"Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens"

Betrachtungen zum Begriff und Thema „Wandlung“ in Bezug auf die literarische Vergangenheitsbewältigung bei Franz Fühmann


Hausarbeit, 2004
30 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kurze Notizen zur Biographie Franz Fühmanns und der Kulturpolitik der DDR bis Mitte der 70er Jahre

3. Der Wandlungsbegriff und die Reflektion der eigenen Vergangenheit in Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens
3.1. Die Konzeption des Reisetagebuchs
3.2. Der Wandlungsbegriff
3.3. Die literarische Vergangenheitsbewältigung

4. Die Folgen des neuen Wandlungsbegriffs für das literarische Konzept Fühmanns

5. Ausblick

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Christa Wolf benannte in ihrem Nekrolog zu Franz Fühmann die Begriffe Wandlung, Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Ernst und Würde als die zentralen Themen seines Schaffens.

„Sie alle stehen, wie selbstverständlich in einem Werk, das von einem zentralen Widerspruch her geschaffen ist, zueinander in Beziehung; ihre Antriebskraft, ihre Richtung und ihren Inhalt aber bekommen sie von dem Wort Wandlung, das Thema, in das Fühmann sich ‚eingeschmolzen’ weiß: seinem unausgesetzten, inständigen Versuch, sich wandelnd und den Prozeß dieser Wandlung beschreibend, sich dem Verhängnis zu stellen, ein Generationsgenosse und, bis zu einem gewissen Grad (so schränke ich ein, nicht er!), Teilhaber jenes mörderischen Wahndenkens gewesen zu sein, das Auschwitz hervorbrachte.“[1]

In dieser Seminararbeit soll mit Hilfe des 1973 erschienenen Reisetagebuchs Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens der Frage nachgegangen werden, wie sich Fühmann mit seiner Jugend im Nationalsozialismus und im engen Zusammenhang damit mit dem Thema Wandlung auseinander setzte. Wandlung ist ein Leitmotiv dieses Reisetagebuchs.[2] Fühmann definiert, diskutiert und problematisiert den Begriff, der für ihn das Hauptthema seiner literarischen Arbeit war und definiert ihn am Ende des Diariums neu.

Auf das Thema Wandlung bei Fühmann ist vor allem Uwe Wittstock in seiner 1987 veröffentlichten Dissertation Vom Sozialistischen Realismus zur literarischen "Arbeit am Unbewussten". Das Bild der Wandlung im Prosawerk von Christa Wolf und Franz Fühmann[3] eingegangen. Er führt an den beiden bedeutenden DDR-Autoren Christa Wolf und Franz Fühmann vor, wie literarische Trauerarbeit im Sinne der Vergangenheitsbewältigung in der DDR-Literatur erfolgte. Das Bild komplettiert er, indem er die Werke in den Kontext der Literaturgeschichte der DDR einbettet. Von den Autoren, die sich mit Thema Wandlung beschäftigten, betonten Fühmann und Wolf vor allem die psychische Dimension. Fühmann bezieht sich seinem Reisetagebuch wiederholt auf Sigmund Freud. So findet bereits auf der ersten Seite ein Rückgriff auf Freud statt, wenn von „Zwangsvorstellung“[4] die Rede ist. Später werden die Begriffe „Totem“ und „Tabu“ wiederholt aufgegriffen.[5] Schließlich wird Freud in Bezug auf den Verlust von Scham als erstes Zeichen von Schwachsinn sinngemäß zitiert.[6]

Das notizenhafte Aufarbeiten der eigenen Vergangenheit gleicht den Erkenntnisschritten „erinnern, wiederholen, durcharbeiten“, die für Alexander und Margarete Mitscherlich die Arbeitsschritte einer Vergangenheitsbewältigung charakterisieren. In ihrem Ende der 60er Jahre in der BRD erschienenen Buch Die Unfähigkeit zu trauern heißt es dazu:

„Mit ‚bewältigen’ ist [...] eine Folge von Erkenntnisschritten gemeint. Freud benannte sie als ‚erinnern, wiederholen, durcharbeiten’. Der Inhalt einmaligen Erinnerns, auch wenn es von heftigen Gefühlen begleitet ist, verblaßt rasch wieder. Deshalb sind Wiederholungen innerer Auseinandersetzung und kritisches Durchdenken notwendig, um die instinktiv und unbewußt arbeitenden Kräfte des Selbstschutzes im Vergessen, Verleugnen, Projizieren und ähnlichen Abwehrmechanismen zu überwinden.“[7]

Für eine tiefergehende Analyse der Freudschen Bezüge in Fühmanns Text sei auf die Ausführungen von Ihmku Kim verwiesen, der das Reisetagebuch mittels eines psychoanalytisch-dialektischen Modells untersucht hat. In seinen Betrachtungen stützt sich Kim zudem auf weitere Wissenschaftler der psychoanalytisch orientierten Faschismustheorie wie Wilhelm Reich, Erich Fromm oder Alexander und Margarete Mitscherlich.[8]

Fühmann, der mit dem Thema Jugend im Nationalsozialismus und seiner Wandlung vom Nationalsozialisten zum Sozialisten abgeschlossen zu haben glaubte, erkannte während der Arbeit am Diarium, dass er diesen Prozess literarisch noch nicht bewältigt hatte. Das Thema hatte er in früheren Erzählungen immer wieder aufgegriffen, aber in dem Reisetagebuch über einen Aufenthalt in Ungarn erfährt der Begriff eine Veränderung. Fühmann begreift, dass Wandlung keine Erkenntnis ist, sondern ein langwieriger Prozess, der möglicherweise nicht abgeschlossen werden kann. In diesem Zusammenhang wird ihm bewusst, dass er Wandlung mit dem Genre des Märchens und seinem Gut-und-Böse-Schema nicht erfassen kann und nimmt deswegen vom Märchenmotiv seiner früheren Erzählungen Abstand. Stattdessen entdeckt er den Mythos als neues Motiv für sein literarisches Schaffen.

Um die neue Dimension des Wandlungsbegriffs und seine Folgen für Fühmanns erneute Aufarbeitung seiner Vergangenheit deutlich zu machen, wird in der Seminararbeit auf den 1962 erschienenen Erzählband Das Judenauto Bezug genommen. Im Ausblick soll aufgezeigt werden. dass der neue Begriff für Fühmann auch ein Überdenken seiner ästhetischen Grundüberzeugungen und der Aufgabe von Literatur mit sich brachte. Das Verlassen des Gut-und-Böse-Denkschemas führte dazu, dass Fühmann sich kritischer mit der Politik der DDR und seiner eigenen Grundüberzeugung von der sozialistischen Gesellschaft als der Besseren auseinander setzte. Auch wenn diese Veränderung, die Fühmann ab Mitte der 70er Jahre zu einem der schärfsten Kritiker vor allem der Kulturpolitik der DDR werden ließ, in dem Reisetagebuch noch nicht zum Tragen kommt, so sind doch bereits Ansätze zu spüren.

