Menschenschöpfungsmythen im Alten Orient

Betrachtungen zum Motiv des „töpfernden Gottes“ am Beispiel von Enki, Chnum, Jahwe


Seminararbeit, 2007

36 Seiten, Note: 2,00


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Der Kulturraum „Alter Orient“
2.1.Mesopotamien
2.1.1. Akkad und Ur (2340 – 2004)
2.1.2. Babylon (ca. 2100 – 1104)
2.2. Ägypten
2.3. Palästina und Syrien
2.3.1. Die frühe Königszeit (ca. 950 - 722)

3. Grundlagen der Interpretation
3.1. Definition von „Mythos“
3.2. Menschenschöpfung
3.3. Die Bedeutung der Töpferei im Alten Orient

4. Menschenschöpfung
4.1. „Mit seinem Fleisch und seinem Blut vermischte Nintu dem Lehm…“
4.1.1. Der Mythos von „Enki und Ninmach“
4.1.2. Das Atramchasisepos
4.1.3. Das „Enuma elish“
4.2. „Er hat die Menschen auf der Töpferscheibe gebildet.“
4.3. „Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde…“

5. Gegenüberstellung der Mythenstoffe
5.1. Das Motiv: „Der töpfernde Schöpfergott“
5.2. Das Gottesbild der Mythen
5.3. Der Mensch und seine Funktion

6. Nachwort

7. Anhang
7.1. Abbildungen
7.2. Text

Literaturverzeichnis

1. Vorwort

„… trete man in einer Sommernacht hinaus in die Natur und betrachte den Himmel. Man betrachte ihn wirklich, ohne dabei an die Bibel, an Kopernikus, Kepler oder Einstein zu denken. Alle Schöpfungsberichte wurzeln in dieser Betrachtung und in dem Gefühl, das wir beim Anblick dieses Himmels empfinden – dem Gefühl, dass es eine unendliche Weite gibt, eine Unermesslichkeit, die sich unserem Begreifen entzieht. Es war notwendig die Unendlichkeit zu begrenzen, den Himmel näher an die Erde zu rücken und ihn schließlich, überaus kühn, mit Göttern zu bevölkern, die herabsteigen zur Erde. […] Die Götter mussten zur Erde schauen, in Richtung der Menschen, mussten den Menschen „erfinden“.“[1]

Vielleicht ausgehend von dieser möglichen Erfahrung existierten zwischen Mesopotamien und Ägypten schon im 3. Jahrtausend[2] mythische Erzählungen, die die Entstehung des Menschen ergründen wollten. Dabei griffen die Menschen dieser Epoche auf Erfahrungen und bekannte Kulturtechniken ihrer Zeit zurück, um diese Schöpfungen zu beschreiben. Eine Form der Menschenschöpfung soll die vorliegende Hausarbeit zum Thema haben. Durch alle Religionen des Alten Orients mit ihren Schöpfungsmythen zieht sich das Motiv des „töpfernden Gottes“, der Menschen aus Erde und einem göttlichen Zusatz formt.

Diese Hauptseminararbeit möchte exemplarisch einige Mythenstoffe mit dem gemeinsamen Motiv miteinander vergleichen und spekulativ Schlussfolgerungen ziehen. Im Zentrum sollen dabei die Fragen stehen, in welcher Weise sich die Erzählungen ergänzen, unterscheiden oder möglicherweise aufeinander aufbauen.

Um die Mythen in ihrer Umwelt und Entstehungszeit einzuordnen, müssen im Vorfeld die geografischen, kulturellen und politischen Gegebenheiten umrissen werden, die die Texte betreffen. Anschließend folgen dieser Einordnung drei kurze Begriffsbestimmungen, die die Interpretation der Mythen unterstützen sollen. Im folgenden Teil stehen dann die Menschenschöpfungstexte, geordnet nach ihrer Entstehungszeit im Fokus der Beschreibung. Ausgehend davon werden diese Erzählstoffe schließlich gegenübergestellt und miteinander verglichen. Die Schwerpunkte des Vergleiches bilden hier vor allem das Gottesbild des Schöpfers und die Rolle des Menschen in der Schöpfung.

