Eine empirische Untersuchung zur Störungsspezifität der Alexithymie bei psychiatrischen und psychosomatischen Patienten


Diplomarbeit, 2007
85 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

Erklärung

I. Inhaltsverzeichnis

II. Kurzusammenfassung

III. Abstract

1. Einleitung

2. Alexithymie – Theoretischer Hintergrund
2.1 Konstrukt und Herkunft der Alexithymie
2.1.1 Historische Entwicklung
2.1.2 Primäre und Sekundäre Alexithymie
2.1.3 Zum aktuellen Stand der Alexithymieforschung
2.1.4 Kritik am Alexithymie-Konzept
2.2 Entstehungsmodelle der Alexithymie
2.2.1 Neurobiologische Ursachen der Alexithymie
2.2.2 Psychologische Ursachen der Alexithymie
2.2.2.1 Psychoanalytischer Ansatz
2.2.2.2 Kognitionspsychologischer Ansatz
2.3 Klinische Bedeutsamkeit von Alexithymie
2.3.1 Alexithymie bei psychosomatischen Patienten
2.3.1.1 Alexithymie und somatoforme Störungen
2.3.1.2 Alexithymie und Essstörungen
2.3.2 Alexithymie bei psychiatrischen Patienten
2.3.2.1 Alexithymie und Zwangsstörungen
2.3.2.2 Die „alexithyme Persönlichkeitsstörung“
2.4 Psychotherapie und Behandlungsansätze der Alexithymie
2.4.1 Behandlungsansätze primärer und sekundärer Alexithymie
2.4.2 Alexithymie, eine Störung des psychotherapeutischen Prozesses
2.4.3 Aktuelle Überlegungen zur Behandlung der Alexithymie am Beispiel des Zürcher Ressourcenmodells
2.5 Untersuchungsmethoden der Alexithymie
2.5.1 Toronto Alexithymie-Skala-20 (TAS-20)
2.5.1.2 Testgrundlagen
2.5.1.3 Testverwertung und Evaluation
2.5.1.4 Kritik an der TAS-20
2.5.2 Levels of Emotional Awareness (LEAS)
2.5.3 Beth Israel Questionnaire (BIQ)
2.5.4 Bermond-Vorst Alexithymia Questionnaire (BVAQ)

3 Fragestellung und Hypothesen

4 Methodenteil
4.1 Stichprobenbeschreibung
4.2 Durchführung der Untersuchung
4.3 Methoden der Datenerhebung
4.3.1 SCL-90-R
4.3.2 FPI-R
4.4 Methoden der Datenauswertung

5 Ergebnisse
5.1 Ergebnisse hinsichtlich Alexithymie allgemein
5.2 Ergebnisse hinsichtlich der Ausprägung alexithymer Merkmale
bei psychiatrischen und psychosomatischen Patienten
5.3 Ergebnisse hinsichtlich Alexithymie und Persönlichkeitsmerkmalen
5.4 Ergebnisse hinsichtlich Alexithymie und psychosozialen Belastungen
5.5 Alexithymie und persönliche Rückschläge

6. Diskussion der Ergebnisse

IV. Literatur

V. Anhang
a) Tabellenverzeichnis
b) Statistische Auswertungen / Korrelationstabellen
c) Abkürzungsverzeichnis
d) Anschreiben an die Kliniken
e) Anschreiben an die Patienten
f) soziodemografische Daten / persönliche Angaben

Danksagung

Wir bedanken uns an dieser Stelle für die Unterstützung und die exzellente Betreuung dieser Arbeit bei den Professoren, Herrn Prof. Helle und Herrn Prof. Kraus. Sie standen uns bei Fragen stets zur Seite und unterstützten uns mit wertvollen Ratschlägen. Unser Dank gilt auch den Psychologen, Therapeuten und Ärzteteams des HELIOS Vogtland-Klinikums Plauen, des Fachklinikums Stadtroda und der Rehabilitationsklinik an der Salza die sich an der Untersuchung beteiligten. Hierzu möchten wir uns insbesondere bei den Chefärzten/in Herrn Prof. Haltenhof, Frau Thiergart und Herrn Ziegler für ihr Interesse und die freundliche Mitarbeit bedanken. Nicht zuletzt gilt unser Dank allen Personen, die sich an unserer Studie beteiligten.

Erklärung

Hiermit bestätigen wir, dass wir die vorliegende Arbeit selbstständig und ohne unerlaubte fremde Hilfe verfasst haben. Da diese Diplomarbeit als Gruppenarbeit geschrieben wurde, sind die Verfasser der einzelnen Gliederungspunkt im Inhaltsverzeichnis gekennzeichnet. Alle verwendeten Quellen sind in den Texten erkenntlich und im Literaturverzeichnis angegeben.

II Kurzzusammenfassung

Hintergrund:

Der Begriff „Alexithymie“ wurde erstmals von Sifneos im Jahr 1972 verwendet, nachdem ihm in seiner praktischen Arbeit vermehrt psychosomatische Patienten auffielen, die Schwierigkeiten in der Wahrnehmung, Identifikation und Verbalisierung ihrer eigenen Gefühle, aber auch bei Gefühlen anderer Personen, zeigten. Seit dieser Zeit der Begriffsprägung wurden zunehmend auch Korrelationen von Alexithymie mit anderen psychologischen Konstrukten untersucht, und gefunden. So bestehen zum Beispiel Zusammenhänge zu Essstörungen, Zwangserkrankungen, Substanzabhängigkeit, Depressionen, aber auch zu Konstrukten, wie emotionaler Intelligenz wurden Zusammenhänge entdeckt.

Aktuelle Forschungsansätze beschäftigen sich hauptsächlich mit neurologischen Ursachen der Alexithymie, mit der Entwicklung neuer beziehungsweise mit der Verbesserung bereits bestehender Testverfahren, aber auch mit möglichen Therapieansätzen.

Methodik:

Wir untersuchten unsere Hypothesen an einer Stichprobe von 58 Probanden, welche aus drei Kliniken rekrutiert wurden. Dabei konnten 7 Probanden den psychosomatischen Krankheiten zugeordnet werden, während 48 der Patienten psychiatrische Diagnosen erhielten. Drei Patienten konnten keiner Diagnose zugeordnet werden. Die Patienten wurden gebeten folgende psychometrische Testverfahren auszufüllen: TAS-20 (Kupfer, J. et al., 2001, dt. Fassung), SCL-90-R (Franke, G. H., 2002) und FPI-R (Fahrenberg J., Hampel, R. & Selg, H. 2001).

Hypothesen:

Folgende Hypothesen sollen in dieser Arbeit untersucht und geklärt werden:

1) Alexithyme Merkmale sind in der Gruppe psychiatrischer und psychosomatischer

Patienten gleich verteilt

2) Persönlichkeitseigenschaften wie emotionale Labilität, eine hohe Gesundheitssorge,

Introvertiertheit und eine geringe Lebenszufriedenheit charakterisieren alexithyme

Menschen

3) Alexithymie gilt als Prädiktor für eine hohe psychische Belastung

Ergebnisse:

Alexithymie ist nicht ausschließlich als ein rein psychosomatisches Phänomen zu verstehen. Unsere Untersuchung ergab, dass alexithyme Merkmale in der Gruppe psychiatrischer und psychosomatischer Patienten vermutlich gleich verteilt sind, was jedoch durch weitere Untersuchungen bestätigt werden sollte. Ebenfalls besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen gewissen Persönlichkeitseigenschaften und alexithymen Merkmalen. Somit konnten auch korrelative Zusammenhänge zwischen Alexithymie und Gehemmtheit, Extraversion, körperlichen Beschwerden sowie einer geringen Aggressivität nachgewiesen werden. Ebenfalls wiesen alexithyme Patienten eine hohe psychische Belastung auf. Es besteht ein sehr hoher Zusammenhang zwischen den Skalen der SCL-90-R und Alexithymie. Hinsichtlich persönlicher Rückschläge kann vermutet werden, dass vor allem Patienten, welche eine nahe stehende Person verloren haben (z.B. Tod des Partners) oder sexuellen Missbrauch erfuhren, häufiger alexithyme Merkmale ausbilden. Diese Ergebnisse sollten jedoch durch weitere Untersuchungen überprüft werden.

