1. Einführung in die Thematik
Ein solch umfangreiches und gehaltvolles Werk wie Goethes Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ hat viele literaturwissenschaftliche Ansatzpunkte und wirft eine Menge interessanter Fragestellungen auf, doch um ein Thema kommt man bei fast keiner Lektüre von Sekundärliteratur herum: Die Bedeutung der Aufführung von William Shakespeares Drama „Hamlet“. Diese mag auf den ersten Blick als eine Art Fremdkörper bzw. als unbedeutende Zusatzepisode erscheinen, bei kritischer Lektüre offenbart sie aber eine Reihe von Bedeutungen auf unterschiedlicher Ebene. Denn neben einem offensichtlichen Einfluss auf den Romanhelden Wilhelm Meister selbst, wird das Drama auch zum Wendepunkt für seine von der Turmgesellschaft geleitete Ausbildung, sowie zum Heilmittel gegen eine eher versteckte „Melancholieerkrankung“ Wilhelms. Zudem eröffnet der Einbezug von Shakespeares Drama auch eine poetologische Diskussion über die Stellung der aufkommenden Literaturgattung des Romans.
Diese vielschichtige Bedeutung der „Hamlet“-Aufführung gilt es daher im Folgenden größtenteils stringent an der Romanhandlung nachzuvollziehen und in ihren Haupteinflüssen auf Wilhelm, seine Bildung und auf den Roman an sich genauer zu untersuchen, um ihren komplexen Gehalt möglichst übersichtlich und nachvollziehbar darzustellen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung in die Thematik
2. Hamlet & Wilhelm
2.1 Wilhelms Identifikation mit der Hamletfigur
2.2 Melancholie als gemeinsamer Charakterzug
3. Hamlet & und Wilhelms Bildung
3.1 Das Projekt des ‚sich Ausbildens‘
3.2 Wilhelms Abkehr vom Theater und die Heilung der Melancholie
4. Hamlet & der Roman als aufkommende Literaturgattung
4.1 Die Definition von Roman und Drama
4.2 Wilhelms Entscheidung für den Roman
5. Abschließende Betrachtung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung der Hamlet-Aufführung in Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre" für die Entwicklung der Hauptfigur, den Prozess seiner Bildung sowie die poetologische Reflexion über die Gattungsgrenzen zwischen Roman und Drama.
- Die Identifikation Wilhelms mit der Hamlet-Figur und deren Auswirkungen auf seine Persönlichkeit.
- Die Rolle der Melancholie als verbindendes Charakterelement zwischen Wilhelm und Hamlet.
- Die Funktion des Theaters als notwendige Bildungsstation und Instrument zur Überwindung eigener Illusionen.
- Die Gattungsdiskussion zwischen Roman und Drama am Beispiel der Hamlet-Aufführung.
- Die Entwicklung Wilhelms vom naiven Theater-Enthusiasten zum kritischen, handelnden Subjekt.
Auszug aus dem Buch
2.1 Wilhelms Identifikation mit der Hamletfigur
Wilhelm Meisters Shakespeare-Rezeption hat zwei klare Eckpunkte, „seine erste Lektüre und die abschließende ‚Hamlet‘-Premiere“1. Doch bevor es überhaupt zu jener Hamletinszenierung, dem Wendepunkt des Romans, kommen kann, muss Wilhelm erst einmal mit dem Autor selbst, mit Shakespeare, bekannt werden. Dies wird eingeleitet durch ein Gespräch mit Jarno, der ihn fragt, ob er denn nie „ein Stück von Shakespearen gesehen“2 habe. Wilhelm entschuldigt sich hier mit seiner Abkehr vom Theater nach dem Liebeskummer um Mariane, zeigt aber auch keinerlei Interesse „solch[] seltsame Ungeheuer näher kennen zu lernen“ (WM 178), was vermuten lässt, dass er sich lieber an die von der Gesellschaft akzeptierten französischen Klassiker (wie z.B. Racine) hält. Interessant ist hierbei allerdings, dass auch Jarno im Zusammenhang mit Shakespeare das Wort ‚seltsam’ gebraucht3, was die Sonder- aber vor allem auch Außenstellung des englischen Dichters unterstreicht. Daher lautet sein Rat auch, Shakespeare „in der Einsamkeit“ (WM 178) nur für sich selber zu studieren und sich dabei nicht an der Form zu stoßen, sondern sich seinen Gefühlen zu überlassen (vgl. WM 178).
