Der publizistische Konflikt um die Waldschlößchenbrücke

Eine Akteursanalyse


Bachelorarbeit, 2007
97 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Relevanz der Studie

3. Theorieteil
3.1 Definition Konflikt
3.2 Der publizistische Konflikt
3.3 Akteure in publizistischen Konflikten
3.4 Hypothese 1: Instrumentelle Aktualisierung – Akteursauswahl gemäß der redaktionellen Linie
3.5 Hypothese 2: Etablierte Akteure
3.6 Hypothese 3: Individuelle Motive der Akteure
3.7 Hypothese 4: Verhalten der Akteure
3.8 Hypothese 5: Instrumentelle Nutzung demoskopischer Werte

4. Methodisches Vorgehen
4.1 Die quantitative Inhaltsanalyse
4.2 Anlage der Studie

5. Operationalisierung und Auswertung
5.1 Der Konfliktverlauf
5.2 Die Akteure des Konflikts
5.3 Akteursauswahl gemäß der redaktionellen Linie
5.4 Etablierte Akteure
5.5 Individuelle Motive von Akteuren
5.6 Verhalten der Akteure
5.7 Instrumenteller Gebrauch demoskopischer Werte

6. Fehlerbetrachtung

7. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang
Anlage I: Chronik der Ereignisse
Anlage II: Codebuch
Anhang III: Pretest-Ergebnisse
Anlage IV: Ergebnisse der Datenauswertung

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Integriertes Modell nach Kepplinger

Abb. 2: Anzahl der publizierten Beiträge im Zeitverlauf

Abb. 3: Konfliktverlauf in den einzelnen Medien

Abb. 4: Zentrale Themen im Zeitverlauf

Abb. 5: Stilformen in den einzelnen Medien

Abb. 6: Zentrale Akteure in den einzelnen Medien

Abb. 7: Häufigste Urheber von Stellungnahmen

Abb. 8: Vergleich der Valenz des Beitrags und der Akteure bei etablierten Akteuren

Abb. 9: Vergleich der Valenz des Beitrags und der Akteure bei nicht etablierten Akteuren

Abb.10: Vergleich des Verhalten der Akteure mit ihrer Valenz

Abb.11: Vergleich der Umfragetendenz und Beitragsvalenz

Tabellenverzeichnis

Tab.1: Beitragsvalenz in den einzelnen Medien

Tab. 2: Valenz der Politiker und der zugehörigen Stadtratsfraktionen

Tab. 3: Offensives und defensives Verhalten der Stadtratsfraktionen

Tab. 4: Ergebnisse des Intracoderreliabiltätstests

Tab. 5: Ergebnisse des Intercoderreliabiltätstests

Tab. 6: Platzierung der Beiträge in den einzelnen Medien

Tab. 7: Stadtratsfraktionen als Akteure in den einzelnen Medien

Tab. 8: Vergleich der Beitrags- und Akteursvalenz in den einzelnen Medien

Tab. 9: Einfluss der Akteursdarstellung auf den Vergleich der Beitrags- und Akteursanalyse

Tab. 10: Einfluss der Akteursdarstellung auf den Vergleich der Beitrags- und Akteursvalenz bei etablierten Akteuren

Tab. 11: Vergleich der Valenz der UNESCO-Vertreter und der gesamten Organisation

Tab. 12: Defensives und offensives Verhalten einzelner Akteursgruppen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„Eine unendliche Geschichte“ (Schlüter, 2007) oder auch der „prominenteste Baustreit seit der Wiedervereinigung“ (Guratzsch, 2007) – das Thema WSB ist seit nunmehr 160 Jahren mit Dresden verbunden. Dabei schlagen Kontrahenten sowie Dritte heute keineswegs leisere Töne an, vielmehr geht mit der Brückendiskussion ein „Medienecho [einher, das…] eine in Kulturerbefragen bisher nicht gekannte Lautstärke angenommen“ hat (ebenda). Mit der Androhung der UNESCO, Dresden den Welterbestatus bei Brückenbau abzuerkennen, gewann die Debatte 2006 zusätzlich an Brisanz und Dynamik. Das geplante Bauwerk hat die Stadt entzweit: ein Teil der Menschen pocht auf die Umsetzung des Bürgerentscheids aus dem Jahr 2005 und die Verkehrsentlastung. Die zweite Konfliktpartei hingegen befindet, dass „das zentrale Ziel […] darin [besteht], das Gedächtnis der Menschheit, ihr Empfinden für Ethik, Kunstfertigkeit und Schönheit zu bewahren und zu stärken“ (Bartetzko, 2007). Als Informant und Multiplikator, aber nicht zuletzt selbst als Akteur treten dabei die lokalen Medien auf.

Diese Arbeit nimmt die Lokalberichterstattung der Diskussion um die WSB unter die Lupe und richtet ihr Hauptaugenmerk auf einen Teilkonflikt der publizistischen Kontroverse. Dabei geht eine theoretische Diskussion des Begriffs des publizistischen Konflikts sowie seiner Charakteristika der Empirie voraus, ehe eine Inhaltsanalyse den zeitlichen Verlauf sowie die thematischen Schwerpunkte der Auseinandersetzung beleuchtet.

Der zentrale Teil dieser Untersuchung befasst sich jedoch mit den Akteuren in publizistischen Konflikten, denn Kontrahenten, die eine Auseinandersetzung initiieren, Gegner, die darauf reagieren sowie Dritte, die sich an der Diskussion beteiligen, bilden die Voraussetzung für das Entstehen und Fortdauern von Konflikten. Die Arbeit hinterfragt, was sich hinter den allgemeinen Termini „Kontrahent“, „Konfliktpartei“ oder „Gegner“ verbirgt und stützt sich dabei auf die Theorien der instrumentellen Inszenierung und Aktualisierung.

Getreu dem Motto „Gewinnen wird, wer seine Überzeugung am besten vermarktet“ (Finger, 2005), ermittelt diese Studie, inwieweit Journalisten versuchen, die Leserschaft von ihrer eigenen Konflikthaltung zu überzeugen und welche Mittel Akteure einsetzen, um in Kontroversen die Oberhand erlangen.

2. Relevanz der Studie

Die bisherige Forschung zu publizistischen Konflikten konzentriert sich vorwiegend auf die Struktur und den Verlauf sowie thematische Schwerpunkte von Kontroversen und beleuchtet nahezu ausschließlich überregionale Medien. Eine genaue Betrachtung der in einer Auseinandersetzung wirkenden Akteure bleibt jedoch zumeist aus. Dabei sind die (individuellen) Interessen der Kontrahenten, Dritter sowie der Journalisten ein entscheidender Faktor für die Perpetuierung sowie die Entwicklung von Konflikten.