III Abstract

Background:

The term „alexithymia“ was first coined by Sifneos in 1972. In his work with psychosomatic patients, he found that these persons had difficulties in perceiving, identifying and verbalizing their own feelings, as well as the feelings of others. Since then, further connections to other psychological constructs have been observed, and found. Correlations to eating disorders, obsessive-compulsive disorders, substance abuses and depression have been discovered, as well as links to constructs like emotional intelligence.

Current research focuses mainly on neurological reasons for developing alexithymia, with the development and improvement of valid questionnaires, and also with treatment possibilities.

Methods:

Our hypotheses were investigated with 58 persons, who were recruited from three different clinics. Seven patients were diagnosed with psychosomatic disorders and 48 patients belonged to psychiatric diagnoses. Three patients could not be diagnosed. All persons were asked to complete following psychometric questionnaires: TAS-20 (Kupfer, J. et al., 2001, dt. Fassung), SCL-90-R (Franke, G. H., 2002) and FPI-R (Fahrenberg J., Hampel, R. & Selg, H. 2001).

Hypotheses:

1) Alexithymic characteristics exist in similar quantity in psychosomatic disorders as well as in psychiatric disorders
2) There is a significant connection between alexithymic characteristics and personality traits

like emotional instability, constant worry about health, shyness and a lack of courage

to face life

3) Alexithymia is a predictor for high psychological stress

Results:

Alexithymia is not only a phenomenon of psychosomatic disorders. The prevalence of alexithymia in psychiatric and psychosomatic Patients is presumably similar. There are correlations between alexithymia and personality traits like inhibition, extraversion, somatic disorders and low aggressiveness. Furthermore, we found out that alexithymic Patients suffer from high psychological stress. There are high correlations between the SCL-90-R subscales and alexithymia. In focus of trauma and alexithymia we suppose, people who lost a close friend (e.g. death of a partner) or experienced sexual abuse are more likely to develop alexithymic characteristics. All results should be reassessed by further research.

1. Einleitung

Erfolgreich bei der Arbeit, an die Realität angepasst und exzellente intellektuelle Fähigkeiten - so können alexithyme Menschen wirken und doch leiden sie unter dem seltsamen Phänomen der Gefühlsblindheit. Der Begriff „Alexithymie“ bezeichnet dabei die Unfähigkeit eigene Gefühle hinreichend wahrzunehmen, sie zu beschreiben und auszudrücken. Menschen, die unter dieser Gefühlsarmut leiden, sind keineswegs glückliche Menschen. Es graut ihnen vor gesellschaftlichen Ereignissen, sozialen Kontakten und besinnlichen Momenten. Um sich in der Welt zu orientieren, binden sie sich eng an einen Partner und erlernen Gefühle, die ihnen verhelfen sich angemessen zu verhalten (Ahrens, 1987). Der Gefühlsblinde ist mit einem Farbenblinden zu vergleichen, der erlernt hat, die Signale einer Ampel richtig zu deuten, aber die Farben selbst nie sehen wird. Betroffene wirken versteinert, gekennzeichnet durch einen leblosen Gesichtsausdruck, mechanisches Denken und Fantasielosigkeit und doch heißt dies nicht, dass sie unfähig sind Gefühle darzustellen. Ganz im Gegenteil, plötzlich auftretende Impulse wie starkes Weinen, Wut, das Zerschmettern einer Tasse werden durchaus von Betroffenen gezeigt. Fragt man aber nach den Gründen, so tappt man im Dunkeln. Vergebens wartet man auf eine Antwort. Sie können keine Antwort darauf finden, denn sie leiden unter dem seltsamen Phänomen der Alexithymie.

Laut einer finischen Untersuchung sind 10% der Frauen und 17% der Männer der Allgemeinbevölkerung davon betroffen (Salminen, Saarijärvi, Toikka, Kauhanen & Äärelä, 1999). Das diese Eigenschaft keine Erscheinung des modernen und mobilen Menschen ist, zeigte bereits Ferenczi, denn er sprach schon 1924 von einem fantasielosen Menschentypos, der vom Tod einer nahestehenden Person berichten kann, ohne affektive Reaktionen zu zeigen (Schäfer, 2003). Diese Unfähigkeit ist häufig mit psychosomatischen Patienten assoziiert. Doch befasst man sich näher mit dieser Thematik, so stellt man sich die Fragen: „Wie kommt es dazu, das ein Mensch anfängt nichts zu empfinden?“ Auf welche Personen trifft dieses Merkmal zu?

In der vorliegenden Arbeit möchten wir besonderes Augenmerk auf die Ausprägung alexithymer Merkmale legen. Dabei wollen wir nachweisen, dass dieses pathologische emotionale Erleben nicht ausschließlich die Gruppe der psychosomatischen Patienten betrifft, sondern ebenfalls bei psychiatrischen Patienten existiert. Wie auch andere Untersuchungen bestätigen, ist Alexithymie ein vielschichtiges Phänomen, welches in unterschiedlichen Patientengruppen existiert, vor allem auch bei psychiatrischen Patienten (u.a. Simson, Martin, Schäfer, Janssen & Franz, 2005; Bach, de Zwaan & Ackard, 1994; Bourke, Taylor, Parker & Bagby, 1992).

Nach heutigem Forschungsstand können wir also behaupten, dass die Alexithymie schon längst nicht mehr als ein rein psychosomatisches Phänomen verstanden werden kann. Hier soll auch der Ansatzpunkt unserer Forschung liegen. Wir wollen mit unserer Arbeit den Versuch unternehmen, dass dieses Konstrukt auch in einem anderen Kontext verstanden werden kann. Dazu untersuchten wir die Ausprägung dieses Merkmals in einer Gruppe psychiatrischer und psychosomatischer Patienten. Des Weiteren stellen wir uns die Frage ob alexithyme Menschen untereinander ähnliche Persönlichkeitseigenschaften aufweisen. Um diese Frage zu ergründen, möchten wir in unserer Studie die vorherrschenden Persönlichkeitseigenschaften alexithymer Patienten untersuchen. Dazu vermuten wir korrelative Zusammenhänge von Alexithymie und Persönlichkeitseigenschaften wie: eine hohe Gesundheitssorge, Introvertiertheit, emotionale Labilität und eine geringe Lebenszufriedenheit. Diese Vermutungen stützten sich auf die Untersuchung von Bach et al. (1994), in der nachgewiesen werden konnte, dass schizotypische, abhängige und vermeidende Charakterzüge sowie ein Mangel an histrionischen Aspekten als signifikanter Prädiktor für Alexithymie gelten. Man kann daher annehmen, dass Betroffene introvertierter und weniger emotional ausdrucksstark sind. Somit könnte erklärt werden, warum nicht alle Patienten mit psychosomatischen Erkrankungen und speziell mit somatoformen Störungen, unter Alexithymie leiden. Möglicherweise sind zur Ausbildung alexithymer Merkmale gewisse Persönlichkeitszüge oder schwere persönliche Rückschläge z.B sexueller Missbrauch, Gewalterfahrungen oder der Verlust einer nahestehenden Person notwendig.

