Freiwilligenarbeit im Dritten Sektor - Motive und Determinanten der Freiwilligenarbeit


Hausarbeit, 2006

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Motive
2.1 Nicht-ökonomische Motive
2.1.1 Altruismus
2.1.2 Selbstverwirklichung
2.1.3 Sozialer Eigennutz / Soziale Normerfüllung
2.2 Ökonomische Motive
2.3 Motive nach Tätigkeitsfeld

3. Determinanten
3.1 Status
3.2 Ethnische Herkunft
3.3 Alter und Geschlecht
3.4 Religion
3.5 Gesellschaftliche Determinanten

4. Empirisches Modell
4.1 Abgeleitete Hypothesen
4.2 Regressionsdiagnostik
4.3. Ergebnisse des Modells

5. Literaturliste

6. Abbildungsverzeichnis

7. Datensatz

1. Einleitung

In fast allen Definitionen von Non- Profit- Organisationen (Badelt 2002:9, Zimmer/Priller 2004:87, Brose 2000:141, Wex 2004:174, Definition des Johns Hopkins Comparative Nonprofit Sector-Projects) ist Freiwilligenarbeit ein Kennzeichen dieses Organisationstyps. Sie stellt zudem einen sehr wichtigen Beitrag zur Erhaltung von Non- Profit- Unternehmen (im Folgenden: NPOs) darstellt. Gleichzeitig besteht in der Definition von Freiwilligenarbeit in der „scientific community“ weitgehend Einigkeit im Vergleich zu anderen Begriffsbestimmungen.1 Diese geteilte Definition möchte ich übernehmen: Freiwilligenarbeit ist durch das Fehlen direkter monetärer Gegenleistung von normaler Arbeit abgegrenzt.2 In der Literatur finden sich neben dem Begriff der Freiwilligenarbeit auch Begriffe wie freiwilliges Engagement oder Ehrenamt. Da sich die Definitionen gleichen, sollen diese Begriffe im Folgenden synonym verwendet werden. Im Zuge der Hausarbeit möchte ich eine weitgefasste Definition von NPOs verwenden. Im Gegensatz zu der weitverbreiteten Definition des Johns Hopkins Comparative Nonprofit Sector- Projects sollen auch kirchliche Organisationen und Parteien hinzugezählt werden. Weiterhin sollen für NPOs aber die Merkmale des Forschungsprojekts der Johns Hopkins University gelten: Privatheit, Gemeinnützigkeit, Selbstverwaltung, Organisation, Ehrenamtlichkeit.

Der Grund für diese weitgefasste Definition liegt darin, dass sonst wichtige Motive nicht in ihrer Ganzheit aufgeführt werden können.

Ich möchte in meiner Arbeit die Motive und Determinanten von Freiwilligenarbeit aufzeigen, um danach in einem empirischen Modell erste Indizien zu finden, welcher Erklärungsansatz am ehesten empirische Evidenz zu haben scheint. Die Arbeit besteht aus zwei Blöcken: Im ersten Abschnitt werde ich unterschiedliche theoretische Motive und Determinanten darstellen. Daraus werden in einem zweiten Schritt vier Thesen abgeleitet, die anhand eines empirischen Modells getestet werden sollen. Der dritte Abschnitt beinhaltet die Auswertung der Ergebnisse. Die Unterteilung zwischen Motiven und Determinanten mag nicht immer trennscharf sein. Die grundsätzliche Überlegung ist, dass es Eigenschaften von Personen oder der Umwelt gibt, die die Wahrscheinlichkeit von Freiwilliger Arbeit erhöhen, ohne ein persönliches Motiv darzustellen.

Um die Trennschärfe zu verdeutlichen kann man die Determinanten als extrinsische Motivation bezeichnen. Im Gegensatz dazu sind die Motive als zu intrinsische Motivation aufzufassen.

