Harro Schulze-Boysen - Erziehung zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000
14 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhalt

I Vorwort

II Von der Kindheit bis zum ersten Weltkrieg
Exkurs I: Versuch der Erklärung moderner Entwicklungen: Von der Gemeinschaft zur Gesellschaft

III Der erste Weltkrieg

IV Die Ereignisse nach der Novemberrevolution

V Umzug nach Duisburg

VI Der Jungdeutsche Orden
Exkurs II: Von der Gesellschaft zur Gemeinschaft?

VII Fazit

Literatur

I Vorwort

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich aus erziehungswissenschaftlichen Aspekten mit den Bedingungen, unter denen Harro Schulze-Boysen (der während des 2. Weltkriegs zusammen mit Arvid Harnack die Widerstandsorganisation Rote Kapelle in Berlin gründete), aufwuchs. In dem Zeitraum von seiner Geburt bis zum Abitur wird exemplarisch dargestellt, wie sehr die damalige Umwelt ein Kind bzw. einen Jugendlichen zu formen vermochte. Viele Beeinflussungsquellen waren institutionell bedingt: Einen großen Einfluß auf Harro Schulze-Boysens Einstellungen hatten beipielsweise die Familie, die Schule und der Jungdeutsche Orden. Diese Institutionen wurden ihrerseits jedoch auf ihre je spezifische Weise von dem Zeitgeist geprägt, der im Wilhelminischen Reich bzw. der Weimarer Republik herrschte, welcher wiederum von geschichtlichen Ereignissen wie z.B. dem ersten Weltkrieg, dem anschließenden Friedensvertrag oder der Ruhrgebietsbesetzung beeinflußt wurde.

Diese Hausarbeit beschäftigt sich also nicht nur mit der biographischen Rekonstruktion des Lebens von Harro Schulze-Boysen, sondern versucht auch die objektiven Lebensbedingungen zu beschreiben, die eben jene Biographie prägten.

Eine Besonderheit der vorliegenden Arbeit sind zwei Exkurse, die sich mit den Themen Gesellschaft und Gemeinschaft befassen. Die Exkurse haben die Funktion einer vertieften sozialwissenschaftlichen Gesellschaftserklärung und können deshalb nicht primär mit dem Leben von Harro Schulze-Boysen verknüpft werden. Die Lektüre der Exkurse kann durchaus getrennt von der restlichen Arbeit vorgenommen werden.

II Von der Kindheit bis zum ersten Weltkrieg

Am 2. September 1909 kam Harro Schulze-Boysen in Kiel als Sohn des Kapitänleutnants Erich Edgar Schulze und dessen Frau Marie-Luise, einer geborenen Boysen, zur Welt. Die Vorfahren des Vaters waren meist preußische Eliten, wie z.B. Richter, Universitätsprofessoren, Pfarrer, Offiziere, Beamte usw. In diese preußische Tradition ordnete sich die Mutter (Tochter eines Rechtsanwalts) ein, indem sie die Werte des Wilhelminischen Deutschland übernahm und dementsprechend ihre Kinder erzog; ihr Mann konnte sich durch den Dienst bei der Marine zunächst relativ wenig um die Erziehung seines Sohnes kümmern. Im Jahre 1913 wurde Erich Edgar Schulze jedoch in das Reichsmarineamt versetzt, weshalb die Familie (zu der nun auch noch Helga Schulze-Boysen gehörte, die 1910 geboren wurde) nach Berlin umziehen mußte.

Harro wuchs ganz im Zeichen einer bürgerlich-preußischen Familien auf: „Die politische Einstellung [...] kann in der Zeit bis zur Novemberrevolution mit konservativ-liberal, kaisertreu und patriotisch umschrieben werden“[1]. Zwar schließen sich normalerweise konservative und liberale Werte einander aus, aufgrund besonderer familiärer Prägungen war dies bei der Familie Schulze-Boysen jedoch nicht der Fall.

Für die humanistische Tradition der Familie stand z.B. Dr. Georg Schulze (Erich Edgars Vater), ein Philologe und Germanist, der bis zum Jahre 1912 das Königliche Französische Gymnasium in Berlin leitete. Dieses Gymnasium galt in dieser Zeit politisch und pädagogisch als liberal und war sehr angesehen in der Bevölkerung. Sowohl Erich Edgar als auch sein Bruder Werner gingen auf das Gymnasium, das ihr Vater leitete; Erich Edgar bestand das Gymnasium mit glänzenden Noten und wurde stark durch seine geistig-humanistische Ausbildung beeinflußt: „Die Geschwister haben den Vater als einen gütigen, geistig vielseitig interessierten [...] Menschen in Erinnerung, der kenntnisreich und verhalten zu argumentieren verstand.“[2] Durch seine umfassende Bildung sprach er fließend englisch und französich und war wegen seiner intellektuellen Fähigkeiten bei der Marine hoch angesehen.