Unsere Arbeit gliedert sich im Folgenden in einen theoretischen und in einen praktischen Teil. Im ersten Abschnitt sollen das Alexithymiekonzept und aktuelle Forschungsergebnisse diskutiert werden. Dabei interessieren uns vor allem die Gründe zur Entstehung alexithymer Merkmale, die Vielfalt der Theorien sowie die unterschiedlichen Erklärungsansätze. Als ein noch sehr umstrittenes Phänomen wird die Alexithymie als ein Persönlichkeitsmerkmal, als ein Abwehrvorgang oder als eine eigenständige Störung verstanden (Berenbaum, Prince, 1994).

Mit Hilfe verschiedener validierter psychometrischer Testverfahren erfolgt im praktischen Teil die Erhebung der Daten, sowie deren Auswertung und Interpretation. Zur Anwendung kamen das FPI-R (Fahrenberg, Hampel & Selg, 2001), die SCL-90-R (Franke, 2002) und die TAS-20 (Kupfer, Brosig & Brähler, 2001, dt. Fassung). Die vorliegende Arbeit soll einen Teil zur Alexithymieforschung beitragen und die heute noch existierende Annahme, Alexithymie sei ein psychosomatisches Phänomen, soll hier diskutiert und hinterfragt werden.

2. Alexithymie – Theoretischer Hintergrund

Der Begriff der Alexithymie wurde 1972 von Sifneos und Nemiah auf der 11. European Conference on Psychosomatic Research in Heidelberg geprägt (von Rad & Gündel, 2002). Dies war seitdem das letzte Mal, dass in der Psychosomatik eine international geführte Debatte um die Theorien der Psychodynamik gehalten wurde (von Rad et al., 2002). Jedoch hat sich die Hoffnung auf eine gemeinsame Theorie der Psychosomatik bis heute nicht erfüllt (von Rad et al., 2002). Den beiden Forschern fielen in ihrer Arbeit im Krankenhaus vermehrt psychosomatische Patienten auf, die Schwierigkeiten im emotionalen Ausdruck zeigten. Seit jener Zeit haben vor allem im weniger theorielastigen englischsprachigen Raum große wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit dem Konstrukt stattgefunden, wie zum Beispiel durch die Psychoanalytiker Joyce McDougall, Henry Krystal und Graeme Taylor (Thompson, 2007). In Deutschland blieb das Phänomen der Alexithymie von den wissenschaftlichen Kreisen eher unberücksichtigt, was sich aber mit der damals vorherrschenden psychoanalytischen Sichtweise im deutschen Sprachraum erklären lässt (Gündel, Ceballos-Baumann & Rad, 2000). Die deutschen psychoanalytisch orientierten Psychosomatiker und Psychotherapeuten setzten der Erforschung des Phänomens einen großen Widerstand entgegen, da sie das Konstrukt als nicht real ansahen und es eher als allgemeines Phänomen im psychotherapeutischen Prozess verstanden. Kritisch zu sehen ist heutzutage auch, dass der Begriff ausschließlich an psychoanalytische Theorien gebunden ist und es schwer fällt, ihn davon losgelöst zu verstehen. Auch heute werden die Nützlichkeit und die Validität des Konstruktes infrage gestellt, obwohl viele Studien für die Existenz der Alexithymie als eigenständiges Persönlichkeitsmerkmal sprechen (Gündel et al., 2000).

Vor allem die psychosomatische Forschung bemühte sich während der letzten 100 Jahre, die Zusammenhänge zwischen emotionalem Erleben und dem Auftreten körperlicher Erkrankungen zu erklären (Benedetti, 1980).

2.1 Konstrukt und Herkunft der Alexithymie

Heutzutage wird das Konstrukt der Alexithymie durch folgende drei Merkmale charakterisiert. Kennzeichnend für alexithyme Personen ist eine allgemeine Schwierigkeit beim Erkennen und Beschreiben von Gefühlen. Das heißt Betroffenen fällt es schwer emotionale Zustände bei ihrem Auftreten zu erkennen, es ist ihnen zudem oft nicht bewusst was diese Emotionen

verursachte. Stattdessen haben sie ein eher globales Empfinden, dass sich etwas in ihrem Körper verändert. Somit nehmen sie Herzklopfen, schwitzige Hände, Schweißausbrüche, Erröten, Atemnot und Zittern wahr, können jedoch diesen physiologischen Symptomen, keinen emotionalen Zustand zuordnen (Thompson, 2007). Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass alexithyme Personen, durch ihren Mangel eigene Gefühle zu erkennen, physische Veränderungen verstärkt wahrnehmen, Symptome fokussieren und aus diesem Grund auch besonders zu psychosomatischen und besonders somatoformen Störungen neigen (Thompson, 2007). Weiterhin fallen bei Betroffenen eine verminderte Phantasieneigung sowie ein external orientierter Denkstil auf (Müller, 2003). Die wichtigste Funktion der Fantasie ist die Fähigkeit sich vorzustellen wie eigene Wünsche und Bedürfnisse aussehen und wie diese am besten erfüllt werden können. Zudem besteht eine weitere wichtige Funktion in der Fähigkeit sich in andere hineinversetzen zu können, also empathisch zu sein. Betroffene entwickeln häufig die Fähigkeit zum kontrollierten Vorstellen, dass heißt sie wenden die eigene Vorstellungskraft bewusst für praktische Zwecke an. Jedoch ist ein spontanes Vorstellen oft nur defizitär ausgeprägt (Thompson, 2007). Dies könnte dafür sprechen, dass alexithyme Personen Angst vor Kontrollverlust über ihre Gefühle haben, weshalb sie die spontanen Phantasieneigungen unterdrücken. Außerdem können sie beim kontrollierten Vorstellen die Gedanken selbst wählen, so dass keine affektiven oder instinktiven Repräsentationen enthalten sein müssen und damit weniger bedrohlich wirken. Insgesamt betrachtet ist ihnen also ein kontrolliertes Vorstellen möglich, aber nicht eine spontane emotionale Ausdrucksweise sowie die Wahrnehmung und das Bewusstsein eigener Gefühle.

Wie oben angesprochen fehlt Betroffenen die Fähigkeit sich in einer emotionalen Welt orientieren zu können, weshalb sie gezwungen sind sich in bestimmten eng gesteckten Bereichen, in denen sie über genügend Kompetenz verfügen, zu bewegen. Da sie über eine hohe Anpassung an die physische Welt der externen Dinge verfügen, ist meist dies ihr Lebensbereich.

Verschiedene Forscher, wie Marty, de M’Uzan, Sifneos und Nemiah untersuchten in ihren Studien den charakteristischen kognitiven Denkstil psychosomatischer Personen und fanden eine Präferenz für einen externalen Denkstil und eine verminderte Phantasieneigung bei Betroffenen (Thompson, 2007). Krystal fand diese Merkmale jedoch auch bei Personen mit posttraumatischen Belastungsstörungen (Krystal, 1988).

