Grin logo
de en es fr
Shop
GRIN Website
Publish your texts - enjoy our full service for authors
Go to shop › German Studies - Modern German Literature

Psychoanalyse und Kulturanalyse

Vom Nutzen eines Methodentransfers am Beispiel der tiefenhermeneutischen Literaturinterpretation und deren Anwendung auf Kafkas "Vor dem Gesetz"

Title: Psychoanalyse und Kulturanalyse

Thesis (M.A.) , 2002 , 76 Pages , Grade: 1,3

Autor:in: Jana Thiele (Author)

German Studies - Modern German Literature
Excerpt & Details   Look inside the ebook
Summary Excerpt Details

Erkenntnisgegenstand der Psychoanalyse ist das Unbewußte des Analysanden, der einer tiefenhermeneutischen Literaturinterpretation die latente Sinnstruktur des Textes. Allein die Sprache scheint auf den ersten Blick Untersuchungsgegenstand dieser beiden Disziplinen. Nun machen aber gerade, ausgewiesen in Freuds technischen Schriften, die Hinweise auf die Art und Weise der Durchführung der Psychoanalyse deutlich, daß sowohl die Äußerungen des Analysanden wie die Deutung des Analytikers sich nicht auf das Gesagte beschränken lassen. Die Notwendigkeit der Deutung des Analytikers ergibt sich aus der Annahme der Psychoanalyse, daß der Analysand das Gesagte nicht meint. In diese Lücke springt der Analytiker. Seine Aufgabe besteht darin, dem Analysanden die Bedeutung des Gesagten zu erschließen. Das Unbewußte kann nicht ,gesagt’ werden, vielmehr kann die Semantik des Wunsches nur durch die Pragmatik der Analysesituation erschlossen werden. Denn in ihr laufen, nonverbal, Übertragungs- und Gegenübertragungsvorgänge ab. Gerade Freuds technische Schriften machen deutlich, daß die Technik nicht von inhaltlichen Aspekten getrennt werden kann.
Einem ähnlichen Paradox sieht sich der Leser und Interpret gegenüber: Literatur handelt immer auch vom Unsagbaren. Nicht anders als in der Analyse ist es die spezielle Beziehung zwischen Interpret und Interpretandum, die diese Spanne überbrücken muß. Der Text variiert nicht, bietet keine Assoziationen, dies hat der lesende Interpret zu leisten. Wenn aber der Literaturwissenschaftler der Interpret des Textes ist, also die Rolle des Analytikers einnimmt, ist er angewiesen auf seine eigenen Assoziationen. Ungeklärt bei alledem erscheint bei einem ersten Blick also schon die Rollenverteilung. Wenn man von der Technik der klassischen Psychoanalyse ausgeht, müßte man wohl eher vermuten, daß der Text die Rolle des Analytikers übernimmt. Liest also der Interpret nicht viel eher sein Unbewußtes als das des Textes? Nicht unberechtigt demnach auch die Frage: Wer liest wen?
Daher ist zunächst die Offenlegung der eigenen Voraussetzungen und des methodischen Vorgehens des Interpreten bei einer psychoanalytisch operierenden Literaturwissenschaft unabdingbar, genauso wie es die Lehranalyse ist, um den Analytiker der Arbeit mit dem Analysanden zu befähigen.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Kooperation Literatur - Psychoanalyse