Diese Arbeit konzentriert sich nicht nur darauf, wie sich welche Akteure verhalten, sondern es wird auch der Frage nachgegangen, welche Rolle demoskopische Werte in Konflikten spielen. Bislang hat die Forschung den Einsatz von Umfragen in den Medien vor allem unter dem Aspekt des Wahlkampfes untersucht (vgl. Brettschneider, 1991). Ob sich die Erkenntnisse der Wahlkampfforschung auch auf publizistische Konflikte anwenden lassen, erforscht diese Studie.

Ehe ein publizistischer Konflikt deutschlandweites oder gar internationales Interesse erreicht, sind lokale sowie regionale Medien häufig die Ersten, die über eine Auseinandersetzung berichten. Studien zum Phänomen des publizistischen Konflikts haben sich jedoch bislang nahezu ausschließlich auf überregionale Qualitäts- sowie Wochenzeitungen wie den Focus oder den Spiegel gestützt. Die Analyse publizistischer Kontroversen unter dem Aspekt der Spezifika lokaler Berichterstattung bildet bislang eine Forschungslücke, der diese Arbeit zu begegnen versucht. Die Medienlandschaft in Dresden ist für diese Untersuchung besonders gut geeignet, da es jeweils zwei Abonnement- und zwei Boulevardzeitungen gibt, so dass man nicht nur zwischen einzelnen Medien Vergleiche ziehen, sondern auch die beiden Tageszeitungstypen gegenüberstellen kann.

Die Akteursanalyse auf lokaler Ebene lässt sich am Beispiel des Konflikts um die WSB besonders gut realisieren, da es sich um ein Thema handelt, das bereits seit mehreren Jahren etabliert ist und durch die Vorfälle im Juli 2006 erneut angeheizt wurde. Im Zentrum der Diskussion um die WSB steht dabei kein Interessenkonflikt, der sich auf die Verteilung von Gütern konzentriert, sondern ein Wertekonflikt, der sich über den Brückenstreit hinaus mit der Stadt Dresden und, wie sie sich selbst definiert, auseinandersetzt.

3. Theorieteil

3.1 Definition Konflikt

Konflikte sind „Phasen allgemeiner Verunsicherung“, in denen „Selbstverständlichkeiten, Solidaritäten und vorherrschende Überzeugungen in Frage gestellt, Alternativen formuliert und gesellschaftliche Veränderungen eingefordert werden“ (Hug, 1997, S. 29).

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Konflikte zu klassifizieren: die Anzahl der Kontrahenten, die Ebene der Auseinandersetzung, der Gegenstand der Kontroverse sowie die Mittel ihrer Austragung. Ein Konflikt kann auf Basis von Kommunikation, Gewalt oder beispielsweise Boykott geführt werden. Diese Arbeit konzentriert sich jedoch ausschließlich auf die Analyse von Kommunikationskonflikten, bei denen es sich um Kontroversen zwischen mindestens zwei Kontrahenten über einen Konfliktgegenstand handelt, die auf den Austausch von Informationen basieren (Kepplinger in Zusammenarbeit mit Brosius, Staab & Linke, 1989, S. 199ff.). Kommunikationskonflikte bilden die größte Gruppe von Auseinandersetzungen in liberalen Demokratien, sie lassen sich in private (unter Ausschluss der Öffentlichkeit), öffentliche und publizistische, „mit Hilfe der Massenmedien vor Publikum“ (Kepplinger, 1994, S. 214) ausgetragene Konflikte gliedern.

Die Kommunikationswissenschaft hat sich dem Thema Konflikt aus verschiedenen Perspektiven zugewandt – die bislang publizierten Studien lassen sich in drei Gruppen klassifizieren: zunächst beschäftigen sich eine Reihe von Studien mit der Konfliktdarstellung, des Weiteren hinterfragte eine Reihe von Wissenschaftlern die Stimulierung von Konflikten und setzte sich dabei unter anderem mit der Wirkung fiktionaler Gewaltdarstellungen in den Medien auseinander (vgl. Berkowitz, 1969).

Nicht zuletzt steht auch die Erforschung der Rolle von Massenmedien im Verlauf von Konflikten im Fokus des Interesses. Als Vorreiter ist dabei Hans Matthias Kepplinger zu nennen, dessen Name eng mit dem Begriff des publizistischen Konflikts verknüpft ist. Mit einer 1977 von Kepplinger, Hachenberg und Frühauf vorgelegten Studie, die sich auf die Diskussion um den Artikel „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“ von Heinrich Böll im Spiegel konzentrierte, begann die Phänomenologie betonte Beschäftigung mit publizistischen Konflikten (Hoffmann, 2004, S. 30f.).

Publizistische Konflikte sind keine isolierten Konstrukte, sondern stets mit instrumentellen Gegebenheiten verbunden, die Kepplinger in der Theorie der instrumentellen Aktualisierung aufgreift. Die instrumentelle Aktualisierung ist in der News-Bias-Forschung verortet, die den Einfluss persönlicher Überzeugungen von Journalisten auf die Nachrichtenauswahl hinterfragt (Pürer, 2003, S. 128). Die Bachelor-Arbeit bietet jedoch weder den Rahmen noch die Kapazität, um sich näher mit dem News-Bias-Ansatz zu beschäftigen. Die folgenden Ausführungen stützen sich daher auf den publizistischen Konflikt sowie die instrumentelle Aktualisierung.

3.2 Der publizistische Konflikt

Publizistische Konflikte zählen ebenso wie die Skandaltheorie zu den Konflikttheorien in der Medienwirkungsforschung. Dabei werden Geschehnisse thematisiert, die mindestens einige Wochen in den Medien umstritten waren (Kepplinger, 1999, S. 700). „Jeder publizistische Konflikt ist normalerweise Teil einer allgemeinen Auseinandersetzung, die eine Superstruktur darstellt und den Rahmen für die Interpretation der spezifischen Auseinandersetzung bildet“ (Kepplinger, 1994, S. 217). Dabei lässt sich ein Konfliktgegenstand auf verschiedene Arten in eine Superstruktur einbinden: er kann Ursache oder Folge anderer Gegebenheiten sein (Kausalbeziehung), als Mittel oder Zweck für andere Gegebenheiten fungieren (Finalbeziehung), Ähnlichkeit zu anderen Ereignissen aufweisen, durch Personenidentitäten mit weiteren Geschehnissen verknüpft oder durch Zufälle mit anderen Themen verbunden sein (ebenda, S. 216f.).