2. Der Kulturraum „Alter Orient“

Der Begriff „Alter Orient“ ist ein historisches Konstrukt, das im Wesentlichen den Lebensraum der ersten Hochkulturen bezeichnet, sowohl in geografischer, zeitlicher als auch kultureller Prägung. Das Gebiet umfasst die Region Westasiens bzw. Nordafrikas mit den Landstrichen Mesopotamien, Anatolien Kleinasien, Syrien, Palästina, Phönizien, der iranischen Hochebene und schließt auch das "Alte Ägypten" und die arabische Halbinsel mit ein.

Kerngebiet sind die Regionen zwischen Mesopotamien und Ägypten, die wegen ihrer klimatischen Vorteile, der „fruchtbare Halbmond“[3] genannt werden. Das Gebiet gilt als Ursprungsland von Ackerbau und Viehzucht mit den ältesten bekannten Stadtkulturen.[4] Von existenzieller Bedeutung sind, vor allem für Ackerbaukulturen, die Niederschlagsbedingungen. Das Winterregengebiet hat dabei unterschiedliche Voraussetzungen. Während in Ägypten durch die Nilschwemme eine kontinuierliche und auch erfolgreiche Landwirtschaft möglich ist, sind die Bewohner Mesopotamiens auf künstliche Bewässerung angewiesen. Durch die Rohstoffknappheit der beiden genannten Gebiete waren die dort siedelnden Kulturen schon sehr zeitig, spätestens mit dem Beginn der Stadtkulturen, auf Austausch und Handel angewiesen.

Die erste fassbare Kultur dieses Landstriches waren die Sumerer (ab Mitte des 4. Jahrtausends), die ihre Staatenbildung selbst als „Länder von Sumer und Akkad“[5] bezeichneten. Mit dem Bau von Städten wie Uruk begann eine Blüte der Kultur.

Zeitgleich kam es in Ägypten zur Ausbildung einer städtischen Zivilisation. Beziehungen pflegten beide Herrschaftsgebilde über den geografischen Raum Palästinas, der Levante und Syrien, welcher vom Austausch ebenfalls zivilisatorisch profitierte.

Eine zeitliche Einordnung des Konstruktes „Alter Orient“ lässt sich nur schwer vornehmen. Man darf wohl davon ausgehen, dass sich mit der Gründung der ersten Stadtkulturen (Urukzeit ab ca. 3900-3100)[6] und deren Vernetzung untereinander ein erster Markierungspunkt festlegen lässt. Parallel kann man in Ägypten die erste Dynastie ausmachen (Thinitenzeit ca. 3150-2657).[7] Diesen folgen alsbald die Akkader (bis 1792)[8] und Babylonier (bis 689),[9] Assyrer (bis 539)[10] und Perser (bis 330)[11] in Mesopotamien. Ägypten kann sich eine relative Konstanz bewahren und wird durch verschiedene Dynastien beherrscht. Mit dem Zerfall des Seleukiden- und Ptolemäerreiches endet die Eigenständigkeit der Regionen. Sie werden ein Teil des römischen Imperiums.

Kulturell sind die benannten Herrschaftsbildungen Ackerbaukulturen gewesen, die es zeitig zu Stadtgründung und damit verbunden, einer Königsherrschaft mit Beamten brachten. Traditionell wird den Sumerern das Privileg eingeräumt, die Schrift[12] erfunden und damit eine für uns fassbare und wichtige Kulturleistung vollbracht zu haben. Auch in Ägypten bildete sich kurze Zeit später ein komplexes System der schriftlichen Verständigung.[13]

2.1. Mesopotamien

Die Umwelt- und Klimabedingungen sind im Gebiet um die beiden Flüsse Euphrat und Tigris für die Bevölkerung täglicher Begleiter und auch religiöses Betrachtungsgut gewesen. In dem zu besprechenden Zeitraum muss man wohl mit zunehmender Wasserknappheit rechnen. Mit dem Übergang einer rein natürlichen Symbiose des Menschen mit der Umwelt hin zur Kultur, konnten Menschen ihre Bedingungen zunehmend selbst gestalten. Bewässerung, der einfache Pflug und das Handwerk waren dabei Kultur fördernde Errungenschaften. Während man im Süden von dauernder Bewässerung abhängig war, dafür aber Fischfang betreiben konnte, konnte man im Norden Regenfeldbau betreiben. Die Bewohner des Gebietes haben im Laufe der Zeit unterschiedliche Antworten, sozial wie kulturell, auf die Umweltanforderungen gefunden.[14]

Politisch seien an dieser Stelle zwei Orientierungspunkte benannt: Für die Entstehungszeit der zu besprechenden Mythen ist zum Ersten der sumerisch - akkadische Staat (Atramchasismythos), zum Zweiten die frühe babylonische Zeit („Enuma elish“) wichtig. Im Folgenden sollen kurz politische Zusammenhänge und gesellschaftliche religiöse Entwicklungen skizziert werden.

