Die Gleichnisrede der Wahlverwandtschaften stellt die Frage nach der Freiheit des Menschen über seine Natur. Die Ohnmacht der vier Teilnehmer des Experiments gegenüber den sich entwickelnden Affinifitäten beweist, dass die Kultur des Menschen nicht über seine Natur erhaben ist. Das Unglück resultiert aus der Fehllektüre der Gleichnisrede, denn hier nimmt das Experiment seinen Anfang. Da Buchstaben an die Stelle der Wirklichkeit treten, wird aus der chemischen Formel nicht das richtige Ergebnis vorhergesagt. Das Lesen und Schreiben gehört in dem kleinen aufgeklärten Kreis zu den kulturellen Praxen des geselligen Lebens. Doch mit dem Sieg der Naturkräfte über die kontrollierende Ratio im Laufe des Romans ‚misslingt’ ihre auf Sprache und Schrift basierende Kommunikation. Zeichen werden zu den Agenten der Täuschung, sie führen zu Fehldeutungen und Irritationen. Das ‚Misslingen’ von Sprache und Schrift reflektiert die Bedingungen ihres ‚Funktionierens’. Dies wird an einigen Beispielen vorgeführt.Während das Zeichenkonzept der aufgeklärten Gesellschaft als ‚theatral’ bezeichnet werden kann, ist der Zugang der zivilisationsfernen Ottilie zu dem Medium Schrift ‚authentisch’ zu nennen. Allerdings durchkreuzt ihre Art zu schreiben das Paradigma der Natürlichkeit, das die Empfindsamkeit der schriftlichen Selbstaussprache zuweist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Bedeutung von Interaktion und Schrift im 18. Jahrhundert
3. Die Arbitrarität des Zeichens
3.1 Die Gleichnisrede der Wahlverwandtschaften
3.2 Fehllektüren des Lebens – Eduards Schicksalsdeutung
3.3 Theatralität der Zeichen
4. Authentizität des Schreibens und Lesens
4.1 Ottilies Schreibgeste
4.2 Eduards Geste des Lesens
5. Resümee
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit analysiert die Konzeption von Zeichen, Sprache und Schrift in Johann Wolfgang Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften". Dabei wird untersucht, wie die Unzuverlässigkeit und Arbitrarität zeichensprachlicher Systeme in einer sich wandelnden, medialen Gesellschaft zu Täuschungen und Irritationen führen, während die Protagonisten unterschiedliche Ansätze von Natürlichkeit und Theatralität in Bezug auf Schrift und Kommunikation verkörpern.
- Die Arbitrarität des Zeichens als Ursache für Fehllektüren und Täuschungen
- Gegenüberstellung von theatralischen (Luciane) und authentischen (Ottilie) Kommunikationsformen
- Die Rolle der Schrift im Kontext der aufblühenden Buchkultur des 18. Jahrhunderts
- Analyse der Schreibgeste und des Lesevorgangs als körpergebundene Ausdrucksformen
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Gleichnisrede der Wahlverwandtschaften
Als ein Spiel von Zeichen, Namen und Begriffen erweist sich der Roman zunächst in der titelgebenden und für die Auslegung bedeutenden Gleichnisrede des vierten Kapitels. Bei der abendlichen Lektüre von „Werke[n] physischen, chemischen und technischen Inhalts“(31)18 sprechen Eduard, Charlotte und der Hauptmann – Ottilie befindet sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf dem Anwesen – über den Begriff der ‚Wahlverwandtschaften‘, dessen Auslegung die Beliebigkeit von Bezeichnungsvorgängen vorführt. Nicht zuletzt im Ergebnis des weiteren Handlungsverlaufes werden die sprachlich evozierten Täuschungen offensichtlich. In die Irre geführt wird Charlotte zunächst, als Eduard das Wort ‚Verwandtschaften‘ vorliest, denn sie muss sofort an „ein paar Vettern“ (32) denken, obwohl „von ganz leblosen Dingen die Rede ist“ (32). Was Charlotte zu dieser falschen Annahme führt, ist die tropische Verwendung des sprachlichen Ausdrucks. Derselbe Begriff, nämlich ‚Verwandtschaft‘ beziehungsweise ‚Wahlverwandtschaft‘ kommt in verschiedenen Wirklichkeitssphären vor, sowohl in der Chemie als auch im Bereich des Menschlichen, aus dem der Ausdruck auch stammt. Seine Bedeutung ist insofern kontextabhängig. Charlottes Fehldeutung resultiert aus einer sprachlichen Übertragung eines Begriffes in einen anderen Vorstellungsbereich. Der Wunsch Charlottes zu wissen, „in welchem Sinne dieser Ausdruck eben bei diesen Gegenständen gebraucht wird“ (33), veranlasst die drei zu einer Gleichnisrede, die in Wirklichkeit eine Rückübertragung aus dem Bereich der Chemie in die Sphäre des Menschlichen ist. Dass aus einem naturwissenschaftlichen Modell über die Anziehungskraft chemischer Substanzen eine Theorie menschlicher Leidenschaften wird, verdankt sich also der Doppeldeutigkeit sprachlicher Ausdrücke. Auf diese Weise werden humane Prozesse mit chemischen Abläufen gleichgesetzt, aber auch umgekehrt erhalten chemische Elemente menschliche Eigenschaften: Zum Beispiel argumentiert Charlotte mit moralischen Bewertungskriterien, als von dem „Scheidekünstler“ (36) die Rede ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des Lesens und Schreibens im Roman ein und postuliert die These, dass das Versagen der Zeichensysteme die Bedingungen ihrer Funktion widerspiegelt.
