Die Rezeption von Qigong in der Bundesrepublik Deutschland

Explorationsstudie


Masterarbeit, 2006
232 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Methoden und Aufbau der Arbeit
2.1 Methodenwahl und Darstellung
2.2 Gang der Untersuchung
2.2.1 Voraussetzungen, Vorwissen und Ausgangsfragestellungen
2.2.2 Untersuchungsverlauf
2.2.3 Methodik der Dokumentenanalyse, Interviewauswertung und Untersuchung der aktuellen Kurssituation
2.3 Darstellung der Schlüsselkategorie

3 Qigong - allgemeine Darstellung und historischer Kontext
3.1 Qigong und seine Grundlagen
3.2 Konzepte im Daoismus und in Traditioneller Chinesischer Medizin
3.3 Qigong im „alten“ China
3.4 Qigong im „modernen“ China
3.5 historische Situation von Qigong im Westen und besonders der BRD

4 Explorationsstudie
4.1 Dokumentenanalyse
4.1.1 Methode zur Erfassung der Bücher
4.1.2 Anzahl und Auflagen der Buchtitel
4.1.3 Erscheinungsjahre und Auflagenzahl
4.1.4 Beginn der Rezeption in der BRD
4.1.5 Autoren
4.1.6 Buchtitel und Aufmachung
4.1.7 Adressaten
4.1.8 Inhaltliche Ausrichtungen
4.1.9 Anpassung an westliche Rezipienten
4.2 Interviewauswertung
4.2.1 Ziele, Erwartungshaltungen, Inhalte und Methoden der Übungspraxis
4.2.2 Erfahrungen mit und Wirkungen von Qigong
4.2.3 Lernen und Lehren
4.2.4 Situation im heutigen China
4.2.5 Situation in der BRD
4.2.6 Ideologischer Hintergrund
4.3 Untersuchung der aktuellen Kurssituation
4.3.1 Kursangebote
4.3.2 Qigongvereinigungen und -gesellschaften
4.3.3 Qigonglehrer und Ausbildungen
4.3.4 Kongresse und Zeitschriften
4.4 Ergebnisse und Interpretation der Exploration
4.4.1 Allgemeine Wandlungsaspekte von Qigong
4.4.2 Ziele, Wirkungen und Anwendungsbereiche
4.4.3 Verbreitung
4.4.4 Qigongmethoden
4.4.5 Lehren und Lernen
4.4.6 Anpassung
4.4.7 Kritik an Qigongrezeption
4.4.8 Vergleich China und BRD
4.5 Interpretation von „Wandlung durch Übung“ als abstrakte Schlüsselkategorie
4.6 Resümee

5 Anhang
5.1 Literaturverzeichnis
5.2 Abbildungsverzeichnis
5.3 Verzeichnis der Tabellen
5.4 Quellenverzeichnis
5.5 Transkriptionstexte der Interviews (9 Interviews)
5.5.1 Interview 1
5.5.2 Interview 2
5.5.3 Interview 3
5.5.4 Interview 4
5.5.5 Interview 5
5.5.6 Interview 6
5.5.7 Interview 7
5.5.8 Interview 8
5.5.9 Interview 9
5.6 Zitate in der Reihenfolge des Textes des Kapitels „Interviewauswertung“
5.7 Tabellen zur Dokumentenanalyse
5.7.1 Buchtitel: Autor, Titel, Ort, Jahr der Erstauflage, Jahr der letzten Auflage, Auflagenzahl
5.7.2 Bücher: Verlage mit Auflagen- und Titelzahl

1 Einleitung

In den letzten Jahrzehnten erfolgte eine zunehmende Verbreitung von Heilverfahren und Übungsmethoden aus dem asiatischen Raum in den Westen, z.B. aus Indien das Yoga und die Ayurvedische Medizin, aus China Qigong und die Traditionelle Chinesische Medizin. Insbesondere die klinische Anwendung und Akzeptanz von Akupunktur hat zugenommen, wie indikationsabhängige Erstattung der Gesetzlichen Krankenkassen bei bestimmten Indikationen zeigt. Auch ist Qigong in der BRD seit dem Jahr 2000 als Präventionsmethode durch die Krankenkassen anerkannt.

Zur Frage, was von Qigong aus China in der BRD angekommen ist, existieren keine globalen empirischen Untersuchungen. Dies ist Gegenstand der vorliegenden Explorationsstudie.

Ziel der Untersuchung ist die Beantwortung der Frage, was von den Qigong-Übungen im Westen bisher „angekommen“ ist und in welchen Bereichen Qigong als Methode im Westen identisch, ähnlich oder unterschiedlich gegenüber der Praxis in China ist.

Der Untersuchungsgegenstand wird in folgende Teilfragen gegliedert:

- welchen Umfang und welche Verbreitung Qigong in der BRD hat,
- welche Ziele westliche Übende mit Qigong verbinden,
- welche Erfahrungen Übende mit Qigong machen,
- welche Qigong-Methoden im Westen dominieren,
- in welchen Kontexten Qigong-Übungen in der BRD angewendet werden,
- wie Qigong in der BRD vermittelt und unterrichtet wird,
- ob sich die Übungsformen oder die Arten des Übens durch die Übernahme in den „Westen” inhaltlich verändert haben,
- ob es im Vergleich zu China Veränderungen in Bezug auf die untersuchten Teilaspekte oder auch Parallelen gibt
- und welche Bedeutung die religiösen/philosophischen Kontexte aus China für die Rezeption im Westen haben und wie hier eventuelle Anpassungen erfolgen.

Mittels der Methode der „Grounded Theory“ soll Datenmaterial hinsichtlich der Leitfrage untersucht werden. Dies geschieht durch die Entwicklung von Kategorien und die Erklärung von Beziehungen und Strukturen (vgl. Kapitel 1).

Das 2. Kapitel dient der Einführung in die spezielle Thematik. Dargestellt werden Definition und Erklärung zu Begriff und Inhalt von Qigong, der ideologische Hintergrund von Qigong mit einigen Theoriegrundlagen der Traditionellen Chinesischen Medizin und die historischen Entwicklungslinien des Qigong, um Kontinuität und Veränderungen im Laufe der Tradition im „alten“ und „neuen“ China wahrzunehmen. Abschließend wird im 2. Kapitel der Beginn der Rezeption von Qigong im Westen und insbesondere der Bundesrepublik Deutschland geschildert.

Schwerpunkt der Arbeit bildet die Explorationsstudie in Kapitel 3. Genutzt werden Informationen der bis 2005 in der BRD erschienenen Bücher im Rahmen einer Dokumentenanalyse (3.1), Interviews mit Menschen, die Kontakt zu Qigong haben oder hatten (3.2) und Materialien zur aktuellen Kurs- und Anwendungssituation (3.3.).

In der Auswertung (3.4) erfolgt die Informationsanalyse der vorherigen Teilkapitel (3.1.-3.3).

Zur empirischen Nachprüfbarkeit der Darstellung und ihrer Ergebnisse sind im Anhang die Interview-Transkripte, Tabellen über die 187 Bücher aus der Dokumentenanalyse und auf CD Material zur Recherche über die aktuelle Kurs- und Ausbildungssituation von Qigong in der BRD beigefügt.

In der Schreibweise der Terminologie wird in der Regel Pin-Yin-Umschrift verwendet mit Ausnahme von Zitaten. Für den Begriff „Qigong“ wird die Schreibweise als ein zusammengeschriebenes Wort gewählt. In Zitaten und Literaturangaben finden sich weitere übliche Schreibweisen wie Qi Gong, Chi-kung, Ch`i- kung. Letztere Bezeichnungen entsprechen noch der Giles-Wade-Umschrift, die in neuerer Zeit seltener in der Literatur benutzt wird. Von einer Verwendung chinesischer Schriftzeichen wird in der Untersuchung kein Gebrauch gemacht.

Zur besseren Lesbarkeit wird auf die Doppeldarstellung des Genus bei Personen verzichtet und in der Regel die maskuline Form gewählt.

2 Methoden und Aufbau der Arbeit

2.1 Methodenwahl und Darstellung

Ausgangspunkt für die Wahl der Methoden ist das Bestreben, den Gegenstand der Untersuchung angemessen zu untersuchen und darzustellen.

Flick (2004, S. 391f) schlägt vor, dass die Angemessenheit in Bezug auf die Fragestellung leitend für die Methodenwahl sein soll und „dass nicht grundsätzliche Erwägungen der Entscheidung für oder gegen qualitative Methoden bzw. für oder gegen quantitative Methoden bestimmen sollten, sondern der untersuchte Gegenstand und die an ihn herangetragenen Fragestellungen“ (ebd.).

Lamnek (2004, S. 2 - 292) stellt in seiner grundsätzlichen Darstellung und Diskussion Entstehung, Ansätze, Ziele und die Leistungsmöglichkeiten der Methoden der qualitativen Sozialforschung im Vergleich zur quantitativen Sozialforschung dar.

Eine hinreichende Bekanntheit des Gegenstandsbereiches ist für Lamnek (2005, S. 25) ein wichtiges Kriterium einer Entscheidung für quantitative oder qualitative Methoden: „...dass die zu untersuchende Sphäre des sozialen Lebens bereits hinreichend bekannt und damit eine besondere Offenheit und Flexibilität nicht mehr erforderlich sei“ (ebd.), ist ein Argument für die Wahl eines quantitativen Verfahrens. Es war zwar ein Vorwissen zur Situation der Rezeption von Qigong zu Beginn der Untersuchung gegeben (siehe S. 15), aber mangels umfangreicher aktueller Feldkenntnisse wurde dies von der Verfasserin nicht als eine hinreichende Bekanntheit im obigen Sinn von Lamnek erachtet. Von daher stellte die nicht hinreichende Bekanntheit des Untersuchungsgegenstandes ein Kriterium für die Wahl einer qualitativen Untersuchungsmethode dar.

Die Offenheit im Rahmen einer qualitativ ausgerichteten Untersuchung mit der Möglichkeit und Notwendigkeit, „den Forschungsprozess so zu entwickeln und zu präzisieren, dass sein Problem, die Steuerung seiner Untersuchung, Daten, analytische Beziehungen und Interpretationen aus dem empirischen sozialen Leben entstehen und darin verwurzelt bleiben“ (ebd.), passt zum Untersuchungstyp einer Explorationsstudie (ebd.).

Für die Exploration als Typ der Untersuchung eines fremden Lebensbereiches führt Lamnek relevante Kriterien des Untersuchungsvorgehens auf: „flexible Vorgehensweise“, die Bereitschaft, „von einer Forschungslinie auf eine andere“ überzuwechseln, „neue Punkte zur Beobachtung im Verlauf der Untersuchung“ dazu zu nehmen zur möglichen Veränderung seiner „Definition dessen, was relevante Daten sind“. „Es wird eine Orientierung der Erhebungsinstrumente bzw. deren Auswahl und Anwendung an der Problemstellung und der sozialen Realität gefordert - und nicht umgekehrt“ (a.a.O. S. 25). Ziel ist ein klares Problemverständnis und die Bestimmung, was angemessene Daten dafür sind“ (Lamnek, 2005, S. 38f).

Die zuspitzende Formulierung der Zielrichtungen von quantitativer und qualitativer Forschung in „überprüfende versus entdeckende Forschungslogik“ (Brüsemeister, 2000, S. 21) untermauert die getroffene Entscheidung für die Wahl einer qualitativen Methode.

Die Methode der Grounded Theory wurde von Strauss und Glaser entwickelt als qualitative Methode der Sozialforschung. „Gegründet“ im Datenmaterial sollen Theorien entwickelt werden. Hierzu werden in wiederholten zirkulären Prozessen, an Texten bzw. Materialien Kategorien entdeckt und verknüpft, Hypothesen gebildet und wieder am Material selbst verifiziert. Im Prozess des „Theoretical sampling“ wird immer wieder nach geeignetem Material für eine Erweiterung der Perspektive bis zur so genannten Sättigung der Theorie gesucht, das heißt, dass genug Daten für die entwickelte Theorie ausgewertet werden, so dass die Theorie sowohl verifiziert als auch hinreichend komplex ist. Eine hohe Selbstreflexivität des Untersuchers und eine fortlaufende Protokollierung des Untersuchungsverlaufs sollen den Prozess der Forschung transparent und nachvollziehbar machen. Induktion, Deduktion und Verifikation wechseln sich in zirkulären Prozessen ab und greifen ineinander. Ein Bündel von Methoden hilft, diesen komplexen Prozess zu strukturieren: Kodieren der Texte (offen, selektiv, axial), Heranziehen von Vergleichen, Fragen stellen, Hypothesen bilden, Beziehungen zwischen Kategorien entdecken, Schreiben von Memos, Erstellen von Diagrammen und Sortieren der Bezüge. Für die Theoriebildung zentral ist das Auffinden der „Schlüsselkategorie“ (core category); dies dient als zentrales Bindeglied, das die Theorieglieder zu einem System verknüpft (Strauss & Corbin, 1998, S. 146f).

Die Methoden sind als hilfreiche Leitlinien konzipiert und bilden kein starres Methodenschema. (Strauss, 1998, S. 32)

„Grounded theory is a detailed grounding by systematically and intensively analyzing data, often sentence by sentence, or phrase by phrase of the field note, interview, or other document; by constant comparison, data are extensively collected and coded. ... thus producting a well-constructed theory. The focus of analysis is not merely on collecting or ordering a mass of data, but on organizing many ideas which have emerged from analysis of the data.“ (Strauss & Glaser zitiert nach Titscher, 1998, S. 94)

Brüsemeister (2000, S. 194) fasst die Beziehung zwischen Daten und Theorie zusammen: „Grounded Theory beansprucht, Theorien aus Daten zu entwickeln und nicht, Daten als Belege für Theorie anzusehen.“

Für den Typ Explorationsstudie zum vielfältigen Untersuchungsfeld Qigongrezeption wurde Grounded Theory als besonders geeignet gewählt. Die Flexibilität im Prozess, die Notwendigkeit, bei der Theoriebildung immer wieder auf das Material zurückzukommen, das Ziel, dicht am Material zu bleiben, flexibel auf neue Erkenntnisse reagieren zu können und neues Material auch in fortgeschrittenen Phasen der Untersuchung einbeziehen zu können, stellt einen Ansatz dar, der dem Untersuchungsgegenstand angemessen ist. Die Möglichkeit und Offenheit, „sehr viele Datenformen berücksichtigen“ zu können (Brüsemeister, 2000, S. 189) ist in Bezug zur Heterogenität des möglichen Materials ein wichtiger Aspekt. Die Entwicklung der Theoriebezüge, die aus den Daten entwickelt und wieder auf die Daten bezogen werden (ebd.), ist in einem breiten, nicht genau begrenzten Untersuchungsfeld von Nutzen.

Die letztliche Entscheidung für die Arbeit nach der Methode der Grounded Theory erfolgte aus einer subjektiven Präferenz als Resonanz auf das Buch „Grundlagen qualitativer Sozialforschung“ von Strauss. Beeindruckend für die Verfasserin waren die Offenheit, der Prozess, die Rückbezüge, das explizite Zulassen und die Reflexionen der eigenen Position und Person von Strauss, seine persönliche Darstellung mit dem Offenlegen eigener lebensbedrohlicher Krankheitserfahrungen, um im gewählten Beispiel den eigenen Erfahrungshintergrund darzustellen. Die dort veröffentlichten Protokolle aus Interviews und Beratungen zeigen den Forscher als persönlich Handelnden, als Suchenden und als Menschen, der sowohl die Menschen, die interviewt werden, als auch diejenigen, die er im Forschungsprozess als Studenten berät, als Subjekt erkennen lässt, sie in ihrem Menschsein sieht und weniger als Lieferant von Daten. Es entsteht ein Eindruck von Einfühlsamkeit, Zugewandtheit und Vertrauen dem Forschungsfeld und den Methoden gegenüber, ein Eindruck, dass hier der Versuch eines dialektischen Sprungs zur Synthese von Objektivität gegenüber dem Gegenstand bei Akzeptanz und Integration der beteiligten Subjekte versucht wird.

Die Reflexion auf den eigenen subjektiven Bezug zu einer Methode ist ein Teil des ständigen selbstreflexiven Bezugs während der Untersuchung. Ein wichtiges Merkmal von Grounded Theory ist das Bestreben, den Analyseprozess deutlich und nachvollziehbar zu machen (Brüsemeister, 2000, S. 190) und den Erfahrungshorizont des Untersuchers in den Blick zu nehmen (Strauss, 1998 S. 39). Strauss (1998, S. 39) kritisiert die Tendenz von positivistisch arbeitenden Sozialwissenschaftlern, „die alles, was nach ‚Subjektivität‘ riecht, aus der Wissenschaft heraushalten und weiche Daten zugunsten von harten (oder ‚realen‘) Daten auf ein Minimum reduzieren möchten“.

Es entwickelte sich bei der Auseinandersetzung mit Methoden und Mitteln eine Art von Resonanz für die Art der Denk- und Forschungsstruktur von Grounded Theory. Die Wechselbeziehungen zwischen Untersucher und Grounded Theory auch auf der persönlichen Ebene des Untersuchers erläutern Strauss & Corbin detailliert (Strauss & Corbin, 1998, S. 4f). So stellt sich Grounded Theory als eine Methode dar, die definierte Hilfen und Werkzeuge bietet, um aus einer Fülle von Material die Fragestellung einzukreisen, zu bearbeiten und Antworten finden zu können, ohne sich einerseits im Material selbst zu verlieren oder andererseits durch vor Beginn der Arbeit schon exakt festgelegte Methoden und Fragestellungen die Perspektive möglicherweise vorschnell verengt zu haben und dabei Wesentliches auszublenden.

Dieser Versuch, in einen offenen Dialog mit dem Gegenstand und seinen lebendigen Manifestationen zu treten, löst im Vergleich zum quantitativen Vorgehen während der Untersuchung immer wieder Überraschungen und auch Irritationen aus. Dies soll im bildlichen Vergleich formuliert werden:

Das Vorgehen des von Strauss skizzierten qualitativen Forschungsansatzes zeichnet sich durch ein quasi stark sinnlich orientiertes Vorgehen aus: Da ist ein Stück Land (ground) mit Pflanzen. Wenn als Ziel feststeht, die Anzahl und die Qualität zum Beispiel der Löwenzahnpflanzen zu bestimmen und nur dieses, dann kann dies zielgerichtet mit Zählen, Pflücken, Wiegen, Untersuchen usw. getan werden und so können wichtige, zutreffende Ergebnisse zu Tage kommen.