Publizistische Konflikte lassen sich nach Kepplinger in zwei Typen untergliedern: Auseinandersetzungen um Medien, Medienberichte oder Medienrecht sowie über die Medien ausgetragene Kontroversen. Im ersten Fall stellen die Medien selbst den Diskussionsschwerpunkt dar, den Konflikt forcieren können jedoch sowohl gesellschaftliche Akteure als auch Medieneigentümer sowie in diesem Sektor Angestellte. Zu dieser Gruppe zählen unter anderem die Spiegel-Affäre in den 1960er Jahren sowie die Kontroverse um den 1972 im Spiegel erschienenen Artikel „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“ von Heinrich Böll. Der zweite Typ publizistischer Konflikte umfasst Kontroversen gesellschaftlicher Akteure, die die Medien als Mittel der Auseinandersetzung wählen (Kepplinger, 1999, S. 700ff.), beispielsweise die von Kepplinger untersuchte Debatte zwischen Liberalen und Konservativen um die Integration ausländischer Gastarbeiter (Kepplinger in Zusammenarbeit mit Brosius & Staab, 1991, S. 133). Beiden Arten publizistischer Konflikte ist gemein, dass es sich nahezu immer um einen Wertekonflikt, also einen Dissenz zwischen mindestens zwei Akteuren über den normativen Status eines Objektes, handelt (Kepplinger, Hachenberg & Frühauf, 1977, S. 20). Beiden Arten publizistischer Konflikte liegen jedoch die gleichen Charakteristika zugrunde, die im Folgenden näher beleuchtet werden.

In der Regel durchläuft eine publizistische Kontroverse drei Phasen. In der teils mehrere Jahre umfassenden Latenzphase ist das Thema kaum in den Medien präsent, Journalisten berichten dabei vorwiegend aus persönlichem Interesse. In der Etablierungsphase gewinnt der Konfliktgegenstand an Bedeutung, die gezielte Absprache zwischen Journalisten und gesellschaftlichen Akteuren ist ein wichtiger Bestandteil in diesem Zeitraum. Häufig wird ein publizistischer Konflikt zunächst von Regionalmedien aufgegriffen, ehe er auch überregional zu einem Thema wird und in die durch raschen Anstieg der Berichterstattung gekennzeichnete Kulminierungsphase übergeht. Dieser letzte Abschnitt einer Kontroverse ist von der Orientierung der Journalisten an anderen Medien, der tiefgreifenderen Recherche, den Handlungen involvierter Personen, aber auch von Trittbrettfahrern geprägt, die ihr Anliegen an die Öffentlichkeit tragen wollen. Danach verschwinden Themen oftmals schnell und folgenlos aus den Medien, egal, ob ein Konflikt gelöst ist oder nicht (Kepplinger, 1994, S. 224ff.).

Ob sich ein Problem etablieren kann und alle drei Phasen eines publizistischen Konflikts durchläuft, hängt einerseits von externen Faktoren wie der politischen Großwetterlage sowie der Stimmung in der Gesellschaft ab und wird andererseits von den speziellen Merkmalen eines Issues beeinflusst. Ein Konfliktgegenstand, der einfach darzustellen und ereignisorientiert ist, im Zusammenhang mit weitreichenden politischen, sozialen und/oder ökonomischen Konsequenzen steht und mit dem sich der Rezipient identifizieren kann, hat dabei besonders große Chancen, berichtet zu werden (Berens, 2001, S. 57ff.).

Selten steht am Ende einer Kontroverse die gleiche Frage wie am Anfang (Dahlem & Mathes, 1989, S. 662) – vielmehr nimmt der inhaltliche Bezug der Berichterstattung zum Konflikt auslösenden Ereignis mit der Zeit ab (Hug, 1997, S. 33). Mit dieser Generalisierungstendenz geht eine Verlagerung des Diskussionsschwerpunktes sowie die Herausbildung einzelner Teilkonflikte einher (Kepplinger, Hachenberg & Frühauf, 1977, S. 20). Inwieweit dies auch in Bezug auf den Konflikt um die WSB zutrifft, klärt die Forschungsfrage nach dem Verlauf der Kontroverse, die darüber hinaus den Umfang der Berichterstattung, Themenschwerpunkte sowie die Verortung des beleuchteten Teilkonflikts in die bisherige Debatte umfasst.

3.3 Akteure in publizistischen Konflikten

Der folgende Abschnitt geht der Frage nach, welche Akteure in publizistischen Konflikten auftreten und bildet die Ausgangsbasis für die Herleitung der Hypothesen. In einer Kontroverse kommen bevorzugt direkt an der Auseinandersetzung beteiligte Akteure zu Wort, doch erst die Anwesenheit Dritter lässt einen Konflikt überdauern und bringt neue Schwerpunkte und Themenkomplexe in die Diskussion ein. Auch das Publikum nimmt eine wichtige Stellung im Verlauf eines publizistischen Konflikts ein: wie eine Studie von Hömberg zeigt, stammten 45% der Beiträge in der untersuchten Kontroverse zu einer Wehrmachtsausstellung aus der Feder der Leser. Nichtsdestotrotz tritt der Rezipient oder der Bürger allgemein nur selten als Akteur auf (Hömberg & Reiter, 1998, S. 239).

Besondere Aufmerksamkeit gilt darüber hinaus den Medien. Diese besitzen „eine Schlüsselstellung […], denn sie entscheiden darüber, ob die Kontrahenten das Publikum erreichen und mit welchen Argumenten sie durchdringen“ (Kepplinger, 1994, S. 220). Journalisten bieten eine Plattform zur Austragung von öffentlichen Konflikten, stellen die unterschiedlichen Ansichten von Kontrahenten sowie Dritten dar und tragen so zur Stimulierung und Perpetuierung von Auseinandersetzungen bei (Hug, 1997, S. 354). Demzufolge fungieren Medien zwar nicht als Urheber, wohl aber als Katalysatoren publizistischer Konflikte (Hömberg & Reiter, 1999, S. 237). Die in dieser Studie analysierten Tageszeitungen fungieren jedoch nicht allein als Arenen der Konfliktaustragung. Es liegt schlussendlich in ihrer Entscheidungsgewalt, ob etwas überhaupt berichtet wird, welche Aspekte eines Ereignisses sowie welche Reaktionen und Stellungnahmen zu Geschehnissen an die Öffentlichkeit dringen und, ob/wie Personen sowie Themen bewertet werden. Wie Journalisten diese Macht gebrauchen, ist Gegenstand der folgenden Absätze, die sich mit der instrumentellen Aktualisierung auseinandersetzen.

