Die vorliegende Studie entstand vor dem Hintergrund einer heterogenen Befundlage zum Angstausdruck von Sozialphobikern auf unterschiedlichen emotionalen Ebenen. Die Mehrzahl bisheriger Untersuchungen konnte Unterschiede im subjektiven Angsterleben zwischen Sozialphobikern und Personen ohne psychische Störung relativ leicht und einheitlich nachweisen; für physiologische Reaktionen, als objektive Angstindikatoren, gelang dies jedoch selten. In dieser Untersuchung sollte durch das Betrachten von Bildern, welche typische von Sozialphobikern gefürchtete Inhalte (ärgerliche Gesichter, Rede- und Interaktionssituationen) abbilden, soziale Angst bei diesen Personen induziert werden. Ziel der Untersuchung ist zu bestimmen, ob soziale Angst bei Sozialphobikern mittels Vorlage von sozial bedrohlichem Bildmaterial induziert werden kann und von welchen Veränderungen sie im Vergleich zu Kontrollpersonen begleitet ist. Der Effekt dieses furchtinduzierenden Stimulusmaterials wird durch einen Vergleich mit neutralen Bildreizen (neutrale Gesichtsausdrücke, neutrale Abbildungen) untersucht. Dazu wurden an 23 Sozialphobikern und 23 Personen ohne psychische Störung als physiologische Variabeln die Herzrate und das Hautleitfähigkeitsniveau erhoben sowie die subjektive Erlebniskomponente der Angst, operationalisiert mittels ikonographischer Ratingskalen mit den Dimensionen „Erregung“, „Valenz“ und „Dominanz“. Die Ergebnisse werden dahingehend interpretiert, dass physiologische Prozesse für die Auslösung sozialphobischer Furcht eine untergeordnete Rolle spielen. Anhand der Ergebnisse ist zu vermuten, dass Sozialphobiker ihre physiologischen Reaktionen stärker wahrnehmen bzw. in einer anderen Weise bewerten als Personen ohne soziale Angst. Im Sinne kognitiver Modelle ist anzunehmen, dass die Problematik körperlicher Symptome im Rahmen der Sozialen Phobie nicht notwendigerweise im Ausmaß der physiologischen Aktivierung liegt, sondern die Wahrnehmung und Interpreta¬tion der Symptome das Problem ausmachen und weniger die Reaktionen selbst.
Inhaltsverzeichnis
Zusammenfassung
1 Theoretischer Hintergrund
1.1 Die Soziale Phobie
1.1.1 Erscheinungsbild
1.1.2 Definition
1.1.3 Epidemiologie
1.1.4 Störungsbeginn
1.1.5 Verlauf und Folgen
1.1.6 Komorbidität und differentialdiagnostische Abgrenzung
1.1.7 Zusammenfassung
1.2 Modelle zur Ätiologie der Sozialen Phobie
1.2.1 Entwicklungspsychologische Theorien
1.2.1.1 Biologische Dispositionen
1.2.1.2 Verhaltenshemmung und Schüchternheit
1.2.1.3 Einflüsse durch Sozialisation
1.2.2 Lerntheoretische Erklärungen
1.2.2.1 Klassische Konditionierung
1.2.2.2 Modelllernen
1.2.2.3 Preparedness
1.2.3 Ein Informationsverarbeitungsmodell der sozialen Angst von Öhman
1.2.4 Das neuropsychologische Modell der Angst von Gray
1.2.5 Kognitive Modelle der Sozialen Phobie
1.2.5.1 Das Modell der kognitiven Vulnerabilität von Beck und Emery
1.2.5.2 Das Selbstdarstellungsmodell von Schlenker und Leary
1.2.5.3 Ein integriertes kognitiv-behaviorales Modell von Heimberg
1.2.5.4 Das kognitive Modell der Sozialen Phobie von Clark und Wells
1.2.6 Abschließende Bemerkungen zu den Modellen der sozialen Angst
1.3 Psychophysiologische Aktivierung und subjektiv empfundene Angst bei der Sozialen Phobie
1.3.1 Der Begriff der Emotion
1.3.2 Forschungsbefunde zu Herzraten, Hautleitwerten und subjektiven Empfindungen bei sozialer Angst
1.3.2.1 Untersuchungen an sozialphobischen Stichproben
1.3.2.2 Untersuchungen an sozial ängstlichen Stichproben
1.3.2.3 Zusammenfassung und Bedeutung für die vorliegende Arbeit
1.3.3 Kovariationsproblem der emotionalen Ebenen
1.3.3.1 Ursachen des Kovariationsproblems
2 Fragestellung und Hypothesen
2.1 Ableitung der Fragestellung
3 Methoden
3.1 Versuchsplan
3.2 Probanden
3.2.1 Rekrutierung der Stichproben
3.2.2 Beschreibung und Vergleich der Stichproben hinsichtlich soziodemographischer Daten
3.3 Messinstrumente
3.3.1 Strukturiertes klinisches Interview für DSM-IV
3.3.2 Social Phobia Inventory
