1. Einleitung
Das deutsche Schulsystem steht besonders seit dem schlechten Abschneiden in der weltweiten PISA-Studie im Jahre 2000 in der Kritik. Doch neben der Tatsache, dass die Schüler über unzureichendes Wissen verfügen, nahm gerade in den vergangenen Monaten eine weitere Problematik drastisch zu. So konnte man in den Medien verstärkt von gewalttätigen Angriffen in Schulen auf Lehrer und Mitschüler lesen bzw. hören. Die Vermutung liegt nahe, dass diese Übergriffe in staatlichen Einrichtungen durch eine stetig zunehmende Perspektivlosigkeit und somit durch eine gewisse Frustration verursacht wird.
Mit Sicherheit sind die Gründe für diesen unbefriedigenden Zustand vielfältig. Probleme wie mangelnde Perspektiven nach der Schule aufgrund von fehlenden Ausbildungsplätzen, soziale Benachteiligungen und die viel diskutierte Frage nach einer gelingenden Integration von Migrantenkindern zählen unter anderem dazu, sollen allerdings in dieser Arbeit nicht analysiert werden.
Thema der Arbeit ist vielmehr die Suche nach einer Möglichkeit, die einen Beitrag leistet, das Klima an den staatlichen Schulen zu entspannen. In vielen Schulen wird nach wie vor beinahe ausschließlich der so genannte Frontalunterricht praktiziert. Dazu wird den Schülern in der Praxis Eigenverantwortung und Mitbestimmung von Anfang an abgesprochen. Um dieses System im späteren eigenen Unterricht aufzulockern bzw. zu durchbrechen, ist es wichtig, alternative Unterrichtsideen kennen zu lernen und sie zu analysieren. Alternativen existieren in einer großen Zahl. In dieser Arbeit soll eine von ihnen, nämlich der Ansatz der Just Community von Lawrence Kohlberg (1927-1987), vorgestellt werden. Neben den Vorteilen dieses Ansatzes müssen natürlich auch seine Grenzen aufgezeigt werden.
Die Idee der Just Community, die bereits – wie anhand der aufgezeigten Beispiele sichtbar werden wird – in einigen deutschen Schulen umgesetzt wurde, bietet sich vor allem durch Einbeziehung mehrerer Disziplinen wie der Moralpsychologie, der Soziologie und der Philosophie an. Außerdem ist es ihr Anliegen, dem Schüler die häufig fehlende Eigenverantwortung und das Recht auf Mitbestimmung zurückgegeben.
Ziel der vorliegenden Arbeit soll kein Plädoyer gegen das staatliche Schulsystem sein, sondern durch eine kritische Auseinandersetzung mit der alternativen Schulform neue Ideen und Anregungen für den eigenen Unterricht kennen zu lernen und umsetzen zu können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Exkurs – Ziele des Rahmenlehrplans Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde
3. Der Kohlbergsche Ansatz der Just Community
3.1 Zur Person Lawrence Kohlberg
3.2 Die Idee der Just Community
3.2.1 Just Community als Kern der Kohlbergschen Moralerziehung
3.2.2 Just Community in der Schule oder die Schule „der gerechten Gemeinschaft“
3.2.3 Umsetzung der Idee der Just Community in deutschen Schulen
3.2.4 Grenzen des Just Community-Ansatzes
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Ansatz der „Just Community“ nach Lawrence Kohlberg als alternative Schulform zur Verbesserung des Schulklimas und zur Förderung der demokratischen sowie moralischen Kompetenzen von Schülern, wobei der Fokus auf der kritischen Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Grenzen der Umsetzung im deutschen Schulsystem liegt.
- Grundlagen des Kohlbergschen Ansatzes der „Just Community“
- Verbindung von Moralpsychologie und schulischer Praxis
- Analyse der praktischen Umsetzung an deutschen Schulen
- Kritische Reflexion der strukturellen Anforderungen und Grenzen
Auszug aus dem Buch
3.2.2 Just Community in der Schule oder die Schule „der gerechten Gemeinschaft“
Um in der Institution Schule die optimale Moralerziehung zu gewährleisten, muss sie laut Kohlberg umgestaltet werden und zwar zu einer Just Community. Überträgt man den Begriff „Just Community“ wortwörtlich in die deutsche Sprache, so müsste er „gerechte Gemeinschaft“ lauten. Allerdings trifft diese Bezeichnung nur unzureichend die Bedeutung des Ansatzes: „...[E]rst durch Prozesse des Aushandelns entsteht [Gerechtigkeit] und [...] die Gemeinschaft [...] [hat] ein anderes Ziel als bloßes Zusammensein.“
Aber Lawrence Kohlberg rechtfertigt die von ihm gewählte Bezeichnung Just Community wie folgt: „Wir nennen unseren Ansatz den Ansatz der ,Gerechten Gemeinschaft’ (Just Community), weil er den Akzent nicht nur auf Demokratie und Fairness legt, sondern auch auf das Gefühl der Fürsorge füreinander und auf den Sinn dafür, Teil einer Gruppe zu sein, die stolz auf sich sein will – wir sprechen zusammenfassend von einem Gemeinschaftssinn.“
Der Just Community-Ansatz nach Kohlberg bedeutet soviel wie eine Integration von demokratisierenden Faktoren in eine bestehende Institution, um moralische Urteilsfähigkeit, einen Gemeinschaftssinn durch zu teilenden Normen und Übernahme von Verantwortung und Fürsorge zu entwickeln. Das heißt, dass durch bestimmte Normen und Übernahme von Funktionen die wichtigsten Ziele einer Just Community erreicht werden, zu denen Demokratisierung, Verantwortungsübernahme, moralische Entwicklung und Bildung einer Gemeinschaft zählen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert das deutsche Schulsystem und sucht nach Möglichkeiten zur Verbesserung des Schulklimas durch den Ansatz der Just Community.