3.4 Hypothese 1: Instrumentelle Aktualisierung – Akteursauswahl gemäß der redaktionellen Linie

Die 1989 von Kepplinger vorgestellte Theorie der instrumentellen Aktualisierung erweitert die Nachrichtenselektionsmodelle der klassischen Gatekeeper-Forschung und ergründet das Verhältnis von Realität sowie Realitätsdarstellung (Pürer, 2003, S. 134). Diese Theorie lässt sich vor allem bei publizistischen Konflikten beobachten, da sie auf vielfache Weise mit anderen Gegebenheiten verknüpft sind (Kepplinger in Zusammenarbeit mit Brosius, Staab & Linke, 1989, S: 202). Solche Gegebenheiten werden vor allem dann eingesetzt, wenn sie einer Konfliktpartei nutzen oder schaden, sie sind daher „instrumentell“.

Die Berichterstattung über ein Ereignis wird nicht allein durch seine bloße Existenz gerechtfertigt, viel mehr bestimmt ebenso die Geltung entscheidungsrelevanter Konventionen über die Publikation, so dass man von einer sozialen Rechtfertigung bei der Nachrichtenauswahl sprechen kann (Kepplinger, 1989c, S. 10). Demzufolge fungieren die Journalisten nicht als apolitische, neutrale und passive Informationsvermittler wie im Selektionsmodell (Kepplinger, 1990, S. 39), sondern nutzen bestehende Ereignisse zweckgerichtet. Teils bestehen dabei wirklich sachlogische Zusammenhänge zwischen Konfliktgegenstand und Gegebenheit (objektive Instrumentalisierung), teils interpretiert der Journalist jedoch einfach einen Zusammenhang, egal, ob er besteht oder nicht (subjektive Instrumentalisierung (Kepplinger in Zusammenarbeit mit Brosius, Staab & Linke, 1989, S. 202). In beiden Fällen kann die Intention der Redakteure einerseits auf die Berichterstattung selbst abzielen, in dem sie beispielsweise das Ziel verfolgen, Innen- und Außenpolitik gleichermaßen zu berücksichtigen, oder jenseits der Berichterstattung liegen, indem sie zum Beispiel eine Konfliktpartei unterstützen wollen (Kepplinger, 1990, S. 43).

Die Massenmedien verfügen über die Möglichkeit, die Meinung der Rezipient sowohl durch instrumentelle Aktualisierung als auch durch Umbewertungen, also die Veränderung der Bewertung instrumenteller Gegebenheiten, zu beeinflussen. Anhand des Falls Lothar Späth lässt sich der Prozess der Umbewertung veranschaulichen: Späth wurde in den Jahren 1988/89 zunächst vom Spiegel als Hoffnungsträger dargestellt und intensiv über ihn berichtet, jedoch nach Bekanntgabe, nicht mehr als Kanzlerkandidat der CDU zu fungieren, von diesem Magazin fallen gelassen (Kepplinger in Zusammenarbeit mit Eps, Esser & Gattwinkel, 1993, S. 185). Journalisten wenden Umbewertungen aufgrund der vergleichsweise geringen Medienwirkung auf die Einstellungen der Rezipienten jedoch selten an (Kepplinger, 1994, S. 221). Um die eigene Position zu stärken oder die gegnerische Seite zu schwächen, verspricht die instrumentelle Aktualisierung daher mehr Erfolg als die Umbewertung, denn die Kenntnis instrumenteller Ereignisse beeinflusst die Sichtweise auf ein Thema. Je mehr Informationen ein Rezipient über eine Sache zur Kenntnis nimmt, umso mehr hat er das Gefühl, dass es sich um eine legitime Sache handelt (Kepplinger in Zusammenarbeit mit Brosius & Staab, 1991, S.135f.).

Kepplinger hat die Theorie der instrumentellen Aktualisierung mehrmals empirisch belegt und dabei auf die besondere Bedeutung von Expertenaussagen verwiesen. Unter anderem in einer Studie zur Berichterstattung über die Kernenergie in den 1980er Jahren zeigte er, dass Journalisten, die sich für die Atomkraft aussprachen, vorwiegend Experten zu Wort kommen ließen, die dieselbe Meinung vertraten (Kepplinger, 1989a, S. 12). Ein 1989 von ihm publizierte Mehrmethodenstudie unterstreicht, dass Journalisten Ereignissen, die ihrer Position entsprechen, einen höheren Nachrichtenwert zusprechen als anderen Geschehnissen. Teil dieser Untersuchung war auch eine Journalistenbefragung, die hervorbrachte, dass es 45% Journalisten billigen, Ereignisse instrumentell hochzuspielen, aber es nur ein geringer Teil der Redakteure als legitim betrachtet, Ereignisse aus instrumentellen Gründen herunterzuspielen oder wegzulassen (Eichhorn, 2005, S. 137).

Auch Hagen konnte 1992 mit einer Inhaltsanalyse deutscher Qualitätszeitungen zur Berichterstattung über die Volkszählungsdiskussion demonstrieren, dass Akteure vor allem dann zitiert werden, wenn ihre Meinung der Position des Redakteurs entspricht, sie also als „opportune Zeugen“ auftreten. Er zeigte dabei auch, dass nicht das einzelne Argument eines Handlungsträgers darüber entscheidet, ob er zu Wort kommt. Liegt ein Akteur auf der redaktionellen Linie eines Mediums, wird über ihn berichtet, egal, in welche Richtung das einzelne Argument tendiert (Hagen, 1992, S. 448f.).

Die vorliegende Studie erfasst Handlungsträger nicht auf Aussagen-, sondern Akteursebene, so dass alle Zitate und Handlungen eines Akteurs in einem Beitrag zusammengefasst werden. Ausgehend von den bislang publizierten Studien ist folgender Zusammenhang zu vermuten:

Hypothese 1: Akteure, deren Auffassung mit der Auffassung des Journalisten übereinstimmt, werden häufiger zitiert als Akteure mit einer konträren Meinung.

3.5 Hypothese 2: Etablierte Akteure

Ähnlich wie bei überregionalen Tageszeitungen gewährleisten die Medien auf lokaler Ebene keine Chancengleichheit auf die Artikulation der eigenen Meinung. Lokale Eliten kommen überdurchschnittlich oft zu Wort, die Meinung des Bürgers bleibt hingegen oftmals unzureichend reflektiert (vgl. Kurp, 1994 & Neller, 1999). Mit dem Lokaljournalismus geht eine personalisierte, weniger an Sachthemen orientierte Berichterstattung einher (Jonscher, 1995, S. 475), die sich bei der Nachrichtenauswahl vorwiegend am Ortsbezug der Ereignisse orientiert (Kurp, 1994, S. 286f.). Dabei werden Redakteuren auf lokaler Ebene häufig der Hang zum Termin- und Verlautbarungsjournalismus sowie eine kritiklose, konfliktscheue Berichterstattung ohne großen Rechercheaufwand vorgeworfen (Neller, 1999, S. 2).