1.2. Von der Anwendung zum Transfer

1.3. Gegenstand und Probleme

2. Die Theorie der Psychoanalyse

2.1. Der Traum: Transport, Transformation, Translation

2.2. Missing link: die sozialisierte Phantasie

2.3. Die Phantasie: Spiel, Form, Reservat

2.4. Traumdeutung oder Therapie als Paradigma der Textdeutung?

3. Die Praxis der Psychoanalyse

3.1. Orientierung am psychoanalytischen setting

3.1.1. Die Grundregel und ihr Gegenstück

3.1.2. Übertragung und Gegenübertragung

3.2. Gelingen und Aporie der Selbstanalyse

4. Die Theorie der Kulturanalyse

4.1. Tiefenhermeneutische Kulturanalyse/Lorenzer

4.1.1. Symbolisierung und Desymbolisierung

4.1.1.1. Symbole als kulturelle Leistung

4.1.1.2. Klischees

4.1.2. Szenisches Verstehen

4.1.3. Der Text als Träger der Szene

4.1.4. Rollenverteilung, Modifikationen

4.2. Tiefenhermeneutische Methode/Würker

5. Die Praxis der Kulturanalyse

5.0. Franz Kafka: Vor dem Gesetz

5.1. Tiefenhermeneutische Interpretation

5.1.1. Inversion der Szene

5.1.2. Schwellenangst: Freuds Zimmer

5.2. Ergebnisse

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht den Nutzen eines Methodentransfers von der Psychoanalyse zur Literaturwissenschaft, wobei insbesondere die tiefenhermeneutische Literaturinterpretation als Instrument für die Analyse literarischer Texte, am Beispiel von Franz Kafkas "Vor dem Gesetz", erprobt wird.

  • Grundlagen der psychoanalytischen Theorie und Praxis
  • Entwicklung der tiefenhermeneutischen Kulturanalyse (nach Lorenzer)
  • Analyse des "szenischen Verstehens" als Interpretationsmethode
  • Übertragung psychoanalytischer Konzepte auf das Leser-Text-Verhältnis
  • Exemplarische Interpretation von Kafkas "Vor dem Gesetz"

Auszug aus dem Buch

1.1. Kooperation Literatur – Psychoanalyse

Die wechselseitigen Beeinflussungen von Literatur und Psychoanalyse sind so vielfältig und zahlreich an Beispielen, daß von einer gelungenen Kooperation zwischen beiden Gebieten gesprochen werden kann. Aufgrund des so unterschiedlichen Alters beider Disziplinen ist evident, daß zunächst der Blick des Psychoanalytikers auf die Literatur erfolgte, bevor sich - das aber fast ohne Zeitverzug - das Interesse der Literaten der Psychoanalyse zuwandte. An der Entstehung der Psychoanalyse läßt sich der Literatur ohne weiteres eine Beteiligung nachweisen, denn nicht zuletzt anhand der Freudschen Gedanken zur literarischen Produktion, Rezeption und Interpretation entwickelte sich die Erkenntnis der universellen Struktur des Unbewußten.

So ist ohne den Rekurs Freuds auf Sophokles’ Drama die Beschreibung des Ödipuskomplexes unmöglich; die in der Traumdeutung enthaltenen Hamlet- und Ödipusinterpretationen dienten neben der Erläuterung typischer Träume auch der These, daß in beiden tragischen Helden vor allem „das säkulare Fortschreiten der Verdrängung im Gemütsleben der Menschheit“ sichtbarer würde. Auf der Grundlage von Jensens Gradiva und den darin verarbeiteten Träumen versuchte Freud, literarische Produktionsbedingungen zu erschließen. Schrebers Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken gaben ihm Anlaß, Gesetzmäßigkeiten der Paranoia zu erläutern. Die Phantasie des Kindes, einer anderen Familie anzugehören als der eigenen unzulänglichen nannte Freud einen Familienroman und erkannte dessen Struktur in der Novelle Die Richterin von C. F. Meyer wieder.

Schon diese längst nicht vollständige Aufzählung Freudscher Forschung zeigt, daß es nicht nur einen Zugang der Psychoanalyse zur Literatur gibt, sondern daß verschiedene Probleme zum Gegenstand der Beschäftigung wurden. So hat Freud beispielsweise „Charaktertypen nach literarischen Figuren beschrieben: ‚Die am Erfolge scheitern’ etwa nach Lady Macbeth und an Rebekka West aus Ibsens ‚Rosmersholm’. Bei Freud herrscht in diesen Fällen das Kooperationsmodell zwischen Literatur und Psychoanalyse: die literarische Darstellung der Autoren antizipiert die analytische.“ Die Dichtung beschrieb schon seit Jahrtausenden menschliche Tragödien, und Freud war derjenige, der sich dieser künstlerischen Antizipation seiner Forschungen immer bewußt blieb.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der Kooperation zwischen Literatur und Psychoanalyse ein und erläutert den angestrebten Methodentransfer sowie die zentralen Fragestellungen der Untersuchung.

2. Die Theorie der Psychoanalyse: Das Kapitel befasst sich mit den theoretischen Grundlagen, insbesondere der Rolle des Traums, der Phantasie und der Wunscherfüllung als zentrale Mechanismen.

