird so bezeichnet, da zunächst vorwiegend wichtige Fernverbindungen hergestellt wurden und die lokale Ausdifferenzierung erst später erfolgte, was den exklusiven Zugang zu Beginn einschränkte.
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- B.A. Carsten Lippe (Author), 2007, Der Telegraph in den USA des 19. Jahrhunderts: Vision und Wirklichkeit einer Kommunikationsrevolution, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84971