Der Journalist nimmt auf lokaler Ebene eine schwierige Stellung ein, da er sowohl zum Leser als auch zu politisch-administrativen Institutionen eine große Nähe aufweist und er in dieser Position parallel als Redakteur, Bürger sowie Privatmensch agiert (Kurp, 1994, S. 242). Lokalmedien arbeiten in gewisser Weise in Abhängigkeit kommunaler Eliten, da diese über Sanktionsmöglichkeiten wie Anzeigenrückzug oder Informationsverweigerung verfügen.

Auf der Basis dieser lokalen Spezifika ist für diese Arbeit anzunehmen, dass der Journalist seine Rolle als Akteur im publizistischen Konflikt nur bedingt wahrnehmen und die Menschen, vor allem im Hinblick auf das lokale Thema der WSB, nur in geringem Maße beeinflussen kann. Dagegen ist zu erwarten, dass lokale Eliten, vor allem Vertreter staatlicher Institutionen, eine wichtige Rolle im Konflikt um die WSB spielen und ihre Position zum Brückenbau häufig Gegenstand der Berichterstattung ist. Letztendlich besitzen lokale Eliten mehr Möglichkeiten der Selbstdarstellung und es stellt sich für Journalisten einfacher dar, an Informationen über sie zu gelangen (Jonscher, 1995, S. 309). Die zweite Hypothese lautet daher:

Hypothese 2: Einmal in den Medien etablierte Akteure, dazu zählen vor allem Akteure aus Verwaltung und Politik, werden zitiert, auch wenn ihre Meinung nicht mit der Auffassung des Redakteurs konform geht.

Nicht nur die Medien versuchen, durch ihr Handeln auf die Rezipienten einzuwirken, auch die Akteure, über die berichtet wird, verhalten sich bei Anwesenheit von Journalisten anders. Sie schaffen zweckgerichtete Ereignisse, die eigens mit dem Ziel der Publikation stattfinden. Diesen Vorgang bezeichnet man als instrumentelle Inszenierung (Kepplinger, 1990, S. 45). Kepplinger fasst die Intentionalität der Journalisten und Akteure in einem integrierten Modell (s. Abb. 1) zusammen, das darüber hinaus illustriert, dass die Realität, über die die Medien berichten, auch

immer eine Folge der Medienberichterstattung ist (Kepplinger, 1989a, S. 11).

Abb. 1: Integriertes Modell der Nachrichtenauswahl (Kepplinger, 1989a, S. 11)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.6 Hypothese 3: Individuelle Motive der Akteure

Eine Vielzahl von Studien liegt dem normativen Modell der Öffentlichkeit nach Jürgen Habermas zugrunde. Gemäß Habermas Theorie des kommunikativen Handelns besteht die Funktion von Medien in der Konsensstiftung, so dass Konflikte demzufolge als dysfunktional gelten (Hömberg & Reiter, 1999, S. 237). Er stellt einen Mangel an Sachbezogenheit durch die Generalisierungstendenz fest und beklagt den Verlust der Diskursivität, da mit der Zeit immer mehr Personen in publizistische Konflikte eingebunden werden (Hoffmann, 2004, S. 58f.). Vertreter dieser Theorie ist unter anderem Kepplinger (Kreimer, 2004, S. 32).

Luhmann hingegen betrachtet Konsens sowie Konflikt für die Fortsetzung der Kommunikation als funktional äquivalent betrachtet (ebenda, S.32). Es ist für ihn zudem absurd, das Ideal des gesamtgesellschaftlichen, durch rationalen Diskurs erlangten Konsenses auf eine pluralistische Demokratie anzuwenden (vgl. Luhmann, 1987). Hug sieht in Konflikten ein „konstituierendes Element der freiheitlich demokratischen Staatsordnung“ (Hug, 1997, S. 70) und bewertet sie demzufolge positiv. Er betont dabei die Bereicherung von Debatten durch das Einbeziehen allgemeiner Themen sowie die Thematisierung gesellschaftlicher Probleme (ebenda, S. 354).

Publizistische Kontroversen verfügen außerdem über soziale Funktionen, die die Komplexitätsreduktion des Konfliktgegenstands und die Strukturierung von Debatten beinhalten (Kepplinger, Hachenberg & Frühauf, 1977, S. 32). Nicht zuletzt erweist sich der publizistische Konflikt auf individueller Ebene als funktional, da er einzelnen Teilnehmern die Möglichkeit gibt, sich in der Öffentlichkeit darzustellen und zu profilieren (Kreimer, 2003, S. 32f.).

Andreas Hempel rekonstruiert in seiner Diplomarbeit die Debatte um den geplanten Bau der WSB und führt dabei Leitfadeninterviews mit an der Diskussion beteiligten Personen an. Die Befragten geben dabei an, dass die Parteien das gemeinsame Interesse der Macht verbindet und gleichermaßen eine Zusammenarbeit trotz gleicher Position zur WSB verhindert (Hempel, 2004, S. 185). Es zeigt sich also, dass das individuelle Interesse der Macht einen großen Einfluss im Konflikt um die WSB spielt. Dabei ist anzunehmen, dass dies nicht nur auf einzelne Parteien zutrifft, sondern ebenso einzelne Akteure individuelle Motive verfolgen und sich so in Konflikten anders positionieren als die Organisationen oder Institutionen, denen sie angehören.

Hypothese 3: Da Akteure auch individuelle Motive verfolgen, treten sie nicht immer geschlossen auf. Die Auffassung einzelner Personen stimmt daher nicht immer mit der Position der Gruppe überein, in die sie eingebunden sind.

3.7 Hypothese 4: Verhalten der Akteure

Dahlem und Mathes wiesen 1989 nach, dass Akteure in Kontroversen nur selten wechselseitig aufeinander Bezug nehmen. Ursachen für dieses Verhalten sind in den Charakteristika öffentlicher Konfliktkommunikation zu suchen, denn diese ist nicht als rational, sondern als Kampf um die öffentliche Meinung zu begreifen. Daraus resultiert, dass die Verständigung nicht das primäre Ziel der Akteure ist – vielmehr versuchen sie für die eigene Position günstige Themen zu betonen sowie für die eigene Ansicht ungünstige Themen zu meiden (Dahlem & Mathes, 1989, S. 655ff.). Die Kontrahenten einer Auseinandersetzung versuchen so kommunikative bzw. Deutungsmacht zu erringen, das heißt jene Begriffe und Themen zu besetzen, anhand derer erörtert wird, was durchgesetzt bzw. verhindert werden soll (Patzelt, 2001, S. 41).