In Bezug auf die Traumpassagen des Reisetagebuchs sei auf die Ausführungen von Dirk Bähtz hingewiesen, der sich eingehender mit zweien dieser beschäftigt. Allerdings sind manche seine Betrachtungen nicht ganz schlüssig und es werden Traumpassagen mit dem restlichen Text ohne erklärende Verbindungen verknüpft. So assoziiert Bähtz mit dem Traum vom 16.10., in dem Fühmann mit seinem Vater über ein Steinfeld wandert und schließlich erschöpft ein Hotel erreicht, dessen Zimmer nur über einen Schrank und einen Stuhl verfügt, das Hotelzimmer in Budapest. Er bezieht sich dabei auf eine Textpassage über die Ankunft im Hotelzimmer und knüpft daran das Zitat Fühmanns „Ich war Faschist“ ohne ausreichendes Erklärungsmuster an. Einen weiteren wichtigen Traum zeichnete Fühmann am 18.10. auf. Darin ist er mit Ursula, seiner Frau, in einem Raum, von dem er glaubt, dass darin seine Eltern gewohnt haben. Ursula teilt diese Annahme nicht und er zweifelt ebenfalls daran. Trotzdem betritt er weitere Räume und endet schließlich in einem Raum mit einem angeheizten Ofen, auf dem eine Brühe mit Menschenfleisch steht. Während er das feststellt, schließt sich die Tür hinter ihm. Bähtz deutete diesen Traum auf zwei Weisen. Einerseits spielte er auf die unglückliche Beziehung der Eltern Fühmanns an, unter der die Kinder leiden mussten. Dabei geht er allerdings nicht auf die Rolle von Ursula in dem Traum ein und beachtete auch nicht, dass Fühmann selbst Bedenken an den Räumen als elterliche Wohnung äußert. Anderseits sieht Bähtz in dem „Tür-um-Tür-Öffnen“ eine Erinnerungsarbeit. Das Menschenfleisch stellt für ihn die Befreiung des im „Unterbewußten verriegelten Schmerz[es]“[9] dar. Gleichzeitig wird laut Bähtz bewusst, dass nichts ungeschehen gemacht werden kann. Mit der sich schließenden Tür assoziiert er die Ausweglosigkeit und Einsamkeit des Träumenden.[10] Diese beiden Deutungen reflektiert Bähtz leider nicht mit psychoanalytischen Arbeiten z.B. über Traumsymbole, obwohl er in seinen Ausführungen zu dem Schluss kommt, dass die Traumpassagen des Reisetagebuchs „Trauerarbeit nach psychoanalytischen Modell“ darstellen und Fühmann „sich jetzt –endlich- an dem entscheidenden Wendepunkt seiner privaten, künstlerischen und öffentlich-politischen Existenz [sah], die er immer als zusammengehörend ansah.“[11] Ebenso wie Bähtz nur ad hoc Deutungen der Träume liefert, führt er nicht die These aus, weshalb das Reisetagebuch auch einen entscheidenden Wendepunkt im privaten und öffentlich-politischen Bereich darstellt.

2. Kurze Notizen zur Biographie Franz Fühmanns und der Kulturpolitik der DDR bis Mitte der 70er Jahre

Franz Fühmann, geboren 1922 in Rokytnice nad Jizerou im Riesengebirge, besuchte ab 1928 die Volksschule und wurde 1932 in das Jesuitenkonvikt Kalksburg in Wien aufgenommen. Dort brach er 1936 aus und setzte seine Schulzeit am Gymnasium in Liberec fort. 1938 wurde er Mitglied der Reiter - SA.

In einem Brief vom 19. Juni 1971 an Schüler eines Gymnasiums in Butzbach fasst Fühmann die Jahre bis 1949 wie folgt zusammen: „Ich gehöre einer Generation an, die über Auschwitz zum Sozialismus gekommen ist. Jahrgang 1922; rüde national-faschistische Lebenssphäre (Sudentenland, Vater Begründer der Ortsgruppe der NSDAP IN MEINEM Heimatdorf); Kindheit im ‚Deutschen Turnverein’ (HJ); ‚Wir wollen heim ins Reich’; nach der Okkupation SA; ‚Führer befiel, wir folgen!’; Angst, zum Kriegseinsatz zu spät zu kommen; freiwillige Meldung, nach dem Abitur 1941 RAD, Wehrmacht, Osten, Süden, Lazarett, Kapitulation, 5 Jahre Kriegsgefangenschaft:“[12]

Seit 1945 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft im Kaukasus wurde Fühmann 1946 zur Antifa-Zentral-Schule Noginsk bei Moskau delegiert. Nach der Beendigung des Kurses arbeitete er als Assistent, Lehrer und Lehrgruppenleiter an verschiedenen Schulen.[13] Im Dezember 1949 wurde Fühmann aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und ließ sich in der 1949 gegründeten DDR nieder. Noch im selben Jahr wurde er Mitglied der NDPD (Die Nationaldemokratische Partei Deutschlands). 1950 fand eine erste Begegnung mit Johannes R. Becher[14] statt, der sich viel von den Gedichten des jungen Autoren versprach, und so kam es zum Druck einiger seiner Gedichte in den Zeitschriften Sonntag und Aufbau.