3.3.3 Liebowitz Social Anxiety Scale
3.3.4 Beck-Depressions-Inventar
3.3.5 Beschreibung und Vergleich beider Stichprobengruppen hinsichtlich der Fragebogendaten
3.4 Stimulusmaterial
3.4.1 Überlegungen zur Auswahl des Stimulusmaterials
3.4.2 Verwendetes Stimulusmaterial
3.4.3 Quellen des verwendeten Stimulusmaterials
3.4.3.1 Das International Affective Picture System
3.4.3.2 Die Bildsammlung von Mazurski und Bond
3.4.3.3 Bilder aus anderen Quellen
3.5 Abhängige Variablen
3.5.1 Psychophysiologische Variablen
3.5.1.1 Messung der Herzfrequenz
3.5.1.1.1 Das EKG
3.5.1.2 Messung der Hautleitfähigkeit
3.5.1.2.1 Messmethode
3.5.1.3 Mini-Vitaport-System
3.5.1.3.1 Ableitung der Herzfrequenz
3.5.1.3.2 Ableitung der Hautleitfähigkeit
3.5.1.3.3 Aufbereitung der psychophysiologischen Daten
3.5.2 Erfassung der subjektiven Angst
3.5.2.1 Dimensionen der Einschätzung von Emotionen
3.5.2.2 Das Self-Assessment-Manikin in dieser Untersuchung
3.6 Versuchsdurchführung
3.7 Statistische Hypothesen
3.8 Statistische Auswertung
4 Ergebnisse
4.1 Vergleich der physiologischen Reaktionen zwischen Sozialphobikern und Kontrollpersonen hinsichtlich der Bildkategorien
4.1.1 Herzfrequenz
4.1.2 Hautleitfähigkeit
4.2 Differentielle Wirkung verschiedener Bildinhalte bei Sozialphobikern
4.2.1 Herzfrequenz
4.2.2 Hautleitfähigkeit
4.3 Weitere, nicht hypothesengeleitete Analysen
4.3.1 Differentielle Wirkung verschiedener Bildinhalte bei Kontrollpersonen
4.3.1.1 Herzfrequenz
4.3.1.2 Hautleitfähigkeit
4.3.2 Linearer Zusammenhang zwischen Angstratings und physiologischen Maßen
4.3.2.1 Ergebnisse der Analyse des subjektiven Angsterlebens
4.3.2.2 Zusammenhang zwischen Angstratings und physiologischen Maßen sozialer Angst bei Sozialphobikern
4.3.2.3 Zusammenhang zwischen Angstratings und physiologischen Maßen sozialer Angst bei Kontrollpersonen
4.3.3 Linearer Zusammenhang zwischen den beiden physiologischen Parametern
4.3.4 Geschlechtsunterschiede in der Reaktion auf die Bildreize
4.3.4.1 Herzfrequenz
4.3.4.2 Hautleitfähigkeit
4.3.5 Einfluss des Geschlechts der abgebildeten Personen
4.3.5.1 Herzfrequenz
4.3.5.2 Hautleitfähigkeit
4.3.5.3 Vergleiche zwischen den Probandengruppen
4.3.6 Einfluss des Blickkontaktes der abgebildeten Personen auf Sozialphobiker
4.3.6.1 Redebilder
4.3.6.1 Interaktionsbilder
5 Diskussion
5.1 Interpretation der zentralen Befunde
5.2 Alternativerklärungen zu den zentralen Befunden
5.3 Differentielle Wirkung verschiedener Bildinhalte
5.4 Linearer Zusammenhang zwischen Angstratings und physiologischen Maßen
5.5 Geschlechtseinflüsse
5.6 Blickkontakt
5.7 Begrenzungen dieser Untersuchung
5.8 Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht physiologische Reaktionen sowie das subjektive Angsterleben von Sozialphobikern im Vergleich zu einer gesunden Kontrollgruppe bei der Konfrontation mit visuellem, sozial angstauslösendem Bildmaterial. Zentral ist dabei die Forschungsfrage, ob durch gezielte Bildreize – etwa ärgerliche Gesichter oder soziale Interaktionsszenen – soziale Angst induziert werden kann und ob sich diese auf physiologischer Ebene von Kontrollpersonen unterscheidet.
- Soziale Phobie und Ätiologiemodelle
- Psychophysiologische Grundlagen der Angst
- Einfluss von Blickkontakt und Gesichtsausdrücken
- Vergleich von Herzfrequenz und Hautleitfähigkeit
- Kognitive und emotionale Verarbeitung
Auszug aus dem Buch
1.1.1 Erscheinungsbild
Obwohl das Erleben eines gewissen Grades von Angst in sozialen Situationen weder atypisch noch pathologisch ist, unterscheidet sich die Soziale Phobie davon in ihrer Intensität des Angsterlebens und dem begleitenden Unbehagen bzw. ihrer Beeinträchtigung gewisser Funktionen. In den letzten Jahren hat die Erforschung der sozialen Angst beachtliche Erkenntnisfortschritte erzielt, so dass inzwischen weitgehend gesicherte Befunde über das Erscheinungsbild der sozialen Angst bzw. über deren klinisch relevante Ausprägung – die Soziale Phobie – vorliegen, die im folgenden Abschnitt beschrieben werden soll.