2.1.1. Akkad und Ur (2340 - 2004)

Mit dem Regierungsantritt von König Sargon (2340-2284) zeigt sich die Gesellschaft im Wandel. Sargon gelingt es, die Reiche von Sumer und Akkad zu vereinigen. Die Dynastie Sargons erreicht dabei eine relative Stabilität und seine Nachfolger konnten sich immerhin ca. 150 Jahre auf dem Thron behaupten.[15][16] Bis an sein Ende wurde das Sargon-Reich immer wieder von Aufständen heimgesucht, die seinen Umfang und seinen Zusammenhalt in Frage stellten.

Um 2100 kommt es zu einer sumerischen Renaissance, mit der auch die alten Mythen Sumers wieder an Einfluss gewinnen. Mit dem Herrschaftsantritt Ur-Nammas wurden Tempel restauriert, der Tempel in Ur ummauert und der Gott Enlil avancierte zum Staatsgott. Ur-Nammas Bautätigkeit bescherte dem Land viele Ziqqurratu in denen Enlil, wie auch sein Bruder Enki verehrt wurden. Besonders auffällig zeigt sich diese Modernisierung in technischen Neuerungen. Das Schöpfrad erlaubte fortan die Entsalzung des Bodens, die Domestikation von Pflanzen und Tieren gestattete bessere Lebensbedingungen und das Handwerk wurde durch Kulturimporte (z.B. die Töpferscheibe) leistungsfähiger.

Dieses Handeln der Menschen ergänzte sich mit religiösen Weltbeschreibungen. Das Wissen um die Gefährdung der Kultur durch die Natur und damit auch die Gefahr für den Menschen, führte zu einer Vergötterung der Naturphänomene um sich diese rituell unterwerfen zu können. Götter waren demnach oft Mischwesen aus jeglichen starken Eigenschaften, wie z.B. löwenköpfige Adler.[17]

Das Menschenverständnis jener Zeit lässt sich nur schwer (re)konstruieren. Zentral scheint, auch für die hier diskutierten Mythen, die Einbindung des Einzelnen in die Gesellschaft zu sein. Zwar kann man in der Vergöttlichung von Königen (z.B. Naram-Sin), einen gewissen Individualismus erkennen, die Privatperson jedoch scheint eine untergeordnete Rolle zu spielen, um die Funktion des Gesamtsystems zu gewährleisten.

2.1.2. Babylon (ca. 2100 - 1104)

Ab dem zweiten Jahrtausend wurde die akkadische Herrschaft durch die babylonische abgelöst. Sprachlich kulturell und ethnisch kann man ungeachtet des Regierungswechsels von einer bestehenden Einheit ausgehen und auch die Herrscher selbst verstanden sich als in der sumerischen Tradition verwurzelt. Mit der Thronbesteigung Hammurabis (1792-1750) konnte unter seiner Regentschaft das Gebiet in einem Staat konzentriert werden. Durch Gesetzgebung, Diplomatie und Reorganisation des Reiches vermochte er seine Eroberungen konsolidieren. Der ihm folgenden Dynastie gelang es immerhin, das Kerngebiet zu halten und Babylon als politisches und religiöses Zentrum zu etablieren. Der Reichsgott Marduk, auf welchen verschiedene Eigenschaften sumerischer Gottheiten subsumiert wurden, stieg zum ersten Gott im babylonischen Pantheon auf. Mit dem Einfall der Hethiter (1595) endete die erste babylonische Periode.[18]

Der Wiederaufstieg erfolgte unter Nebukadnezar I. (1125-1103). Mit der Eroberung von Susa und der Rückholung der Mardukstatue erreichte die babylonische Politik einen neuen Höhepunkt. Auch religiös stand der Reichsgott Marduk unangefochten im Mittelpunkt der Verehrung, die sich auch in der gleichzeitigen (?) Abfassung des „Enuma elish“ niederschlägt. Babylon präsentierte sich als das Zentrum des Universums.