Beim Gehen über diesen Boden im Sinne von Grounded Theory, beim Sehen, Riechen und Fühlen beim Wahrnehmen der Blumen, Pflanzen, Tiere, des Boden selbst, fallen möglicherweise typische Nachbarschaftspflanzen des Löwenzahns ins Auge oder bestimmte Insekten, die ihn besuchen, vielleicht eine Änderung der Größe, Gestalt oder Farbintensität an manchen Stellen der Fläche. Das Einlassen auf diese Eindrücke als Möglichkeiten der Entwicklung von genaueren Forschungsgegenständen und -methoden ist sinnlicher, aufregender und unsicherer, was den Forschungsprozess angeht, als wenn das Vorgehen und der Untersuchungsgegenstand von vorneherein klar ist.

Diese Situation der Untersuchung mit Grounded Theory gleicht dem Prozess beim Üben von Qigong. Es ist nötig, ein Vertrauen in die Methode zu entwickeln, auch wenn die Wirkungen und Ergebnisse noch nicht genau gewusst werden können.

Im Bezug sowohl auf die Arbeit mit Qigong als auch mit Grounded Theory illustriert eine Erzählung bei Maturana & Varela (1990, S. 269ff) die ungewohnte und vielleicht auch verunsichernde Situation: „Auf einer armen Insel geht ein Bewohner zu einem der wenigen Einwohner, die schwimmen können. Er will das Schwimmen lernen, um auf diese Weise zu dem attraktiveren Nachbarland gelangen zu können: „Es entwickelt sich in etwa der folgende Dialog: ‚Ich möchte schwimmen lernen.‘ ‚Möchten Sie einen Vertrag aushandeln?‘ ‚Das ist nicht nötig. Ich muss nur meinen Sack Kohlköpfe mitnehmen können.‘ ‚Was für Kohlköpfe?‘ ‚Na, das Essen, das ich auf der anderen Seite brauchen werde.‘ ‚Dort gibt es besseres Essen.‘ ‚Wie soll ich das verstehen? Ich kann doch nicht sicher sein. Nein, meine Kohlköpfe muss ich mitnehmen.‘ ‚Aber mit einem Sack Kohlköpfe können Sie nun mal nicht schwimmen.‘ “

Die Regeln und Methoden zum Schwimmen, wie sie bei Strauss & Corbin (1998) angeboten werden, versuchen, Mut zu machen, die „Kohlköpfe“ im Sinne von festen „Vorstellungen“ und „vorgefassten Meinungen“ (Maturana & Varela, 1990, S. 270) am Ufer liegen zu lassen.

In Bezug auf einzelne Theoriebereiche haben sich mit der Zeit unterschiedliche Auffassungen der Autoren Strauss & Glaser herauskristallisiert. Eine kurze Darstellung einiger Punkte findet sich bei Titscher (1998, S. 100f).

Für die vorliegende Arbeit sind insbesondere die Aspekte dieser Differenzen wichtig, die sich auf das Einbeziehen von Sekundärliteratur und die Bedeutung der Schlüsselkategorien beziehen. Nach Titscher (ebd.) lehnt Glaser das Einbeziehen von Sekundärliteratur ab, da dies der Offenheit für das Material schade, während Strauss Hintergrundwissen für nützlich erachtet (ebd.). Die vorliegende Arbeit folgt der Argumentation von Strauss (Strauss, 1998, S. 36), da das vorhandene Hintergrundwissen zum Thema Qigong nicht ausgeblendet werden kann und für die Materialsuche und Selektierung auch leitend ist. Der zweite Aspekt, die unterschiedliche Bedeutung der Schlüsselkategorie, wird weiter unten ausgeführt. In Bezug auf die Ziele von Grounded Theory und den Abstraktionsgrad der Konzepte werden bei Strauss und Glaser unterschiedliche Perspektiven deutlich.

Abbildung 1: Perspektivische Differenz der Forschungsziele bei Glaser und Strauss

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Strauss formuliert als zentrales Ziel von Grounded Theory eine Theoriebildung (1998, S. 29), die „unerlässlich ist, um soziale Phänomene besser verstehen zu können.“ (a.a.O. S. 31). Dies könne auf unterschiedlichen Abstraktionsstufen geschehen; wichtig sei die Anbindung an die Daten der Empirie (a.a.O. S. 31). Die Suche nach Schlüsselkategorien, die als Anker für das Theoriegerüst und zur Integration der Theorieelemente dienen, gehört wesentlich zur Methode. Die Leistung der Theorie wird bei Strauss und bei Strauss & Corbin deutlich auf den Gegenstand bezogen. Die Schlüsselkategorie repräsentiert das Hauptthema der Untersuchung: „...condensed into a few words that seem to explain what this research is all about.“ (Strauss & Corbin, 1998, S. 146) Dies steht im partiellen Gegensatz zur Ansicht von Glaser (2002), der das Ziel von Grounded Theory (GT) in einer sehr abstrakten Theoriebildung sieht:

„ The most important property of conceptualization for GT is that it is abstract of time, place and people. This transcendence also, by consequence, makes GT abstract of any one substantive field, routine perceptions or perceptions of others, since there is always a perception of a perception and an abstraction from any type of data whether qualitative or quantitative. Hence GT is a general method.“ (Glaser, 2002, S. 6)

Er grenzt in diesem Aufsatz GT scharf von QDA [qualitative data analysis] ab:

„QDA focuses on description of time, place and people, so is confronted with the problem of accuracy, context, interpretation, construction and so forth in trying to produce what „is“. GT generates conceptual hypotheses that get applied to any relevant time, place, and people with emergent fit and then is modified by constant comparison with new data as it explains what behaviour obtains in a substantive area.“ (a.a.O. S. 6)

Kritisiert wird ein Herunterabstrahieren, das er bei Wissenschaftlern und Autoren sieht und in seiner Beurteilung nach in einer Beschreibung mündet. Ein solches seiner Meinung nach nicht dem Geist von GT entsprechendes Vorgehen führt zu einem Verlust von Generalisierbarkeit und Abstraktion. Als ein Beispiel hierfür zitiert er die Vorstellung der Konzeptbildung bei Strauss & Corbin (zitiert nach Glaser, 2002, S. 6f).

Die Funktion der Schlüsselkategorie ist bei Glaser deutlich abstrakter als bei Strauss & Corbin:

„Once the research is on a conceptual level, dealing with categories and their properties becomes the mode, description fades and abstraction of time, place and people take over. The concepts do not go away: EVER!“ (Glaser, 2002, S. 16)

Glaser kritisiert einen dominanten Beschreibungsaspekt in vielen Arbeiten.

Diese Explorationsstudie ordnet sich von der Zielrichtung her mehr der Deskription und der Erklärung von Strukturen auf das konkrete Untersuchungsfeld Qigongrezeption bezogen zu.

In der Einteilung von Lamnek (2005, S. 28ff), der als Forschungsperspektiven von qualitativer Sozialforschung die drei Gruppen „Nachvollzug des subjektiv gemeinten Sinns, Deskription sozialen Handelns und sozialer Milieus, Rekonstruktion von Strukturen“ unterscheidet, ordnet er der zweiten Gruppe, der Deskription als Erhebungsmethoden u.a. das Leitfadeninterview und die Dokumentenanalyse zu sowie als Auswertungsmethoden u.a. das offene Kodieren, (a.a.O. S. 30), das auch bei der Grounded Theory genutzt wird.

Er ordnet der dritten Perspektive, der Rekonstruktion von Strukturen, eine allgemeinere Theoriebildung zu, die auch auf andere Gegenstandsbereiche angewendet werden kann und damit primär methodologischer Natur ist (Lamnek, 2005, S. 28).

Hier wäre Glasers Position ausschließlich der dritten Einteilung zuzuordnen, während der Fokus von Strauss nicht auch Elemente der zweiten Gruppe enthält. Der Fokus der Schlüsselkategorie ist beim letzteren zwar auch abstrakt (Strauss & Corbin, 1998, S. 146ff), aber die Rekonstruktion von Strukturen im Sinne der dritten Perspektive dient der Erklärung des konkreten Untersuchungsgegenstands und enthält letztlich auch für die Ebene der Zuordnung der Konzepte eine beschreibende Komponente. (a.a.O. S. 19)

Die vorliegende Arbeit folgt, da der Fokus auf dem konkreten Gegenstand Qigongrezeption in der BRD liegt, primär dem Ansatz von Strauss & Corbin (1998).

Das Spannungsfeld zwischen dem Zielfokus auf ein Verständnis des konkreten Untersuchungsgegenstandes hin und dem Anspruch der abstrakten, methodologisch orientierten Theoriebildung bei Grounded Theory bleibt bestehen. Im Versuch, diese Spannung auch kreativ wirken zu lassen, werden die Methoden von Strauss und Glaser angewendet. Der Fokus der Verwendung der gewonnenen Theorie liegt im Rückbezug auf das Untersuchungsfeld selbst; trotzdem besteht das Interesse und der Wunsch, die Kategorien, die aus dem Text emergieren, partiell auch im Sinne Glasers auf eine zumindest umfangreichere Anwendbarkeit als ausschließlich auf den untersuchten Gegenstand einzulösen.

2.2 Gang der Untersuchung

Die oben ausgeführte Entscheidung für die Methode der Grounded Theory für die vorliegende Arbeit bedeutet, dass die Suche nach den theoriebildenden Elementen aus dem Material erfolgt und immer wieder am Material überprüft werden soll, und dass in einem kontinuierlich reflexiven Bezug immer wieder Entscheidungen getroffen werden, welches Material noch sinnvoll im Sinne des Theoretical Sampling ist. In Bezug auf die Teile der Arbeit kommen unterschiedliche Arten von Material und auch ein unterschiedlicher methodischer Umgang mit ihm zum Tragen; leitend ist der Gegenstandsbezug mit der Frage, was für die Untersuchung und Darstellung der Rezeption von Qigong bereit gestellt werden muss.

Um Vergleiche zwischen den unterschiedlichen Traditionen untersuchen und darstellen zu können, werden in Grundzügen einige wesentliche Aspekte der Chinesischen Tradition skizziert. Für die Darstellung zu Qigong allgemein, Qigong im historischen China und im modernen China ab 1900 werden wissenschaftliche Literaturquellen zugrunde gelegt sowie Informationen aus den Interviews verwendet. Es soll zuerst kurz dargestellt werden, was unter Qigong aus heutiger Sicht verstanden werden kann: Qi-Begriff, Prinzipien, Arten, Wirkungen und Ziele allgemein.

Für ein Verständnis des philosophisch-ideologischen Kontextes von Qigong ist eine kurze Darstellung einiger grundlegender Vorstellungen des Systems der Traditionellen Chinesischen Medizin notwendig. Hier sind die Gegenstände das Konzept von Qi und der Energien des Körpers, das System der Fünf Wandlungsphasen, Aspekte zu Gesundheit, Krankheitsentstehung und Heilung. Dies erfolgt ebenso wie die Darstellung von daoistischem Gedankengut in Bezug auf Qigong aus der Sekundärliteratur.

Die Darstellung der historischen Entwicklung in westlichen Ländern und der Bundesrepublik erfolgt nach der Literaturauswertung unter Bezugnahme auf Informationen der Experteninterviews.

Die Quellen für die Untersuchungen zur engeren Fragestellung sind:

- eine Dokumentenanalyse der Bücher, die über Qigong in der BRD erschienen sind
- Interviews
- Recherche zu Kursangeboten, Lehrern, Ausbildungen und Verbänden
- Sekundärliteratur und die deutschen Fachzeitschriften zu Qigong

Strauss (1998, S. 32) warnt vor der Überzeugung, dass Methoden und Regeln exakt und klar einen Untersuchungsprozess steuern und definieren können; sie sollen vielmehr als Leitlinien und Orientierungshilfen dienen und entsprechend dem individuellen Arbeitsrhythmus und den persönlichen Erfahrungen genutzt werden (a.a.O. S. 33). „...eine in hohem Maße selbst-reflexive Herangehensweise an die Forschungsarbeit“ (a.a.O. S. 34) ist nach Strauss wichtig.

Die typischen Arbeitsschritte - Strauss (1998) und Strauss & Corbin (1998) - stellen in der Anwendung einen zirkulären Prozess dar (Strauss 1998, S. 47): „nachdenken, ins Feld gehen, beobachten, interviewen, Notizen machen, analysieren.“ (Strauss, 1998, S. 44), generative Fragen stellen (ebd.), Vergleiche ziehen, Zusammenhänge entdecken, Hypothesen bilden, diese am Material verifizieren, Kodieren auf verschiedenen Ebenen, Integrieren der Ergebnisse mit der Suche nach einer Schlüsselkategorie, die wiederum die „übrigen Kategorien am ehesten zusammenhält“, Memos schreiben und sortieren (a.a.O. S. 45), bis der Prozess als vorläufig abgeschlossen betrachtet wird und in eine Darstellung der Ergebnisse mündet (a.a.O S. 47). Das ständige Hin und Her zwischen Datenerhebung - Kodieren - Memoschreiben sieht er in der „empfohlenen Prozedur des Hin- und Herpendelns“ (a.a.O. S. 47) als fruchtbar durch die ständig neue Einbeziehung von neuen und alten Erkenntnissen in dem jeweils gefundenen Rahmen (ebd.).

Analysewerkzeuge (Strauss, 1998 und Strauss & Corbin, 1998) wie das Produzieren und Stellen von „Generativen Fragen“ (Strauss & Corbin, 1998. S. 89), die Analyse von kleinen Texteinheiten (a.a.O. S. 92) wurden immer wieder angewendet.

Gütekriterien

Die Fragestellungen der Gütekriterien im Rahmen von Qualitativer Forschung im Vergleich zu Quantitativer sind umfangreich (Lamnek, 2005, S. 142ff). Er konstatiert, dass „ traditionelle Kriterien wie Repräsentativität, Validität und Reliabilität nicht oder nur modifiziert ...verwendbar sind ...“ (a.a.O. S. 143).

Strauss & Corbin selbst (1998, S. 266f) schlagen als Kriterium für die Reproduzierbarkeit vor, der Prozess der Untersuchung solle so dargestellt sein, dass andere Untersucher mit diesem Material zu den selben oder sehr ähnlichen Ergebnissen kommen.

Als Modifikation des Kriteriums „Generalisierbarkeit“ wählen sie die „Erklärungskraft“ der entwickelten Theorie (a.a.O. S. 267). Für Glaser liegt die „Generalisierbarkeit“ im Abstraktionsgrad der „Schlüsselkategorie“, die nicht mehr zeit, orts- oder situationsgebunden ist (Glaser, 2002, S. 26).

Für das Kriterium der „Objektivität“ führt Lamnek (2005, S. 180) aus, dass erstens in einem emergentistischen Objektivitätsbegriff die „Objektivität ... aus der Subjektivität der Interaktionspartner durch die Analyse [entsteht]“ und dass zweitens „Transparenz wichtiger ist als Objektivität“. (ebd.)

Verifikationsprozesse laufen bei Grounded Theory kontinuierlich im Untersuchungsgang durch das Ineinandergreifen von Induktion, Deduktion und Verifikation am Material ab. (Strauss, 1998, S. 37)

2.2.1 Voraussetzungen, Vorwissen und Ausgangsfragestellungen

Strauss akzeptiert, dass in der Regel beim Untersucher ein Kontextwissen sowohl in Form seines vorhandenen Fachwissens als auch seines persönlichen Wissens (Strauss, 1998, S. 36) vorhanden ist und hält Nutzung des selben für den Forschungsverlauf für hilfreich (a.a.O. S. 36). Als „wesentlicher Datenfundus“ erhöht es „die Sensitivität bei der Theoriebildung“ und hilft, bei Vergleichen, Variationen und Theoretical Sampling eine dichte Theorie zu formulieren (a.a.O. S. 37). Dies soll reflektiert geschehen, und z.B. durch das Schreiben von Memos (Strauss & Corbin 1998, S. 97) und der Memoanalyse zur Biaskontrolle solle sich der Untersucher seine persönlichen Meinungen immer wieder bewusst machen.

Strauss (1998, S. 37): „ Die Aufforderung, das Kontextwissen einzusetzen, gibt dem Wissenschaftler ein Gefühl von Freiheit und gleichzeitig auch die Einsicht, dass damit kein Freibrief verbunden ist, sondern dass er sich in einem festen Rahmen bewegt, der durch den behutsamen Umgang mit der Triade Daten erheben - Kodieren - Memoschreiben, zusammengehalten wird. Diese Triade hat die Funktion, die persönlichen Einstellungen und Meinungen des Forschers von Grund auf zu kontrollieren.“

Für einen Nachvollzug der Theoriebildung (Strauss & Corbin, 1998, S. 266f) auch als Kriterium für Reproduzierbarkeit im Sinne der Autoren wird eine Offenlegung des Prozesses der Untersuchung angestrebt. Im Folgenden werden einzelne Aspekte an Vorwissen und Ausgangshypothesen dargelegt.

Die Verfasserin kam durch ihre Berufstätigkeit als Heilpraktikerin mit einem Therapieschwerpunkt in Traditioneller Chinesischer Medizin vor ca. 25 Jahren mit Qigong in Kontakt und nutzt die Übungen vorwiegend persönlich für sich selbst. Sie hat ein mehrwöchiges Praktikum in einer Klinik für TCM in der VR China absolviert und war darüber hinaus mehrere Male als Touristin in der VR China.

Ausgangspunkt der Untersuchung war die Wahrnehmung, dass in der Region Ruhrgebiet das Angebot an Qigong-Kursen in den letzten 20 Jahren zugenommen hat. Es war damals schwierig, in räumlicher Nähe entsprechende Kursangebote zu finden, wenn die Autorin Patienten solche Qigongkurse oder auch Yogakurse empfahl. Diese Situation hat sich deutlich geändert. Es entstand die Hypothese, das Kursangebot habe insgesamt mengenmäßig zugenommen.