2.1.1 Historische Entwicklung

Unabhängig von einander entdeckten in den 60er Jahren sowohl französische als auch amerikanische Wissenschaftler spezifische Merkmale psychosomatischer Patienten. Diese Eigenschaften kennzeichneten sich durch eine eingeschränkte Affektwahrnehmung, Fantasiearmut und eine gestörte Verbalisierung emotionaler Inhalte und wurden von Seiten der französischen Arbeitsgruppe als „operatives Denken“ (pensée operatoire) und von den amerikanischen Autoren als „Alexithymie“ bezeichnet. (Ahrens, 1987). Noch sehr viel früher, bereits 1924, sprach Ferenczi von einem fantasielosen Menschentypos. Ihm fiel auf, dass die meisten psychosomatischen Patienten von affektgeladenen Ereignissen sprachen, ohne jedoch emotionale Reaktionen zu zeigen (von Rad, 1983, zit. nach Schäfer, 2003). Neben Zilboorg (1933), der alexithyme Merkmale als ein Dissoziationsphänomen betrachtete, stellte Fenichel (1945) die Theorie auf, dass ein starker Abwehrvorgang das Wahrnehmen emotionaler Prozesse verhindert. Diese Unfähigkeit Gefühle zu erfassen und auszudrücken führe zu körperlichen Erregungen und letztendlich zu Organschäden (von Rad, 1983; Mitscherlich, 1967, beides zit. nach Schäfer, 2003).

Um 1948 sprach Ruesch von auffallenden Eigenschaften bei psychosomatischen Patienten hinsichtlich ihrer Persönlichkeitsstruktur und ihres Sozialverhaltens, welche auf ein primitives Strukturniveau hinwiesen. In diesem Zusammenhang entdeckte er die „infantile Persönlichkeit“, die sich besonders durch Abhängigkeit und unreife Formen der Konfliktbewältigung kennzeichnet. Nach Ruesch (1948) käme es bei diesen Patienten zu einem Entwicklungsstopp, welcher mit einer herabgesetzten Fähigkeit des symbolischen Selbst-Ausdruckes einhergeht. Folge dieses Defizites sei, dass affektive Spannungszustände durch körperliche Veränderungen in Form eines Symptomes ausgedrückt werden (Ahrens, 1987). Des Weiteren führte Ruesch (1948) an, dass es zu einer erheblichen Störung kommen kann, wenn das Imitationsverhalten, welches für ein Kind nützlich ist, auch im Erwachsenenalter fortbesteht. Durch die hierbei entwickelten fremden Verhaltensmuster können individuelle Gefühle nicht mehr wahrgenommen werden (Ahrens, 1987).

„Diese infantilen Persönlichkeiten seien permanent auf Führung und Unterstützung durch andere angewiesen, könnten also nur in engster Symbiose mit anderen Menschen existieren, da sie keine Identität in sich selbst besäßen“ (zit. nach Ahrens, 1987, S. 203). Wie bereits erwähnt binden sich alexithyme Personen eng an einen Partner um sich in der Welt zu orientieren. Erstaunlicherweise sprach Ruesch bereits 1948 von diesem Merkmal, welches wir heutzutage als eine Eigenschaft der Alexithymie betrachten. Ferner bezieht sich auch MacLean (1949, 1977) auf die Theorien von Ruesch, der ebenso auf die Unfähigkeit Gefühle zu verbalisieren, bei psychosomatischen Patienten hinweist (Nemiah, 1996). Nach diesen ersten Ansätzen wird deutlich, dass hierbei ausschließlich der psychosomatische gestörte Patient betrachtet wird. Warum fanden die Forscher zu jener Zeit nicht ähnliche Eigenschaften bei depressiven oder persönlichkeitsgestörten Patienten? Anzunehmen ist, dass psychiatrische Patienten deutlich auffälligere Symptome aufweisen, die die alexithymen Merkmale überdeckten. Dies ist auch ein Erklärungsansatz, warum alexithyme Charakteristiken bis heute noch weitgehend unerforscht blieben. Sind also Menschen die unter dieser Besonderheit leiden auf den ersten Blick zu normal und angepasst um das Interesse der Forscher zu wecken?

Zur Entstehungszeit der Alexithymie herrschten überwiegend psychoanalytische Modelle vor. Die Möglichkeit, Alexithymie als ein erlerntes Verhalten zu betrachten, sozusagen als Löschung von Gefühlsäußerungen, wurde zu dieser Zeit nur wenig berücksichtigt. Vielmehr verstand man alexithyme Verhaltensweisen, die Nemiah und Sifneos in Interviews mit psychosomatischen Patienten (Ahrens, 1987) beobachteten, als Abwehrmechanismus. Die Theorie, der Abwehr von Gefühlen aufgrund besonderer Ereignisse konzipierte Freyberger (1976) in seiner Arbeit zur primären und sekundären Alexithymie. Im Rahmen dieser Auseinandersetzung, stellte er fest, dass psychosomatische Patienten Gefühlsausbrüche wie starkes Weinen und Wutanfälle zeigen, dabei jedoch nicht in der Lage waren, die gegenwärtigen Gefühle zu benennen und ihre Ursachen zu erkennen (Ahrens, 1987). In diesem historischen Rückblick sei die französische Schule nicht zu vergessen. De M´Uzan und Marty führten 1963 den Begriff „pensée operatoire“ ein (Ahrens, 1987). Damit bezeichnen sie einen fantasiearmen und operativen Denkstil psychosomatischer Patienten. Marty und de M´Uzan entdeckten diese Verhaltensweisen ebenfalls in Interviewsituationen, bei denen ihnen auffiel, dass ihre Patienten über kein emotionales Erleben verfügten, ihre Eindrücke gefühlslos schilderten und dabei reserviert wirkten (Salminen, Saarijärvi & Äärelä, 1995). Ferner wurde in den Gesprächssituationen deutlich, dass psychosomatische Patienten ihren Therapeuten während der Unterhaltung kein emotionales Interesse entgegen brachten und ihn einzig auf seine Funktion beschränkten. In diesem Zusammenhang prägte De M`Uzan (1977) den Begriff „rélation blanche“ (dt. Beziehungsleere) (Ahrens, 1987). Diese Beziehungsleere ist ein Kennzeichen der Gesprächssituation mit psychosomatischen Patienten und äußert sich durch eine fehlende emotionale Anregung, Langeweile und Desinteresse auf Seiten des Therapeuten. Des Weiteren fiel ihnen auf, dass diese Patienten im Therapeuten ein Eigenes-Ich sahen, das ihnen in allen Eigenschaften gleich ist (Kupfer et al., 2001, dt. Fassung). Hierbei sprechen de M´Uzan (1974) und Marty (1977) von der „projektiven Reduplikation“, ein Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomen im psychoanalytischen Setting (Ahrens, 1987). Schlussfolgernd darf bei dem Konstrukt der Alexithymie auch die Geschichte der psychosomatischen Medizin nicht unberücksichtigt bleiben. Hierbei seien vor allem das Konversionsmodell von Freud (1941), die Theorie krankheitsspezifischer psychodynamischer Konflikte von Alexander (1951), das Konzept der zweiphasigen Verdrängung nach Mitscherlich (1953/1954) und die Theorie der De- und Resomatisierung von Schur (1955) zu erwähnen (vgl. Benedetti, 1980). Diese psychoanalytisch orientierten Theorien und Modelle sind jedoch unzureichend um alexithyme Verhaltensweisen hinreichend zu erklären. So besagt beispielsweise das Konzept der zweiphasigen Verdrängung nach Mitscherlich (1953/1954), dass eine Person mit gravierenden unbewältigten Konflikten die Möglichkeit besitzt, auf somatische Erkrankungen auszuweichen. Die organische Symptombildung ist in diesem Fall ein Lösungsversuch, um schwerwiegende Konflikte abzuwehren (Klußmann, 1998). In dieser Theorie werden zwar die Ursachen psychosomatischer Erkrankungen diskutiert und beschrieben, aber die Entstehung und der Einfluss alexithymer Merkmale bei psychosomatischen Patienten bleibt bei den oben erwähnten Ansätzen weitestgehend unberücksichtigt. Somit kann bis heute nicht geklärt werden, ob die Alexithymie zur Ausbildung und Förderung psychosomatischer Erkrankungen beiträgt oder ob psychosomatische Störungen die Entstehung alexithymer Merkmale fördern. Psychosomatische Erklärungsansätze stoßen hierbei an ihre Grenzen und können die Alexithymie nicht hinreichend erklären. Gerade auf diesem Gebiet besteht noch ein großer Forschungsbedarf.