Ein weiterer Vertreter der humanistische Linie der Familie Schulze war Harros Großonkel Ferdinant Tönnies (1855-1936), ein berühmter Soziologe und Philosoph, der von 1909 bis 1916 eine Professur in Kiel hatte. Schon in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts beschäftigte er sich mit dem Verhältnis von Gemeinschaft und Gesellschaft. Durch sein Buch Gemeinschaft und Gesellschaft, das im Jahr 1887 erschien (nähreres siehe Exkurs I), begründete er den akademischen Anspruch des Faches Soziologie und sprach sich gegen soziale Ungleichheiten aus. Tönnies war fast sein ganzes Leben sozialpolitisch aktiv, so verfasste er beispielsweise mehrere Sozialreportagen, setzte sich für Sozialreformen ein und solidarisierte sich mit der Arbeiterbewegung, und das „ in der westeuropäischen Tradition der Aufklärung.“[3]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Exkurs I: Versuch der Erklärung moderner Entwicklungen: Von der Gemeinschaft zur Gesellschaft

In seinem Buch Gemeinschaft und Gesellschaft versucht Ferdinant Tönnies den Übergang von der traditionell-agrarischen Gesellschaftsform zu der modern-bürgerlichen zu beschreiben. Mit dem Begriff Gemeinschaft bezeichnet Tönnies die vorindustrielle Gesellschaft, deren Mitglieder durch gemeinsame Überzeugungen und räumliche Nähe eng miteinander verbunden sind. Die menschlichen Beziehunngen sind noch nicht entfremdet: „Verwandtschafts-, Nachbarschafts- und Freundschaftsbeziehungen, das Handeln der Menschen in der Gemeinschaft, erfolgen aus eigenem, inneren Antrieb und sind noch nicht durch Einflüsse von außen zweckbestimmt.“[4]

Mit dem Begriff der Gesellschaft bezeichnet Tönnies die Industriegesellschaft. In dieser Gesellschaftsform wird das Handeln von außen bestimmt und ist zweckgerichtet; es dient nur noch der Befriedigung von einzelnen Zwecken oder Absichten. In der Großstadt oder der Fabrik ist das Leben und Handeln stark zweckentfremdet, da es auf rationalen Kriterien (dem sogenannten Kürwillen) aufgebaut ist. Anders gesagt handelt das Individuum der Industriegesellschaft nicht mehr instinkthaft oder emotional (was Tönnies als Wesenwillen bezeichnet), sondern berechnet seine Handlungen und zeigt so zweckrationales Kalkül.

Durch den Übergang von der Gemeinschaft zur Gesellschaft, und in Folge davon die zunehmende Verdrängung von Wesenswillen zugunsten des Kürwillens, entstehen massive gesellschaftliche Probleme, die sich z.B. in sozialen Ungleichheiten und zunehmender Entfremdung bemerkbar machen. Durch seine Veröffentlichungen und Sozialforschungen entwirft er ein äußerst kulturpessimistisches Bild seiner Gesellschaft, anderseits versuchte er gesellschaftliche Mißstände durch sein eigenes praktisches Handeln zu bekämpfen: „Soziologie sollte nicht nur Diagnose und Prognose sein, sondern sich auch öffnen für eine sozialreformerische Praxis. Er arbeitet mit im Verein für Socialpolitik und tritt noch 1930 in die SPD ein.“[5]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diametral zu der humanistischen Linie der Familie standen eine ganze Reihe von Offizieren, Militärs und Beamte, die für die konservative und preußisch-gesinnte Tradition verantwortlich sind. Der berühmteste Vertreter dieser Richtung ist Alfred von Tirpitz (1849-1930), der mit Harro eng verbunden war. Nach einer beeindruckenden Karriere (Chef des Stabes des Oberkommandos der deutschen Marine, Staatssekretär des Reichsmarineamtes, schließlich Großadmiral) trieb von Tirpitz den Bau von Großkampfschiffen der Hochseeflotte voran und sorgte so indirekt für den Ausbruch des ersten Weltkriegs.

[...]


[1] Coppi, Hans: Harro Schulze-Boysen - Wege in den Widerstand. Eine biographische Studie. Koblenz: Verlag Dietmar Fölbach 1993, S.21

[2] Coppi 1993, S.21

[3] Kaesler, Dirk (Hrsg.): Klassiker der Soziologie. München: Beck 1999, Bd.1, S.114

[4] Korte, Hermann (Hrsg.): Einführung in die Geschichte der Soziologie. 3.Auflage. Opladen: Leske + Budrich 1995, S.81

[5] Korte 1995, S.85

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Harro Schulze-Boysen - Erziehung zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik
Hochschule
Folkwang Universität der Künste  (Fachbereich Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Seminar: Gedenken u. Erinnerungspolitik. Der Jugendwiderstand im Nationalsozialismus
Note
gut
Autor
Jahr
2000
Seiten
14
Katalognummer
V857
ISBN (eBook)
9783638105446
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Harro, Schulze-Boysen, Erziehung, Kaiserreich, Weimarer, Republik, Seminar, Gedenken, Erinnerungspolitik, Jugendwiderstand, Nationalsozialismus
Arbeit zitieren
Michael Schönfelder (Autor), 2000, Harro Schulze-Boysen - Erziehung zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/857

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