Die Angebote der Methoden der Qigong-Übungen scheinen nach dem Ersteindruck sehr heterogen: Qigong-Übungen, die eher als eine Gymnastikform ohne Bezug zu allgemeinen Prinzipien des Qigong vermittelt werden, stellten Berichten von Patienten zufolge eine Richtung der Übermittlung dar; Methoden, die bewusst und für den Übenden deutlich, Atem, Vorstellung und Qi-Lenkung zusätzlich zur Körperbewegung einbeziehen, finden sich häufiger in Qigong-Kursen von Qigong-Schulen, die sich auf bestimmte Traditionslinien beziehen.

Buchtitel aus den Ratgeberreihen der Verlage legen nahe, dass das Interesse und damit der Markt größer geworden ist. Sie erwecken bei der Verfasserin den Eindruck, dass die Übungsmethoden tendenziell oberflächlich und damit inhaltlich verändert dargestellt werden, was die Wirksamkeit der Übungen u.U. beeinträchtigt und auf substanzielle Änderungen hindeutet.

In der zu Beginn der Untersuchung der Verfasserin bekannten Qigong-Literatur (Cohen, 1998, Zöller 1984, Hackl, 2002, Schillings & Hinterthür, 1990, Olvedi, 1994, Jiao, 1988 sowie weitere Veröffentlichungen der medizinischen Gesellschaft für Qigong-Yangsheng) spiegelt sich eine große Vielfalt und Breite der Qigong-Rezeption im Westen.

Es soll versucht werden, bei dieser Explorationsstudie ein breites Feld an Informationsmöglichkeiten über den Untersuchungsgegenstand Qigong-Rezeption in der BRD heranzuziehen und zu nutzen.

2.2.2 Untersuchungsverlauf

Es folgt eine Darstellung des Verlaufes der Untersuchung in drei Hauptschritten.

A) In einem ersten Schritt zur Erkundung des Gegenstandsbereiches wurden offene Interviews zum Thema „persönliche Erfahrungen und Sichtweisen zu Qigong“ mit Menschen geführt, die Kontakt zu Qigong haben oder hatten.

Als erste Hinweise für weitere Fragestellungen kristallisierten sich viele sehr individuelle Aspekte zu den Bereichen heraus wie u.a. eigene Erfahrungen, Ziele der Übung, Wirkungen, Rolle des Lehrers. Es wurden dann weitere Interviews geführt mit Hinblick auf Varianzbreite und Heterogenität.

Parallel dazu begann eine Sichtung von in der BRD erschienenen Büchern. Zu den Ergebnissen dieser ersten Sichtung gehörte, dass die Titel und Kurzbeschreibungen wenig aussagekräftig erscheinen, dass Klappentexte oft reißerisch formuliert sind, dass hiervon ausgehend die Hypothese entstand, dass die erschienenen Bücher wahrscheinlich wenig Bezug zur Übungspraxis von Qigong in der BRD haben.

Das Ergebnis erster Recherchen im Internet zur aktuellen Kurssituation belegte, dass ein umfangreiches Kurs- und Ausbildungsangebot in der BRD existiert.

B) Es folgte die Planung von weiteren möglichen Untersuchungsschritten, um detaillierte, zuverlässige Informationen zur aktuellen Qigong-Praxis zu finden.

Es wurden Interviews mit Unterrichtenden geführt und exemplarische Interviews mit Menschen, die Kontakte zu beiden Kulturen haben: mit zwei Chinesen, die in der BRD leben. In diesem Stadium erfolgen weitere Recherchen zu Ausbildungs- und Kursangeboten, die Sichtung von weiteren Informationsquellen wie Sekundärliteratur und Qigong-Zeitschriften. Dann folgt eine zweite ausführlichere Sichtung der Bücher.

Als Ergebnis dieser Phase wurde deutlich: Viele Buchautoren sind gleichzeitig Qigong-Lehrer, Kursleiter oder Leiter von Ausbildungsangeboten für Qigong.

Viele Bücher und Qigong-Schulen beziehen sich auf Lehrer/Meister, die entweder in China bzw. Taiwan oder Hongkong leben oder von dort in andere Länder, besonders nach Europa und in die USA, ausgewandert sind. Sie stehen damit in der direkten Tradition.

Daraus wird abgeleitet: Das in den Büchern dargestellte Qigong entspricht wahrscheinlich auch dem Unterrichtsinhalt in der Ausbildung von Qigong-Lehrern in der BRD und ist damit auch Inhalt von Kursen für die „Endverbraucher“. Eine genauere Analyse der erschienenen Bücher kann deshalb Aufschlüsse über die tatsächliche Qigong-Praxis in der BRD geben.

C) Im weiteren Verfahren wurde eine möglichst komplette Liste der Bücher erstellt und diese wurden, soweit sie durch Bibliotheken erhältlich waren, gelesen bzw. gesichtet und untersucht.

Die Interviews wurden ergänzt durch zwei Expertinnen-Interviews mit zwei deutschen Qigong-Lehrerinnen, die regelmäßige Kontakte zu China und dortigen Qigong-Lehrern und Kliniken haben.

Des Weiteren wurden Informationen zur Kurssituation durch Internetrecherchen sowie die Teilnahme an einem Qigongkongress gesammelt.

Diese Bausteine, als Triangulation verstanden, können als Instrument zu einer Validierung beitragen (Lamnek, 2005; S. 160). Aus diesem Verständnis heraus wird hier dem Einsatz der Triangulation als Instrument zur Hypothesengenerierung (ebd.) der Vorzug gegeben (auch Strauss & Corbin, 1998, S. 33).

Mit diesen drei Schritten ist der Untersuchungsablauf nur grob skizziert. In der Praxis sind die Verfahrensschritte und der Prozess der Untersuchung komplexer und differenzierter. Die Veränderung des Vorwissens durch das Material führt zu einer fortwährenden Veränderung und Integration der Information in das Vorwissen. Darauf kommt es wieder zu Veränderungen des Verständnisses und neuen Fragestellungen an das Material und der Bildung von Hypothesen. Dies kann als Prozess von engeren und weiteren rückbezüglichen Umkreisungen durch die hermeneutische Spirale nach Danner beschrieben werden. (Danner, 1979. Methoden geisteswissenschaftlicher Pädagogik München, zitiert nach Mayring, 2002, S. 30)

2.2.3 Methodik der Dokumentenanalyse, Interviewauswertung und Untersuchung der aktuellen Kurssituation zur Dokumentenauswertung

Die Bücher, die in der BRD zum Thema Qigong erschienen sind, werden in der Dokumentenanalyse unter der übergeordneten Fragestellung untersucht, was, wie, wann, bei wem von Qigong angekommen ist. Dies erfolgt, wie oben skizziert, in mehreren Untersuchungsschritten.

Nach Strauss & Corbin ist die Anwendung von Grounded Theory nicht auf kurze Texte, Interviews oder Feldnotizen beschränkt (Strauss & Corbin, 1998, S. 52). Auch der Inhalt von ganzen Dokumenten kann in Untersuchungen einbezogen werden (a.a.O. S. 120). Im Grunde ist alles verwertbar, was im Sinne des Theoretical Sampling potenziell nutzbare Informationen enthält.

Bei Büchern als Dokumenten ist eine Untersuchung der Texte naturgemäß grobrastiger und nicht in dem engmaschigen Sinne kodierbar wie Interviews. Die gewonnenen Informationen werden aber auch hier inhaltlich Kategorien und ihren Zusammenhängen zugeordnet.

Um Relationen zu speziellen Fragestellungen in der Darstellung der untersuchten Dokumente zu erfassen, wurden hier auch quantitative Auswertungen gemacht. Dies geschieht im Sinne des folgenden Zitats, das der Qualitativen Methode die Führung bei der Nutzung von anderen Methoden zuspricht:

„Qualitative and quantitative forms of research both have roles to play in theorizing. The issue is not whether to use one form or another but rather how these might work together to foster the development of theory. Although most researchers tend to use qualitative and quantitative methods in supplementary or complementary forms, what we are advocating is a true interplay between the two. The qualitative should direct the quantitative. ... Once relevant concepts and hypotheses have emerged from and validated against data, the researcher might turn to quantitative measures and analyse if this will enhance the research process.“ Strauss & Corbin (1998 S. 34)

Eine weitere Aufgliederung der Kategorien und der sich ergebenden Informationen findet sich im Kapitel Dokumentenanalyse selbst.

zu den Interviews

Als Interviewtyp bei qualitativen Arbeiten hält Flick (2004, S. 117ff) die verschiedenen Formen von Leitfadeninterviews für geeignet: weil „in der relativ offenen Gestaltung der Interviewsituation die Sichtweisen des befragten Subjekts eher zur Geltung kommen als in standardisierten Interviews“ (ebd.). Die Interviews 1 - 7 entsprechen mit je nach Gesprächssituation angepassten offenen und halbstrukturierten Fragen dem Typ des fokussierten Interviews nach Merton & Kendall (a.a.O. S. 118), auch wenn nicht, wie ursprünglich bei diesem Typ konzipiert, ein Stimulus wie zum Beispiel ein Film präsentiert wird. „Ersatz“ für den Stimulus bildet das Thema „Qigong-Erfahrungen“, da die kennzeichnenden Elemente dieses Typs beachtet wurden: „Nichtbeeinflussung der Interviewpartner, Spezifität der Sichtweise und Situationsdefiniton aus deren Sicht, Erfassung eines breiten Spektrums der Bedeutungen des Stimulus sowie Tiefgründigkeit und personaler Bezugsrahmen aufseiten des Interviewten (a.a.O. S. 118). Einerseits soll persönliches Wissen zum Thema Qigong erfragt und es soll eine Offenheit gewährleistet werden, dass Motivation und Bereitschaft entstehen, auch sehr persönliche Erfahrungen im Interview mitzuteilen. Deshalb werden (a.a.O. S. 121) Gesprächstechniken von Rogers wie die Fokussierung von Gefühlen, Wiederholung implizierter oder geäußerter Gefühle verwendet.

Die Interviews 8 und 9 sind als Experteninterview angelegt (a.a.O. S. 139f). Die bei Flick als notwendig für ein erfolgreiches Experteninterview erachtete Verdeutlichung der eigenen Vertrautheit des Interviewers mit der Thematik (a.a.O. S. 141) erwies sich in allen geführten Interviews als kommunikationsfördernd. Die Interviews 3 und 6 waren in einzelnen Gesprächsanteilen Mischformen aus beiden Interview-Arten.

Genaueres zu den Details und Besonderheiten der Gesprächssituationen, zu den Auswahlkriterien sowie Protokolle über Vor- oder Nachgespräche finden sich im Anhang jeweils direkt vor den Transkriptionen.

Technisch erfolgten die Aufnahmen mit Minidisc-Gerät und Mikrophon bzw. über den Telefonlautsprecher.

Für die Auswahl der Interviewpartner leitend war das Bestreben, trotz einer relativ geringen Zahl an Interviews ein breites und heterogenes Material an Erfahrungen und Informationen zu gewinnen.

Deshalb wurde beim Theoretical Sampling nach Möglichkeiten der Maximierung der Unterschiede gesucht (Lamnek, 2005, S 191).

Für diese Heterogenität und Varianz im Untersuchungsfeld wurde gemäß diesen Kriterien nach Interviewpartnern gesucht:

- übend (mit langer und kurzer Übungserfahrung) - nicht übend
- Frauen - Männer
- Übende unterschiedlicher Bildung und Alters
- Übende unterschiedlicher Methoden und Stilrichtungen des Qigong
- Mediziner - Nichtmediziner
- Qigong unterrichtend (haupt- und nebenberuflich) - nicht Qigong unterrichtend
- Chinesen mit Qigong-Erfahrung - Chinesen ohne Qigong-Erfahrung

Einige Schritte der Analyse im Rückblick waren folgende: Die Interviews wurden transkribiert und mit Notizen über den Gesprächsverlauf als Ergänzungen versehen. Dann erfolgten Notizen mit Unterstreichung und inhaltlichen Kategorien am Rand. Dem Vorschlag von Jaeggi u.a. (1998) für die Auswertung von Einzelinterviews folgend wurde jeweils ein Motto und eine zusammenfassende Inhaltsangabe für den Gesamttext erstellt. Die Kodierprozesse wurden in Abständen wiederholt. Notizen zu Kategorien wurden erstellt; dann erfolgte eine Zuordnung von prägnanten Zitaten zu den Ober- und Unterkategorien in einer Exceltabelle.

Es erfolgte eine Auswahl von Textstellen aus der Tabelle für den Arbeitstext, dabei ergaben sich wiederum Änderungen der kategorialen Zuordnung mit allmählicher Zunahme des Fokus für die engere Fragestellung „was ist gleich geblieben und was hat sich geändert“ unter der Schlüsselkategorie der „Wandlung“.

zur Recherche der aktuellen Situation im Kurs-, Ausbildungs- und Verbandsbereich

Um eine Ergänzung zu den bisherigen Informationen zu bekommen, wurde weiteres Material gesucht

Hierzu wurden genutzt:

- Internetrecherchen, um Kursangebote zu ermitteln
- Informationen aus den Fachzeitschriften zur Rezeption von Qigong und zu aktuellen Diskussionen
- Teilnahme am bundesweiten Kongress „Qigong und Heilung“ im Februar 2006 in Kassel mit Gesprächen mit Teilnehmern und Referenten, Sammeln von schriftlichen Materialien und den Informationen der Vorträge und Workshops selbst
- ungezielte Offenheit und Aufmerksamkeit für das Themenfeld und das Nutzen von spontanen, nicht protokollierten Gesprächsgelegenheiten mit Unbekannten über Qigong in Verkehrsmitteln, Büchereien und zu anderen Anlässen

zu Darstellungsaspekten

Abbildungen im Text

Strauss (1998, S. 190ff) hält visuelle Darstellungen für hilfreich bei der Theorieentwicklung. Eine Einschränkung in der Auswahl der bildlichen Darstellungen gehe auf Kosten der Lebendigkeit (a.a.O. S. 197). Allerdings besteht bei visuellen Darstellungen eine Gefahr der Verkürzung. Strauss zitiert Howard Becker aus einem persönlichen Gespräch, dass bei optischen Hilfsmitteln ein gewisser Teil der Daten verloren gehe. Ein Vorteil der graphischen Darstellung ist eine Zentrierung auf die dort präsentierten Grundstrukturen. Die bildliche Aussage spricht über andere Verarbeitungswege andere Hirnzentren an als die rein sprachliche Darstellung, und sie kann so ein umfassenderes Verständnis in Gang setzen. Wenn allerdings die so verkürzte optische Darstellung neurophysiologisch dominant verbleibt, die Graphik also die komplexeren sprachlichen Muster bewusstseinsmäßig verdrängt, ist dies kontraproduktiv zur Intention. Der Gebrauch und die Wirkung von Powerpointpräsentationen wird in diesem Sinne sehr kritisch bei Spitzer diskutiert (Spitzer, 2005, 146ff). Trotz dieser Einschränkungen werden in der Arbeit Bilder, Graphiken und visuelle Darstellungen verwendet mit dem Ziel, einen Überblick des dargestellten Bereichs zu geben sowie die theoretischen Zusammenhänge deutlich werden zu lassen und so eine Transparenz der Entwicklung der Untersuchung im Sinne von Grounded Theory darzulegen.

Quellenmaterial im Text und Anhang

Um die für empirische Untersuchungen wichtige Nachvollziehbarkeit zu ermöglichen, wird im Textkörper, im Anhang und auf dem Datenträger mehr Material dokumentiert, als zum unmittelbaren Verstehen nötig ist.

2.3 Darstellung der Schlüsselkategorie

Zentralbegriffe wie „to emerge“ „Emergence“ sind schwierig ins Deutsche zu übersetzen. Die Übernahme als „Emergenz“ und „emergieren“ hat den Vorteil, dass keine möglichen Bedeutungsinhalte abgeschnitten werden. Auf der anderen Seite bedingt diese Übernahme in einen deutschen Sprachkontext eine gewisse Distanzierung als einem „Fremd“wort wie einem Fremdkörper gegenüber. Die Wucht, Kraft und Direktheit der Bedeutungsinhalte in englischen Sprachkontexten von „ins Leben treten“, „entstehen“, „an den Tag kommen“, „als Wahrheit offen werden“, „auftauchen“, „in Erscheinung treten“ (Terrel u.a. 1981) wird so geschmälert.

Der Begriff „emerge“ lässt die Frage entstehen, wie sich plötzlich eine Kategorie bildet, oder genauer, wie plötzlich die Wahrnehmung einer Kategorie entsteht und dieses vorher gar nicht wahrgenommen wurde.

Die Methoden und Regeln von Strauss und Glaser zur Grounded Theory dienen letztlich dazu, die in den Dingen liegenden Kategorien zu entdecken unabhängig von der Frage, ob die Kategorien wirklich in den Dingen selbst liegen oder inwieweit Konstrukte von entstandenen Wahrnehmungszusammenhängen diese Kategoriebegriffe prägen.

Die Möglichkeit, die auch bei Strauss & Glaser (1998, S. 115) diskutiert wird, dass Fremdkategorien aus der Literatur oder aus dem Vorverständnis des Untersuchers dem Material aufgepfropft werden, ist ein Aspekt, der grundsätzlich nie zu vernachlässigen ist. Das wichtigste Korrektiv sind die Methoden, die vorgeschlagen werden, d.h. immer wieder durch Codieren, durch Arbeiten am Text sicherzustellen, dass wirklich das Material befragt wird.

Die Schlüsselkategorie für den Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit ist der Begriff der „Wandlung“. Die Wandlung, die sich in den untersuchten Materialien enthüllt, hat viele Hinsichten. Die beiden Hauptaspekte sollen an dieser Stelle kurz skizziert werden, um für die Interpretation der weiteren Darstellung der Arbeit als „Konzept“ für den Rezipienten präsent zu sein.