Die religiösen Vorstellungen dieser Zeit entsprangen allesamt den sumerisch / akkadischen Vorbildern. Das Pantheon der frühen Babylonier bestand dabei aus familiär miteinander verbunden Gottheiten, die, hierarchisch geordnet, die Gesellschaft wieder spiegelten. An, Enki, Enlil und die Muttergottheit Ninchursanga sind hier als die bedeutendsten übernommenen Gottheiten zu nennen.

Ab dem Ende des zweiten Jahrtausends verringerten die Babylonier im Zuge der Gleichsetzungstheologie ihren Pantheon zunehmend. Im Verlauf des ersten Jahrtausends kommt es zu monolatrischen Tendenzen, indem Schreiber sogar Hauptgottheiten dem Marduk zuordnen. Die Volksfrömmigkeit hielt jedoch an den alten sumerischen Riten fest, was Priester immer wieder dazu veranlasste, Gleichsetzungslisten zu verfassen, oder lokal begrenzte Gottheiten als „Dämonen“ und „Geister“ abzuqualifizieren.

Das Verhältnis der Privatperson zu den Göttern lässt ab dem zweiten Jahrtausend den Schluss zu, dass Person und Gott in Wechselwirkung zueinander standen. Eine persönliche Verehrung, unabhängig vom Staatskult, scheint möglich gewesen zu sein. Die Buße eines Menschen und gleichzeitig die Verpflichtung der Götter gegenüber dem Gläubigen stehen im Vordergrund der babylonischen Gebetsliteratur.

2.2. Ägypten

Ägypten selbst ist eine Schöpfung des Nils, welcher das Land in drei Abschnitte teilt. Ober-, Mittel-, und Unterägypten. Das Siedlungsgebiet ist dabei auf den schmalen fruchtbaren Streifen Land begrenzt, den die jährliche Nilschwemme der Wüste abringt. Der Rhythmus vom Steigen und Fallen des Pegels bestimmte Landwirtschaft, Kultur und Religion der Ägypter, die ohne den Fluss nicht existieren konnten. Gleichzeitig war der Nil die wichtigste Verkehrsader des Landes.[19]

Durch die Begrenzung mit Wüsten und dem Mittelmeer blieb dem Land einzig der Korridor über Gaza / Palästina zum Handel und Austausch mit den Nachbarn. Exportgüter waren hier vor allem Gold aus Nubien, Getreide und Stein.

Das „Alte Ägypten“ wurde neben Mesopotamien durch eine Religion geprägt, die allgegenwärtig war. Diese erfuhr im Laufe von dreitausend Jahren erhebliche Veränderungen. Aus diesem Grund ergibt sich bis heute kein einheitliches Bild des ägyptischen Glaubens. Stetig im Zentrum stand jedoch das Königtum, das eine Kontinuität zwischen Tausenden von Gottheiten aufwies.[20] Der König stellte das Lebensprinzip des Landes dar und war Sohn und Abbild des Schöpfergottes. Ein ausgeprägtes Tempelwesen, mit fest angestellten Priestern, sorgte für den Erhalt des Kultes und damit, im Glauben der Ägypter, für den Bestand der Schöpfung. Als oberste Gottheit kann man sicher Re, den Sonnengott, annehmen, dessen Position jedoch von Ptah, Amun oder Thot angefochten wurde. Je nach Kultort schrieb man den dort verehrten Gottheiten verschiedene Tätigkeiten und Zuständigkeiten zu, die sich lokal oft unterschieden. Bei dem Versuch die Götter zu ordnen, schufen die Priester heilige Familien oder Gruppen (z.B. eine Achtheit), um ihre eigene Religion überschauen zu können. Ebenso war es unmöglich allen Gottheiten des Pantheons im Kult entgegen zu kommen.

Schon zeitig war es den Beamten des Pharaos wichtig geworden, so viel wie möglich schriftlich festzuhalten. In Inschriften und Bildern sind aus diesem Grund viele unterschiedliche Mythen und Gebrauchstexte erhalten geblieben. Die Entstehungszeit von Mythen, in denen Gottheiten Menschen aus Erde formen, ist für Ägypten schwer einzugrenzen. Im Zentrum der Betrachtungen soll hier der Gott Chnum stehen, dem dieser Akt angetragen wird.