2. Motive

In der einschlägigen Literatur (Horch 1992:40ff.) finden sich verschiedene, teils auch konkurrierende Erklärungsansätze zur Erklärung von Freiwilligenarbeit. Es lassen sich zwei Erklärungsstränge identifizieren:

Auf der einen Seite stehen Autoren, die Freiwilligenarbeit durch altruistische und soziale Beweggründen erklären. Dem gegenüber stehen Autoren, meist aus ökonomischen Denkschulen, die Anreize als Erklärungsgrund für freiwilligen Einsatz postulieren.3 Stebbins (1996:213) formuliert diese zwei Erklärungsstränge folgendermaßen:

„.[…] helping others (volunteer as altruism) and the other is helping oneself (volunteer as self-interestedness)“

Im Folgenden werde ich versuchen, die verschiedenen Erklärungsansätze in zwei Ansätzen theoretisch zusammenzufassen. Auf der einen Seite möchte ich nichtökonomische Motive (Altruismus / Selbstverwirklichung / Sozialer Eigennutz bzw. soziale Normerfüllung) zusammenfassen, auf der anderen Seite die ökonomischen Motive. Klar ist, dass die individuelle Motivation zu freiwilligem Engagement zumeist aus einem Motivbündel, und nicht aus einem einzelnen Motiv besteht.

2.1 Nicht-ökonomische Motive

Nicht-ökonomische Motive für Freiwilligenarbeit anzunehmen liegt nahe, da keine direkte ökonomische Gegenleistung erfolgt. Es kann zwischen selbstlosem Einsatz, moderne Selbstverwirklichung und dem Ziel der Erfüllung gesellschaftlicher Normen unterschieden werden. Die beiden letzten Motive weißen im Gegensatz zu dem Motiv des Altruismus eine Gemeinsamkeit auf. Beide Antriebsquellen liefern den Freiwilligen einen Gegenwert ihrer Leistungen. Bei der Selbstverwirklichung wird Zeit gegen Sinn getauscht, bei der Erfüllung von Normen Zeit gegen Anerkennung.

2.1.1 Altruismus

Altruismus sei wie folgt definiert:

„ [...] dass Menschen sich in ihren Wahlentscheidungen (u.a.) vom Wohlergehen anderer Menschen leiten lassen.“4

Dabei soll offen bleiben, inwieweit der Freiwillige sich von den Bedürfnissen des Empfängers oder von seinen Vorstellungen von den Bedürfnissen des Empfängers leiten lässt.5

Altruismus als Antrieb zur Freiwilligenarbeit wird in der Literatur6 häufig postuliert. Eng verknüpft damit ist der Glaube an die Wirksamkeit und Gemeinwohlförderung:

„[...] research shows that political and civic engagement is related to feelings of efficacy and the belief that participation in community activities leads to worthwile outcomes.“7

Der selbstlose Einsatz scheint auf den ersten Blick als Erklärungsgrund nahe zu liegen, da die geleistete Arbeit nicht direkt ökonomisch belohnt wird. Altruismus als Erklärungsfaktor scheint aber in den Hintergrund zu treten. Verknüpft mit christlicher Religiosität scheint er zwar der frühere Hauptgrund freiwilliger Arbeit8 in europäischen Gesellschaften zu sein, jedoch tritt dieser Motivationsgrund wegen der durchdringenden Säkularisierung in den Hintergrund. Insofern wird von vielen Autoren der Charakter von Selbstlosigkeit bei der Freiwilligenarbeit bestritten. Zwei Argumente lassen sich dafür ins Feld führen: Altruismus als Beweggrund wird verneint, da die Freiwilligen einen ökonomischen oder nicht-ökonomischen Gegenstrom von Leistungen für ihre Tätigkeit beziehen. Und dieser Gegenstrom wird häufig als Antriebsquelle gesehen.

Zum anderen werden sich Menschen nach der institutionellen Sichtweise von Mancur Olson9 nur dann gemeinsam zusammenschließen, wenn diesem Zusammenschluss, dem Organisieren, ein Ziel, ein gewisser Zweck, erreicht werden kann. Sie tun dies also zum Erreichen individueller und kollektiver Interessen und nicht aus Selbstlosigkeit. Selbstlosigkeit wird vor allem dann keine Rolle spielen, wenn die Motivationslage die eigene Betroffenheit darstellt. Dies dann als Altruismus zu etikettieren, wie es Rauschenbach et al. (1992:236) tun ist falsch. Im Gegensatz zu altruistischen Beweggründen steht die Selbstverwirklichung, die nicht aus weltanschaulichen Gründen heraus erklärt werden kann. Vielmehr spielt das persönliche Wohlempfinden eine große Rolle.