Abbildung 2: Die beiden Hauptrichtungen von „Wandlung“ beim Qigong

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ein Aspekt der Wandlung ist die Veränderung, die sich durch das Üben von Qigong beim Individuum vollzieht. Die Beschreibung dieser Wandlung auf unterschiedlichen Ebenen und in unterschiedlichen Facetten mit ganz unterschiedlichen Wirkungsrichtungen zieht sich wie ein roter Faden durch die untersuchten Berichte in den Interviews, in den Büchern oder als Sinnstruktur durch Themen von Kongressen und Vorträgen.

Die Veränderungen, die Wandlungen, können auf der einen Seite relativ oberflächliche Bereiche des Menschen erreichen oder für diese angestrebt werden, z.B. für die Bereiche von Muskelkraft, Fitness oder Entspannung - und auf der anderen Seite bis in tiefe Persönlichkeitsbereiche vordringen. „Transformation der Person“, „Wandlung aus der Tiefe“ sind immer wieder auftauchende Begriffe und Beschreibungen im Material.

Der zweite Aspekt der Wandlung, der für die Qigong-Rezeption kennzeichnend ist, ist die Wandlung in der Übermittlungspraxis, in der Veränderung von Übungsmethoden und Übungsanforderungen, Veränderungen der Darstellung, Veränderung der Unterrichtssituation, im Verhältnis von Lehrenden und Lernenden, Veränderungen zur Integration von Qigong in verschiedene Teile des gesellschaftlichen Lebens.

Das untersuchte Material liefert immer wieder Hinweise darauf, dass in der Übermittlung von Qigong versucht wird, sich mit den unterschiedlichen Gegebenheiten der jeweiligen Gesellschaft, der unterschiedlichen Menschen, die sich für Qigong interessieren, den staatlichen Rahmenbedingungen, den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, den ideologischen Kontexten, die vorherrschen, und auch den Lebensbedingungen der Menschen anzupassen, damit immer wieder Menschen motiviert werden, sich auf Qigong als Übungsmethode einzulassen. Dies kann äußerlich betrachtet mit einem hohen Maß an Anpassung in Methode oder Darstellung einhergehen.

Die beiden Aspekte stehen nicht isoliert voneinander, sondern haben trotz ihrer unterschiedlichen Hauptakzentuierung Richtung Individuum oder Richtung sozial/gesellschaftliches Umfeld ein in mancher Hinsicht spannungsvolles Verhältnis zueinander.

Abbildung 3: Beziehung der Übermittlung von Qigong zum Übenden

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Ziel der Übermittlung von Qigong ist es, Menschen zu motivieren, selbst Qigong zu üben. Diese Übung soll zu Veränderungen des Übenden führen. Um Menschen zu motivieren, die fern vom Verständnis des Kontextes der Qigongübung stehen, oder um im Bedingungsgefüge von staatlichen und gesellschaftlichen Situationen bestehen zu können, werden in China und in der BRD Anpassungen in Darstellung und Übermittlungspraxis vorgenommen.

Abbildung 4: Anpassung der Übermittlung an den Bedingungskontext

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Übende mit langer Erfahrung, Übende, die ein tieferes Verständnis der Übung und seiner tiefgreifenden Wirkungen erleben und Übende, die die Breite und Tiefe des philosophisch-spirituellen Kontextes kennen, erleben je nach Perspektive diese Anpassungen als Verkürzung, die die Substanz von Qigong gefährden.

Abbildung 5: Wandlung der Übermittlung zur Komplexität und Tiefe

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Erfahrungshorizont von langjährig Übenden bleibt wiederum nicht ohne Auswirkung auf die Übermittlungspraxis. Je mehr Individuen sich gründlich und dauerhaft auf Qigong und den Kontext einlassen, umso mehr wird von Seiten der Lehrer direkt in Kursen oder auch in anderen Medien eine umfangreichere Lehre präsentiert, d.h. eine Anpassung der Übermittlung gibt es auch in Richtung Differenzierung statt Vereinfachung.

Das Spannungsfeld besteht in der Frage, wie viel Anpassung nötig ist, um jeweils die Menschen zu erreichen und zu ermutigen, diese Methode auszuprobieren, um am anderen Ende hierdurch die Erfahrung von innerer Wandlung zu ermöglichen.

Es soll durch die Breite der Darstellungsbereiche nachvollziehbar werden, wie die Kategorien und ihre Beziehungen im Material selber liegen und die Schlüsselkategorie „Wandlung“ als Perspektive, als Kern (core category) hilfreich ist, den Untersuchungsgegenstand zu betrachten.

Da bei dieser Thematik der Begriff der Wandlung auch zentral im Philosophiesystem der Chinesischen Medizin, der chinesischen Philosophie und des Daoismus verankert ist, besteht die Möglichkeit, dass in den untersuchten Darstellungen die Beteiligten sich auch innerhalb dieses ideologisch-philosophischen Kontextes bewegen und diesem Aspekt deshalb besondere Aufmerksamkeit schenken. Das gilt letztlich auch für die Verfasserin. Durch das Verifizieren am Material wurde versucht, die Kategorie „Wandlung“ abzusichern und auszuschließen, dass dies eine von außen herangebrachte Kategorie ist, die dem Material übergestülpt wurde (Strauss, 1998, S. 22).

Anmerkungen zur Theoriebildung

Die Integration von Informationen in Theorien entwickelt sich nach Danner spiralförmig. Dies kann auch unabhängig davon gesehen werden, ob es sich um Natur- oder Geisteswissenschaften handelt.

Aus den Unterschieden der Perspektiven und den damit verbundenen Untersuchungs- und Darstellungsrichtungen können verdeutlichende oder blockierende Trennungen entstehen oder auch die Suche nach Gemeinsamkeiten, um aus Methoden und Möglichkeiten der jeweiligen Perspektiven Nutzen für die eigenen Forschungsgegenstände zu ziehen.

Die Kombination von Methoden birgt immer das Potenzial von Ungeordnetheit und Chaos in sich und leistet einem Gefühl von Irritation und Widerstand Vorschub.

Diese Situationen als für Untersuchungsprozesse heilsame Spannung zu werten ist eine Möglichkeit, „der sich anbahnenden Konvergenz der modernen Natur- und Geisteswissenschaften“ (Watzlawick. P: in Maturana & Varela, Umschlagrückseite) zu integrativ zu begegnen.

Die Methode der Grounded Theory nimmt diese Spannung auf. Gerade in der Untersuchung von sozialen Feldern ist die hohe Komplexität des Lebens und seiner Verwobenheiten eine Herausforderung. Die Idee von aus dem Leben heraus und an ihm verifizierten tragfähigen, gültigen Ordnungsmöglichkeiten - wie im Konzept von Glaser mit zeit- und raumunabhängiger Erklärungskompetenz zur Aufhellung von Chaos durch undurchschaubare Komplexität - berührt existentielle tief liegende Strukturen des Menschen und ist nicht nur einfach ein methodisches Werkzeug unter vielen anderen wissenschaftlichen Methoden.

Im Sinne von Systemtheorie gibt es keine absolut gültige Erkenntnis (z.B. Maturana & Varela, 1990, S. 263), aber die Notwendigkeit und Möglichkeit, über Transparenz und Theoriebildung Verständigung herzustellen in dem Bewusstsein, dass Erkenntnisse letztlich doch zeit- und systemgebunden sind, auch wenn sie z.B. im Sinne der Konzeptualisierung von Glaser hoch abstrakt und damit vielfältig anwendbar sind.

3 Qigong - allgemeine Darstellung und historischer Kontext

Die Ausführungen dieses Kapitels dienen der Vorinformation und Einführung in die Inhalte der Thematik. Um die Elemente der Rezeption von Qigong in der BRD mit der Situation in China vergleichen zu können, ist es nötig, einige vergleichsrelevante Aspekte darzustellen.

3.1 Qigong und seine Grundlagen

In verkürzender Zuspitzung der Perspektiven, aus denen Qigong betrachtet und übermittelt wird, sind zwei besonders hervorzuheben. Eine Perspektive fokussiert die Funktion des Qigong für die Gesunderhaltung und Heilung des Menschen, die andere - philosophisch-religiös ausgerichtete - Perspektive sieht Qigong als eine Methode, dem Menschen zu ermöglichen, sich wieder harmonisch in den Makrokosmos einzugliedern. Hier ist die Gesundheit zwar auch wichtig, aber als Mittel zum Zweck einer religiösen, spirituellen Zielsetzung. Die Darstellungen im alten wie im modernen China setzen innerhalb dieser Sichtweisen jeweils unterschiedliche Schwerpunkte. Für eine differenzierte Betrachtung der historischen Entwicklung und der unterschiedlichen Richtungen in China selbst finden sich in der Literatur gründliche Quellen: Besonders genannt seien hier die Arbeiten von Engelhardt (1987), Milanowski (2004), Ots (1990) und Unschuld (1980).

Bedeutung des Begriffs „Qigong“

Der Begriff „Qigong“ wird oft mit der Bezeichnung „Atemübungen“ oder „Atemgymnastik“ übersetzt. Der Begriff „breathing exercise“ wird im „Dictionary of Traditional Chinese Medicine“ verwendet (nach Heise, 1999, S. 11). „Qigong“ besteht aus den zwei Zeichen für „Qi“ und „Gong“.

Der Terminus „Qi“ ist in seiner Komplexität und in der Gebundenheit an den traditionellen chinesischen Kontext zwar umschreibbar, aber letztlich nicht adäquat übersetzbar (Hildenbrand, in Jiao, 1992, S. 11). Deshalb wird in der Literatur durchgängig „Qi“ als Begriff beibehalten.

„Qi“ kann in neusprachlicher Übersetzung, abgeleitet von „kongqi“, mit „Luft als Atem“ übersetzt werden (Heise, 1999, S. 11). „Qi“ wird in Bezug auf die klassische philosophische und medizinische Darstellung als Begriff für das Konzept von „Lebensenergie“ (Cohen, 1998, S. 29) in der chinesischen Tradition verwendet.

Etymologisch weist das chinesische Schriftzeichen auf die Bedeutung „aufsteigender Dampf“ hin und verweist damit auf die im traditionellen chinesischen Verständnis mögliche Krankheitsverursachung durch Wind (Unschuld, 1980, S. 60). Dieses Verständnis wurde erweitert zu einem Qi-Verständnis als Konzept von „Einflüssen und Ausstrahlungen“ (Unschuld, 1980, S. 61). Unschuld zeigt auf, dass in der Phase dieser Konzeptentwicklung (ca. 200 v. Chr.) ein Übergang von einer eher magischen Dämonenmedizin zu einem Konzept von Naturentsprechung erfolgte. Nicht mehr potenziell schädigende Naturgeister nehmen Einfluss auf den Menschen und das Naturgeschehen, sondern die neutralen Naturphänomene selbst (a.a.O. S. 61). Einen dezidierten Überblick über das Qi-Konzept in der historischen Entwicklung gibt Kubny (1998, S. 55-76).

Das Schriftzeichen „Gong“ bezeichnet „Arbeit“, „Leistung“, „Erfolg“, „Errungenschaft“, „Wirkung“ (Heise, 1999, S. 12).

Aus dem erweiterten Qi-Verständnis folgt eine Übersetzung von „Qigong“ als „Arbeit mit der Lebensenergie“ (Cohen, 1997, S. 29).

„In der chinesischen Medizin gilt Qi als die belebende Kraft, die alle Lebewesen durchströmt... Ein gesunder Mensch hat mehr Qi als ein kranker. Jedoch verbindet sich mit Gesundheit mehr als nur eine Fülle an Qi. Gesundheit impliziert, daß das Qi in unserem Körper rein, nicht verschmutzt und trübe ist, ungehindert fließen kann und nicht blockiert wird oder stagniert.“ (Cohen, 1997, S. 29).

Qigong-Übungen sollen somit auch im Wortsinne von Arbeit mit Lebensenergie dafür sorgen, dass dieses Qi im Körper in einer harmonischen Bewegung bleibt oder vorhandene Energieblockaden gelöst werden.

Bei den Übungen des Qigong geht es je nach ideologischem Ansatz nicht nur um Regulierung von Körperenergie, sondern in traditionellem Verständnis von Qigong auch um die Aufnahme von positiven Einflüssen aus der Natur und die Qi-Aufnahme aus dem Makrokosmos.

Zur Illustrierung der Spannbreite der oben skizzierten Perspektiven von Gesunderhaltung bis zu Harmonisierung in spirituellem Sinn, die sich durch alle untersuchten Materialien ziehen, folgen hier zwei Definitionen von Qigong:

„Qigong ist eine Methode, bei der der Mensch selbst aktiv wird und bei der er seinen Körper und Geist zur Gesunderhaltung und Heilung trainiert.“ (Jiao, 1992, S. 15)

„... daß nur dann mit Recht von einer Qigong-Praxis gesprochen werden kann, wenn folgende Aspekte Beachtung finden: 1. eine körperlich-geistige Praxis, die der Gesundheit dient, im Vordergrund steht, 2. dazu Qi-Techniken angewendet werden, also mit Hilfe spezieller Verfahren das Qi im Menschen gesteigert wird. 3. Das gesteigerte Qi ... zur körperlich-geistigen Vervollkommnung verwendet wird.“ (Milanowski, 2004, S. 302)

Übungsmethoden, Übungsprinzipien und Ziele

Für Qigong werden sehr unterschiedliche Klassifizierungssysteme verwendet. Sie gehen von der allgemeinen Art der Übungsform aus oder legen die Verwendungsrichtung oder Herkunft der Übungen zugrunde.

Gebräuchlich ist eine Einteilung nach der allgemeinen Art der Übungsform als „Übungen in Bewegung“ (donggong) und nach „Übungen in Stille“, synonym „Übungen in Ruhe“ (jinggong). (Cohen, 1997, S. 31, Jiao, 1992, S. 15).

Die „Übungen in Bewegung“ haben ihren Ursprung in den Daoyin-Übungen (siehe auch S. 35). „Daoyin-Übung: bedeutet Muskeln und Knochen sowie Gliedmaßen und Gelenke zu lockern.“ (Wang Bin, Tang-Zeit 618-906 n. Chr., zitiert nach Heise, 1999, S. 151). Ein Beispiel für „Übungen in Bewegung“ ist das „Spiel der Fünf Tiere“, das einem berühmten Arzt des Altertums, Hua Tuo (190-265 n.Chr.), zugeschrieben wird und sowohl in China als auch im Westen eine häufig gelehrte und ausgeführte Methode ist. Bei Jiao (1992) werden Charakteristika der Tiere in Bewegung, Haltung und Vorstellungskraft im Sinne einer Naturnachahmung in der Übung dargestellt.

Abbildung 6: Spiel der Fünf Tiere, der Schritt des Hirsches

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abbildung aus Jiao, 1992, S. 248f)

„Wenn man sich bewegt, kann das mit der Nahrung aufgenommene Qi verbraucht werden, zirkulieren die pulsierenden Säfte ungehindert, die Krankheit kann nicht entstehen. Es ist dabei wie mit der Türangel, die niemals rostet“ (Hua Tuo, In: Jiao 1992, S. 168).

Bei den „Übungen in Bewegung“ können Übungen mit angeleiteter und spontaner Bewegung unterschieden werden. Zu den Methoden mit spontanen, selbstinduzierten Bewegungen gehört ein Übungsteil des „Kranich-Qigong“, das in China eine Zeit lang sehr populär war (siehe Ots, 1991).

„Übungen in Ruhe“, die auch „Stilles Qigong“ genannt werden, entstammen dem traditionellen Bereich der „Atemübungen“ (siehe S. 36). Sie werden ohne sichtbare Bewegung oder mit einem Minimum an Bewegung ausgeführt. Sie können im Liegen, Sitzen oder Stehen geübt werden.

Beispiel einer „Übung in Ruhe“ ist der oft dargestellte „kleine Himmelsumlauf“ (xiaozhoutian). Der Übende versucht mit seiner Vorstellungskraft, das Qi in einer Kreisbewegung über zwei zentrale Energiebahnen und auf ihnen gelegene Energiezentren, die jeweils in der Mitte des Körpers vorne und hinten liegen, zu leiten.

Abbildung 7: Beispiel für eine Übung in Ruhe - Kleiner Himmelsumlauf

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abbildung: Olvedi, 1994, S. 176)

Eine andere Einteilungsmöglichkeit ist die folgende im Hinblick auf die Verwendungsrichtung (Cohen, S. 36, Heise, 1999, S. 116 ff):

- meditatives oder spirituelles Qigong (jinggong)
- taoistische Übungsstile (daojiagong)
- buddhistische Übungsstile (fojiagong)
- konfuzianisches Qigong (rujiagong)
- kampfkunstorientierte Übungsstile
- gesundheitsorientierte Übungsstile

Die taoistischen und buddhistischen Richtungen sind umfangreicher als die konfuzianischen Stile (Heise, 1999, S. 116ff).

Die kampfkunstorientierten Qigongstile (wugong) sind sportlich, dynamisch und mit den Kampfkünsten (wushu) verwandt (Jiao, 1992. S. 15). Beide werden manchmal synonym gebraucht mit der Bezeichnung „Hartes qigong“ (yinggong).

Beim gesundheitsorientierten Qigong (yigong) oder medizinischen Qigong wird unterschieden zwischen den Übungen, die jemand selbst ausführt, um Krankheiten zu verhüten oder zu heilen, und zwischen dem Ausstrahlungs-Qigong (waiqigong), bei dem der Therapeut das eigene Qi im Sinne des Modells der Energieübertragung auf den Patienten abstrahlt (Heise, 1999, S. 150).

Diese verschiedenen Klassifizierungssysteme geben jeweils einen Überblick, sind aber auch künstlich. Eine Trennung zwischen philosophisch/religiösen und säkularen Zielen entspricht nicht dem Verständnis der Ganzheitlichkeit des traditionellen chinesischen Denkens, auch wenn die Betonung eines Aspektes je nach Übungsform, Anwendungskontext und dem Verständnis von Lehrenden und Lernenden im Vordergrund erscheint.