2. Exkurs – Ziele des Rahmenlehrplans Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde: Es wird dargelegt, dass staatliche Lehrpläne bereits Zielsetzungen enthalten, die mit den Anliegen des Just Community-Ansatzes harmonieren.
3. Der Kohlbergsche Ansatz der Just Community: Dieses Kapitel behandelt die Person Kohlberg, die theoretischen Grundlagen des Ansatzes sowie dessen praktische Implementierung und Grenzen.
3.1 Zur Person Lawrence Kohlberg: Ein Überblick über die Biografie und die wissenschaftliche Entwicklung Lawrence Kohlbergs im Kontext der Moralpsychologie.
3.2 Die Idee der Just Community: Eine detaillierte Erläuterung der Philosophie hinter der gerechten Gemeinschaft als Kern der Moralerziehung.
3.2.1 Just Community als Kern der Kohlbergschen Moralerziehung: Erläuterung, wie Kohlberg durch aktive Beteiligung die moralische Entwicklung bei Schülern fördert.
3.2.2 Just Community in der Schule oder die Schule „der gerechten Gemeinschaft“: Beschreibung des Konzepts der schuleigenen Integration demokratischer Prozesse und Verantwortungsübernahme.
3.2.3 Umsetzung der Idee der Just Community in deutschen Schulen: Vorstellung der praktischen Erfahrungen mit dem Modell an ausgewählten deutschen Schulen im Rahmen des DES-Programms.
3.2.4 Grenzen des Just Community-Ansatzes: Eine kritische Analyse der Hürden, wie hoher Zeitaufwand und die notwendige hohe Identifikation aller Beteiligten.
4. Zusammenfassung: Ein Resümee, das die Relevanz des Ansatzes trotz der Herausforderungen bei der Umsetzung im realen Schulalltag hervorhebt.
Schlüsselwörter
Just Community, Lawrence Kohlberg, Moralerziehung, Demokratische Erziehung, Schulklima, Gerechte Gemeinschaft, Moralentwicklung, Schulreform, Mitbestimmung, Eigenverantwortung, Dilemma-Diskussion, Wertebildung, Pädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den „Just Community“-Ansatz von Lawrence Kohlberg als Modell, um den Schulalltag demokratischer zu gestalten und die moralische Urteilsfähigkeit von Schülern zu stärken.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Felder sind die Moralpsychologie nach Kohlberg, die praktische Umsetzung von Demokratiekonzepten in der Schule und die kritische Auseinandersetzung mit der Realisierbarkeit im deutschen System.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den Ansatz der Just Community vorzustellen und zu bewerten, um Anregungen für den eigenen Unterricht zu gewinnen, ohne dabei das staatliche Schulsystem pauschal abzulehnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturbasierte Analyse theoretischer Konzepte sowie die Auswertung von praktischen Erfahrungen und Projektbeispielen (DES-Schulen) zur Evaluation des Modells.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des Kohlbergschen Ansatzes, die Darstellung der schulpraktischen Strukturen (z.B. Gemeinschaftsversammlung, Vermittlungsausschuss) und die kritische Reflexion der Grenzen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie „Just Community“, „Moralerziehung“, „Demokratisierung“ und „Mitbestimmung“ geprägt.
Welche Rolle spielt die Gemeinschaftsversammlung im Modell?
Die Gemeinschaftsversammlung fungiert als das Herzstück des Modells, in dem alle Mitglieder der Schule gleichberechtigt über Probleme und Neuerungen diskutieren und gemeinsam Beschlüsse fassen.
Warum wird die „Begleitung des Lehrerkollegiums“ als kritisch erachtet?
Da Lehrer für die anspruchsvollen Prozesse der Just Community externe Begleitung benötigen, stellt dies eine Stelle dar, an der die Autonomie der „gerechten Gemeinschaft“ durch äußere Einflüsse unterbrochen wird.
- Citation du texte
- Michael Dathe (Auteur), 2006, Die Idee der Just Community als realisierte Alternativschulen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85793