2.1.2 Selbstverwirklichung

Ein weiterer Erklärungsansatz10 zur Motivation der Freiwilligen geht von einem Wandel der Motive aus. Standen früher altruistische Motive im Vordergrund, so geht es heute um Selbstverwirklichung bzw. Sinnstiftung durch Freiwilligenarbeit. Nicht nur deutschsprachige Autoren vertreten diese These, auch Untersuchungen in anderen Industriestaaten kommen zum selben Ergebnis11. Die alten Motivationsgründe bleiben zwar existent, werden aber von entfaltungsbezogenen Motiven verdrängt, die im Kontext der modernen Spaß- und Freizeitgesellschaft entstehen. Es wird argumentiert, dass die Individualisierung der Gesellschaft neue Motive für Freiwilligenarbeit hervorbringt. Traditioneller Sinnstifter wie Familie, Religion oder ein stabiles soziales Umfeld entfallen und werden unter anderem durch das Ehrenamt ersetzt. Empirisch gestützt wird dies vor allem vom Freiwilligensurvey 1997:

Abbildung 1: Motive der Engagierten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Motive wie „Lebenssinn“ oder „Spaß“, die weit oben in der Rangliste aufgeführt sind, als auch weniger wichtige Motive wie „interessanter leben“ lassen sich meiner Meinung nach als Selbstverwirklichungsmotive identifizieren und belegen die Wichtigkeit dieses Motivs.

Ein in der Grafik nicht aufgeführter Grund sich durch Freiwilligenarbeit selbst zu verwirklichen, erwähnen Boris / Streuerle (1999:18): Freiwillige sind im Vergleich glücklicher und leben sogar länger.

2.1.3 Sozialer Eigennutz / Normerfüllung

Individuen leisten Freiwilligenarbeit um Anerkennung, Prestige, Achtung12 oder einen sozialen Status von der Gesellschaft zu erhalten.

Ökonomisch gesehen13 erhalten auf diese Weise motivierte Freiwillige als Gegenleistung für ihre Arbeitsleistung immaterielle Gegenströme, die nicht vom Leistungsempfänger ausgehen, sondern von der Gesellschaft. Es motiviert also nicht der Inhalt oder der Sinn sondern die positive Sanktionierung durch die soziale Umwelt.

Ein weiteres Motivbündel für die Normerfüllung bietet die Religion, die auch bei altruistischen Verhaltensweisen eine Rolle spielt. Gelebte christliche Nächstenliebe als Antriebsgrund mag in den westlichen säkularen Gesellschaften abnehmen. Jedoch bleibt die Tatsache, dass „christliche religiöse Inspiration oftmals die Basis für frühe Freiwilligenaktivitäten“14 darstellt, und dass die grundsätzlichen christlichen Werte trotz der säkularen Tendenzen weiterhin ein Motiv für Freiwilligenarbeit darstellen.

2.2 Ökonomische Motive

Ökonomische Motive haben im Hintergrund das Bild eines rational handelnden, nutzenmaximierenden Individuums. Nicht mehr überkollektive Motive wie Religion sondern allein das individuelle Nutzenkalkül motiviert zu Engagement. Freiwillige werden als aktive Baumeister ihrer sozialen Landschaft begriffen, deren ökonomischer Eigennutz als Tauschverhalten15 aufgefasst wird. Die Anreiz- Beitrags- Theorie16 liefert dazu einen Erklärungsbeitrag, der nicht nur auf ökonomische Anreize, sondern auch auf nichtökonomische Anreize bezogen werden kann. Bezogen auf Freiwilligenarbeit werden sich Individuen solange engagieren, wie die Anreize die Kosten überwiegen. Der ehrenamtlich Engagierte wird solange Beiträge leisten bis er eine subjektiv bessere Alternative wahrnimmt.

Bei Arbeitslosen wird dieser Erklärungsfaktor am ehesten zutreffen: Da es keine Alternativen auf dem ersten Arbeitsmarkt gibt, ist Freiwilligenarbeit die einzige Chance im Arbeitsprozess zu bleiben. Arbeitslose sehen als Anreiz sich durch ein freiwilliges Engagement eine Weitervermittlung in den ersten Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Dies kann zum einen dadurch geschehen, dass von am Arbeitsmarkt geforderte Qualifikationen durch Weiterbildung erhalten und ausgebaut werden.17 Die Freiwilligenarbeit wird kann somit als Investition in das „human capital“18 angesehen.

Zum anderen werden neue Kontakte zu dem individuellen sozialen Netzwerk addiert, so dass sich die Chance auf eine Festanstellung erhöhen wird.