2.1.2 Primäre und Sekundäre Alexithymie

Die Unterscheidung zwischen primärer und sekundärer Alexithymie wurde erstmals Mitte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts vorgestellt (Thompson, 2007). Grund war eine Unterscheidung zwischen einem vorübergehenden und einem dauerhaften Alexithymiestatus zu ermöglichen. Die primäre Alexithymie bezieht sich auf einen dauerhaften Zustand, der sich im Laufe der Zeit oder bei veränderten Gegebenheiten nur wenig ändert (Thompson, 2007). Die sekundäre Alexithymie hat ihren Ursprung in der Reaktion auf ein schweres emotionales Trauma, infolgedessen die betroffene Person ihre Gefühlsrepräsentanzen unterdrückt, als eine Art Abwehr vor weiteren Traumata (Thompson, 2007). Jedoch konnte in verschiedenen Studien diese Form der Alexithymie auch bei Menschen mit Panikstörungen oder sozialer Phobie nachgewiesen werden (Conrad, Schilling, Hagemann, Haidl & Liedtke, 2003). Die Annahme alexithymer Merkmale als primitiver Abwehrmechanismus von negativen Affekten, konnte ebenfalls in verschiedenen empirischen Studien bestätigt werden (Conrad et al., 2003). Einige Forscher sind der Meinung, dass eine schwere Erkrankung zu einer Einbuße an Lebensqualität führt, was wiederum mit alexithymen Reaktionsmustern einhergehen kann. Conrad et al. (2003) konnten in ihrer Untersuchung an 88 infertilen Männern diese Hypothese untermauern, indem sie signifikant erhöhte Alexithymiewerte wie auch Somatisierungswerte im Vergleich zu einer Normstichprobe fanden.

Freyberger (1977) entdeckte alexithyme Merkmale bei Patienten mit vordergründig organischen Erkrankungen, vor allem bei Menschen mit Krebsleiden, bei Dialysepatienten sowie bei Transplantationspatienten.

Diese Form der Alexithymie bezeichnete Freyberger als die sekundäre Alexithymie, welche er jedoch wiederum in ein akutes und ein chronisches Stadium differenzierte. Personen, die vorübergehend unter einem lebensbedrohlichen Zustand leiden, gehören zur Gruppe der akuten sekundären Alexithymie. Hierbei wird davon ausgegangen, dass diese Charakteristiken temporär aufträten und bei Abklingen der Erkrankung verschwänden. Im Gegensatz dazu leiden Patienten in einem chronisch sekundären alexithymen Stadium, unter dauerhaften Erkrankungen wie Diabetes, Multipler Sklerose, rheumatoider Arthritis oder Asthma, bei welchen alexithyme Merkmale kontinuierlich auftreten (Freyberger, 1977). Diese Eigenschaft, Gefühle zu blockieren, kann als ein Schutzfaktor verstanden werden, der von Patienten mit auffälligen Beschwerden oder bedrohlichen Erkrankungen aufgebaut wird. Im Unterschied zur sekundären Alexithymie, spricht Freyberger (1977) bei der primären Alexithymie von einem Dispositionsfaktor, der für den Ausbruch und Verlauf körperlicher Erkrankungen entscheidenden Einfluss hat. Für eine gewisse Vererblichkeit des Merkmals primärer Alexithymie, führen Heiberg und Heiberg (1977) Zwillingsstudien an, die ein angeborenes Merkmal alexithymer Eigenschaften aufwiesen (Freyberger, 1977).

2.1.3 Zum aktuellen Stand der Alexithymieforschung

„Obwohl im angloamerikanischen Sprachraum eine lebhafte wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Konzept der Alexithymie stattfindet, ist im deutschen Sprachraum davon nur wenig zu spüren“ (Gündel et. al., 2000). Gerade deshalb sollen deutsche Wissenschaftler wie Gündel, Ceballos-Baumann, Rad, Simson und Kupfer, welche sich hierzulande um die Erforschung des Alexithymiekonzepts bemühen, hier Erwähnung finden. Auf dem Gebiet der neurobiologischen Erklärungsmodelle ist es vor allem Gündel, der das aktuelle Forschungsgeschehen beeinflusst.

Die aktuelle Alexithymieforschung setzt sich mit der Frage auseinander, ob alexithyme Verhaltensweisen auf die Entstehung und den Verlauf körperlicher Erkrankungen einen

entscheidenden Einfluss haben könnten. Hierzu liefert uns das Dysregulationsmodell einen ersten Erklärungsansatz. Ausgehend davon, dass das menschliche ZNS mit der Außenwelt interagiert und der menschliche Organismus aus verschiedenen Subsystemen besteht, die sich gegenseitig regulieren und beeinflussen, können nicht wahrgenommene Affekte (z. B. Störung des affektregulierenden Subsystems) zu einer Veränderung physiologischer Reaktionen führen, aus denen letztendlich, durch die Beeinflussung weitere Subsysteme, körperliche Symptomen und somit organischen Beeinträchtigungen resultieren (Gündel et. al., 2000). In einer Untersuchung von Todarello et. al (1994) konnte gezeigt werden, dass alexithyme Frauen gegenüber nichtalexithymen Frauen vermehrt zu zervikaler Dysplasie und Immunschwäche neigen. Dennoch existieren nur wenige aktuelle Untersuchungen, die eine Korrelation zwischen alexithymen Merkmale und somatischen Veränderungen nachweisen konnten. Entgegen dieser Annahmen gibt es Studien die eine Beziehung von Alexithymie und organischen Erkrankungen anzweifeln. Hierzu sei die Arbeit von Cohen et al. (1994) zu erwähnen, in der eine hohe Ausprägung alexithymer Verhaltensweisen bei Patienten mit Somatisierungsstörungen nachgewiesen wurde. Diese Ausprägung konnte jedoch in dem Maße nicht bei Patienten mit rein klassischen psychosomatischen Erkrankungen gefunden werden. Auf diesem Gebiet besteht weiterhin ein enormer Forschungsbedarf. Ein weiterer Diskussionspunkt hinsichtlich der Alexithymieforschung bezieht sich auf die Entwicklung eines validen Messinstruments. Die in der Vergangenheit bereits eingesetzten Verfahren, wie der BIQ, SSPS, TAT und Rohrschach sind inakzeptable und nicht ausreichend valide Testverfahren um alexithyme Merkmale zu messen (Gündel et. al., 2000). Im Gegenzug erwies sich die TAS (Kupfer et al., 2001) als geeignetes Selbstbeurteilungsverfahren. Nach mehrmaliger Revidierung wurde die TAS (Kupfer et al., 2001) erfolgreich in vielen Studien angewandt. Einige Kritikpunkte bestehen dennoch hinsichtlich der Normwerte und der Interpretationsobjektivität. So liegen für den deutschen Sprachraum ausschließlich Normwerte bezüglich des Schulabschlusses für die alten Bundesländer vor. Nicht nur die Schwierigkeit beim Verständnis der Fragen durch doppelte Verneinung hindert Probanden beim Beantworten der Fragen, auch müssen Personen über etwas urteilen, dessen sie sich voraussichtlich nicht einmal bewusst sind. Somit ist eine Verbesserung der Messinstrumente zur Erfassung alexithymer Merkmale dringend erforderlich. Zukünftige Forschungsschwerpunkte sollten sich vor allem auf neurobiologische Ursachen der Alexithymieausprägung, Korrelationen zwischen alexithymieverwandten Konstrukten, wie emotionaler Intelligenz und der Therapierbarkeit von Alexithymie, beziehen.