Als erläuterndes Beispiel mag die Überlieferung der Legende dienen, dass der berühmte Zenmeister Boddhidarma den Gesundheits- und Kraftzustand der Mönche im Shaolinkloster (in der Nähe der Stadt Luoyang) als nicht ausreichend für die Meditationsübungen beurteilte und ihnen deshalb Körperübungen zur Kräftigung beibrachte, aus denen sich dann über die Kampfkünste das auch im Westen bekannte Kungfu entwickelte, das nach wie vor im Kloster geübt wird und im Westen in Film, Vorführung und Schulen populär ist. (Hodge, 2001, S 107)

Hier wird eine Form von an der Kampfkunst orientiertem „hartem“ Qigong sowohl zu gesundheitlicher als auch zu spiritueller Vervollkommnung geübt und im modernen China und im Westen als populäre Showdarstellung wahrgenommen.

Gesundheit ist einerseits für die religiös orientierten Stilrichtungen nicht Selbstzweck, sondern die Voraussetzung für die Ausrichtung zur spirituellen Weiterentwicklung; andererseits ist Gesundheit auch der sichtbare Ausdruck von spirituellen Bemühungen im traditionellen chinesischen und besonders im taoistischen Verständnis (Kohn, 2002, S. 21).

Übungsprinzipien

Qigongübungen basieren auf grundlegenden Übungsprinzipien, die wichtig zu beachten sind, unabhängig davon, in welchem Land, in welcher Zeit oder mit welchem ideologischen Hintergrund geübt wird, um positive Wirkungen zu erzielen.

Die folgende Auflistung von Prinzipien folgt der Darstellung von Jiao (1992, S. 60ff):

- „Entspannung, Ruhe, Natürlichkeit
- Vorstellungskraft und Qi folgen einander
- Bewegung und Ruhe gehören zusammen
- Oben ‚leer‘, unten ‚fest‘ [unterhalb des Bauchnabels soll ein Gefühl von Festigkeit und Kraft vorherrschen, oberhalb ein Gefühl von innerer Leichtigkeit und Beweglichkeit]
- Anpassung des Übungsniveaus
- Schritt für Schritt üben“

Die Kombination von Körperhaltungs-Übungen, Atem-Übungen und Übungen der Vorstellungskraft mit je unterschiedlichen Schwerpunkten kennzeichnen alle Qigong-Übungen (a.a.O. S. 56).

Bereits die Kombination der Elemente: Entspannung, Ruhe, Natürlichkeit lässt vermuten, dass es langer Übung bedarf, um die dargestellten Übungsprinzipien zu verwirklichen.

Ziele von Qigong-Übungen

Die möglichen Ziele der Übung von Qigong sind vielfältig (s.a. S. 97) und auch hier in einer Spannbreite zwischen säkular und religiös:

Ziele sind konkret und ideologiefrei in der medizinischen Anwendung zur Prävention und Therapie oder in der Anwendung in Kampfkunst und Sport (Jiao, 1992, S. 58).

Die daoistischen Ziele Heilung, Langlebigkeit und Unsterblichkeit, die als drei Ebenen gesehen werden können (Kohn, 2002, S. 21), stehen dagegen in einem religiös orientierten Kontext.

Gemeinsam ist allen Anwendungen, dass sie auf der Vorstellung eines im Körper zirkulierenden „Qi“ gründen, das sorgfältig gepflegt werden soll.

„Grundsätzlich zielt Qigong darauf ab, von einer verschwenderischen und nachlässigen Haltung seinem eigenen Körper und Bewusstsein gegenüber zu einem ganzheitlichen, heilsamen und rücksichtsvollen Umgang mit sich selbst zu gelangen.“ (Kohn 2002, S. 22)

3.2 Konzepte im Daoismus und in Traditioneller Chinesischer Medizin

Es gibt im chinesischen Denken grundlegende Konzepte. Drei dieser Konzepte, „Qi“, „Yin-Yang“ und „5-Wandlungsphasen“ werden erläutert, um die Prinzipien und Wirkmodelle von Qigong innerhalb der chinesischen Tradition nachvollziehen zu können. Diese Konzepte werden heute noch deutlich sichtbar im System der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) tradiert, gründen jedoch in der alten Philosophie Chinas und hier besonders im Daoismus.

Im Rahmen der übrigen Darstellung der TCM wird das für Qigong auch gebräuchliche Leitbahnkonzept dargestellt.

Qi-Konzept

Fest verankert in den Konzepten von Qigong und der Traditionellen Chinesischen Medizin sind differenzierte Vorstellungen, wie Qi entsteht, welche Wirkungen Qi hat, wie sich die Qi-Bewegung auf Gesundheit und Krankheit auswirkt:

Jeder Mensch hat, wenn er auf die Welt kommt, eine bestimmte Menge an Qi, das von kosmischen Kräften stammt (yuánqi). Dieses Qi, das auch für Intellekt und Instinkte zuständig ist, reicht für eine bestimmte Lebensspanne. Der Mensch hat die Wahl, wie er mit dieser angeborenen Energie umgeht. Verschwendet er sie, führt das zu persönlichen Problemen, Krankheiten und einem früheren Tod; versucht er sie ausgewogen zu bewahren, also nicht zuviel Kräfte auszugeben und stattdessen Techniken wie Qigong zur Bewahrung des Qi zu üben, dann kann er die natürlich vorgegebene Lebensspanne erreichen. Als dritte Möglichkeit gibt es Übende, die das Ziel haben, eine Lebensspanne über die natürlich vorgegebene zu erreichen (Kohn, 2002, S. 17).

Neben der angeborenen Energie teilt man beim Menschen weitere Energien ein: In diesem Zusammenhang grundlegend ist die Atemenergie und die Nahrungsenergie. Dieses Qi-Konzept geht davon aus, dass Energie (Qi) in der Luft und in der Nahrung ist. Wenn ein Mensch einen harmonischen Energiefluss hat, kann er dieses Qi aus der Luft und der Nahrung gut aufnehmen und dann wieder als quasi Betriebsenergie verwenden oder auch speichern. In einer solchen Situation muss dann nicht auf die angeborene Energie zurückgegriffen werden, so als ob man mit laufenden Einnahmen seine Ausgaben gut bestreiten, davon noch etwas sparen kann und nicht an das Reservesparbuch gehen muss. Die Bewahrung und Pflege von Qi ist zentral: „Erschöpft sich das Qi, dann stirbt der Körper“ (Ge Hong, 284 - 364 n. Chr., In: Kubny, 1998. S. 75).

Qi wird bewahrt mit einer harmonischen Geisteshaltung, mit einem ausgewogenen Maß an Tätigkeit und Muße, Ruhe und Bewegung. Qi wird verbraucht bei übermäßiger Arbeit, unrhythmischem Lebenswandel, viel sexueller Aktivität und Schwangerschaften, geistiger Unruhe und Leidenschaften.

Qigongübungen sollen das Qi harmonisieren und zu einer intensiveren Aufnahme von Qi aus der Luft und Nahrung führen. Harmonisches Qi im traditionellen chinesischen Sinne fördert auch eine Harmonie in psychisch-geistiger Hinsicht.

Die Interpretation des Zieles Unsterblichkeit ist in der Literatur unterschiedlich. In den Beschreibungen der daoistischen Legenden können manche Meister ihren Körper verlassen und gleichzeitig an anderen Orten sein, oder sie verlassen im Tod den Körper und fliegen z.B. als Kranich in Regionen der Unsterblichkeit. Ob Unsterblichkeit so persönlich zu sehen ist oder als „Entstehung eines geistigen Wesens“ (Kohn, 2002, S. 22), das sich nicht mehr im Gegensatz zur Welt sieht, sondern als Teil des Kosmos erlebt, nicht getrennt von anderem, ist eine religiöse Interpretationsfrage. Eine ausführliche Darstellung des Qi-Konzeptes in Bezug auf Qigong findet sich bei Kubny (1998), eine weitere ausführliche Darstellung des Daoismus u.a. bei Blofield, (1991).

System der Traditionellen Chinesischen Medizin

Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) ist ein Konglomerat aus den Erfahrungen mehrerer Jahrtausende, die im Laufe ihrer Entwicklung jeweils an die ideologische Vorstellungswelt angepasst wurde.

Yin-Yang Konzept

In der Vorstellung des Daoismus bildet der gesamte Kosmos eine Einheit. Dieser Kosmos ist nicht statisch in seiner Ausprägung, sondern dynamisch. Zur Beschreibung der Dynamik wird ein System der Unterteilung in zwei Polaritäten, „yin“ und „yang“ benutzt. Ein weiteres System zu seiner Beschreibung ist das System der „Fünf Wandlungsphasen“.

Die Beschreibungskategorien zur Unterscheidung der Polaritäten yin und yang hat man vom Schriftzeichen her als eine Bergseite, die entweder in der Sonne oder im Schatten liegt, interpretiert. Ausgehend von dieser an der Natur orientierten Beschreibung hat sich eine Fülle von Zuordnungen in diesem Yin-Yang-System herausgebildet. Diese Zuordnungen der polaren Kräfte sind mehr als Wirkkräfte und Kraftrichtungen zu sehen, weniger als feste Zuordnungen. Yang ist eine Bezeichnung für eine zentrifugale Kraftrichtung, für Aktivität, für Beginnendes, yin für zentripetal, für Struktivität, für Vollendendes (Porkert, 1982, S. 21).

Als Erläuterung ein Beispiel zu den Zuordnungen der Tageszeit:

Die Nacht ist dem yin (dunkel, kälter) zugeordnet und der Tag dem yang (heller, wärmer). Bei genauerer Beobachtung kann eine weitere Tendenz differenziert werden: Das Sinken der Sonne von ihrem höchsten Stand aus ist eine Richtung des Yin und das Aufgehen der Sonne bis zu ihrem höchsten Stand des Yang. Wenn diese zweite Einteilung den Uhrzeiten zugeordnet wird, ergibt sich nun eine differenziertere Sichtweise.

Von 0 - 6 Uhr ist die Situation dann als yang im yin (wieder zunehmende Helligkeit in der dunklen Nacht) zu beschreiben, 6 - 12 Uhr yang im yang, 12 - 18 Uhr yin im yang, 18 - 24 Uhr yin im yin. Das Beispiel kann deutlich machen, dass es sich hier um einen Prozess handelt, den man auch kreisförmig oder kurvenförmig darstellen kann (Greten, 2004, S. 39).

In Bezug auf den Tagesverlauf gelten besonders die Wechselzeiten jeweils von yin und yang als besonders energetisch wirksam - weshalb als Übungszeit für Qigong besonders häufig der frühe Morgen empfohlen wird, um die starke yang-Tendenz in der Natur zur Energieaufnahme zu nutzen.

Das yin-yang Prinzip wird in der TCM auf den Jahreskreis angewandt. Im Hochsommer yang/yang, Winter yin/yin, Frühjahr yang/yin, Herbst yin/yang sind jeweils unterschiedliche Tendenzen der Naturkräfte besonders wirksam, und darauf sollte sich die Lebensführung des Menschen einstellen - beispielsweise mehr Schlaf im Winter, kühleres Essen im Sommer.

Auch die Lebenszeit des Menschen wird unter dieser yin-yang-Einteilung gesehen. Die starken Wachstumskräfte (yang) des noch kindlich schwachen (yin) Organismus entfalten sich beim Erwachsenen auf dem Höhepunkt seiner Kräfte (yang/yang), um in der zweiten Lebenshälfte zum Abnehmen des yang und damit der relativen Zunahme des yin bis zur Altersschwäche (yin/yin) zu führen.

Eine Stockung des kontinuierlichen Wechsels zwischen den Kraftrichtungen oder ein einseitiges Übergewicht einer Richtung gilt als widernatürlich. Dies führt im Makrokosmos zu Naturkatastrophen und im Mikrokosmos Mensch zur Entstehung von Krankheiten.

Eine harmonische Einordnung in den natürlichen Lauf des Makrokosmos ist die wichtigste Voraussetzung, wenn der Mensch alt werden und gesund bleiben soll. Im Menschen sollen die yin- und yang-Kräfte in einem harmonischen Verhältnis zueinander stehen, und zwar dynamisch, passend zum Lebensalter, zum Tages- und Jahreslauf.

Fünf Wandlungsphasen (wu xing)

Das System der „Fünf Wandlungsphasen“, synonym „5-Elemente“ ist bereits im 3. Jh. v. Chr. erwähnt (Greten, 2004, S. 34) und hat bis heute eine überragende Stellung innerhalb der unterschiedlichen Systeme für Diagnose und Therapie.

Es ist ähnlich dem yin-yang-System die Beschreibung von Zyklen, das ebenfalls eng an die Naturbeobachtung angelehnt ist. Hier sind Parallelen zwischen beiden Systemen sichtbar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus dieser ersten Zuordnung ist dann später die Erde in der Reihenfolge in die Mitte gerückt und als Jahreszeit dem Spätsommer zugeordnet worden.

Abbildung 8: Wandlungsphasenmodell - 5 Elemente (wu xing)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abbildung aus Kaptchuk, 1993, S. 392)

Diese fünf Aspekte sollen sich gegenseitig fördern und nähren und ein Übermaß einzelner Elemente unter Kontrolle halten.

Die unterstützende Reihenfolge im Zyklus besteht aus Holz, Feuer, Erde, Metall, Wasser. Es hat sich um diese Wandlungsphasen ein umfangreiches System von Entsprechungen entwickelt, das auch diagnostisch und therapeutisch genutzt wird.

Tabelle 1: Zuordnungen zum System der 5 Wandlungsphasen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieses Zuordnungssystem macht die Verschränkung der Hinsichten auf den Körper selbst, die Emotionen und die Einflüsse von außerhalb deutlich. Eine Harmonie zwischen innen und außen soll die individuelle Gesundheit fördern. Divergierende Kräfte können sie stören.

Qigong-Arten wie „Jahreszeiten-Qigong“ oder „5-Elemente-Qigong“ knüpfen explizit an dieses System an, ebenso z.B. Qigong-Übungen für die Augen, die das Element Holz stärken wollen durch einen verbesserten Qi-Fluss im Leber- und Gallenmeridian.

Leitbahnsystem

Das System der „Leitbahnen“, synonym „Meridiane“ beruht auf der Vorstellung, dass es ein System von Energiewegen gibt, auf denen das Qi geordnet fließt und bestimmte Punkte, Akupunkturpunkte, über die das Qi besonders beeinflussbar ist, vergleichbar mit Autobahnen und Kreuzungen.

Bei Qigong-Übungen sowohl in Ruhe als auch in Bewegung wird die geistige Aufmerksamkeit auf diese Leitbahnen oder bestimmte Akupunkturpunkte gerichtet, um den Qi-Fluss zu fördern.

Abbildung 9: Leitbahnsystem der Chinesischen Medizin - Gallenmeridian

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abbildung aus Kaptchuk, 1993, S. 119)

Ein Mangel an Qi oder blockiertes Qi erzeugen Krankheiten. Als Therapiemöglichkeit, um das Qi wieder zu harmonisieren, wird die auch im Westen mittlerweile sehr bekannte Akupunktur angewendet. Qigong als „Arbeit mit dem Qi“ ist neben anderen Methoden wie Kräuterheilkunde, Diätetik oder Massagetechniken eine wichtige Säule der TCM.

Durch ein komplexes Diagnosesystem mit Befragen des Patienten, mit Inspektion von äußeren Zeichen wie Gesichtsfarbe, Gang, Körperhaltung, Zunge mit Form und Belag, Tastbefunden und dem hierzu wichtigsten Instrument, der Pulsdiagnose, soll der aktuelle Zustand der Energiefunktion, des „Qi“, ermittelt werden.

Ein Beispiel zur Erläuterung dieser Sichtweise ist die Diagnose „Nieren-Yin-Leere mit Leber-yang-Fülle“. Der Patient kann aus westlich medizinischer Sicht noch völlig gesund sein, aber Symptome wie Erschöpfung mit gelegentlichen Wutausbrüchen, innere Unruhe, Nachtschweiß, konzentrierter dunkler Urin zeigen für den chinesischen Diagnostiker eine Entgleisung der yin-yang-Harmonie an. Wird diese Disharmonie erfolgreich behoben, kann auf diese Weise ein Fortschreiten vermieden werden - das Fortschreiten würde sich dann westlich-klinisch zum Beispiel mit der Entwicklung von Ohrgeräuschen, Bluthochdruck bis zur Entstehung eines Schlaganfalls zeigen.

Greten (2004, S. 39) weist als wichtiges Kennzeichen der TCM darauf hin, dass aus westlicher Sicht die TCM in ihrer Therapie schon auf der Ebene der vegetativen Dysfunktion einsetzt.

Eine wichtige Konsequenz dieser Betonung und Beobachtung des Entwicklungsprozesses von Disharmonie auf der Qi-Ebene liegt in der sich dadurch natürlich ergebenden Einstellung zur Prävention. Maßnahmen zu ergreifen wie das regelmäßige Üben von Qigong, damit sich Alterserscheinungen nicht so stark ausprägen, sind von alters her bis heute im chinesischen Denken verankert (Heise, 1999, S. 93).

Die Beschäftigung mit der eigenen Gesundheit und ihrer Erhaltung galt und gilt nicht als Hypochondrie oder gar Neurose, sondern durch die Einbettung dieser Haltung eines Bemühens um Harmonie auf allen Ebenen als notwendig für die „Lebenspflege“ (vgl. S. 36).

3.3 Qigong im „alten“ China

Die Tradition des heute überlieferten Qigong wird über die Jahrtausende aus vielen Quellen gespeist. Schamanismus, die verschiedenen Perioden und Strömungen des Daoismus, Einflüsse des Buddhismus, Konfuzianismus, die Entwicklung und Ausformung der medizinischen Theorien mit ihren wechselseitigen Verschränkungen haben die Fülle und Varianzbreite der Qigong-Übungssysteme entstehen lassen (Milanowski, 2004, S. 191ff). Bei Milanowski (2004) findet sich unter einer Fokussierung auf schamanistische Einflüsse eine sehr ausführliche und differenzierte Darstellung der historischen Entwicklungen und Strömungen.