Wilhelm scheint durch diese Worte nun doch neugierig geworden zu sein, denn schon bald „lebte und webte er in der shakespearischen Welt, so daß er außer sich nichts kannte noch empfand“ (WM 183). Schon zu diesem frühen Zeitpunkt tritt hier also deutlich Wilhelms ungebrochene, „dilettantische Shakespeare Fixiertheit“4 hervor, die ihn alles um sich herum vergessen lässt und „seine ganze Seele“ (WM 190) in Bewegung setzt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung in die Thematik: Die Einleitung etabliert die Hamlet-Aufführung als zentralen Wendepunkt in Goethes Roman, der sowohl die persönliche Entwicklung Wilhelms als auch poetologische Fragen zur Gattung des Romans berührt.
2. Hamlet & Wilhelm: Dieses Kapitel analysiert Wilhelms emotionale Identifikation mit Hamlet und untersucht die Melancholie als verbindendes Merkmal zwischen der Romanfigur und dem Shakespeare-Helden.
3. Hamlet & und Wilhelms Bildung: Hier wird der Aufenthalt beim Theater als paradoxer, aber notwendiger Bildungsweg betrachtet, der Wilhelm schließlich zur kritischen Distanz und zur Heilung führt.
4. Hamlet & der Roman als aufkommende Literaturgattung: Das Kapitel widmet sich der poetologischen Auseinandersetzung zwischen Roman und Drama und zeigt, wie der Roman Shakespeare integriert, um seine eigene Form zu definieren.
5. Abschließende Betrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass die Hamlet-Aufführung die conditio sine qua non für Wilhelms Weg zum reifen Menschen und die theoretische Fundierung des Romans ist.
Schlüsselwörter
Wilhelm Meisters Lehrjahre, Goethe, Hamlet, Shakespeare, Melancholie, Bildungsroman, Theater, Gattungstheorie, Identifikation, Roman, Drama, Selbstfindung, Desillusionierung, Subjektivismus, Poetologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die funktionale und symbolische Bedeutung der Hamlet-Aufführung innerhalb von Goethes Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der Persönlichkeitsentwicklung Wilhelms, der Rolle der Melancholie, dem Bildungsprozess durch das Theater sowie der theoretischen Abgrenzung von Roman und Drama.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie die Identifikation mit Hamlet einerseits Wilhelms Krise verschärft, andererseits aber den notwendigen Weg zur Desillusionierung und Reifung ebnet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden literaturwissenschaftlichen Analyse des Romantextes unter Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur zu Shakespeare-Rezeption und Melancholie-Diskurs.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Identifikation, Melancholie als Charakterzug, dem Bildungsprozess und der gattungstheoretischen Diskussion zwischen Wilhelm und Serlo.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Wilhelm Meisters Lehrjahre, Melancholie, Bildungsroman, Hamlet-Identifikation und die poetologische Differenzierung von Roman und Drama.
Warum spielt die Melancholie eine so zentrale Rolle für die Figur Wilhelm Meister?
Die Arbeit zeigt auf, dass Wilhelm zu einer Art Liebesmelancholie neigt, die ihn für die Welt der Theater-Illusion empfänglich macht und ihn in seinem Zögern mit Hamlet verbindet.
Inwiefern ist die Hamlet-Aufführung ein "Wendepunkt" im Roman?
Sie markiert den Moment, in dem die naive Identifikation in eine kritische Auseinandersetzung umschlägt, was Wilhelm zur Abkehr vom Theater und zum Übergang in ein tätiges Leben führt.
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- Janine Gruschwitz (Author), 2004, Die Bedeutung der Hamlet-Aufführung in Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85855