2.1.4 Kritik am Alexithymie-Konzept

Obwohl Einigkeit über die klinischen Facetten sowie die Definition des Alexithymiekonstruktes herrscht, wird weiterhin eine Kontroverse geführt, ob es sich bei dem Phänomen um ein stabiles Persönlichkeitsmerkmal, eine sekundäre psychologische Reaktion auf ein stressreiches Erlebnis, wie beispielsweise eine schwere Erkrankung, oder um einen Abwehrmechanismus handelt (Ahrens et al., 1986; zit. nach Taylor, Bagby & Parker, 1997). Verschiedene Studienergebnisse sprechen jedoch für die Annahme, Alexithymie als ein stabiles Persönlichkeitsmerkmal anzusehen (u.a. Honkalampi, Koivumaa-Honkanen, Tanskanen, Hintikka, Lehtonen & Viinamäki, 2001). Obwohl viele verschiedene Erklärungsansätze zur Entstehung der Alexithymie existieren, sind diese bisher nur als unzureichend zu bewerten um der Komplexität des Konstruktes gerecht zu werden.

Weiterhin ist die Diagnose „Alexithymie“ vom Gesprächspartner abhängig, da sie im interpersonalen Kontakt gestellt wird (Gerhards, 1988). Betrachtet man beispielsweise die Besonderheiten des Settings und der Therapiesitzungen psychoanalytisch orientierter Psychologen, könnte man zur Ansicht gelangen, dass der Therapeut für alexithyme Reaktionen verantwortlich ist, da die Interviewform in einem solchen Rahmen meist stark ausfragend, suggestiv und belehrend anstatt teilnehmend ist (Kupfer et al., 2001, dt. Fassung). Außerdem trifft ein emotional weniger gebildeter Patient auf einen Therapeuten, welcher sich während seiner gesamten Ausbildung stark auf eigene Gefühle und Empfindungen konzentrieren lernte und die Fähigkeit besitzt sich emotional auszudrücken. Somit ist es sehr wahrscheinliche, dass ein Therapeut seinen Patienten als alexithym wahrnimmt. Verfolgt man diese Betrachtung weiter, wird auch verständlich weshalb einige Forscher die Ansicht vertreten, das Phänomen der Alexithymie würde nicht als eigenständiges Konstrukt existieren, sondern sei nur eine Erscheinung im psychoanalytischen Therapieprozess (u. a. Reisch, 1994).

Einen weiteren Kritikpunkt umfasst die Form der Erfassungsdiagnostik von Alexithymie, welche meist anhand von Selbstbeurteilungsfragebögen stattfindet. Jedoch ist unklar inwieweit alexithyme Personen in der Lage sind eigene Gefühle einschätzen zu könne, da genau das Defizit in diesem Punkt ihre Erkrankung ausmacht.

2.2 Entstehungsmodelle der Alexithymie

Obwohl die Diskussion über die Ätiologie alexithymer Merkmale derzeit kontrovers geführt wird, entwickelten sich eigenständige Theorien und Ansätze, welche die Alexithymie hinreichend zu begründen versuchen. Diese Erklärungsversuche reichen von neurobiologischen, entwicklungspsychologischen/psychodynamischen und kognitionspsychologischen Annahmen bis hin zu verhaltenstheoretischen Ansätzen. Grundsätzlich schließen sich diese Theorien nicht gegenseitig aus, sondern können durchaus im Sinne von unterschiedlichen Betrachtungsebenen des gleichen Phänomens verstanden werden. Die einzelnen Ansätze widersprechen sich jedoch teilweise und können, trotz intensivster Forschungsbemühungen, bisher nicht als bewiesen angesehen werden.

2.2.1 Neurobiologische Ursachen der Alexithymie

Bei dem neurobiologischen Feld handelt es sich um den derzeit am meisten beforschten Bereich, um mögliche Ursachen der Alexithymie aufzudecken. Schon in den 70er Jahren vermutete Nemiah (1977), dass der Alexithymie neurobiologische Motive zugrunde liegen würden. Seither wird besonders dieser Ansatz erforscht und näher beleuchtet.

Gegenwärtig gibt es zwei verschiedene Modelle der neurophysiologischen Dysfunktion zur Erklärung der Alexithymie (Thompson, 2007). Zum einen existiert das limbische-neokortikale Modell, welches auch als vertikales Modell bezeichnet wird. Hier wird eine gestörte Verbindung zwischen dem Neocortex und dem limbischen System vermutet. Die Bereiche im limbischen System, die für die emotionalen Reaktionen zuständig sind, teilen nach Meinung der Forscher, ihre Informationen nicht auf normale Weise mit den höheren kognitiven Zentren des Neocortexes.

Zum anderen wurde das interhemisphärische Modell oder auch horizontales Modell entwickelt, welches sich auf den Kommunikationsprozess zwischen den zwei zerebralen Hemisphären bezieht. Forscher gehen davon aus, dass eine gestörte Kommunikation zwischen den Hemisphären zu alexithymen Charakteristiken führt (Thompson, 2007). In diesem Sinne können Betroffene mit einer sogenannten postulierten kallosalen Transferstörung, emotionale Reaktionen nicht bewusst wahrnehmen und diese verbal ausdrücken. Zwar können Betroffene körperliche Begleitreaktionen ihres emotionalen Erlebens verstärkt bemerken, diese jedoch nicht dem dazugehörigen Gefühl (z.B Angst, Wut, Trauer) zuordnen. Durch diesen dysfunktionalen Austausch der Informationen von rechter nach linker Hemisphäre, nimmt die rechte Hirnhälfte, welche für gestalthafte Wahrnehmung und Wiedererkennung emotionaler Reize verantwortlich ist, die Information (z.B. schwitzige Hände, Herzklopfen) wahr. Diese können aber aufgrund der Transferstörung in der linken Hemisphäre, welche für die Fähigkeit der Verbalisierung emotionaler Inhalte verantwortlich ist, nicht erkannt und somit nicht verarbeitet und verbalisiert werden (Gündel et al. 2000). Ebenfalls wurde bei Split-Brain-Patienten nachgewiesen, dass sie in ihrer Fähigkeit zu Träumen und Fantasieren starke Einschränkungen zeigen. Mit Hilfe psychologischer Testverfahren konnte bestätigt werden, dass Split-Brain-Patienten hochgradige alexithyme Eigenschaften aufweisen (Hoppe, 1978, 1989). Diese Ergebnisse unterstützend, wiesen Zeitlen, Lane, O´Leary und Schrift (1989) in ihren Studien nach, dass alexithyme Kriegsveteranen ein Defizit im interhemisphärischen Austausch aufwiesen, wohingegen nicht-alexithyme Kriegsveteranen und eine nicht-alexithyme Kontrollgruppe, dies nicht zeigten (Hoppe, 1989). Wie die Befunde beweisen, kann Alexithymie als eine unterbrochene Verbindung zwischen beiden Hemisphären verstanden werden (Hoppe, 1989).