Im Juni 1952 wurde Fühmann auf dem IV. Parteitag der NDPD in den Parteivorstand gewählt und war seitdem maßgeblich für die Kulturpolitik zuständig und deshalb in den folgenden Jahren auf einem breiteren Feld publizistisch tätig. Er schrieb vorrangig Beiträge für die Tageszeitung seiner Partei, die sich z.B. mit der Gründung des Kulturministeriums der DDR oder mit aktuellen Fragen des geistigen Lebens beschäftigten. In dem 1953 veröffentlichten Aufsatz Stalin und die Literatur nennt Fühmann die damals unzählige Male zitierte Formel Stalins, wonach die Schriftsteller die Ingenieure der menschlichen Seele seien, dass „schönste, treffendste und verpflichtendste Wort, was jemals über Beruf und Berufung der Schriftsteller gesagt wurde.“[15] Die Begeisterung Fühmanns für Stalin darf nicht übersehen werden, denn ein Verschweigen dieser würde die verfälschende Glättung von Fühmanns geistiger Biographie bedeuten. Fühmanns Gedichte, die er während dieser Zeit schrieb und bevorzugte, waren „positive Strophen, aufbauende Verse, die Kraft gaben und Zuversicht verliehen und - das schon - erreichte Gute rühmend und auf das erreichende Noch - Bessere weisend - als Umrahmung von Referaten oder, ihrerseits umrahmt von Musik, in Feierstunden vortragbar waren: mobilisierend, argumentierend, und so gesehen waren auch Träume willkommen, als Zukunftsvisionen wissenden Glaubens: Glück der Ferne leuchtet nah“.[16]

1951 wurde Fühmann Mitglied des Schriftstellerverbandes, in dessen Vorstand er 1953 gewählt wurde und in dem er bis 1977 mit einer Unterbrechung aktiv mitarbeitete.

Ein politisches Ereignis, das Fühmann nachhaltig beeinflusste, war der XX. Parteitag der KPdSU 1956, der in der UdSSR sowie in anderen sozialistischen Staaten für kurze Zeit einen Prozess der Entstalinisierung einleitete. Aber Fühmann registrierte von Anfang an die „Gegensteuerungen unter der Devise, daß sich eine Konterrevolution formiere. So wurde die Formel durchgesetzt: Keine Rückschau, keine Darstellung des Alten, im Vormarsch das Alte überwinden! [...] Bloß blieben die unbewältigten Probleme unbewältigt und wurden unbewältigt weitergeschleppt. Es wurde eine dünne Schicht Ideologie darübergestreut, aber darunter blieben die Fragen lebendig. [...] In dieser Zeit zerriß meine lyrische Konzeption endgültig.“[17]

In den folgenden Jahren übte Fühmann zunehmend Kritik an der Kulturpolitik der DDR im Rahmen seiner hauptamtlichen Tätigkeit bei der NDPD. Im Juli 1956 legt dem Vorstand seiner Partei ein Thesenpapier vor, welches er erst 1973 auf dem VII. Schriftstellerkongress vortrug, in dem er zu dem Schluss kommt, dass der „Hauptfehler der bisherigen Kunstauffassung und damit auch der Kunstpolitik“ der sei, „daß die Kunst als eine besondere Form der Ideologie oder politischen Propaganda betrachtet wurde“. Er gewinnt aus dem Wissen, dass die Werke der Kunst „den ganzen Menschen ausdrücken und sich an den ganzen Menschen wenden“ die Gegenthese, dass „Literatur und Kunst mit Ideologie zu tun [haben], sie Ideologie [enthalten], sie unter anderem auch ideologisch [wirken], aber sie gehen nicht in der Ideologie auf. [...] Eine vernünftige und wirksame Kunstpolitik kann sich [...] nicht an subjektiven Wünschen einzelner Personen, politischer Gruppen oder sozialer Schichten orientieren.“[18] Im Dezember desselben Jahres übergab Fühmann dem Vorstand ein weiteres Papier, in dem er das Postulat aufstellte, dass man sich endlich mit der Kunst und der Psychologie des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen und dazu notwendigerweise u.a. Kafka, Rilke, Benn, Proust, Sartre, Joyce, Freud und Nietzsche verlegen müsste.

