Am Beispiel des Phänomens der religiösen Konversion lässt sich verdeutlichen, wie durch eine identitätsstabilisierende und damit einhergehende kulturzentristische Perspektive, Fremdheitskonstruktionen erzeugt werden. Die religiöse Konversion, die als ein Prozess verstanden wird, durch die eine Person eine neue religiöse Identität annimmt, verdeutlicht die Entstehung eines Fremdheitstypus, weil er die jeweilige Begrenztheit der früheren kulturellen und zivilisatorischen Muster salient werden lässt. Mit der Bezugnahme auf den Prozess der Konversion kann in der hier vorgelegten Analyse somit nicht die Form von Fremdheit herangezogen wer-den, die irgendwie „von außen“ hereinkommt oder „objektiv“ in Erscheinung tritt. Die kulturzentristische Konstruktion des Fremden wird eklatant, wenn Fremdheit sozusagen unmittelbar und mitten aus dem Schoß des Vertrauten und Altbekannten hervorbricht.
Durch den hier beispielhaft skizzierten Religionswechsel zu einer religiösen Minderheit, wie die der Zeugen Jehovas, lässt sich zeigen, wie Menschen die kategoriale Wahrnehmung, entlang einer konfessionellen Grenze, nutzen, um über den Prozess der sozialen Vorurteile und Stereotypenbildungen, Konvertiten mit Fremdheitszuschreibungen zu stigmatisieren. Damit stellt sich auch die Frage, ob unter dem Vorzeichen ambivalent wahrgenommener Interaktionssituationen, wie sie durch die Konversion hervorgerufen werden können, die auch immer implizit eine In-Frage-Stellung bisheriger religiös-kultureller Wertorientierungen andeuten, interkulturelle Verständigung in einer voranschreitenden Modernisierung potentiell möglich ist?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Situation der Zeugen Jehovas in Deutschland Forschungsbeispiele aus der Region Südostbayern
2.1. Methodenreflexion, Transkription, Darstellung und Arbeitsthesen
3. Die Risikogesellschaft und der Modernisierungsprozess
3.1. Definition und Kritik des Individualisierungsbegriffs
3.2. Die fabrizierte Unsicherheit
3.3. Freisetzung fester Gewissheiten und normativer Grundsätze
3.4. Zwänge, Bindungen, Kontrollen
3.5. Psychische, soziale und materielle Ressourcen
3.6. Schutz vor Identitäts- und Sinnkrisen
3.6.1. Das gesicherte Identitätsgehäuse der kulturellen Identität
4. Kultur, Kulturzentrismus und Fremdenfeindlichkeit
4.1. Kulturstandards, Werte und kulturelle Vielfalt
4.1.1. Kultur repräsentieren oder die Konstruktion von Kultur
5. Bedingungen einer kulturellen Identität: Wissensbestände und kulturelle Muster. Fallbeispiele aus der Region Südostbayern
5.1. Die „alltägliche Lebenswelt“ von Alfred Schütz
6. Theoretische Grundlegungen kulturzentristischen Verhaltens oder wie generiert sich Fremdenfeindlichkeit
6.1. Zur Funktion der Fremdheitskonstruktion
6.2. Ursachen und Folgen von Fremdenfeindlichkeit
6.2.1. Das Konzept des sozialen Vorurteils und der Stereotypisierung
6.2.1.1. Systematisierung und Strukturierung der Umwelt
6.2.1.1.1. Die Reizklassifikationstheorie und das Minimale Gruppen-Paradigma
6.2.2. Die Theorie der sozialen Identität (SIT)
6.2.2.1. Die Ordnung der sozialen Umwelt
6.2.2.2. Das Bedürfnis nach einem Platz im sozialen System
6.2.2.3. Der instrumentelle Charakter des sozialen Vergleichs
6.2.2.4. Streben nach einer positiven Identität
6.3. Der Versuch eines Resümees aus systemtheoretischer Perspektive und eine erweiterte Sichtweise
6.3.1. Der Terror des „Fremden“ als erweiterte Perspektive
7. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Entstehung von Fremdheit und Fremdenfeindlichkeit gegenüber Konvertiten religiöser Minderheiten in der modernen Risikogesellschaft. Zentral ist die Frage, wie durch kulturzentristische Reflexe und soziale Vorurteile eine stabile Identität in einer zunehmend komplexen und verunsichernden Umwelt konstruiert wird.
- Sozialwissenschaftliche Reflexion der Fremdheitskonstruktion
- Einfluss religiöser Konversion auf die soziale Wahrnehmung
- Die Risikogesellschaft und ihre Auswirkungen auf Identitätskrisen
- Theorie der sozialen Identität (SIT) und Vorurteilsforschung
- Empirische Fallbeispiele aus der Region Südostbayern
Auszug aus dem Buch
Fallbeispiel: Hildegard Schauer, Brauchtum und Irritation (Ti/05.06.2007)
Hildegard Schauer, 66 Jahre alt, verwitwet seit September 1991. Sie lebt seit 1959 in einer kleinen Gemeinde mit ca. 2200 Einwohnern, in der südostbayerischen Region. Bis 1988 bekannte sie sich zur evangelischen Gemeinde, konvertierte dann, durch den Einfluss ihrer beiden Söhne, zur Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas.