Das zentrale Symptom der Sozialen Phobie besteht in einer Erwartung von negativer Bewertung des eigenen Verhaltens durch eine oder mehrere andere Personen (Stangier & Fydrich, 2002). Der Betroffene selbst findet seine Angst übertrieben, kann sie aber nicht beseitigen. Daraus entsteht ein Vermeidungsverhalten, dass häufig eine eingeschränkte Lebensweise zur Folge hat. Der Sozialphobiker ist überzeugt, sozial unbeholfen, unattraktiv und minderwertig im Vergleich zu anderen zu sein. In sozialen Situationen befürchtet er, von anderen als schwach, ängstlich, dumm oder verrückt beurteilt zu werden. Besonders kritisch sind daher Situationen, in denen die Betroffenen das Gefühl haben, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen und in denen eine Handlung der möglichen Bewertung durch andere ausgesetzt ist.
Soziale Ängste manifestieren sich auf unterschiedlichen emotionalen Erfahrungsebenen: (1) der subjektiven, (2) der psychophysiologischen, (3) der Verhaltens- und (4) der kognitiven Ebene.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Theoretischer Hintergrund: Dieses Kapitel erläutert die klinischen Merkmale der Sozialen Phobie, stellt verschiedene ätiologische Modelle vor und beleuchtet den aktuellen Forschungsstand zu physiologischen Indikatoren sozialer Angst.
2 Fragestellung und Hypothesen: Hier werden auf Basis der Literaturrecherche die konkreten Forschungsfragen sowie die statistischen Hypothesen zur psychophysiologischen Reaktivität von Sozialphobikern auf affektive Bilder abgeleitet.
3 Methoden: Das Kapitel beschreibt das Studiendesign, die Stichprobenrekrutierung, die eingesetzten Messinstrumente (SKID, SPIN, LSAS, BDI), das verwendete Bildmaterial sowie die apparative Messung von Herzfrequenz und Hautleitfähigkeit.
4 Ergebnisse: Dieser Abschnitt präsentiert die statistische Auswertung der physiologischen Daten und analysiert Unterschiede zwischen Sozialphobikern und Kontrollpersonen sowie den Einfluss verschiedener Bildreize.
5 Diskussion: Abschließend werden die zentralen Befunde interpretiert, in den Kontext bestehender kognitiver und evolutionstheoretischer Modelle eingeordnet und Limitationen der Untersuchung diskutiert.
Schlüsselwörter
Soziale Phobie, soziale Angst, Physiologische Reaktion, Herzfrequenz, Hautleitfähigkeit, Bildmaterial, Psychophysiologie, Angststörung, Kognitive Modelle, Emotionsinduktion, Vermeidungsverhalten, Angsterleben, Blickkontakt, Stress, Diagnostik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Menschen mit Sozialer Phobie physiologisch auf sozial bedrohliche Bilder reagieren im Vergleich zu Menschen ohne psychische Störung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Die Schwerpunkte liegen auf der Psychophysiologie der Angst, der kognitiven Verarbeitung sozialer Situationen bei Sozialphobie und der Untersuchung, ob Bildmaterial als Stimulus für soziale Angst geeignet ist.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu bestimmen, ob soziale Angst bei Sozialphobikern mittels Vorlage von sozial bedrohlichem Bildmaterial induziert werden kann und von welchen physiologischen Veränderungen (Herzrate, Hautleitfähigkeit) dies begleitet wird.
Welche wissenschaftlichen Methoden wurden verwendet?
Die Autorin führte ein quasi-experimentelles Studiendesign mit 23 Sozialphobikern und 23 Kontrollpersonen durch. Gemessen wurden Herzfrequenz und Hautleitfähigkeit bei der Betrachtung von Bildern sowie das subjektive Angsterleben mittels des Self-Assessment-Manikin (SAM).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil umfasst den theoretischen Hintergrund, die Darstellung der methodischen Vorgehensweise, die statistische Ergebnisanalyse sowie eine abschließende Diskussion der Befunde im Licht kognitiver Modelle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Soziale Phobie, Psychophysiologie, Herzrate, Hautleitfähigkeit, affektives Bildmaterial, Angstinduktion und Kognitive Modelle.
Gab es signifikante Unterschiede in den physiologischen Werten zwischen den beiden Gruppen?
Nein, es konnten in dieser Studie keine statistisch signifikanten Unterschiede in der Reaktivität von Herzfrequenz und Hautleitfähigkeit zwischen den Sozialphobikern und der Kontrollgruppe nachgewiesen werden.
Wie werden die Ergebnisse der Studie interpretiert?
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass physiologische Prozesse bei der Auslösung sozialphobischer Furcht eine untergeordnete Rolle spielen könnten. Die Autorin vermutet, dass vielmehr die individuelle Bewertung und die kognitive Verarbeitung der körperlichen Symptome entscheidend für das Angsterleben sind.
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- Anonym (Author), 2005, Physiologische Reaktionen von Sozialphobikern und Kontrollpersonen ohne psychische Störung auf affektives Bildmaterial, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85351