Zwei Jahre später schied Fühmann aus seiner hauptamtlichen Funktion innerhalb der NDPD, aber nicht aus der Partei selbst. Er fühlte sich weiter als „Dichter im Dienst“. Auch wenn sich im Laufe der Zeit diese Formel in ein differenziertes Bekenntnis veränderte, so nahm er sie eigentlich nie zurück. Noch 1971 schrieb er in dem schon erwähnten Brief an die Schüler des Butzbacher Gymnasiums: „Ich möchte mit meiner literarischen Arbeit meiner Gesellschaft, das ist der sozialistischen Gesellschaft, das ist auf dem Boden der Deutschen Demokratischen Republik, dienen; das Wort ‚dienen’ ist bewußt gewählt. Ich sehe die Literatur nicht als außergesellschaftlichen Bereich und nicht als Zweck ihrer selbst an; [...] Ich weiß, daß dieses ‚seiner Gesellschaft mit literarischen Mitteln dienen und dienen wollen’ wie jede gesellschaftliche Erscheinung seine spezifische Problematik und seine spezifische innere Widersprüchlichkeit hat. Ich weiß, daß dieses Engagement ein Prozeß ist.“[19]

Ab 1960 stellte sich Fühmann der Forderung des „Bitterfelder Wegs“[20] und arbeitet längere Zeit auf der Warnow-Werft. Einige Notizen seines Reisetagebuch können als kritische Reflektion der Kulturpolitik und speziell des „Bitterfelder Wegs“ verstanden werden. So sei hier die Bemerkung über die Zuweisung der Funktion als Schriftsteller zu erwähnen, die sich wie eine Absage an die Vereinnahmung der Autoren für gesellschaftspolitische Agitation liest. Fühmann argumentiert, dass jeder nur seine Literatur verfassen kann.[21] Bereits in seinem bekannt gewordenen Brief an den Minister für Kultur, Hans Bentzien, vom März 1964, anlässlich der zweiten Bitterfelder Konferenz vom 24. - 25. 4. 1964, plädierte Fühmann dafür, „ohne Phrasen und Beschönigungen den Stand unserer kulturellen Leistungen mit den besten Leistungen der Welt“[22] zu vergleichen. Im weiteren knüpfte er an das an, was er als NDPD-Funktionär während seiner Amtszeit innerhalb des Parteivorstandes zur Diskussion gestellt hatte. In seiner Sorge um die Qualität der DDR-Literatur konstatierte er, dass „Themenwahl und Massenwirksamkeit“[23] nicht die einzigen Kriterien sein dürfen. Als sein Hauptthema definierte er: „der Wechsel von einer Klassenposition auf die andere in seinen mannigfachen Formen und historischen Erscheinungen, das heißt konkret für unsre Zeit: der Mensch kleinbürgerlicher Herkunft in seiner Erschütterung, Wandlung oder Nicht-Wandlung unter dem Faschismus, im Krieg und in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, in der DDR und in Westdeutschland“.[24]

[...]


[1] Wolf, Christa. Franz Fühmann - Trauerrede, in: Monsieur- wir finden uns wieder. Briefe 1968-1984, Berlin 1998. S.142-143.

[2] In dieser Arbeit wird im folgenden die Bezeichnung Reisetagebuch verwendet, um bei jeder Nennung den langen Buchtitel zu vermeiden. Die Bezeichnung wurde deswegen gewählt, weil der Text einerseits Impressionen einer Reise nach Ungarn wiedergibt, aber anderseits Fühmanns Selbstbefragung auch als eine Reise in die eigene Vergangenheit gesehen wird.

[3] Wittstock, Uwe: Über die Fähigkeit zu trauern. Das Bild der Wandlung im Prosawerk von Christa Wolf und Franz Fühmann, Frankfurt a. M. 1987.

[4] Fühmann, Franz: Zweiunfzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens, Rostock 1973, S. 5.

[5] Ebenda, S. 159ff.; S. 28f.; S. 39.

[6] Ebenda, S. 158.

[7] Mitscherlich, Alexander und Margarete: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens, München 1967, S. 24, zitiert nach: Wittstock 1987, S. 8.

[8] Kim, Ihmku: Franz Fühmann – Dichter des „Lebens“. Zum potentialgeschichtlichen Wandel in seinen Texten, Frankfurt a. M. 1996, S. 125ff.