2.3. Palästina und Syrien

Palästina, die Levante und Syrien dienten seit ihrer Besiedlung als Korridor zwischen den politisch mächtigeren Nachbarn Mesopotamien und Ägypten. So waren diese Landstriche selten unabhängig, sondern immer Provinzen oder Vasallenstaaten angrenzender Großmächte. Das Gebiet liegt an der südöstlichen Küste des Mittelmeeres und bezeichnet die Region des heutigen Staates Israel / Palästina, dem Westjordanland sowie des heutigen Königreich Jordanien, Syrien und des Libanon. In der Topografie kann man verschiedene Räume unterscheiden. Dabei ist zu beachten, dass das Gebiet bei Weitem nicht die landwirtschaftlichen Möglichkeiten Ägyptens und Mesopotamiens besitzt. Die Küstenebene ist eine sandige Zone mit Wanderdünen und Sumpfgebieten. Im Bergland, westlich des Jordan, gehen die Niederschlagsmengen von Norden nach Süden stark zurück, was den nördlichen Teil in die fruchtbarere Region verwandelt. Im unteren Jordantal reichen die Niederschläge für intensive Landwirtschaft nicht mehr aus.[21]

Für die Abfassung des vorpriesterlichen Schöpfungsberichtes wird allgemein die frühe Königszeit vermutet, die im Folgenden kurz umrissen werden soll:

2.3.1. Die frühe Königszeit (ca. 950 - 722)

Die Erzählung des zweiten Schöpfungsberichtes scheint im eisenzeitlichen Palästina. Hier lässt sich im genannten Zeitraum eine Konzentration der Besiedlung und Urbanisierung ausmachen. Das Alte Testament berichtet von Herrschaftsbildungen im Norden und Süden des Landes. Hier kann man davon ausgehen, dass es sich um Stammeskönigreiche mit begrenztem Einfluss gehandelt hat, die von einer Führerfigur (Saul, David, Salomo) gelenkt wurden.

Im Alten Testament wird eine Trennung der beiden Landesteile im Jahre 926 postuliert. Jerobeam I. brachte, so der Bericht, die zehn Nordstämme dazu, sich vom Südland zu trennen. Doch erst mit dem Omriden in Samaria wird das Land zur politisch wahrnehmbaren Größe und beginnt sich gegen seine „Schutzmacht“ Assur aufzulehnen. Als schließlich Tiglat-Pileser III. und sein Nachfolger Salmanasser das Gebiet mehrfach überrennen, endete die Eigenständigkeit des Nordstaates.[22]

Eine feste Herrschaftsstruktur lässt sich für den Süden des Landes erst später nachweisen. Zentrum des Landes war Jerusalem, das sich und seine Herrscher auf David zurückführte. Im achten Jahrhundert erreicht Juda die eigene Staatlichkeit, wobei diese weniger mit dem Nordreich zusammenhängt, sondern vielmehr nach Südwesten (Ägypten) orientiert ist. Da das Gebiet um Jerusalem zu weit von Assur entfernt war, entging der kleine Staat der Zerstörung 722.

Religiös gesehen zeigt sich ein anderes Bild in Palästina als in den Ländern des Ostens und Westens. Während dort schon Jahrhunderte lang Tempel unterhalten wurden, beginnt hier erst die Manifestation der Staatsreligion, des Jahwismus. Außerhalb des offiziellen Kultes betete man diverse Lokalgottheiten an, die in Freilichtheiligtümern ihren Sitz hatten. Mit dem Aufstieg des Gottes Jahwe wurden auch unter ihm verschiedene Lokalgottheiten subsumiert und seine Herrschaft mit ausgreifenden Ansprüchen verbunden. Die Religionspraxis der staatlichen Seite ist dabei von der Polemik gegen den phönizischen Gott Baal und gegen die Vermischung der Religion mit Lokalkulten bestimmt worden. Dem Trend der Gleichsetzungstheologie folgend, sah man sich mit den Vorbildern in Babylon und Ägypten konfrontiert und versuchte den Charakter Jahwes nach „modernen“ Stereotypen zu gestalten.

