Aspekte der Gastlichkeit in Wilhelm Raabes Erzählung "Zum Wilden Mann"


Hausarbeit, 2006
18 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Formen der Gastlichkeit
2.1. Ursprünge der Gastlichkeit
2.2. Der Gast als Fremder
2.3. Der Gast als Parasit

3. Wilhelm Raabe
3.1. Zur Person
3.2. Inhalt und Erzählhaltung in der Erzählung Zum Wilden Mann

4. Aspekte der Gastlichkeit in Wilhelm Raabes Zum Wilden Mann

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Die Gastfreundschaft ist ein Thema, das nicht unbedingt zuerst mit der Literatur in Verbindung gebracht wird. Das kann vor allem daran liegen, dass wir alle selber fast täglich mit der Situation des Gastes in Berührung kommen und wir uns unseres Verhaltens darin sehr sicher sind. Der Umgang mit Gästen ist für uns Menschen des 21. Jahrhunderts eine selbstverständliche Angelegenheit. Der Unterschied zu früheren Zeiten liegt vor allem darin, dass wir heute nicht ohne Weiteres einfach einen völlig fremden Menschen in unseren privaten vier Wänden aufnehmen würden.

In die Situation eines Gastgebers kommen wir heute lediglich mit Familie, Freunden oder Arbeitskollegen. All das sind Gruppen von Menschen, zu denen wir ein mehr oder weniger vertrautes Verhältnis pflegen.

Die Ursprünge der Gastlichkeit und das, was von ihnen übrig geblieben ist, soll hier untersucht werden. Im Rahmen des Seminars Literarische Gäste. Texte zum Thema Gastlichkeit im 19. und 20. Jahrhunderts wurde deutlich, dass in der Literatur der Gast eine große Rolle spielt. Am Beispiel Wilhelm Raabes soll auch das weiter untersucht werden.

2. Formen der Gastlichkeit

2.1. Ursprünge der Gastlichkeit

Bereits in der Antike gibt es Gastlichkeit und sie gehört auch dort zu einem festen Bestandteil der Gesellschaft.

Werden die Antike, das Alte Ägypten und das frühe Christentum betrachtet, ergeben sich einige Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede, die hier erläutert werden sollen.

Im alten Rom entsteht zwischen Gast und Gastgeber ein wechselseitiges Verhältnis. Der Gast wird freundlich ins Haus aufgenommen, und dieser verpflichtet sich damit stillschweigend, den Gastgeber niemals anzugreifen.[1] Seit Homer kam es bei den Griechen und Römern vermehrt zu einer Vererbung der Gastfreundschaft über Generationen hinweg. Als Symbole und damit auch gleichzeitig Erkennungszeichen der neu gewonnenen Freunde dienten „entzweigebrochene Tonscherben, Täfelchen, Ringe, Münzen usw, deren Hälften sich in den beiden Gastparteien vererbten.“[2] Dieses Ritual hielt sich bis in die römische Kaiserzeit hinein. So konnte gewährleistet werden, dass auch wirklich nur Personen die Gastfreundschaft in Anspruch nahmen, mit denen bereits Freundschaft geschlossen wurde.

Für die Griechen der Antike stellt die Gastfreundschaft eine Ehre und Pflicht dar. Außerdem ist die Gastfreundschaft durch Verschwendung gekennzeichnet, welche sogar so weit geht, sich seine Gäste selbst zu suchen, um nicht als Geizhals verschrien zu sein.[3] Gastfreundschaft galt zudem in Griechenland als auch in Rom als Zeichen großer Freigiebigkeit und war als vornehm charakterisiert. Irgendwann konnten sich nur noch reiche Leute der Gastfreundschaft bedienen und waren somit in der Lage, ihr Ansehen zu fördern.

„Im Gegensatz dazu galt als Gastfreundschaft im Vorderen Orient, bei den alten Ägyptern, Arabern, Juden, im Christentum und Islam, mehr als gottgefällige Hilfe für schutzbedürftige Fremde, Arme, Kranke, Witwen und Waisen.“[4]

Peyer weist darauf hin, dass unter anderem im alten Ägypten die Sachlage weitaus differenzierter ist. Zunächst ist dort jeder ein willkommener Gast, sofern diese sich an die Sitten des Landes anpassten. Probleme hatten nur diejenigen, die sich mit der ägyptischen Lebensweise nicht arrangieren konnten oder wollten. Die alten Ägypter behielten also eine tolerante Haltung dem Fremden gegenüber bei. Eine Änderung dessen trat erst ein, als die Griechen und Perser nach Ägypten kamen und mit ihren eigenen Hochkulturen auch die ägyptische Kultur veränderten.[5]

Aus der heilsgeschichtlichen Überlieferung ergibt sich im frühen Christentum eine Viererregel, bei der jedem Menschen, der es zu einem bestimmten Zeitpunkt nötig hat, auch stets „Wasser, Feuer, Auskunft über den Weg und Obdach“[6] erhält. Gerade weil diese Dinge heilsgeschichtlich verankert sind, verwundert es nicht, dass diese von gläubigen Christen auch stets gewährt wurden. Speisen und Getränke waren in dieser Regel nicht mit inbegriffen, da sie zur Zeit des frühen Christentum als sehr kostbar galten und nur bei einer „qualifizierte[n] Gastfreundschaft“[7] ausgegeben werden konnten. Der Gast wurde von den Christen häufig mit einem kleinen Willkommenstrunk begrüßt und anschließend wurden Hände und Füße gewaschen. Auch dies sind Reste aus der biblischen Überlieferung.