Diese Erklärungsansätze sollten jedoch nicht als universell gültig angesehen werden, sondern stellen eher einen möglichen Ansatzpunkt dar, um Alexithymie besser verstehen zu können. Zudem fanden Berenbaum und Prince (1994) in ihrer Untersuchung an 137 Collegestudenten heraus, dass erhöhte Alexithymiewerte im Zusammenhang stehen mit einer reduzierten Aktivität der rechten Hemisphäre.

2.2.2 Psychologische Ursachen der Alexithymie

Je nach theoretischer Ausrichtung des Psychologen, gibt es auch verschiedene psychologische Erklärungsansätze zur Entstehung der Alexithymie. Die wichtigsten Ansätze sollen nun im Folgenden näher vorgestellt werden.

2.2.2.1 Psychoanalytischer Ansatz

Zur Zeit der ersten Überlegungen zum Konstrukt der Alexithymie und der Feststellung der Gefühlsblindheit bei psychosomatischen Patienten, (Ferenczi, 1924; Sifneos, 1973) herrschten überwiegend psychoanalytische Theorien vor. Aufgrund von Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen wurde Alexithymie in Interviewsituationen entdeckt und kann somit dem Konzept der klinischen Psychoanalyse zugeordnet werden (Kupfer et al ., 2001, dt. Fassung; S.5). Aus diesem psychoanalytischen Ansatz entwickelten sich verschiedenste Sichtweisen, um das Phänomen Alexithymie zu erklären. Zum einen wird die Alexithymie als ein intrapsychischer Abwehrvorgang verstanden (Gündel, 2002), dass heißt als Abwehr eines inneren Konfliktes. Laut Gündel (2002) entsteht dieser Abwehrvorgang trotz bereits entwickelter Feinfühligkeit für affektive Zustände, aufgrund eines traumatischen Erlebnisses. Ein Mensch kann somit in konfliktreichen Situationen den Zugang zu seinen emotionalen Empfindungen und Erlebensweisen blockieren (Gündel, 2002). Dieser Verleugnungsprozess der eigenen Emotionalität ist ein Mechanismus, der zur Stabilisierung des Befindens einer Person beiträgt (Gündel, 2002). Eine ähnliche Betrachtungsweise konzipierte Freyberger (1977). Er entdeckte alexithyme Verhaltensweisen bei Patienten, die unter einer existenziell bedrohlichen Erkrankung litten (Krüger, 2000). Jene Verhaltensweisen verstand er als einen Verleugnungsprozess, der auf Grund einer schweren Bedrohung der eigenen Person entstanden sei und bezeichnete diesen als sekundäre Alexithymie (Krüger, 2000). Eine weitere Ursache der Alexithymie lässt sich mit Hilfe psychoanalytisch orientierter entwicklungspsychologischer Ansätze erklären. In diesem Sinne entsteht Alexithymie aufgrund einer Störung der Mutter-Kind-Beziehung (Gündel, 2002). Demnach verhindert eine nicht einfühlsame und sich nicht adäquat verhaltende Mutter die Ausbildung emotionaler Empfindungen bei ihrem Kind. Einen Ansatz liefern hierzu Gergely und Watson (1996) mit ihrer „sozialen Biofeedbacktheorie“ (Gündel, 2002). Um ein eigenes Repräsentationssystem aufbauen zu können und somit Zugang zu eigenen Gefühlen zu erhalten sowie die Fähigkeit zu entwickeln, zwischen eigenen und fremden Emotionen zu differenzieren, benötigt es eine einfühlsame Mutter, die die Affekte des Kindes aufnehmen und beantworten kann (Gündel, 2002). Das Kind lernt durch die empathische Mutter eigene Affekte wahrzunehmen, zu regulieren und die vorherrschenden diffusen Zustände zu ordnen (Gündel, 2002). Demnach gibt die engste Bezugsperson die affektiven Zustände im Kind zurück.

„Gerade da die Reaktion der Mutter klar vom initialen Ausdrucksverhalten des Kleinkindes unterscheidbar ist, entwickelt das Kleinkind idealerweise sukzessive eine sekundäre, symbolische Repräsentation der eigenen emotionalen Zustände“ („Metalisierung“)“ (zit. nach Gündel, 2002; S. 480).

Erst durch diese Ausbildung eines eigenen Repräsentationssystems ist eine Person fähig, eigene Affekte wahrzunehmen, sich in andere Menschen einzufühlen und auf eigene Erfahrungen zurückzugreifen. Es ist anzunehmen, dass durch das Ausbleiben dieses Entwicklungsprozesses, zum Beispiel aufgrund eines Verlustes der engsten Bezugsperson, das Kind deutliche Defizite im Bereich der Wahrnehmung sowie die Unfähigkeit zum Fantasieren ausbilden könnte. Letztendlich hat eine Störung in der Mutter-Kind-Interaktion bedeutsamen Einfluss für die Entwicklung alexithymer Merkmale (Gündel, 2002).

2.2.2.2 Kognitionspsychologischer Ansatz

Der kognitionspsychologische Ansatz geht ähnlich wie die psychodynamischen Ätiologievorstellungen als Grundlage alexithymer Verhaltensmerkmale von einem Entwicklungsdefizit aus (Lane, Sechrest & Riedel, 1998). Nach Lane und Schwartz wird zur Verbalisierung und Wahrnehmung eigener Gefühlen eine entsprechend ausgebildete Fähigkeit oder kognitive Struktur benötigt. Diese Struktur entwickelt sich nach Ansicht der beiden Wissenschaftler innerhalb eines hierarchischen Entwicklungsprozesses. In aufsteigender Rangfolge unterscheiden Lane und Schwartz dabei folgende Stufen (Lane et al., 1987 zit. nach Müller, 2003):

1. physische Empfindungen
2. Handlungstendenzen
3. einzelne distinkte Emotionen
4. gemischte Emotionen
5. kombinierte gemischte emotionale Erfahrung

Diese fünf Stufen der emotionalen Bewusstheit (levels of emotional awareness) sind dabei durch ein ansteigendes kognitives Schemata gekennzeichnet, welches wiederum notwendig ist zum exakten Interpretieren emotional qualifizierter Informationen (Müller, 2003). Dabei spielt es keine Rolle, ob die Information der äußeren oder inneren Erlebniswelt des Individuums zugehörig ist. Höhere Stufen der emotionalen Bewusstheit sind demnach durch eine stärkere Fähigkeit gekennzeichnet, emotionale Erfahrungen des Selbst und des Andern in ihrer gesamten dynamischen Komplexität differenziert wahrzunehmen und zu verarbeiten (Müller, 2003). Die Entwicklung dieser kognitiven Schemata läuft dabei grundsätzlich über ähnliche Mechanismen (Akkomodation und Assimilation) ab, wie in der Entwicklungstheorie von Piaget. Bei Alexithymen wären demnach diese kognitiven Schemata nur unzureichend entwickelt. Folglich würden Alexithyme entwicklungspsychologisch auf einer niedrigen Stufe des LEA- Modells (levels of emotional awareness) klassifiziert.

2.3 Klinische Bedeutsamkeit von Alexithymie

Zwischen Alexithymie und anderen psychischen Störungen sind teilweise starke konzeptuelle Überlappungen zu beobachten, die im Folgenden näher beleuchtet werden sollen.

Betrachten wir aktuelle Studien so besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen Alexithymie und Essstörungen (Bourke et al., 1992), Somatoformen Störungen (Bach & Bach, 1996), Zwangsstörungen (Grabe, Ruhrmann, Ettelt, Müller, Buhtz, Hochrein, Schulze-Rauschenbach, Meyer, Kraft, Reck, Pukrop, Klosterkötter, Falkai, Maier, Wagner, John & Freyberger, 2005), Depressionen und Persönlichkeitsstörungen (Modestin, Furrer & Malti, 2004). Aus diesen Studien geht hervor, dass Alexithymie als eine Eigenschaft im Kontext unterschiedlicher Störungen betrachtet werden kann und in diesem Zusammenhang schon längst nicht mehr von einem rein psychosomatischen Phänomen gesprochen werden sollte.