3. Die Praxis der Psychoanalyse: Hier werden die Bedingungen der therapeutischen Praxis, wie das psychoanalytische Setting, Übertragung und Gegenübertragung, als Ausgangspunkt für die Literaturanalyse beleuchtet.

4. Die Theorie der Kulturanalyse: In diesem Kapitel wird die tiefenhermeneutische Kulturanalyse nach Lorenzer dargestellt, wobei Begriffe wie Symbolisierung, Desymbolisierung, Klischees und das "szenische Verstehen" erarbeitet werden.

5. Die Praxis der Kulturanalyse: Dieses Kapitel widmet sich der konkreten Anwendung des zuvor entwickelten Ansatzes auf Franz Kafkas Text "Vor dem Gesetz" und diskutiert die Ergebnisse.

6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse des Methodentransfers zusammen und resümiert die Möglichkeiten und Grenzen einer psychoanalytisch orientierten Literaturinterpretation.

Schlüsselwörter

Psychoanalyse, Literaturinterpretation, Tiefenhermeneutik, Alfred Lorenzer, Szenisches Verstehen, Franz Kafka, Vor dem Gesetz, Unbewusstes, Symbolisierung, Desymbolisierung, Klischees, Übertragung, Gegenübertragung, Methodentransfer, Phantasie

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit beschäftigt sich mit der theoretischen und methodischen Grundlage für eine psychoanalytisch orientierte Literaturwissenschaft. Es wird untersucht, wie Konzepte der Psychoanalyse, speziell die Tiefenhermeneutik nach Alfred Lorenzer, auf literarische Texte übertragen werden können.

Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?

Zentrale Themen sind die Verknüpfung von psychoanalytischer Theorie und literarischer Praxis, das Konzept der "szenischen" Interpretation sowie die Analyse von Wunschstrukturen und Abwehrmechanismen in literarischen Texten.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das primäre Ziel ist die Entwicklung und Erprobung eines Methodentransfers, um literarische Texte jenseits bloßer pathobiographischer Deutungen als Ausdruck unbewusster Sinnstrukturen zu erfassen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Autorin stützt sich auf die tiefenhermeneutische Literaturinterpretation. Dabei wird ein "szenischer Nachvollzug" praktiziert, der den Text als Träger von Interaktionsmustern betrachtet und die emotionale Reaktion des Interpreten als methodisches Hilfsmittel nutzt.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Abschnitte zur Psychoanalyse und zur Kulturanalyse (Lorenzer/Würker) sowie eine praktische Anwendung auf Franz Kafkas Erzählung "Vor dem Gesetz".

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Tiefenhermeneutik, szenisches Verstehen, Symbolisierung, Unbewusstes und den Methodentransfer zwischen Psychoanalyse und Literatur charakterisiert.

Wie unterscheidet sich die Interpretation von Kafkas "Vor dem Gesetz" von anderen Ansätzen?

Im Gegensatz zu traditionellen Ansätzen, die den Autor als Patienten betrachten oder inhaltliche Symbole starr zuordnen, fokussiert die Arbeit auf die "szenische" Qualität und die Interaktionsstruktur im Text sowie die eigene Rezeption des Lesers.

Welche Bedeutung hat das "szenische Verstehen" für diese Interpretation?

Das szenische Verstehen erlaubt es, über die bloße inhaltliche Analyse hinauszugehen und die dem Text zugrunde liegenden, oft verdrängten Interaktions- und Beziehungsstrukturen aufzudecken, indem der Interpret an der im Text angelegten Szene teilnimmt.

Excerpt out of 76 pages  - scroll top

Details

Title
Psychoanalyse und Kulturanalyse
Subtitle
Vom Nutzen eines Methodentransfers am Beispiel der tiefenhermeneutischen Literaturinterpretation und deren Anwendung auf Kafkas "Vor dem Gesetz"
College
Free University of Berlin
Grade
1,3
Author
Jana Thiele (Author)
Publication Year
2002
Pages
76
Catalog Number
V85618
ISBN (eBook)
9783638892018
ISBN (Book)
9783638892056
Language
German
Tags
Psychoanalyse Kulturanalyse
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Jana Thiele (Author), 2002, Psychoanalyse und Kulturanalyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85618
Look inside the ebook
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
Excerpt from  76  pages
Grin logo
  • Grin.com
  • Shipping
  • Contact
  • Privacy
  • Terms
  • Imprint