[9] Bähtz, Dieter: Das Entsetzen – Traumerfahrungen bei Franz Fühmann und Ernst Jünger, in: Brigitte; Bircken, Margrid; John, Helmut (Hrsg.): Jeder hat seinen Fühmann. Zugänge zu Poetologie und Werk Franz Fühmanns, Frankfurt a. M. 1998, S. 227.

[10] Ebenda.

[11] Bähtz 1998, S. 227.

[12] Fühmann, Franz. Antwort auf eine Umfrage, in: Zwischen Schweigen und Erzählen, Rostock 1987, S. 8.

[13] Heinze, Barbara; Damm, Sigrid (Hrsg.): Franz Fühmann. Eine Biographie in Bildern, Dokumenten und Briefen, Rostock 1998, S. 33.

[14] Johannes R. Becher war der erster Kulturminister der DDR. Er wollte aus der DDR eine „Literaturgesellschaft“ machen, d.h. die Literatur sollte im Zusammenwirken von Schriftstellern, Lektoren, Kritikern, Literaturpolitikern und Lesern eine für breiteste Bevölkerungsschichten die wichtige bildungspolitische Aufgabe übernehmen, die Herausbildung „sozialistischer Persönlichkeiten“ und einer „gebildeten Nation“. Siehe: Sauermann, Eberhard. Fühmanns Trakl - Essay - das Schicksal eines Buches, Bern 1992, S. 38-39.

[15] Fühmann, Franz: Stalin und die Literatur, in: Die Nation ( Berlin ) 1953, H.4, S. 96, zitiert nach: Richter, Hans: Franz Fühmann - Ein deutsches Dichterleben, Berlin 1992, S. 127.

[16] Fühmann, Franz: Die Gedichte, die ich damals reflektierte, in: Heinze, Barbare: Franz Fühmann 1922-1984: es bleibt nichts anderes als das Werk. Ausstellung der Stiftung Archiv der Akademie der Künste, Berlin 1993, S.27.

[17] Ebenda, S. 29.

[18] Fühmann, Franz: Thesen zur Diskussion über Literatur und Kunst. Typoskript in den Akten des NDPD - Hauptausschusses, zitiert nach: Richter 1992, S. 148-149.

[19] Fühmann, Franz: Antwort auf eine Umfrage, in: Zwischen Erzählen und Schweigen. Ein Buch des Erinnerns und Gedenkens. Franz Fühmann zum 65., hrsg. von Simon, Horst, Rostock 1987, S.10-11.

[20] Die Bezeichnung „Bitterfelder Weg“ stammt von der Bitterfelder Konferenz vom 24. 5. 1959, auf der Walter Ulbricht die Grundaufgaben der Entwicklung der sozialistischen Nationalkultur behandelte. Er verkündete die „Erstürmung der Höhen der Kultur“ durch die Arbeiter. Nach der Losung „Greif zur Feder, Kumpel, die sozialistische deutsche Nationalkultur braucht dich“ sollten die Künstler direkt in die Betriebe gehen und die Arbeiter zu Kulturschaffenden werden. Es sollte eine Verbindung zwischen Kunst und der sozialistischen Produktion- und Lebensweise sowie zwischen Kulturschaffenden und Werktätigen hergestellt werden.

[21] Fühmann 1973, S. 79.

[22] Fühmann, Franz: Briefe 1950 – 1984, hrsg. von Schmitt, Hans-Jürgen, Rostock 1994, S.33-40.

[23] Ebenda.

[24] Ebenda, S.37.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
"Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens"
Untertitel
Betrachtungen zum Begriff und Thema „Wandlung“ in Bezug auf die literarische Vergangenheitsbewältigung bei Franz Fühmann
Hochschule
Universität Potsdam  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Wiederkehr der Vergangenheit: NS-Vergangenheit in der DDR-Literatur der 70er Jahre
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
30
Katalognummer
V85384
ISBN (eBook)
9783638012904
ISBN (Buch)
9783638916523
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zweiundzwanzig, Tage, Hälfte, Lebens, Wiederkehr, Vergangenheit, NS-Vergangenheit, DDR-Literatur, Jahre
Arbeit zitieren
Katja Warchold (Autor), 2004, "Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85384

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