Der Begriff Qigong ist erst in den 50er Jahren als Sammelbezeichnung gebräuchlich geworden. Die Zentralbegriffe, die in der historischen Überlieferung verwendet werden, sind: Atemübungen, Daoyin-Übungen (Dehnen und Leiten) und Yangsheng-Übungen (Übungen zur Pflege des Lebens). Diese älteren Bezeichnungen werden noch in den Buchtiteln von Pálos (1968) und Stiefvater (1962) „Atem und Meditation“ bzw. „Chinesische Atemlehre und Gymnastik“ deutlich.

„Neben den einfachen Methoden des meditierenden „Sitzens“, des zuo-wang, integrierten die besonders im späteren synkretistischen Daoismus beliebten Systeme zur „Pflege des Lebens“ die verschiedenen Formen der Leibbemeisterung, von denen das daoyin und die Atemübungen mit zu den bedeutendsten zählen.“ (Rappe, 1995, S. 474)

Daoyin - Dehnen und Leiten

Daoyin wird mit „Dehnen und Leiten“ übersetzt (Rappe, 1995, S. 474).

Diese Übungen in der Bewegung dienen zur Körperstärkung, Vorbeugung von Krankheiten und auch zur Therapie. Die Darstellungen auf den Grabfunden in Mawangdui gehören zu den frühen archäologischen Funden zum Qigong. Das 1973 ausgegrabene Seidentuch mit der bildlichen Darstellung von 44 Figuren in verschiedenen Übungshaltungen wurde von den Archäologen mit „Plan der Übungen zum Leiten und Dehnen“ benannt. Es enthält keine Übungsbeschreibungen, jedoch konnten 28 Benennungen rekonstruiert werden. Das Tuch wurde auf 168 v. Chr. datiert (Engelhardt, 1998, S. 11).

Abbildung 10: Darstellung des Tuchfundes aus dem Mawangdui Grab - Daoyintu

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abbildung aus Hildenbrand, 1998 b, S. 10)

1984 wurde noch ein früheres schriftliches Zeugnis von Daoyin-Übungen bei Grabfunden entdeckt. Auf Bambustäfelchen, die auf 186 v. Chr. datiert worden sind, befinden sich Übungsanleitungen zum Daoyin. Sie enthalten außerdem theoretische Anmerkungen zur Übungsmethode daoyin und auch zu yangsheng (Lebenspflege) (ebd.). Der Text trägt die Bezeichnung „Yinshu“ („Buch über das Dehnen“).

„Durch Übungen des Streckens und Dehnens sollte der Leib durchlässiger gemacht und Blockaden des freien Qi-Flusses aufgelöst werden.“ (Rappe 1995, S. 483)

„It undoubtedly originated from the idea, very old in Chinese, as in Greek medicine, that pores of the body were liable to become obstructed, thus causing stasis and disease.“ (Needham 1992, S. 145 in Rappe, 1995, S. 483)

Rappe zitiert Maspero, der in der chinesischen Denkweise die Einheit von Geist, Körper und auch mit den Göttern im Makrokosmos betont. Dies steht im Gegensatz zur Säkularisierung der Gymnastik im frühen Griechenland. „It is a religion (der Daoismus) which includes a hygiene, a medicine, and an alchemy, but in which the primary place always belongs to religious values.“ (Maspero 1982, 552, In: Rappe, 1995, S. 485) Jede Gymnastikübung hat einen religiösen Aspekt aufgrund der Heiligkeit des Körpers als Teil des Makrokosmos. (Rappe, 1995, S. 485)

Rappe (a.a.O. S. 490) zitiert Engelhardt (1987, S. 180) zum Zusammenhang der Körperbereiche, eines rudimentären Akupunkturpunktsystems, von Qi und Übungen:

„Die fünf Speicherorbes [Yin-Organe des Wandlungsphasensystems wie Leber, Herz, Nieren] mußten durch verschiedenste Praktiken (Aufnahme des qi etc.) so gepflegt werden, daß sie rein leuchtend und frei von jeder Fäulnis blieben, damit die Schutzgottheiten des Körpers in den Orbes residieren konnten.“

Die Aufnahme von Qi als Austausch zwischen äußeren göttlichen Anteilen der Welt und den inneren göttlichen Anteilen hat ihre Voraussetzung in der Überzeugung, dass keine energetische Trennung zwischen Innen und Außen existiert, eine religiöse Vorstellung, die sowohl dem Buddhismus als auch dem Daoismus eigen ist.

Ots (1990, S. 54) schreibt: „Es ist bekannt, dass daoyin während der Tang-Dynastie zum offiziellen Kanon der Medizin am Hofe gehörte. Nach der Tangdynastie [wurden „Übungen in Bewegung“ - daoyin] verdrängt und nur im Kontext von religiösem Daoismus lebendig.“ Es entstand die Bevorzugung von sitzenden und liegenden Positionen, d.h. der „Atemübungen“ oder der „Übungen in Ruhe“ (Ots, 1990, S. 56).

Atemübungen

Für die Atemübungen finden sich noch frühere schriftliche Hinweise als für die Daoyin-Übungen, so bei Dschuang Dsi (365 v - 290 v. Chr.) (Zhangzi, 1992).

Ihr Stellenwert ist von vorneherein breiter angelegt und geht weit über das körperliche Wohlbefinden hinaus. „Bei den Versuchen der Bemeisterung des Leibes und der Suche nach einem leiblichen Zustand des Glücks spielten neben dem Daoyin vor allem Atemübungen bereits zur Zeit des frühen Daoismus eine große Rolle (Rappe, 1995, S. 475).

Rappe führt Beschreibungen von ekstatischen Erfahrungen bei den Atemübungen auf. Es wird von der Einheit mit dem Dao berichtet:

„Ich lege meine Glieder hin, bringe meine Vernunft zum Schweigen, trenne mich von Leib und Seele und werde eins mit dem Großen Einen (Tao). Das heißt Sitzen und alles Vergessen“ (Mokusen 1984 in Rappe 1995, S. 476) von Dschuang Dsi (Zhuangzi, 1992, S. 95).

Die folgende Beschreibung wird aus der Kenntnis der später überlieferten Atemübungen als Darstellung von „Meditationstechniken mit Atemmanipulation“ interpretiert (Rappe 1995, S. 475). „Die „Wahren Menschen“ des Altertums hatten während des Schlafens keine Träume und beim Erwachen keine Angst. Ihre Speise war einfach, ihr Atem tief. Die wahren Menschen atmen mit den Fersen, während die gewöhnlichen Menschen nur mit der Kehle atmen.“ (Dschuang Dsi, Buch VI, Kap. 1, S. 84).

Im Zusammenhang mit Zielen der Atemübungen warnen in frühen Texten schon Autoren davor, durch solche Meditationstechniken eine Verlängerung des Lebens erzwingen zu wollen (Rappe, 1995, S. 479).

Funde von Jadetäfelchen, datiert 722 - 481 v. Chr. mit Beschreibung der Prinzipien der Atemübungen sind das bisher früheste schriftliche Zeugnis von Qigong. „Das Führen des Qi. Ist die Atmung tief, so sammelt sich [das Qi]; ... Die Wurzel des Himmels ist oben, die Wurzel der Erde ist unten, wer dem folgt, der lebt, wer dem entgegenhandelt, der stirbt.“ (Hildenbrand, 1998a, S. 273)

Yangsheng - Lebenspflege

„Die Praktiken zur Lebenspflege werden auch „Techniken zu Erlangung eines langen Lebens“ oder der „Unsterblichkeit“ genannt.“

Gesundheit, Wohlbefinden und ein langes Leben sind wesentliche Ziele der chinesischen Medizin (Engelhardt, 1998, S. 12). In den philosophischen Schriften und in den Berichten über erfolgreich diese Techniken Praktizierende wird immer wieder der Begriff „Unsterblichkeit“ gebraucht. Das Verständnis, wie konkret diese „Unsterblichkeit“ aufzufassen sei, wurde unterschiedlich interpretiert. Engelhardt (1998) macht deutlich „... daß dabei ... eine physische und zugleich kosmische „Unsterblichkeit“ angestrebt wurde. Der daoistische Adept versucht, seinen substantiellen, grobstofflichen Körper ... so zu läutern und umzuwandeln, daß ein „göttlicher“ bzw. ganz aus „konstellierender Kraft“ (shen) bestehender Körper ... entsteht.“ (a.a.O. S. 12).

Die „Lebenspflege“ umfasst die gesamte Lebensführung, um zur Erlangung von Langlebigkeit und Unsterblichkeit Qi aufzunehmen, läutern und sublimieren zu können. Zu den Methoden der „Praktiken zur Lebenspflege“ gehören als wichtige Teile: Übungen der Atemführung, Aufnahme von kosmischem Qi, gymnastische Übungen, sexuelle Techniken, pharmazeutische und alchimistische Verfahren sowie diätetische Maßnahmen (Engelhardt, 1998, S. 13). Das bedeutet, dass die Qigong-Übungen in diesem System eine zentrale Rolle spielen.

Aus diesen verschiedenen Übungsmethoden hat sich im 4./5 Jahrhundert ein geschlossenes System mit Praktiken zu Lebenspflege entwickelt (Shangqing-Schule) (Engelhardt, 1998, S. 11). Die Praktiken, die bis dahin nicht bestimmten Glaubensrichtungen zugeordnet waren, werden hier in einen daoistischen Kontext gestellt (ebd.).

Heilung von Krankheiten

Der Text der ältesten schriftlichen Quelle des Daoyin von 186 v. Chr., „Yinshu“, führt konkrete Krankheiten und Übungsanweisungen für die Therapie aus. Für die Behandlung von Schmerzen im Bereich des Außenknöchels wird beispielsweise empfohlen, die Yang-Muskelbahnen des linken Oberschenkels dreimal zu dehnen. (Engelhardt, 1998, S. 13). Aus dem Gesamttext, der Indikationen, allgemeine Darstellungen von Krankheitsursachen und Übungsbeschreibungen enthält, lässt sich erschließen, dass in dieser Zeit, also vor Ausbildung der Akupunktur, „die Daoyin-Übungen „einen vollwertigen Bestandteil der frühen chinesischen Medizin darstellten.“ (Engelhardt, 1998, S. 16)

Lehrer-Schüler-Beziehung

Die Weitergabe des Wissens erfolgte über das persönliche Lehrer-Schülerverhältnis im Sinne von „Meister“ - „Adept“. Die Person des Lehrers war nicht nur im Sinne der reinen Wissensvermittlung zu verstehen, sondern erstreckte sich auf weite Lebensbereiche. Der Schüler lebte oft jahrelang direkt bei seinem Meister bzw. eine ganze Anzahl von Schülern lebte im Umfeld des Lehrers bzw. fand die Übermittlung auch innerhalb von Klöstern statt. Viele Stilrichtungen wurden nicht aufgezeichnet. Es gibt vermutlich eine Vielzahl von Übungsformen, „die nur in speziellen religiösen Sekten und Kreisen sowie unter Eingeweihten weitergegeben werden” (Cohen, 1998, S. 59).

Das Lehrer-Schüler-Verhältnis stand im engen Kontext von ethischer, sittlicher und religiöser Lebensführung:

„Die Übungen konnten nur dann Früchte tragen, wenn sich der Adept ihrer würdig erwies. Es bedurfte dazu eines Meisters, der ihn zwar auch in den Techniken zur Lebenspflege unterwies, ihm aber vor allem bei seiner religiösen und sittlichen Entwicklung zur Seite stand.“ (Engelhardt, 1987, S. 15)

„Bei einigen daoistischen Bewegungen ... scheint in ihrem Streben nach einem langen Leben die sittliche Vervollkommnung eindeutig Vorrang gehabt zu haben“. (Engelhardt, 1987, S. 15)

Ausdauer und Geduld der Menschen waren schon im alten China bei den Menschen unterschiedlich ausgeprägt, so dass manche Lehrer die mangelnde Ernsthaftigkeit der Übenden beklagen:

„Der gewöhnliche Mensch, der nicht gleich eine Wirkung (bei der Pflege des Lebens) erzielt, versucht es gar nicht weiter; derjenige, der sich weiterhin bemüht, ohne sich (den Übungen) gänzlich zu widmen, wird nur seine Arbeit verlieren. Der Einseitige, der (die Praktiken) nicht im Zusammenhang anwendet, wird keinen Erfolg verzeichnen können. Wer (stur) die Methoden befolgt, wird sich auf diese Weise selbst Schaden zufügen. Von Zehntausend, die wie diese (ihr Leben pflegen) wollen, wird wohl kein einziger Erfolg haben.“ (Xi Kang (223 - 262 n. Chr.) in „Abhandlung zur Pflege des Lebens“ (yangsheng lun); (zitiert nach Engelhardt 1997, S. 15)

Verbreitung der Qigong-Praxis im alten China

„Bei den Gestalten auf dem Daoyintu [Grabfundtuch - Mawangdui] handelt es sich um Junge und Alte, Frauen und Männer, Bauern und Beamte. Die Daoismus-Forscherin und Qigong-Meisterin Patricia N.H. Leong meint, dass die Gestalten ... „unterschiedlich gekleidet sind, scheint darauf hinzudeuten, dass therapeutische Übungen und das Streben nach einem langen Leben nicht nur eine Klasse interessierte, sondern alle Gesellschaftsschichten” (Cohen, 1999, S. 55).

Im Gegensatz dazu ist in dem 18 Jahre älteren Bambustafel-Text „yinshu“ von 186 v.Chr. die Rede von „hochgestellten Personen“, die als Folge von zu starken Emotionen wie Zorn oder übermäßige Freude erkranken und „niedriggestellten Personen“, die infolge von Überanstrengung, Durst und Hunger erkranken. „Diese hätten keine Möglichkeiten, die erforderlichen Atemtechniken zu erlernen, weshalb sie sich zahlreiche Krankheiten zuzögen und früh sterben müssten.“ (Engelhardt, 1988, S. 13)

Bemerkenswert ist, dass auf der bildlichen Darstellung des Seidentuchs aus dem Mawanduigrab 22 Frauen und 22 Männer in den Übungspositionen dargestellt sind. Nach Engelhardt (1998, S. 11) und Heise (1999, S. 73) gibt es Belege für matriarchale Restspuren bis in die Tangzeit hinein. Ebenso sei die Abgrenzung zwischen Schamanen, Ärzten und Daoisten, was die Heilkunde und damit auch die Qigong-Übungen betraf, schwierig gewesen. Insbesondere unter den Schamanen gab es bis ins 2. Jahrhundert u.U. viele Frauen (ebd.).

3.4 Qigong im „modernen“ China

Die Rolle von Qigong ist im modernen China eng an die Akzeptanz der Traditionellen Chinesischen Medizin geknüpft, die großen Schwankungen unterworfen war.

Situation der Traditionellen Medizin im neuen China

Der Beginn dieses Jahrhunderts bis 1949 (Ausrufung der Volksrepublik)

Kennzeichnend für diese Zeit ist eine hohe Wertschätzung der westlichen Medizin, die der traditionellen überlegen schien. Nach den Missionsstationen mit eher schlichter Ausstattung gab es durch die Ausbildungen an den beiden Ausbildungskliniken mit westlichem Standard in Shanghai (1907) und Peking (1914) auch mehr westlich ausgebildete chinesische Ärzte, deren Zahl gegenüber der Bevölkerungsgröße verschwindend gering war und die vorwiegend in den großen Städten praktizierten. Für 1935 werden 7000 registrierte Ärzte sowie 500 Krankenhäuser mit 20.799 Betten angegeben, während die Zahlen für traditionelle chinesische Heilkunde im Jahre 1930 bei 1,2 Millionen Ärzten und 7 Millionen Apothekern liegen (Heise, 1999, S. 85). Die Zahlen zeigen deutlich, dass die neue Wertschätzung der westlich wissenschaftlichen Medizin in deutlichem Widerspruch zu den Fakten der Bevölkerungsversorgung steht. Unter der Guomindang-Regierung wird 1929 die Traditionelle Chinesische Medizin stark reglementiert, was die medizinische Versorgung der Bevölkerung verschlechtert (Heise, 1999, S. 87).

Sowohl die Überlegenheit der westlichen Medizin bei Seuchen als auch der „Neue Glaube“ an Wissenschaftlichkeit hat zur Wertschätzung der westlichen Medizin beigetragen.

Wissenschaftlichkeit ist nach Unschuld (1980, S. 202) ein wesentliches Element im Wertesystem der neuen Gesellschaftsordnung im Anschluss an die Kaiserzeit und im Marxismus von China. Dies illustrieren die beiden nachfolgenden Zitate:

Mao Tse-Tung im Jahre 1940:

„Die neudemokratische Kultur ist wissenschaftlich. Sie richtet sich gegen alle feudalen und abergläubischen Anschauungen, will die Wahrheit in den Tatsachen suchen...“ (Mao Tse-Tung, ausgewählte Werke, Peking 1968, zitiert nach Unschuld 1980, S. 202)

Ch`en Tu-hsiu, nach Unschuld ein Vertreter der Modernisierung Chinas auf wissenschaftlicher Grundlage, im Aufruf an die Jugend (1919):

„Unsere Gelehrten verstehen nichts von Wissenschaft; daher bedienen sie sich der yinyang-Zeichen und auch des Glaubens an die Fünf Wandlungsphasen, um die Welt zu verwirren... Die Spitze ihrer wunderlichen Illusionen bildet die Theorie von Ch‘i, die in Wirklichkeit in das Metier von berufsmäßigen Gauklern und taoistischen Priestern gehört. Wir werden niemals erfahren, was dieses Ch‘i nun eigentlich ist, selbst wenn wir überall im Universum danach suchen. Alle diese phantasievollen Vorstellungen und irrationalen Annahmen können mit Hilfe der Wissenschaft von Grund auf korrigiert werden, denn die Wissenschaft vermag die Wahrheit über den Tatsachenbeweis offenzulegen.“ (zitiert nach Unschuld 1980, S. 203f)

1928 wurden Gesetze gegen Aberglauben erlassen: „Vorgehensweise zur Abschaffung von Berufen der Wahrsagekunst, Astrologie, Gesichts- und Handlesekunst, Zauberei und Geomantik“ (Heise, 1999, S. 84).