Der Erfolg von Akteuren in einer öffentlichen Auseinandersetzung hängt demzufolge zu einem großen Teil von der Medienberichterstattung ab, so dass sich ihr kommunikatives Verhalten vorrangig auf die Medienresonanz und nicht den Konfliktgegenstand oder die Kontrahenten konzentriert. Ergo muss ein Akteur die Selektionskriterien der Medien, die Reaktionen der Kontrahenten sowie der Rezipienten antizipieren, um kommunikative Macht zu erlangen (Berens, 2001, S. 63).

Zur Durchsetzung ihrer Motive bieten sich Akteuren zwei Alternativen: „Sie können ihre Standpunkte weiter öffentlich vertreten und riskieren damit, den Konflikt zu verlängern, oder sie können durch ihr Schweigen den Konflikt abkürzen und riskieren damit, als Verlierer zu erscheinen“ (Kepplinger, Hachenberg & Frühauf, 1977, S. 32). Der publizistische Konflikt um den von Heinrich Böll verfassten Artikel „Will Urike Gnade oder freies Geleit?“ gibt ein Beispiel für die aktive Partizipation eines Akteurs in einer Auseinandersetzung. Böll meldete sich in 15 von 70 untersuchten Beiträgen zu Wort und heizte so die Kontroverse weiter an. Seine Präsenz ist dabei nicht allein auf das Engagement des Akteurs zurückzuführen, sondern hängt ebenso damit zusammen, dass er durch seinen hohen sozialen Status sowie seinen Bekanntheitsgrad eine größere Chance hat, thematisiert zu werden als andere Akteure (Kepplinger, Hachenberg & Frühauf, 1977, S. 23f.). Dies impliziert, dass nicht immer die die meiste Aufmerksamkeit geschenkt bekommen, die sie auch verdient haben und nicht immer die zu Wort kommen, die über die besten Argumente verfügen (Kepplinger, 1999, S. 717).

Das Vorgehen an Konflikten beteiligter Personen sowie Personengruppen äußert sich nicht allein in dem Umfang, in dem sie in der Medienberichterstattung vertreten sind. Eine weitere Möglichkeit, das Verhalten der Akteure zu charakterisieren, bietet die Unterscheidung zwischen defensiven und offensiven Handlungen. Defensives Verhalten impliziert, dass sich ein Akteur selbst in einem guten Licht darstellt. Offensives Verhalten liegt hingegen dann vor, wenn Kontrahenten oder Dritte Widersacher in ein schlechtes Licht rücken. Letzteres erzeugt i.d.R. ein höheres Maß an Glaubhaftigkeit, da positive Selbstdarstellungen in Konflikten häufig als fragwürdige Rechtfertigungsversuche interpretiert werden (Kepplinger, 1994, S. 221f.). Damit einher geht, dass Menschen eher eine Entscheidung gegen als für eine Partei fällen, Negativprofile oftmals prägnanter und einprägsamer als positive Darstellungen sind und Negativmeldungen einen hohen Nachrichtenwert besitzen (Dahlem & Mathes, 1989, S. 669), so dass Grund zur Annahme besteht, dass offensives Verhalten in publizistischen Konflikten überwiegt.

Hypothese 4: Akteure verhalten sich in publizistischen Konflikten eher offensiv als defensiv, um ihre Ziele zu erlangen, das heißt sie rücken Widersacher eher in ein schlechtes Licht als sich selbst positiv darzustellen.

3.8 Hypothese 5: Instrumentelle Nutzung demoskopischer Werte

Es gibt zwei Thesen, um die Beziehung zwischen Medien und Demoskopie zu beschreiben: das Konkurrenz- sowie das Kooperationsverhältnis. Die erste These geht davon aus, dass die Demoskopie eine Art Kontrollfunktion gegenüber den Massenmedien wahrnimmt (Brettschneider, 1991, S. 19f.) und die Demoskopie als Instrument zur Korrektur der verzerrten Medienrealität dient (Noelle-Neumann, 2004, S.397). Umfrageinstitute beschränken also die Medienwirkung und damit die Macht der Journalisten. Auf der anderen Seite ist jedoch auch eine instrumentelle Nutzung demoskopischer Werte denkbar, so dass Redakteure vorwiegend Umfragen publizieren, die ihrer Auffassung entsprechen (Donovitz, 1999, S. 31).

Der Konkurrenzthese mangelt es jedoch bislang an empirischer Evidenz (Schönbach, Stürzebecher & Schneider, 1994, S. 32), so dass auch die Annahme einer Kooperationsbeziehung wahrscheinlich ist. Letztendlich sind Umfrageinstitute auf die Veröffentlichung ihrer Studien angewiesen und auch die Medien benötigen die Unterstützung der Demoskopie, um ihren Lesern aktuelle Daten der Meinungsforschung präsentieren zu können (Donovitz, 1999, S. 33). Häufig geben Medien sogar selbst Umfragen in Auftrag, das vom Institut für Kommunikationswissenschaft der Technischen Universität Dresden durchgeführte DNN-Barometer ist ein Beispiel hierfür.

Da bislang empirisch nicht nachgewiesen werden konnte, dass Medien Umfragen einsetzen, um ihre eigene Position zu bestärken, Kepplinger jedoch gezeigt hat, dass instrumentelle Aktualisierung vor allem in publizistischen Konflikten auftritt (Pürer, 2003, S. 134), hinterfragt die fünfte Hypothese, inwieweit Umfragen zweckgerichtet in publizistischen Kontroversen genutzt werden.

Hypothese 5: Journalisten setzen Meinungsumfragen ein, um ihre eigene Position zu bestärken.

4. Methodisches Vorgehen

4.1 Die quantitative Inhaltsanalyse

Der Begriff „Inhaltsanalyse“ definiert ein systematisches Verfahren zur Erhebung und Auswertung von Daten, das Texte, Bilder und Filme untersucht (Diekmann, 2004, S.480f). Es existiert dabei eine relativ große Auswahl deutschsprachiger Publikationen zu diesem Thema. Dazu zählen unter anderem Lisch (1979), Ritsert (1972), Rust (1981), Rustemeyer (1992), Wirth & Lauf (1995) sowie Rössler (2005) – als am häufigsten zitierte Standardwerke zur Beschreibung der Methode der Inhaltsanalyse gelten jedoch Früh (1998) und Merten (1995) (Baumann, 2001, S. 362), auf die sich die folgenden Ausführungen stützen.