Wozu die Gastlichkeit auch in ihren grausamen Aspekten gehen kann, zeigt sich vor allem in den Geschichten des Alten Testaments. In den Geschichten von Abraham, Lot und Benjamin wird deutlich, dass die Gastfreundschaft nicht ausschließlich positiv konnotiert ist, sondern auch sehr grausam sein kann.[8] Allerdings gehört die Bewirtung der Gäste im Alten Testament zu den Regeln der Gastfreundschaft und wird als selbstverständlich angesehen. Natürlich ist dies aber auch immer abhängig von dem sozialen Stand des Gastgebers.[9]

Hohe Strafen führten aber bereits im 4. Jahrhundert dazu, dass die Reisenden nicht ausgeraubt oder getötet wurden, sondern eine Abschreckung stattfand.[10]

Die Dauer des Gastaufenthaltes umfasste meist nie mehr als drei Tage, denn schon ein altes dänisches Sprichwort besagt: „Ein Fisch und ein Gast riechen übel am dritten Tage“[11] und außerdem konnte der Gast schnell in eine Abhängigkeit des Gastgebers geraten. Auch die finanziellen Aspekte des Gastgebers sollten nicht mehr als nötig strapaziert werden.

Im Unterschied zu heute gab der Gastgeber seinem Gast ein Geschenk mit auf den Weg, das häufig auch von hohem Wert war. Dadurch konnte zum einen die Gastfreundschaft gestärkt werden, aber Gegengeschenke von Seiten des Gastes waren eher nicht üblich.[12]

Des Weiteren ist der Handel für den Ausbau und Festigung der Gastfreundschaft von hoher Bedeutung. Wer alleine in der Weltgeschichte herumfährt, musste sich stets gewiss darüber sein, dass er unter keinerlei Schutz mehr stand. Auf den vielen Reisen, die die Handelsleute unternehmen mussten, konnte es demnach zu vielen Überfällen kommen. So ist es kein Wunder, dass sich „Regeln des Gastrechts“[13] herausbildeten. Schließlich konnte jeder sowohl Gastgeber sein, als auch eines Tages selbst den Gast verkörpern. Der Gastgeber musste fortan für den Gast sorgen und ihn schützen.

Durch die vielen neu geschlossenen Freundschaften und der Entstehung des Gastrechts sollte die private Gastfreundschaft mehr und mehr entlastet werden. Es begann der stetige Bau von öffentlichen Gasthäusern, in denen die Gäste teilweise gratis verpflegt wurden.[14] Der Beginn der gewerblichen Gastlichkeit kann in etwa auf das 7. Jahrhundert vor Christus datiert werden. Bei Aristophanes sind die gewerblichen Gasthäuser bereits um 400 v. Chr. belegt und waren ausschließlich für Fremde bestimmt, die sich mit einem einfachen Essen und einem spartanischen Nachtlager begnügen mussten. Diese Gasthäuser befanden sich vorwiegend in den großen Hafen-, sowie Handelsstädten.[15]

Häufig hatten die Gasthäuser einen schlechten Ruf und waren als Bordelle verschrien, was auch Peyer bestätigt:

Ruf und Ansehen der städtischen Tavernen waren in Rom nicht besser als in Griechenland. Die Oberschicht verkehrte nicht darin, sondern nur Lastträger, Matrosen, Dirnen und gelegentlich auch Außenseiter der Gesellschaft.[16]

2.2. Der Gast als Fremder

Wie bereits oben angedeutet, gibt es die Gastfreundschaft schon seit jeher und ist kein Phänomen der Neuzeit. So verwundert es nicht, dass jeder Mensch sich früher darüber bewusst war, dass er einmal in die Situation kommen würde, dass er auf die Gastfreundschaft eines anderen angewiesen sein würde. Aufgrund der vielen Reise- und Handelsbeziehungen kam es vor, dass man oft ganz alleine auf sich angewiesen war und in der Ferne als Fremder angesehen wurde.

Deswegen ist es spannend, sich mit der Situation des fremden Gastes zu beschäftigen. Im Vordergrund bei dieser Art von Gastsituation des Fremden stand vor allem auch die Neugier auf das Fremde; da das Reisen keine Selbstverständlichkeit darstellte wie in der Moderne.[17]

[...]


[1] Vgl. Otto Hiltbrunner, Gastfreundschaft in der Antike und im frühen Christentum, S. 15.

[2] Hans Conrad Peyer, Von der Gastfreundschaft zum Gasthaus, S. 6.

[3] Vgl. Hiltbrunner, S. 18.

[4] Peyer, S. 7

[5] Vgl. Hiltbrunner, S.18f.

[6] Hiltbrunner, S. 16.

[7] Peyer, S. 5.

[8] Aus Platzgründen sei die Überlieferung des Alten Testaments nur kurz erwähnt und nicht weiter erläutert.

[9] Vgl. Hiltbrunner, S.25.

[10] Vgl. Renate Bürner-Kotzam, Vertraute Gäste – Befremdende Begegnungen in Texten des bürgerlichen Realismus, S. 20.

[11] Zitiert nach Peyer, S. 6.

[12] Vgl. Peyer, S. 5.

[13] Hiltbrunner, S. 20.

[14] Vgl. Peyer, S. 9.

[15] Vgl. Ebd., S. 13

[16] Ebd. S. 14.

[17] Vgl. Renate Bürner-Kotzam, S. 15ff.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Aspekte der Gastlichkeit in Wilhelm Raabes Erzählung "Zum Wilden Mann"
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Literarische Gäste: Texte zum Thema Gastlichkeit im 19. und 20. Jahrhundert
Note
2,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V85398
ISBN (eBook)
9783638013161
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aspekte, Gastlichkeit, Wilhelm, Raabes, Erzählung, Wilden, Mann, Literarische, Gäste, Texte, Thema, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Katharina Milde (Autor), 2006, Aspekte der Gastlichkeit in Wilhelm Raabes Erzählung "Zum Wilden Mann", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85398

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