Traditionelle Chinesische Medizin gilt als unvereinbar mit der Wissenschaft; die Einbettung in ein umfassenderes Entsprechungssystem, das die Geomantik, die Astrologie und viele Qigong-Praktiken umfasst, gilt als zu bekämpfender Aberglaube.

TCM seit 1949

Diese Situation hat schon vor 1949 zu Fluchtbewegungen von so genannten Altärzten mit großer Erfahrung und umfangreichem Wissen und Qigongmeistern aus China in andere Länder geführt.

Die Einsicht in die prekäre Versorgungssituation der Bevölkerung und auch positive Erfahrungen mit Traditioneller Chinesischer Medizin von Mao Zedong während des „Langen Marsches“ veranlasste Mao Zedong 1944 in seiner berühmten Rede zu fordern, „dass sich moderne und traditionelle Ärzte zusammentun und den Standard der TCM heben sollten, um dem Volk besser zu dienen“ (Heise, 1999, S. 87).

Es wurden während der Kulturrevolution die so genannten „Barfußärzte“ in 3‑Monatskursen ausgebildet, um die massive medizinische Unterversorgung der Bevölkerung zu bessern. Eine für die TCM positive Folge der Kulturrevolution war, dass von den westlich ausgebildeten Ärzten, die zwangsweise aufs Land verschickt wurden, einige durch den Kontakt zur traditionellen Medizin ihr Verständnis erweiterten und ein nachhaltiges Interesse entwickelten, was nach Ende der Kulturrevolution zum Erhalt der TCM beitrug (Heise, 1999, S. 90).

Mittlerweile ist die Ausbildung und Versorgung mit Ärzten der westlichen Medizin flächendeckend, wenngleich auf unterschiedlichem Niveau und mit entsprechendem Stadt-Land-Gefälle.

Die TCM ist zwar wieder durch staatlich anerkannte Ausbildungsstätten anerkannt, dennoch ist die Situation schwierig. Viel Wissen und Können ist durch den Exodus der Altärzte verloren gegangen. Viele von ihnen sind nach Taiwan oder auch später in westliche Länder geflohen. Die heutige Ausbildung in TCM einerseits ist systematisiert, jedoch im Vergleich zur früheren Ausbildung im Meister-Schüler-Verhältnis reduziert, was Umfang und Inhalte angeht (a.a.O. S. 92).

Dieses Spannungsfeld von Tradition versus Wissenschaftlichkeit zieht sich auch durch die aktuelle Qigong-Rezeption bis zur Gegenwart. (Interview 6 Zeile 52ff)

Qigong seit 1949

Abbildung 11: Zusammenfassung der Übermittlungspraxis vom alten China bis heute

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Öffnung der Tradition, Verbreitung und Entwicklung von neuen Methoden

Mit der Öffnung des politischen Klimas für TCM als Bestandteil der allgemeinen medizinischen Versorgung kann auch Qigong als Medizin wieder politische Akzeptanz finden. Infolge der Durchbrechung der bisherigen Überlieferungspraxis ausschließlich vom Lehrer zum langjährig und ernsthaft lernenden und erfahrenen Schüler zu einer allgemeinen Übermittlungspraxis in Kliniken, Kursen und Medien entsteht eine neue Situation. Um allerdings aus der Einordnung von Qigong als feudalistischer Aberglaube herauszukommen, ist das Bemühen um wissenschaftliche Erforschung und Akzeptanz immer noch unbedingt nötig. Dies belegen aktuell öffentliche Äußerungen von Chinesen (Liu Yafei, 2002 S. 55).

Situation vor der „Kulturrevolution“

Ende der 40er Jahre therapierte der Arzt Liu Guizhen mit Übungen, die er noch im klassischen Traditionsliniensystem gelernt hatte, erfolgreich seine Magengeschwüre. Im Anschluss setzte er diese Therapieform als Arzt bei Patienten mit Magengeschwür ein und erzielte dokumentierte Heilungserfolge von mehr als 80 % (Heise, 1999, S. 94). Dies gilt als der Beginn des offiziellen medizinischen Qigong in China. Liu Guizhen leitete die „Forschungsgruppe für Qigong-Therapie“. 1955 kam es zur Gründung eines Qigong-Sanatoriums in Tangshan und 1956 zur Gründung des Qigong-Sanatoriums in Beidaihe, deren Leiter Liu Guizhen wurde. 1959 fand die erste offizielle nationale Qigong-Konferenz in Beidaihe mit Abgesandten aus 17 Provinzen statt (Cohen, 1998, S. 60). Statt der Bezeichnungen der einzelnen Übungsmethoden wurde aufgrund der Veröffentlichungen und der staatlichen Anerkennung als medizinisches System der Begriff „Qigong“ als Sammelbezeichnung bekannt und anerkannt. Mit dieser Anerkennung wurde gleichzeitig die Grundlage zur Erforschung, Systematisierung, Vereinheitlichung und Standardisierung gelegt (Liu Yafei 2002 in Hildenbrand 2002, S.55). „Der geheimnisvolle Schleier, der dem traditionellen Qigong anhaftete, wurde gelüftet. Qigong wurde allgemein bekannt, volkstümlich und wissenschaftlich gemacht.“ (a.a.O. S. 55)

Während der Kulturrevolution (1966 - 1976) war Qigong offiziell verboten (Cohen, 1998, S. 60).

Kritik in der Volksrepublik China an Qigong liegt auch im Zusammenhang mit den daoistischen Wurzeln der Qigong-Praxis begründet. „Daoismus galt als individualistisch, exzentrisch und konterrevolutionär” (a.a.O. S. 59).

nach der Kulturrevolution

1979 fand die erste „Nationale Arbeitskonferenz für Qigong-Forschung” durch das Internationale Institut für Traditionelle Chinesische Medizin statt. Gefördert wurde ab diesem Zeitpunkt die Anwendung in Prävention und Therapie besonders in Sport, Geriatrie und Physiologie (Jiao, 1988, S. 22).

Für das Jahr 1979 gibt Lin Zhongpeng (Hildenbrand, 1998, S. 104) ca. 30.000 Qigong-Übende an.

Qigong-Fieber (1983 - 1989)

Nach dem Ende der Kulturrevolution wurde durch Deng Xiaoping eine Neubewertung und damit auch eine Aufwertung der alten Traditionen eingeleitet. Dies begünstigte auch das Auftreten von eher spirituell, religiös und innerlich ausgerichteten Qigong-Methoden. Dazu kam die Publizität von sensationellen Heilungserfolgen bei schweren Krankheiten durch Qigong über die Massenmedien.

1980 strahlte das Chinesische Fernsehen eine Serie aus über die Behandlung von Krebskrankheiten mit Qigong. Es zeigte an Hand von Röntgenbildern zur Heilung von inoperablen Lungencarcinomen die Wirksamkeit der Übungen nach der Methode der Ärztin Guo Lin (Zöller, S. 16 und 315 ff).

Ein weiteres Beispiel für den Anteil des Fernsehens an der Verbreitung steht im Vorwort zum Buch „Meridian Qigong von Prof. Li Ding“ als Textbuch für die Begleitung einer mehrteiligen Fernsehserie 1985 in Shanxi: „...um die Wünsche der Fernsehzuschauer und der Leser zu befriedigen, die großes Interesse für diese Art des Qigong, das wirksam gegen schwerwiegende und chronische Krankheiten praktiziert werden kann, bekundeten.” (Li Ding, 1991, S. 2) Dazu gehört eine Videokassette von 30 Minuten Dauer mit der Darstellung der Übungen.

Es entstehen neue Methoden; bisher nicht publizierte Methoden werden bekannt, was auch in der Anwendung zu gewissen Modeerscheinungen führt, zum Beispiel Kranich-Qigong oder Hui-Chun-Qigong (Heise, 1999, S. 141).

Viele Praktiken, die bisher nur in der Familientradition weitergegeben wurden, werden jetzt auch mit durchaus kommerziellem Interesse offen gelehrt. Methoden des „Stillen Qigong“, die, anders als die bewegten Formen, meditationsnäher und damit eher der Kritik als unwissenschaftlich ausgesetzt sind, werden ab Mitte der Achtziger Jahre offen vermittelt. (Heise, 1999, S. 116f)

Prof. Li, Lehrer an der Universität von Chengdu (für TCM), übermittelte in einem Kurs in Deutschland (1993) zahlreiche Methoden des „Stillen Qigong” aus der eigenen Tradition als völlig normale Methode (eigene Aufzeichnungen der Verfasserin).

Die Publikationsrate für Qigong-Bücher verlief in Wellen (Heise, 1999, S. 109). Von 1957 - 1966 erschienen insgesamt 27 Titel (a.a.O. S. 215). Nach der Kulturrevolution setzt die Publikation ab 1979 wieder ein mit einem Höhepunkt im Jahr 1983 (31 Titel) und einem zweiten Höhepunkt von 1988 mit 67 Titeln und einer Auflage von 4.424.515 Büchern (ebd.). Heise geht aufgrund der Analyse von Auflagenzahlen von Qigong-Büchern für das Jahr 1989 von 30 Millionen Qigong-Interessierten aus (Heise, 1999, S. 218).

Berichte über Heilungen durch Ausstrahlungsqigong (Olvedi, 1994, S. 48ff) und Qigong-Veröffentlichungen mit Nennung von Zitaten aus Werken der taoistischen „Inneren Alchimie“ und der Darstellung von Übungen mit „esoterischem Charakter (Übungen, die hauptsächlich auf Imagination beruhen)” (Olvedi, 1994, S. 50), werden allmählich zugelassen.

„Damit ist aber auch der Konflikt programmiert; hatte schon der orthodoxe Konfuzianismus große Schwierigkeiten, die taoistische Geisteshaltung zu tolerieren, wird sie sich mit der rotchinesischen Ideologie vermutlich noch viel weniger in Einklang bringen lassen.” (a.a.O. S. 51)

1989 setzte mit der Niederschlagung der Studentendemonstrationen auf dem Tiananmen-Platz in Peking eine generell restriktivere Politik ein, die sich aber wieder lockerte.

Die morgendlichen Übungen mit Qigong an öffentlichen Plätzen, in Parkanlagen und Schulen (auch eigene Beobachtungen in Bejing, Xian, Luoyang, Shanghai, Kanton, Kunming, Chengdu in den Jahren 1990 bis 1999) gehörten weiter zur Tradition. Dem gewonnenen Eindruck nach üben (draußen) eher ältere Menschen und mehr Männer als Frauen.

1992 schätzte Yu Gongbao von der chinesischen Wuchu-Akademie die Qigong-Anhängerschaft in China auf 70 bis 80 Millionen (Cohen, 1998, S. 62).

Die starke Verbreitung führt auf der anderen Seite zu negativen Tendenzen in der Lehr- und Anwendungspraxis. Besonders Lehrer mit Heilungsversprechen bezüglich ihrer speziellen Methode und besonders der behaupteten Möglichkeit, Qi zur Heilung an Patienten abzugeben, bringen Qigong-Praktiken teilweise wieder in Misskredit.

„Manche Lehrer „des in der Gesellschaft verbreiteten Qigongs“ mystifizierten und übertrieben die Wirkung des Qigong, um auf die Neigung der Menschen, nach Neuigkeiten zu jagen, einzugehen und um nach Ruhm und Profit zu streben oder sogar Geld zu veruntreuen, andere betrieben unter dem Deckmantel des Qigong die Verbreitung eines feudalistischen Aberglaubens, eine individualistische Verehrung und Selbstvergötterung. Es gab einige Lehrkurse, Bücher und Zeitschriften für Qigong, die das Qigong nicht als Wissenschaft, sondern als Geheimlehre darstellten, was einen schlechten Einfluss auf die Öffentlichkeit ausübte.“ (Liu Yafei 2002, S. 56)

Ebenso führt der Unterricht von Lehrern ohne ausreichende Qualifikation zu Zwischenfällen und Nebenwirkungen. Es wird vom Ausbruch von Psychosen, dem Entstehen von Wahrnehmungsstörungen und von anderen Nebenwirkungen berichtet (Heise 1999, S. 205). Zhang Tiange (1998, S. 99) führt die in der Klinik in Bedaihe beobachteten und behandelten Zwischenfälle im wesentlichen auf mangelhafte Anleitung durch die Kursleiter, auf das Selbststudium ohne direkte Anleitung und auf das Streben nach paranormalen Wahrnehmungen und Fähigkeiten zurück.

Wissenschaftliche Erforschung und klinische Anwendung

1985 wird das „Staatliche Ausbildungszentrum für Medizinisches Qigong“, finanziert vom zentralen Gesundheitsministerium, in Beidaihe gegründet (Liu Yafei, 2002, S. 55).

Ein Hinweis für eine zunehmende Anerkennung ist z.B. eine Untersuchung von 1985 in Zusammenarbeit mit dem Raumfahrthauptquartier zur Anwendung bei Problemen mit dem Reaktionsvermögen der Astronauten bei der bemannten Raumfahrt (ebd.). Die Förderung von Qigong in VR China durch Prof. Qian Xuesen, der als Vater der chinesischen Raumfahrt eine große Nationale Anerkennung besaß und die wissenschaftliche Erforschung befürwortete, stärkte das Ansehen von Qigong.

„Das chinesische Qigong gehört zur modernen Wissenschaft und Technik - zur Hochtechnologie - zur absoluten Toptechnologie.”(Dr. Qian zitiert nach Cohen, 1999, S. 61)

Es gibt Forschungen zum Wai-Qi (Qigong mit Energieabstrahlung), um mit Infrarotmessungen oder Magnetfeldmessungen diese Therapie zu belegen und dem Phänomen „Qi“ wissenschaftlicher auf die Spur zu kommen. (Heise 1999, S. 197 und 204) Nachgewiesene wissenschaftliche Erfolge werden immer wieder angestrebt und zitiert.

Im Bewusstsein, dass nicht alles immer beweisbar ist, andererseits lange tradiert und empirisch erprobt, ist die Betrachtung von Qigong als traditionelles Kulturgut ein Argument, quasi über den Nationalstolz eine gewisse Offenheit für die Methode bei politischen Entscheidungsträgern zu erreichen, „Qi Gong ist eines der bedeutenden Kulturgüter des chinesischen Volkes und ein Bestandteil der traditionellen chinesischen Medizin.” (Jiao, 1988, S. 15)

Staatliche Systematisierung, Reglementierung und Einschränkungen - Einführung eines Qigong-Systems und Verbot von nicht geprüften Qigong-Methoden

1989 wird aufgrund von Berichten über Nebenwirkungen „ein Gesetzesentwurf zur staatlichen Reglementierung zum Schutz vor Qigong-Abweichungen“ in die Wege geleitet (Heise, 1999, S. 205).

Mit der starken Verbreitung der Falun-Gong-Bewegung in China und den darauf erfolgten Einschränkungen sowie dem Verbot dieser Methode hat sich die Situation für Qigong in der VR China wesentlich verändert. Vor dem Verbot von 1999 sollen ca. 10-60 Millionen Chinesen die Falun-Gong-Übungen praktiziert haben (Kahl, 2002, Sieber u.a: Falun Gong. In: Aichlseder, 2004, S. 165-167). 2001 wurde Qigong-Unterricht offiziell verboten, ebenso Fachzeitschriften zum Qigong (Taijiquan & Qigong Journal, 4-2005, S. 56). Medizinisches Qigong kam unter die Zuständigkeit des Gesundheitsministeriums und das übrige Qigong zum Sportministerium. Von dort wurde ein offizielles Qigong für den Unterricht zugelassen (Cai Jun, 2000, S. 80). Dies enthält vier Methoden, die sowohl wissenschaftlich erprobt und andererseits als lange tradiert propagiert werden. Dies sind die Methoden: Sechs Heilende Laute (Lui Zi Jue), Spiel der Fünf Tiere (Wu Qin Xi), Acht Brokate (Ba Duan Jin) und die Wandlung des Gewebes (Yi Jin Jing). Auch die Ausführung dieser Übungen, die bisher, da lange tradiert, viele Varianten enthielten, soll jetzt einheitlich werden.

Eine einzige zentrale Qigong-Zeitschrift ist wieder zugelassen (Hildenbrand, Interview 8, Zeile 48ff). Die Forschungen über Qigong sind entweder ganz eingestellt oder nur noch minimal möglich. Das Üben an offenen Plätzen hat deutlich abgenommen (Interview 8 Zeile 39ff).

Die Ausbildung und Vermittlung von Qigong soll systematisch geregelt werden. (Cai Jun, 2000, S. 60). Qigong wird als medizinische, therapeutische oder präventive Maßnahme eingesetzt zum Stressabbau und zur Bewegungsförderung. Das soll ohne einen philosophischen bzw. religiösen Überbau und Bezug erfolgen. Es wird deutlich in den Büchern, die das „Neue Gesundheits-Qigong“ im Westen bekannt machen wie das Buch von Meindl: Qigong & Gesundheit 2005.

Eine so lange tradierte Praxis wie die vielfältigen Qigong-Methoden lässt sich jedoch auch mit massiven Repressionen nicht so einfach verbieten. Aus einem Interview von 2005 mit einem chinesischen Delegierten in der deutschen Fachzeitschrift Taijiquan & Qigong Journal wird eine Zahl von „mehreren Hundert Millionen Chinesen, die etwa 1000 unterschiedliche Methoden praktizierten“ zitiert (a.a.O. Nummer 4-2005, S. 57).

Im Verborgenen wie in den Bergen und in den Klöstern werden weiter die unterschiedlichen Methoden geübt, in zunehmendem Radius von Peking wird in öffentlichen Parks auch „Gymnastik“ geübt, die vom Betrachter aus gesehen deutliche Ähnlichkeit mit Qigong hat, aber offiziell nicht so heißt. (Hildenbrand, Interview 8, Zeile 40ff)

Aber die offizielle Ausübung im Rahmen der Traditionellen Chinesischen Medizin ist deutlich eingeschränkt. Inwieweit hier die Anerkennung von Qigong in anderen Ländern und die seit Jahren regelmäßigen Einladungen von Qigongmeistern und Lehrern aus China und die Studienreisen von Gruppen ins Land zu einer Stützung der Traditionen beitragen können, muss sich noch erweisen.