Laut Werner Früh, der sich in seiner Definition auf Berelson beruft (vgl. Berelson, 1952) und dessen Ansatz weiterentwickelt, handelt es sich bei der Inhaltsanalyse um „eine empirische Methode zur systematischen, intersubjektiv nachvollziehbaren Beschreibung inhaltlicher und formaler Merkmale von Mitteilungen“ (Früh, 2004, S. 25). „Intersubjektiv nachvollziehbar“ bzw. objektiv nennt sich eine Studie dann, wenn sie durch Offenlegung der Forschungsstrategie reproduzierbar, kommunizierbar und kritisierbar ist. An Systematik gewinnt eine Methode dadurch, dass sie klar strukturiert und in eine Forschungsstrategie eingebunden ist und sich diese Forschungsstrategie durchgängig invariant auf das Untersuchungsmaterial anwenden lässt (ebenda, S. 37). Die Inhaltsanalyse dient gemäß Früh zur quantifizierenden und eher formalen Beschreibung und Systematisierung von Kommunikationsinhalten, wobei der Schwerpunkt auf dem Codierprozess liegt und Schlüsse auf die Wirklichkeit nicht mehr zur Methode gehören (Baumann, 2001, S. 366ff.).

Für Merten hingegen stellt die Inhaltsanalyse „eine Methode zur Erhebung sozialer Wirklichkeit [dar], bei der von Merkmalen eines manifesten Textes auf einen nicht-manifesten Kontext geschlossen wird“ (Merten, 1995, S. 95). Dieses an Krippendorf angelehnte Verständnis (vgl. Krippendorf, 1987, S. 21) betrachtet Frühs formal-deskriptiven Ansatz nicht als eigenständige Form, sondern als Teil der Inhaltsanalyse, die immer auf Inferenzschlüsse abzielt (Baumann, 2001, S. 366f.). Neben formal-deskriptiven Analysen, die sich mit den formalen Aspekten eines Textes befassen, zählen diagnostische Untersuchungen, die sich dem Verhältnis von Sender und Mitteilung widmen, sowie prognostische Studien, die die Wirkung von Mitteilungen bei Rezipienten erheben, zu den Arten der Inhaltsanalyse (Diekmann, 2004, S. 486). Merten benennt darüber hinaus den Schluss vom Inhalt auf die Situation, beispielsweise die Schlussfolgerung auf Rahmenbedingungen, innerhalb derer Kommunikationsinhalte formuliert und/oder rezipiert werden, als weiteres Ziel der Methode. In der Praxis dominieren diagnostische und prognostische Ansätze (Maurer & Reinemann, 2006, S. 12), diese Arbeit richtet ihr Hauptaugenmerk auf die Beziehung zwischen Kommunikatoren und Inhalten.

Neben der bereits oben diskutierten intersubjektiven Nachvollziehbarkeit, strebt diese Studie auch die Qualitätskriterien Reliabiliät (Verlässlichkeit) und Validität (Gültigkeit) an. Reliabilität umfasst die präzise, unmissverständliche Beschreibung des Untersuchungsinstruments sowie dessen richtige Anwendung, um die Replizierbarkeit der Ergebnisse zu garantieren. Die Beantwortung einer Forschungsfrage setzt das Gütekriterium Validität voraus, das impliziert, dass der Forscher auch das erhebt, was er messen möchte (Früh, 2004, S. 108).

Die Untersuchung des publizistischen Konflikts um die WSB arbeitet wie ein Großteil inhaltsanalytischer Untersuchungen quantitativ. Dies hat den Vorteil, dass man große Datenmengen analysieren und ordnen kann, um beispielsweise sozialen, kulturellen oder politischen Wandel zu dokumentieren. Darüber hinaus erlaubt diese Methode, auch ohne die Kooperation oder Interaktion mit Kommunikatoren oder Rezipienten Aussagen über bestimmte Phänomene zu treffen und es besteht die Möglichkeit, den Gegenstand (auch mit modifiziertem Analyseinstrument) beliebig oft zu analysieren, da die Untersuchung selbst keine Veränderungen am Untersuchungsobjekt vornimmt (Diekmann, 2004, S. 485ff.). Im Hinblick auf diese Arbeit bietet sich so die Chance, die Einstellung sowie das Verhalten von Akteuren zu erheben, ohne dass die Geschehnisse der vergangenen Monate Einfluss auf die Meinung der analysierten Personen sowie Personengruppen genommen haben – eine Befragung könnte dies nicht leisten.

Natürlich bietet die Inhaltsanalyse nicht ausschließlich Vorteile. Nachteilig ist, dass man Themen, Inhalte sowie Untersuchungsobjekte nicht frei wählen kann und die Analysen ausschließlich auf Interpretationen beruhen, da Rücksprachen mit Rezipienten sowie Kommunikatoren nicht möglich sind. Die Methode ermöglicht Interferenzschlüsse vom Text auf die soziale Wirklichkeit, sind jedoch für den Nachweis von Wirkungen ungeeignet (Großmann & Merten, 1996, S. 81). Dies können nur Multimethodendesigns leisten, die beispielsweise Inhaltsanalyse sowie Leser- oder Zuschauerbefragungen kombinieren. Auf ein Zusammenspiel verschiedener Methoden wird jedoch im Hinblick auf den geringen Umfang dieser Arbeit verzichtet, so dass der Fokus auf dem Handeln von Akteuren sowie Journalisten, aber nicht auf den Leserreaktionen bezüglich der Lokalberichterstattung zur WSB liegt.

4.2 Anlage der Studie

Analysezeitraum und Untersuchungsmaterial

Da es sich beim Konflikt um den Bau der WSB vorrangig um ein kommunales Problem handelt, konzentriert sich diese Studie auf die Analyse lokaler Medien. Obgleich die Reichweiten lokaler Tageszeitungen in den letzten Jahren gesunken sind, stellen Lokalzeitungen noch immer die wichtigste Informationsquelle für den Bürger dar und erreichen ca. 75% aller Bürger ab 14 Jahren (Röper, 2006, S. 284). Im Gegensatz dazu dringt das Fernsehen auf lokaler Ebene zu wesentlich weniger Menschen durch. Auch das Radio ist für diese Untersuchung ungeeignet, das es im Gegensatz zur Presse vor allem über eine Verstärkerfunktion verfügt und wenig Raum bietet, über aktuelle Themen zu berichten (Kepplinger, Ehmig & Hartung, 2002, S. 131).

Mit der Auswahl der Medien Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten, Morgenpost und Bild Dresden deckt diese Studie die lokale Tagespresse komplett ab und gewährleistet eine Interpretation, die auch den Vergleich zwischen Abonnement- und Straßenverkaufszeitungen ermöglicht. Im Fokus der Untersuchung stehen dabei das Politikressort sowie der Lokalteil der Zeitungen (bei den Boulevardzeitungen ist eine Gliederung zwischen Mantel sowie Lokalteil nicht möglich, da keine Ressortteilung erfolgt). Sie umfassen nahezu alle Artikel, die zur Problematik der WSB publiziert wurden und stellen darüber hinaus die am Häufigsten genutzte Teile der Zeitung dar (Neller, 1999, S. 2).