Angegangen ist es durch meine Söhne, die zuerst die Wahrheit (ZJ-umgsprl: verstanden als die „wahre“ biblische Lehrmeinung) kennen gelernt haben, dann haben sie (Freunde, Bekannte) gemerkt, ich würde auch in diese Richtung tendieren und haben das dann ein bisschen belächelt. Krasser war es dann bei meinen Nachbarn, als ich mich das erste Mal darüber unterhielt, wurde ich dann so ein bisschen für verrückt erklärt, die Reaktion war, wie kann ich so was überhaupt machen. Das ist ja eine Sekte und wie könnte ich mich mit so etwas überhaupt beschäftigen. Sie haben mir das dann praktisch ausreden wollen. Die Reaktion von meinen Nachbarn war dann krasser nach dem Tod von meinem Mann. Wir hatten eine sehr herzliche Beziehung zu den Nachbarn und die Feste spielten eine sehr große Rolle, ob es Geburtstage waren oder Weihnachten, wir haben uns gegenseitig eingeladen und das war der Lebensinhalt von meinen Nachbarn. Als sie plötzlich hörten, dass ich mich mit Zeugen Jehovas beschäftigte, wussten sie dann, dass ich an diesen Feiern nicht mehr teilnehmen würde, war das ein tiefer Einschnitt in die Freundschaft.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Fragestellung ein, wie religiöse Konversionen zu einer Identitätsherausforderung und zur Konstruktion eines Fremdheitstypus führen.
2. Die Situation der Zeugen Jehovas in Deutschland Forschungsbeispiele aus der Region Südostbayern: Dieses Kapitel skizziert die soziale Situation der Zeugen Jehovas und erläutert die methodische Herangehensweise der qualitativen Fallstudien.
3. Die Risikogesellschaft und der Modernisierungsprozess: Es wird analysiert, wie Individualisierungsprozesse Verunsicherungen erzeugen, die den Wunsch nach stabilen Identitätsgehäusen und kulturellen Standards verstärken.
4. Kultur, Kulturzentrismus und Fremdenfeindlichkeit: Das Kapitel erörtert das komplexe Verständnis von Kultur und wie ein kulturzentristischer Reflex zur Abwertung des Fremden beiträgt.
5. Bedingungen einer kulturellen Identität: Wissensbestände und kulturelle Muster. Fallbeispiele aus der Region Südostbayern: Hier wird anhand von Lebensweltkonzepten untersucht, wie kulturelle Muster die soziale Wahrnehmung und Grenzziehung strukturieren.
6. Theoretische Grundlegungen kulturzentristischen Verhaltens oder wie generiert sich Fremdenfeindlichkeit: Es folgt eine tiefgehende sozialpsychologische Analyse von Vorurteilen, Stereotypen und der Theorie der sozialen Identität als Schutzmechanismen gegen Fremdheit.
7. Schluss: Das Fazit fasst zusammen, dass die Fremdheitskonstruktion eine Reaktion auf die Bedrohung vertrauter Weltbilder ist und als Puffer in der Risikogesellschaft dient.
Schlüsselwörter
Fremdheit, Kulturzentrismus, soziale Identität, religiöse Konversion, Zeugen Jehovas, Risikogesellschaft, Vorurteile, Stereotypisierung, Lebenswelt, soziale Kategorisierung, Gruppendifferenzierung, interkulturelle Kommunikation, Identitätskrisen, Stigmatisierung, Sozialpsychologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit reflektiert sozialwissenschaftlich, wie Fremdheit in der modernen Gesellschaft konstruiert wird, insbesondere durch den Prozess der religiösen Konversion.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Auswirkungen der Individualisierung auf das Sicherheitsbedürfnis, der soziologische Begriff des Kulturzentrismus und sozialpsychologische Theorien zu Vorurteilen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie kulturelle Wertorientierungen als "Schutzschilde" fungieren und in einer als riskant wahrgenommenen Umwelt zu einer stigmatisierenden Ausgrenzung von Konvertiten führen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt die qualitative Sozialforschung, insbesondere das problemzentrierte Interview nach Witzel, um Fallbeispiele aus der Region Südostbayern zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich theoretisch mit Modernisierungsprozessen, der Theorie der sozialen Identität von Tajfel und der Terror Management Theorie als Erklärungsansatz für Fremdenfeindlichkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe umfassen Fremdheit, Kulturzentrismus, soziale Identität, Risikogesellschaft und soziale Kategorisierung.
Welche Rolle spielt die "Risikogesellschaft" für das Argument des Autors?
Die Risikogesellschaft erzeugt durch Modernisierungsprozesse Unsicherheit und Desorientierung, was Individuen dazu bewegt, rigide kulturelle Identitäten als stabilisierende Anker zu nutzen.
Wie illustriert das Fallbeispiel von Peter Heumann die Problematik?
Das Fallbeispiel verdeutlicht, wie eine aktive gesellschaftliche Integration durch den Akt der Konversion und das Entfernen eines religiösen Symbols ("verbrannter Herrgott") schlagartig in totale soziale Ablehnung umschlagen kann.
- Quote paper
- Magister Artium Rene Limberger (Author), 2007, Durch die kulturelle Brille gesehen - Eine sozialwissenschaftliche Reflexion zur Entstehung eines Fremdheitstypus oder Folgen einer Konversion zu einer religiösen Minderheit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85731