Die Bekämpfung von „Aberglauben“, der gerade in der taoistisch geprägten Lebenshaltung der Bevölkerung vermutet wird, ist ein Anliegen für den Staat. Das Strafgesetzbuch von 1979 enthält mit § 165 den Tatbestand der Ausübung „abergläubischer“ Praktiken (Weggel, 1988, S. 243). Nichtwissenschaftliche Praktiken wie Fengshui, Dämonenbeschwörungen auch zum Zwecke der Heilkunde werden verboten. Die Verwobenheit der traditionellen chinesischen Entsprechungsvorstellungen von Mensch, Natur und Kosmos erschweren die staatlich erwünschte Einteilung in medizinische, sportlich-präventive Traditionen und einen abzulehnenden Aberglauben. Wenn Berge, Flüsse und Landschaften als quasi lebende und im günstigen Fall als lebens- und gesundheitsfördernde Organismen gesehen werden, kann dies im Gegensatz zur industriellen Nutzung stehen und so Widerstand der Bevölkerung bedeuten. Wenn Naturkatastrophen im alten China ein Beleg für eine mangelnde spirituelle Kommunikation der Kaiser mit den Göttern waren und ein Grund für einen Putsch gegen die herrschende Kaiserfamilie, dann kann man eine Ahnung gewinnen, dass solche Überzeugungen, die potenziell die politische Stabilität gefährden, einem politischen System suspekt sind.

Obwohl es Kritik an der Zurschaustellung „übernatürlicher Kräfte” gibt, sind Vorführungen mit „hartem Qigong“ als Show im Fernsehen oder auf Volksfesten durchaus akzeptiert. (Interview 7, Zeile 39ff, 47ff, 52ff)

Es findet so eine staatlich gelenkte Kanalisierung und die Ausrichtung auf die säkulare Perspektive statt, in der Zwecke wie Medizin, Prävention, Sport, und Akrobatik verfolgt werden.

Diese sehr unterschiedlichen Richtungen von Qigong in China finden auch im Westen ihren Niederschlag.

3.5 historische Situation von Qigong im Westen und besonders der BRD

Frühe Quellen im Westen

Frühe Quellen für die Übermittlung von Wissen aus China in den Westen bilden die Berichte von Reisenden und Missionaren.

1779 erschien die illustrierte Übersetzung daoistischer Qi-Gong-Texte durch den Jesuiten P.M. Cibot: Notice du Cong-fou des Bonzes Tao-see [Tao-see = daoistische Priester]. Kung-fu war damals ein anderer Name für Qigong. ... „Daraus folgt, dass die verschiedenen Körperübungen im Kung-fu, wenn sie nach Vorschrift ausgeführt werden, eine heilsame Reinigung von all den Krankheiten bewirken, die durch blockierte, verzögerte oder sogar unterbrochene Zirkulation verursacht werden.” (Needham zitiert aus: Cohen, 1998, S. 70)

Belegt ist der Einfluss der Qigongrezeption auf andere Begründer von Gymnastikformen. Der Schwede Per Henrik Ling (1776 - 1839) entwickelte eine Gymnastik zur Gesundheitsstärkung und Krankentherapie, „die viele Parallelen mit Qigong aufweist. ... basierte auf der Theorie einer lebensspendenden Energie” (Cohen, 1998, S. 71).

Ein allgemeines Interesse an Asien führte zu Veröffentlichungen von Werken der traditionellen chinesischen Philosophie. So beeinflusste die Übersetzung des „I Ging“ von Wilhelm den Analytiker C.G. Jung; er schrieb das Vorwort für die englische Ausgabe von 1948 (Diederichs, 1987, S. 148ff). Als frühestes Buch über Qigong in Deutschland wird bei Heise (1999, S. 15) die teilweise Übersetzung des Werkes „Das Geheimnis der Goldenen Blüte“ „Taiyi Jinhua Zongzhi“ von Richard Wilhelm mit einem Vorwort von C.G. Jung von 1928 genannt.

Verbreitung von Qigong in Verbindung mit der Traditionellen Chinesischen Medizin

Die Verbreitung von Qigong im Westen ist mit der zunehmenden Bekanntheit und Popularisierung der Traditionellen Chinesischen Medizin verknüpft. Hier wurde zuerst die zum traditionellen chinesischen Medizinsystem gehörende Methode der Akupunktur bekannt. Erst später folgte die Rezeption von anderen Teilen der TCM wie Qigong oder traditionelle Pharmakologie.

In Frankreich gab es um 1940 eine „Akupunkturmode“. Sie führte 1937 zur Gründung der Akupunkturgesellschaft durch Soulie de Morant. Dies fand noch wenig Beachtung in der breiten Öffentlichkeit.

Einen Schub in der öffentlichen Wahrnehmung erhielt TCM durch den Bericht des Journalisten James Reston. Dieser erkrankte im Sommer 1971 während eines Chinaaufenthaltes. Ihm wurde der Blinddarm unter Akupunkturanästhesie entfernt. Sein Bericht erschien in der New York Times. Dies führte zu einem intensiven Interesse an Akupunktur in der Publizistik und in der praktischen Anwendung.

Die frühen Autoren wie Stiefvater (1962) waren noch stark von der französischen Rezeption beeinflusst, spätere Autoren hatten als Sinologen schon Zugriff zu Originalliteratur wie in Deutschland z.B. Unschuld und Porkert. Mit einem zunehmenden Interesse von Ärzten an TCM kam es zur Gründung von Gesellschaften wie der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur und der Societas medicinae sinensis.

Nach der im Anfang starken Fixierung auf die Akupunktur wurde insbesondere durch die Veröffentlichungen von Porkert die Sicht auf andere Teile der chinesischen Medizin wie Pharmakologie, Tuina (Massagetechniken) und auch Qigong erweitert.

Wissenschaftliche Konferenzen über Qigong fanden 1990 an der University of California in Berkeley, [...] 1995 in Vancouver statt. „1996 waren mehr als tausend englischsprachige Abhandlungen über Qi-gong-Forschungen publiziert.” (Cohen, 1998, S. 62)

1991 wurde die medizinische Gesellschaft für Qigong-Yangsheng in Bonn gegründet. 1990 kamen die Kolibriseminare in Hamburg hinzu, die mit systematischen Ausbildungen in Qigong begannen.

Qigong im Umfeld von gesellschaftlichen Veränderungen der 70er Jahre

Seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wuchsen die Möglichkeiten, nach Asien zu reisen. Ausgedehnte Reisen und längere Aufenthalte von jungen Leuten in asiatischen Ländern führten zu einer Integration und Verbreitung asiatischen Wissens und auch der zugrunde liegenden religiösen und philosophischen Modelle.

Qigong ist von religiösen Vorstellungen des Buddhismus, Taoismus und auch Aspekten einer Naturreligiosität geprägt, die als im Konflikt zur christlichen Lehre stehend gesehen werden können.

Säkularisierungstendenzen im Westen erhöhen die religiöse und weltanschauliche Toleranz. Nichtchristliche Religionen und Esoterik finden mehr Verbreitung.

Asienreisende kamen mit Kenntnissen über Yoga, Buddhismus, Kampfsport und TCM wieder in den Westen zurück und trugen durch eigene Lehrtätigkeit zur Verbreitung dieses Wissens bei. Da das Interesse im Westen wuchs, holten sie auch ihre Lehrer zu Vorträgen und Kursen in den Westen (Moegling, 1988, S. 55).

Chinesische Flüchtlinge in der Zeit der Kulturrevolution erweiterten die Rezeptionsmöglichkeiten, und ab ca. 1990 wurde es einfacher, Lehrer auch aus der VR China in den Westen einzuladen.

In Europa entstand seit den 70er Jahren ein Interesse und eine Offenheit für Bewegungs- und Therapieformen, die gekennzeichnet sind durch das Ziel, das Bewusstsein für Körper und Atem in einer differenzierten Ausprägung zu üben (ebd.). Nicht nur Qigong, sondern auch Therapieformen westlicher Autoren wie Rolfing, Alexandertechnik, Bioenergetik oder Feldenkrais-Übungen konnten sich seit dieser Zeit stärker etablieren.

4 Explorationsstudie

Informationen über die Rezeption von Qigong in der BRD werden im Folgenden in der Dokumentenanalyse der bis 2005 in der BRD erschienenen Bücher dargestellt, in der Auswertung der geführten Interviews und in einer Untersuchung zu Aspekten der aktuellen praktischen Situation von Qigong, was Kursangebote, Anwendungsformen, Lehrangebote und Ausbildungssituation sowie Qigong-Organisationen und Kongresse betrifft. Aus dieser Darstellung werden in der Auswertung für die Fragestellung relevante Aspekte behandelt.

4.1 Dokumentenanalyse

Bücher sind neben den Kursangeboten eine wichtige Quelle für die Information über Qigong. Von daher gibt die nähere Betrachtung der in der BRD erschienenen Bücher Aufschlüsse über unterschiedliche Aspekte der Rezeption von Qigong.

Erscheinungsjahre und Auflagenzahlen geben zeitliche und mengenmäßige Informationen. Da viele Buchautoren auch als Qigong-Lehrer tätig sind, stellen die Informationen der Leser über Qigong-Arten und inhaltliche Grundausrichtung gleichzeitig auch Informationen über den Qigong-Unterricht dar. Die dargestellten Methoden werden auch unterrichtet, und der persönliche Bezug des Autors zum Qigong reflektiert sich im Unterricht.

Für die Fragestellung zur Qigong-Rezeption gibt es umfangreiches Material, auch für Fragen nach speziellen Richtungen, Tendenzen und Anpassungen an deutsche Verhältnisse.

Auflistungen der für die Dokumentenanalyse verwendeten Bücher finden sich im Anhang, geordnet nach Autoren mit Informationen über erstes und letztes Erscheinungsjahr, -ort, Verlag u.a. (siehe S. 203). Die im fortlaufenden Text zitierten oder als Beispiel erwähnten Bücher sind zusätzlich in das Literaturverzeichnis aufgenommen.

4.1.1 Methode zur Erfassung der Bücher

Quellen für die Literaturrecherche waren die Internetbuchhandlung Amazon und deren Katalog[1]. Hier sind auch nicht mehr lieferbare Titel und die Neuerscheinungen des Jahres 2005 mit aufgeführt, die u.U. noch nicht in die öffentlichen Bibliotheken Eingang gefunden haben. In die Sichtung einbezogen wurden die Titel, die unter dem Titelbestandteil bzw. in der Stichwortsuche unter „Qigong, Qi Gong, Ch`i Kung, Chi-kung“ gelistet waren. Die zweite Quelle war die Internetrecherche im Katalog der „Deutschen Bibliothek“ zum Schlagwort „Qi Gong oder Chi Kung“ vom 2. Januar 2006[2].

Die Ergebnisse wurden zusammengeführt, Doppelnennungen wurden entfernt und, soweit möglich, das Ersterscheinungsjahr, das Jahr der letzten Auflage und die Auflagenzahl ermittelt.

Bücher der Rechercheergebnisse, die in erster Linie Traditionelle Chinesische Medizin als Thema haben, Qigong jedoch nur als Teilbereich, wurden wieder aus der Tabelle entfernt, ebenso Titel, die ausschließlich die Arbeit mit Qigong-Kugeln zum Thema hatten. Rein audiovisuelle Medien wurden ebenfalls nicht gesichtet; bei Mischungen, Text mit AV-Medien, wurden die Medien mit einbezogen.

Soweit es möglich war, Titel zu beschaffen bzw. einzusehen, wurden die Bücher gelesen bzw. gesichtet. Dies konnte bei insgesamt 160 von 187 gelisteten Titeln erfolgen. Zum Zeitpunkt der quantitativen Auswertung standen 154 Exemplare zur Einsicht zur Verfügung.

Erfasst wurden bei diesen 154 Titeln noch einmal Autor, Titel, Jahr der Erstauflage, Jahr der zuletzt erschienenen Auflage, Zahl der Auflagen, Verlag und Erscheinungsort bei allen Büchern. Bei den gelesenen und gesichteten Büchern wurden noch weitere Zuordnungen getroffen, soweit es möglich war und sinnvoll erschien: Adressaten, Ausrichtung der Art des Qigong, die inhaltliche Ausrichtung des Buches allgemein und spezieller sowie Darstellung einzelner Qigong-Arten, Informationen über Auflagenhöhe, Erfassung, ob es sich um deutsche Originalausgabe oder Übersetzung aus anderen Sprachen handelt, Hinweise auf eigene Kurse der Autoren z.T. mit Kontaktdaten, Hinweise auf Lehrer der Autoren sowie Notizen mit Bemerkungen zu Autor, Inhalt, Besonderheiten des Buches. In den Auswertungstabellen gibt es zum Teil kleine Abweichungen aufgrund von Differenzen zwischen den bibliographischen Angaben in den Vorinformationen und nach Inaugenscheinnahme der Bücher.

Bei der Auswertung wurden auch quantifizierende Sichtungen vorgenommen: Einerseits soll die Breite der Darstellung berücksichtigt werden und damit auch für die Fragestellung der Untersuchung interessante Einzelfälle, andererseits werden durch die statistischen Auswertungen auch die Relationen der Aspekte zueinander deutlich und helfen so, durch Relativierung und Korrektur deutlicher zwischen den Haupttrends und den Besonderheiten zu differenzieren. Für die Diskussion einer Kombination zwischen quantitativen und qualitativen Methoden bei der Anwendung von Grounded Theory vergleiche S. 17.

4.1.2 Anzahl und Auflagen der Buchtitel

Zum Thema der Verbreitung des Wissens über Qigong geben die Anzahl der Titel, die Auflagenzahl und die Druckexemplare einen Aufschluss. Nur wenn ein Interesse angenommen wird, werden Titel verlegt, und nur wenn diese verkauft werden, gibt es weitere Auflagen.

Insgesamt wurden 187 Bücher registriert, die zwischen 1962 und 2005 erschienen sind. Die Gesamtzahl der Auflagen bei allen Büchern beträgt 327.

Die Auflagenhöhen sind bei den einzelnen Verlagen für einzelne Titel sehr unterschiedlich. Nur einige Verlage waren bereit, konkrete oder pauschale Zahlen über die Anzahl der Exemplare pro Auflage anzugeben. Zahlen, die von Verlagen genannt wurden, bewegen sich zwischen 1000 bis 5000 Exemplaren pro Auflage. Es sind z.T. sehr kleine, praktisch Eigenverlage, die Qigong-Bücher verlegt haben (z.B. Lotus-Press (Stuhlmacher), Hernoul-le-Fin Verlag (Sebková-Thaller) und auf der anderen Seite große Verlagshäuser wie Droemer-Knaur, Ullstein u.a.

Um einen Schätzwert der möglichen Gesamtauflage von Qigong-Büchern zu haben, wurde die Zahl der Auflagen mit einer Auflagenhöhe multipliziert. Nach dieser groben Schätzung ergibt sich bei einer Auflagenhöhe von minimal 1000 und maximal 5000 und einer Gesamtzahl der Auflagen von 327 ein Spektrum von 327.000 bis 1.635.000 gedruckten Exemplaren.

Um zu einem etwas genaueren Schätzwert zu kommen, wurden die Verlage in die Kategorien groß, mittel und klein unterteilt und mit den Zahlen der Auflagenhöhen multipliziert, die von einigen Verlagen dieser Kategorien mitgeteilt wurden.

In größeren Verlagshäusern erschienen 49 Titel mit einer Auflagenzahl von 117 (Anhang S. 61). In den mittelgroßen Verlagshäusern erschienen 66 Titel mit einer Auflagenzahl von 134 und in den kleinen Verlagen 72 Titel mit einer Auflagenzahl von 76.

Abbildung 12 : Anzahl der erschienenen Qigongbücher nach Verlagsgröße

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: geschätzte Zahl der Druckexemplare der Qigongbücher in der BRD

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die ermittelte Zahl von 774.000 Büchern liegt damit in Bezug auf die erste Grobschätzung beim doppelten Wert zur niedrigsten Schätzung und bei der Hälfte der höchsten Schätzwertes. Rein statistisch hätte dann bei ca. 81 Millionen Einwohnern der BRD statistisch knapp 1 % der Bevölkerung ein Qigong-Buch gekauft.

Wenn man als Vergleich die Anzahl der Buchtitel zum Thema „Yoga“ heranzieht, die zurzeit mit 2370 Titeln etwa die 13fache Menge umfasst, kann man aus dieser Tatsache im Vergleich zu Yoga einen deutlich niedrigeren Bekanntheitsgrad beim Qigong vermuten.

Tabelle 3: Bücher als deutsche Originalausgabe oder Übersetzung aus einer Fremdsprache

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Von den 187 Titeln sind 148 deutsche Originalausgaben und 33 Übersetzungen aus anderen Sprachen, vorwiegend aus dem Englischen. Mit 82 % ist der Anteil der deutschen Originalausgaben hoch. Dieses Ergebnis ist durch einen hohen Anteil von Titeln mit niedrigen Auflagenzahlen durch kleine deutsche Verlage beeinflusst.

4.1.3 Erscheinungsjahre und Auflagenzahl

Eine weitere Informationsquelle für den Umfang und den zeitlichen Verlauf der Verbreitung von Qigong in der BRD sind die erschienenen Titel im Verlauf der Jahre.

[...]


[1] Quelle: http://www.amazon.de (24.7.2005).

[2] Quelle: htttp://eris.hbz-nrw.de/Digibib?Service=Metasearch&Subservice=GE (2.1.2006)

Ende der Leseprobe aus 232 Seiten

Details

Titel
Die Rezeption von Qigong in der Bundesrepublik Deutschland
Untertitel
Explorationsstudie
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
232
Katalognummer
V84995
ISBN (eBook)
9783638063463
ISBN (Buch)
9783640108749
Dateigröße
1634 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Explorationsstudie, Rezeption, Qigong, Bundesrepublik, Deutschland, Qi-Gong, Grounded Theory, Qualitative-Sozialforschung
Arbeit zitieren
M.Sc. Marlies Sonnentag (Autor), 2006, Die Rezeption von Qigong in der Bundesrepublik Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84995

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