2. Die Bedeutung von Interaktion und Schrift im 18. Jahrhundert: Dieses Kapitel erläutert die medienhistorische Entwicklung von der Körpersprache zur Schrift als zivilisatorischen Prozess und die damit verbundene Unterscheidung zwischen natürlichen und konventionellen Zeichen.
3. Die Arbitrarität des Zeichens: Hier wird untersucht, wie die Beliebigkeit von Zeichen in Goethes Roman zu Fehllektüren führt, wobei Eduards Schicksalsdeutung und die Theatralität der Zeichen im Mittelpunkt stehen.
4. Authentizität des Schreibens und Lesens: Dieses Kapitel analysiert Ottilies natürliche Schreibgeste und Eduards Leseerfahrungen, um Konzepte von Authentizität gegen die theatralische Verstellung abzugrenzen.
5. Resümee: Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der semiotischen Erkenntnisse, die bestätigen, dass das "Misslingen" der Zeichenpraxis eine zentrale Krise der Kommunikation im Roman darstellt.
Schlüsselwörter
Wahlverwandtschaften, Johann Wolfgang Goethe, Zeichen, Schrift, Arbitrarität, Theatralität, Authentizität, Kommunikation, 18. Jahrhundert, Literaturwissenschaft, Sprache, Schreibgeste, Fehllektüre, Medienwandel, Empfindsamkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht die semiotische Struktur von Sprache, Schrift und Zeichen in Goethes "Die Wahlverwandtschaften" und analysiert, wie diese im Roman als instabile oder theatralische Kommunikationsmedien dargestellt werden.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Unterscheidung zwischen natürlichen und konventionellen Zeichen, die Problematik der Interpretation sowie der Kontrast zwischen authentischem Ausdruck und theatralischer Verstellung.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Textes?
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie das "Misslingen" von Zeichensystemen im Roman die Bedingungen für das Funktionieren von Kommunikation reflektiert und inwiefern Zeichen als Werkzeuge der Täuschung fungieren.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse, die semiotische Theorien und medienhistorische Kontexte (insbesondere Albrecht Koschorkes Werk zur Mediologie des 18. Jahrhunderts) auf zentrale Textstellen des Romans bezieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung über Schriftkultur, eine Analyse der Arbitrarität von Zeichen (Gleichnisrede, Schicksalsdeutung) und eine Untersuchung von Schreib- und Lesegesten im Kontext von Authentizität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie "Arbitrarität", "Theatralität", "Authentizität", "Zeichen" und "Medium Schrift" maßgeblich bestimmt.
Wie unterscheidet sich Ottilie von Luciane in Bezug auf ihr Schreiben?
Ottilie wird als natürliches Wesen dargestellt, deren Schreiben ein direkter, körpergebundener Ausdruck ihrer Innerlichkeit ist, während Luciane als theatralisches Wesen ihre Schrift und Gestik als inszenierte Maske einsetzt.
Warum hält Eduard das Glas für ein Schicksalszeichen?
Eduard interpretiert die eingravierten Initialen E und O auf dem Glas als Bestätigung für seine unzerstörbare Verbindung mit Ottilie, wobei er die Vieldeutigkeit der Buchstaben ignoriert und sein eigenes Begehren in die Zeichen hineinprojiziert.
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- Janine Dahlweid (Author), 2006, Theatralität und Authentizität des Zeichens in Johann Wolfgang Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84973