Das Freiwilligenamt wird von ökonomisch Motivierten als Krisenretter begriffen, der sich als Übergangsstation anbietet, wenn der erste Arbeitsmarkt und der Sozialstaat keine Beschäftigungsmöglichkeiten bieten können. Freiwillige engagieren sich demnach nicht wertegebunden, sondern aus einer wirtschaftlichen Notlage heraus. Freiwilligenarbeit verliert den Charakter einer Verstärkung (Altruismus) oder des Ausgleiches (Selbstverwirklichung) und wird zur Überbrückung von Brüchen oder Anfangsschwierigkeiten in der Erwerbsbiographie. Der Charakter der NPOs als sozialintegrative Instanz der Gesellschaft wird bei ökonomisch Motivierten neben älteren Engagierten am deutlichsten.

Einen zweiten Hinweis auf die Reihenfolge der Motive liefern Allison et al. mit einer Untersuchung von 2002 (Abbildung 2). Danach stehen nicht-ökonomische Motivationslagen eindeutig im Vordergrund. Entfaltungsbezogene Motive wie „Esteem“ oder „Value“ sind dabei am stärksten ausgeprägt. Das ökonomische Motiv „Career“ befindet sich nur im Mittelfeld.

Abbildung 2: Rangfolge der Motive

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3 Motive nach Tätigkeitsfeld

Es liegt nahe zu vermuten, dass sich die Motive für Freiwilligenarbeit je nach Art der Tätigkeit unterscheiden19.

[...]


1 Im begrenzten Rahmen der Arbeit erscheint es nicht zweckdienlich, Freiwilligenarbeit weiter zu unterteilen. Cnaan et al. (1996) liefert eine solche Systematisierung.

2 Vgl. Badelt (1988), Gretschmann / Schulz (1988), The Volunteering Unit (1995:3), Werther / Berman (2001:111)

3 Vgl. Osborne (1998:10)

4 Zitiert nach Badelt (1985:57)

5 Collard (1978: 7ff.) unterscheidet analog dazu zwischen „commodity related-altruism“ oder „utility-related- altruism“

6 z. B. Badelt (1988), Collard (1978), Wardell et al. (2000:229)

7 Zitiert nach: Boris / Steuerle (1998:18)

8 Vgl. Wardell et al. (2000:229)

9 Vgl. Olson (1965)

10 Vertreten vor allem von Helmut Klages, aber auch von anderen Autoren, wie z.Bsp. Ursula Mathieu oder Heinze/ Strünck . Vgl Klages (2000), Heinze/Strünck (2000) und Mathieus Beitrag zu Politische Studien - Hanns Seidel Stiftung (1999)

11 Vgl. Ross (1990:20-27)

12 Vgl. Badelt (1985:39ff.),Türck (2004:21) und Allison et al. (2002:255)

13 zur ökonomischen Sicht. Vgl. Boulding (1973). Aus mehr soziologischem Blickwinkel: Fischer et al. (1993:106ff.)

14 aus dem Englischen übersetzt nach: Osborne (1998:7)

15 Badelt (1985:67) spricht in diesem Zusammenhang von einer Grenze zum Tausch.

16 Vertreten vor allem durch die grundlegenden Werke von March / Simon (1976) und Cyert / March (1995).

17 Wardell et al. (2000:230) führen eine ganze Liste von empirischen Untersuchungen an, die diese Annahme untermauern. Auch die Auswertung von SOEP- Daten bestätigt dies. Vgl. Heinze / Strünck (2001:238). Heinze / Strünck (2000) sehen die Ausbildungskomponente vor allem bei jungen, arbeitslosen Akademikern gegeben.

18 Vgl. Dollery / Wallis (2003:47ff)

19 Vgl. Martinez (2004:114)

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Freiwilligenarbeit im Dritten Sektor - Motive und Determinanten der Freiwilligenarbeit
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Non-Profit-Organisationen
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V85272
ISBN (eBook)
9783638020275
ISBN (Buch)
9783638923019
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freiwilligenarbeit, Dritten, Sektor, Motive, Determinanten, Non-Profit-Organisationen
Arbeit zitieren
Dipl. Verw. Wiss. Ralph Wenzl (Autor), 2006, Freiwilligenarbeit im Dritten Sektor - Motive und Determinanten der Freiwilligenarbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85272

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