2.3.1 Alexithymie bei psychosomatischen Patienten

Gegenwärtige Forschungen weisen darauf hin, dass Personen mit einem hohen Alexihymie-Wert, stressige Lebenssituationen nur schlecht emotional verarbeiten und bewältigen können, da ihnen Selbstregulationsmethoden, wie beispielsweise Selbstberuhigung fehlen (Thompson, 2007). Dies heißt jedoch nicht, dass alle psychosomatisch Erkrankte automatisch auch an Alexithymie leiden. Die meisten Untersuchungen zu psychosomatischen Erkrankungen und Alexithymie fokussierten überwiegend auf die rein klassischen psychosomatischen Erkrankungen, wie Hypertonie, Magen- und Darmbeschwerden, Neurodermitis, chronischen Gelenkrheumatismus, Asthma und Schilddrüsenüberfunktion (Shipko, 1982). In diesem Zusammenhang fand man, dass Alexithymie bei einigen, jedoch nicht allen der untersuchten psychosomatischen Patienten auftrat. Worin liegt hierfür die Ursache? Denkbar wäre, die Alexithymie als ein Persönlichkeitskonstrukt zu betrachten, dass in Verbindung mit psychosomatischen Erkrankungen auftritt oder durch diese verursacht wird. Charakteristiken wie emotionale Labilität, Introvertiertheit, Gesundheitssorgen und körperliche Beschwerden könnten ein Prädiktor für psychosomatische Störungen sein und somit die Ausbildung und das Auftreten von Alexithymie fördern. Gibt es also Persönlichkeitseigenschaften oder spezielle Erkrankungen, die das Auftreten von Alexithymie begünstigen? Im Folgenden sollen nun zwei psychosomatischen Erkrankungen, welche hohe Prävalenzraten von Alexithymie aufweisen, näher diskutiert werden.

2.3.1.1 Alexithymie und somatoforme Störungen

Ausgehend von der Hypothese, Alexithymie sei bei Patienten mit einer somatoformen Störung häufiger zu finden, als bei Patienten mit klassischen psychosomatischen Erkrankungen, führte Shipko 1982 eine Untersuchung zur Ausprägung der Alexithymie in diesen beiden Gruppen sowie in einer Kontrollgruppe durch. Trotz geringer Reliabilität wurde zur Identifizierung des Merkmales Alexithymie die Schalling-Sifneos Personality Scale (Sifneos, 1986) eingesetzt. Die Ausgangshypothese bestätigend, wiesen die Ergebnisse auf einen signifikanten Unterschied in den untersuchten Patientengruppen hin. Patienten mit somatoformen Störungen und Patienten mit klassischen psychosomatischen Erkrankungen unterschieden sich deutlich. 50% der Patienten mit somatoformen Störungen wiesen das Merkmal Alexithymie auf, wohingegen keine Person der Kategorie der klassischen psychosomatischen Erkrankungen diese Besonderheit zeigte. Vergleicht man die Ergebnisse der Patienten mit psychosomatischen Symptomen mit denen der Kontrollgruppe so ergaben sich analoge Werte. Beide dieser Untersuchungsgruppen lagen im Normbereich und zeigten somit unauffällige Werte. Aus den Ergebnissen geht deutlich hervor, dass Alexithymie ein Merkmal somatoformer Störungen ist. Demzufolge korrelieren somatoforme Störungen häufiger mit Alexithymie als klassische psychosomatische Erkrankungen (Shipko, 1982). Es sei jedoch zu erwähnen, dass die geringe Reliabilität der Messmethode zu einer Verfälschung der Studie beigetragen haben könnte. In einer weiteren Arbeit (Cox, Kuch, Parker, Shulman & Evans, 1994) wurden 55 Patienten, welche einen Autounfall überlebt hatten und infolgedessen unter chronischen Schmerzen litten sowie nach DSM-III-R die Kriterien einer somatoformen Schmerzstörung erfüllten, untersucht. Zur Messung der Ausprägung alexithymer Verhaltensweisen wurde hier die TAS-20 (Taylor et al., 1997) eingesetzt. Das Resultat der Untersuchung bestätigte die vorangegangene Studie, da 53% dieser Patienten alexithymes Verhalten zeigten. Ferner wurde herausgefunden, dass sich Alexithyme und Nicht-Alexithyme nicht in ihrem aktuellen Schmerzgrad oder in der Anzahl der Schmerzlokalisationen unterschieden. Deutliche Differenzen bestanden jedoch darin, dass Alexithyme signifikant mehr Wörter benutzten um ihre Schmerzen zu beschreiben, was vermutlich auf einen diffusen Kommunikationsstil zurückzuführen ist (Cox et al., 1994). Im Vergleich zu einer Gruppe mit akut medizinischen Patienten, fanden Forscher bei chronischen Schmerzpatienten ebenfalls eine verminderte Fantasieneigung (Catchlove, 1987 zit. nach Cox, et al., 1994). Auch eine Studie von Bach und Bach (1996) an 40 Patienten mit somatoformen Störungen sowie an 29 Patienten mit einer chronischen somatischen Erkrankung stützt die Hypothese eines vermehrten Auftretens von Alexithymie bei somatoformen Störungen. Ebenfalls fanden diese Forscher heraus, dass die Skala „Somatisierung“ der SCL-90-R (Franke, 2002) als ein signifikanter Prädiktor des TAS-Gesamtscores für Patienten mit somatoformen Störungen angenommen werden kann (Bach & Bach, 1996).

Trotz dieser Resultate kann Alexithymie nicht ausschließlich mit somatoformen Störungen assoziiert werden. Einen Erklärungsansatz für den Zusammenhang zwischen Somatisierungsstörungen und Alexithymie liefern Kaplan und Wogan (Kaplan et. al., 1976-1977, zit. nach Shipko, 1982). Sie vermuten, dass ein physiologischer Mechanismus für die Entstehung von Somatisierungsstörungen bei alexithymen Patienten verantwortlich ist. Somit seien diese Patienten nicht mehr in der Lage die rechte Hirnhälfte, welche für gestalthafte Wahrnehmung verantwortlich ist, zur Verarbeitung schmerzvoller Stimuli einzusetzen. Als Konsequenz entwickeln sie eine übertriebene Wahrnehmung schmerzvoller Reize. Obwohl verschiedene Studien von hohen Prävalenzraten von Alexithymie bei Schmerzpatienten ausgehen, ist bislang noch unklar wie die Alexithymie die Phänomenologie der Schmerzerfahrungen beeinflusst (Cox et al., 1994).

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Ende der Leseprobe aus 85 Seiten

Details

Titel
Eine empirische Untersuchung zur Störungsspezifität der Alexithymie bei psychiatrischen und psychosomatischen Patienten
Hochschule
Hochschule Magdeburg-Stendal; Standort Stendal
Note
1,0
Autoren
Jahr
2007
Seiten
85
Katalognummer
V85669
ISBN (eBook)
9783638906654
Dateigröße
846 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eine, Untersuchung, Störungsspezifität, Alexithymie, Patienten
Arbeit zitieren
Dipl. Reha.-Psych.(FH) Monique Orzechowski (Autor)Nicole Mannschatz (Autor), 2007, Eine empirische Untersuchung zur Störungsspezifität der Alexithymie bei psychiatrischen und psychosomatischen Patienten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85669

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