Die oben beschriebenen Medien wurden in einem Zeitraum von siebeneinhalb Wochen untersucht, der am 12. Juli 2006, nach der Bekanntgabe der UNESCO, dass das Dresdner Weltkulturerbe auf der Roten Liste steht, beginnt und mit dem Ende August 2006 erwirkten Gerichtsentscheid, den Bau der WSB zu stoppen, endet. Da es im Rahmen einer Bachelor-Arbeit nicht möglich ist, die gesamte, bereits mehr als eine Dekade andauernde Mediendiskussion um die WSB zu erfassen, konzentriert sich diese Untersuchung auf einen Teilkonflikt, der durch den UNESCO-Entscheid zusätzliche Brisanz in die allgemeine Diskussion brachte. Der Inhaltsanalyse liegt eine Vollerhebung aller zur Brückenproblematik in den ausgewählten Ressorts erschienenen Artikel zugrunde. Im Vergleich zu einer systematischen Stichprobenziehung, gewährleistet die Vollerhebung eine detaillierte und zusammenhängende Analyse des Konfliktverlaufs. Sie bietet des Weiteren Vorteile gegenüber der oft aus forschungsökonomischen Gründen angewandten „künstlichen Woche“, bei der es aufgrund von variierenden Ereignishintergründen schwierig ist, Befunde zu generalisieren (Jandura, Jandura & Kuhlmann, 2005, S. 114).

Codebuchentwicklung und Datenerhebung

Die vorliegende Studie stützt sich auf die quantitative Inhaltsanalyse nach Früh. Die Entwicklung des in Beitrags- und Akteursebene untergliederten Codebuchs erfolgte auf der Basis empirie- und theoriegeleiteter Kategorienbildung. Sowohl die Erfassung der Themen als auch der Akteure fußen auf die Durchsicht des kompletten Untersuchungsmaterials, um zu gewährleisten, dass die entwickelten Variablenausprägungen trennscharf und vollständig sind. Darüber hinaus orientiert sich das Codebuch an der Theorie des publizistischen Konfliktes sowie bislang hierzu veröffentlichten Studien.

Im ersten Teil des Codebuchs werden Formalia erfasst, die unter anderem darüber Aufschluss geben, welchen Stellenwert die Diskussion um den Brückenbau in den einzelnen Medien haben, wie die Debatte verlief und welche Informationsquellen dominierten. Der zweite Teil setzt sich mit inhaltlichen und wertenden Aspekten auseinander. Zunächst erhebt die Inhaltsanalyse, was Anlass zur Berichterstattung gegeben hat und, ob bestimmte Akteure besonders häufig Beiträge initiieren. Darüber hinaus interessieren die thematischen Schwerpunkte im Verlauf des Konflikts, wobei die Entscheidung des UNESCO-Komitees, der Streit um den zurückliegenden sowie einen möglichen zweiten Bürgerentscheid, die Brückenbaudebatte im Stadtrat und die Umsetzung der WSB mit ihren Ursachen, Folgen sowie Alternativen im Fokus stehen. Die Erfassung der Valenz für den gesamten Artikel sowie gesondert für jeden Akteur lässt nicht nur erkennen, ob die Berichterstattung eher für oder gegen den Bau der WSB ausfällt, sondern auch inwieweit die Berichterstattung mit der Meinung der einzelnen Akteure übereinstimmt.

Mit einer sehr feingliedrigen Auflistung der Handlungsträger beginnt die Codierung auf Akteursebene. Die detaillierte Erfassung der Akteure bietet die Möglichkeit, zu überprüfen, ob die Meinung einzelner Akteure, mit den Institutionen und Gruppen, denen sie angehören, konform gehen oder divergieren. Nicht zuletzt erhebt das Codebuch auch, wie Journalisten Akteure bewerten und, wie sich die Akteure verhalten: werden ihre Aussagen vorwiegend von positiven Selbstdarstellungen sowie Rechtfertigungen bestimmt oder üben sie mehr Kritik an anderen Akteuren.

Um die praktische Anwendung und die Verständlichkeit des Codebuchs zu überprüfen, gingen der Hauptcodierung eine intensive Schulung sowie ein Pretest voraus. Der Pretest zeigte einige Probleme bei der Ermittlung der Valenz, die jedoch in einer Nachschulung sowie einer Überarbeitung des Codebuchs behoben wurden. Die Erfassung sowie die Auswertung der Daten erfolgte mit dem Statistikprogramm SPSS.

5. Operationalisierung und Auswertung

5.1 Der Konfliktverlauf

Der folgende Abschnitt beantwortet die Forschungsfragen, wie viele Beiträge zum publizistische Teilkonflikt um den geplanten Bau der WSB im Untersuchungszeitraum publiziert, welche thematischen Schwerpunkte diskutiert wurden und wie sich der Teilkonflikt in den gesamten Zeitraum der Kontroverse einordnen lässt.

Im Zeitraum vom 12. Juli bis zum 2. September 2006 wurden 224 Beiträge zum Thema WSB publiziert. Im Vergleich zur Berichterstattung in den vorangegangenen Jahren und Monaten ist dabei ein deutlicher Anstieg der Artikel zu verzeichnen. Die Studie von Schubert illustriert, dass es von 1996 bis 2005 bis auf 2004 (mit ca. 232 Beiträgen) kein Jahr gab, in dem mehr Beiträge über die WSB veröffentlicht wurden als in dem relativ knappen, siebeneinhalb Wochen umfassenden Untersuchungszeitraum dieser Analyse[1]. Auch in den ersten Monaten des Jahres 2006 umfasste die Lokalberichterstattung in der Magisterarbeit von Schubert nur 104 Beiträge, wobei jedoch keine identischen Zugriffskriterien vorliegen und deshalb der Vergleich mit Schubert nur ungefähre Werte liefert.

Abb. 2: Anzahl der publizierten Beiträge im Zeitverlauf (N=1632)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Katrin Schubert hat in ihrer Magisterarbeit für die DNN, die SäZ sowie die MoPo nur jeden zweiten Beitrag codiert und die BILD voll erhoben. Dementsprechend wurden die Fallzahlen für die drei erst genannten Medien verdoppelt, um die Anzahl der publizierten Beiträge in den vergangenen Jahren darzustellen.

Ende der Leseprobe aus 97 Seiten

Details

Titel
Der publizistische Konflikt um die Waldschlößchenbrücke
Untertitel
Eine Akteursanalyse
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Kommunikationswissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
97
Katalognummer
V85132
ISBN (eBook)
9783638896276
Dateigröße
876 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konflikt, Waldschlößchenbrücke
Arbeit zitieren
Alice Srugies (Autor), 2007, Der publizistische Konflikt um die Waldschlößchenbrücke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85132

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