3. Grundlagen der Interpretation

3.1. Definition von „Mythos“

An dieser Stelle kann nur bruchstückhaft der Begriff „Mythos“ umrissen werden. Da aber alle drei Menschenschöpfungserzählungen dieser Gattung angehören, ist es geboten, kurz die Eigenheiten und Grenzen dieser Erzählweise zu erörtern, wie sie im folgenden Text verstanden wird.[23]

Im Wesentlichen ist der Mythos eine Erzählform. Dabei ist er klar zur Sage oder Legende hin abzugrenzen, die für ihre Berichte einen historischen Kern ausschmücken. Der Mythos dagegen ist eine Schilderung vom Wirken einer Gottheit, eines Dämons oder göttlichen Helden, er hat dabei die vorgeschichtliche, nicht zu verifizierende Vorzeit, als erzählte Zeit im Vordergrund. Dadurch deutet er die Welt auf dem Hintergrund der Erzählzeit und benennt die besprochenen Dinge ihrem Wesen nach.

[...]


[1] Zitat: J. Lacarriè: „Keine Kinder des Zufalls“ S. 6, in: Welt und Umwelt der Bibel, Nr. 2.

[2] Alle Jahreszahlen der Arbeit = v. Chr.

[3] Begriff von James Henry Breasted (1865-1935), Karte im Anhang, Abb. 1.

[4] z. B. Çatalhöyük, Jericho, Eridu

[5] Vgl. G. Selz: „Sumerer…“, S. 11.

[6] Ebd. S. 117.

[7] H. Schlögel: „Ägypten…“, S. 379.

[8] G. Selz: „Sumerer…“, S. 118. Marke: Beginn der Herrschaft Hammurabis

[9] M. Jursa: „Babylonien“, S. 123. Marke: Zerstörung Babylons durch Sanherib

[10] Ebd. S. 123. Marke: Kyrus erobert Babylon

[11] Ebd. S. 123. Marke: Beginn der Makedonenherrschaft

[12] Zählmarken in Tontafeln später Bilder und Silbenschrift

[13] Hieroglyphen als Bilderschrift

[14] Vgl. Folgend: G. Selz: „Sumerer…“, S. 21ff.

[15] Vgl. G. Selz: „Sumerer…“, S. 109ff.

[16] Fischer Weltgeschichte, Band 2 „Die Altorientalischen Reiche“, S. 979.

[17] Vgl. G. Selz: „Sumerer…“, S.108.

[18] Vgl. Folgend: M. Jursa: „Babylonien“, S. 19 - 35 und 79 - 92.

[19] Vgl. Folgend: H. A. Schlögl: „Ägypten…“ S. 15ff.

[20] Vgl. H. A. Schlögl: „Ägypten…“ S. 36. („Buch von den Pforten des Jenseits“)

[21] Vgl. Folgend: A. Berlejung in J. C. Gertz (Hg): „Grundinformation…“ S.95ff. und B. Lang: „Jahwe…“ S. 261ff.

[22] Vgl. J. C. Gertz (Hg): „Grundinformation…“ S. 105ff.

[23] Vgl. Im Folgenden vgl. K. Armstrong: „Mythos…“ S. 7ff., C. Jamme: „Gott hat…“ S. 21ff. und „Mythos und Mythologie“ in RGG, S. 22678ff (J. C. B. Mohr)

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Menschenschöpfungsmythen im Alten Orient
Untertitel
Betrachtungen zum Motiv des „töpfernden Gottes“ am Beispiel von Enki, Chnum, Jahwe
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Altes Testament)
Veranstaltung
Hauptseminar "Schöpfung"
Note
2,00
Autor
Jahr
2007
Seiten
36
Katalognummer
V85536
ISBN (eBook)
9783638014113
Dateigröße
1396 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten: Sehr ambitioniertes Werk mit einem sehr breiten thematischen Ansatz, der in der Sache für eine Arbeit sehr umfangreich ist. In Anbetracht des ehrgeiziges Projektes, das alle Kulturen des Alten Orients einschließt und auch zeitlich einen großen Zeitraum umfasst, wurde das Problem gut gelöst. Mehr Sorgfalt hätten die Fußnoten verdient gehabt. IN Anbetracht des verarbeiteten Materials, das durchaus selbstständig reflektiert worden ist, ist die Arbeit mit 2.0 zu bewerten.
Schlagworte
Menschenschöpfungsmythen, Alten, Orient, Hauptseminar, Schöpfung
Arbeit zitieren
Marco Schlunk (Autor), 2007, Menschenschöpfungsmythen im Alten Orient, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85536

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