Daß die Philosophie nicht zu Ende ist, wie im 20. Jahrhundert immer wieder behauptet wurde; daß es trotz der Krise der Philosophie möglich ist, auf dem Weg der Philosophie einen Schritt weiterzugehen; und daß die Philosophie immer in Bezug zur Nicht-Philosophie, zum Außen der Philosophie steht, das sind die zentralen Thesen von Alain Badiou. Badiou, dessen Werk in Deutschland langsam bekannt wird, legt mit seinen philosophischen Schriften eine Neukonzeption der Philosophie vor, die sowohl eine Symptomatologie des zeitgenössischen philosophischen Denkens impliziert als auch ein „Programm für die kommende Philosophie“ entwickelt. Im Mittelpunkt dieser Zusammenhänge steht das Verhältnis der Philosophie zu ihren Bedingungen, den anderen Formen des Denkens, und der Möglichkeit der "Vernähung" mit diesen Bedingungen, sei es Wissenschaft oder Politik, Dichtung oder Liebe.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Platonisches Schema
Badious Begriff der Wahrheit
Vernähungen in der Moderne
Aufgaben der zukünftigen Philosophie
Badious Philosophie
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Philosophie Alain Badious, insbesondere sein Bestreben, der aktuellen Krise der Philosophie durch eine Rückbesinnung auf platonische Ansätze unter modernen Bedingungen zu begegnen. Dabei wird analysiert, wie Badiou die Philosophie als ein "Denken des Denkens" neu begründet, indem er sie in ein Verhältnis zu ihren vier externen Bedingungen – Wissenschaft, Politik, Kunst und Liebe – setzt und dabei den Begriff der Wahrheit in Abgrenzung zur zeitgenössischen Philosophie neu entfaltet.
- Die Krise der zeitgenössischen Philosophie und das Konzept der "Vernähung".
- Die platonische Geste als methodisches Ausgangsmodell.
- Die vier Bedingungen der Philosophie (Wissenschaft, Politik, Kunst, Liebe) als generische Prozesse.
- Der neue Wahrheitsbegriff bei Badiou im Spannungsfeld zwischen Ereignis und Sein.
- Die Neubestimmung des Subjekts als endliches Fragment einer unendlichen Wahrheit.
Auszug aus dem Buch
BADIOUS BEGRIFF DER WAHRHEIT
Mit dem empathischen Rückbezug auf Platon und der Entwicklung des platonischen Schemas für die Philosophie, stellt sich Badiou quer zu den zeitgenössischen philosophischen Strömungen. Nicht erst seit Nietzsche bestimmt sich die Philosophie durch ihren Antiplatonismus. Jede Philosophie hat sich ja irgendwie durch die Umkehrung des Platonismus definiert. Wenn sich Badiou gegen den modernen Antiplatonismus in teilweise sehr polemischer Form äußert, dann richtet sich seine Kritik vor allem gegen Nietzsche und die zeitgenössischen Philosophen, die sich auf ihn berufen. Nietzsche ist sicherlich der radikalste Antiplatonist und zwar weil bei ihm der Zentralbegriff der Philosophie, nämlich der der Wahrheit, aufgegeben wird. Badiou stellt einen immanenten Zusammenhang zwischen dem Antiplatonismus und der Destruktion des Wahrheitsbegriffs her: „Vom Platonismus heilen heißt zunächst von der Wahrheit heilen.“ (MP, S.108). Dies ist die Formel des modernen Antiplatonismus, laut Badiou. Und dementsprechend steht in seiner Umkehrung der Umkehrung des Platonismus der Begriff der Wahrheit im Mittelpunkt.
„Das Jahrhundert und Europa müssen zwingend vom Antiplatonismus genesen. Die Philosophie wird es nur insofern geben, als sie der Zeit gemäß einen neuen Abschnitt in der Geschichte der Kategorie der Wahrheit vorschlägt. Die Wahrheit ist heute eine neue Idee in Europa.“ (MP, S.110)
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung diagnostiziert die gegenwärtige Krise der Philosophie und führt Alain Badious "Manifest für die Philosophie" als zentralen Text ein, der die Philosophie nicht als beendet betrachtet, sondern einen neuen Weg aufzeigt.
Platonisches Schema: Dieses Kapitel erläutert Badious Rückwendung auf Platon, die nicht als Rückkehr zur Ideenlehre, sondern als "platonische Geste" verstanden wird, welche die Philosophie an ihre vier Bedingungen (Dichtung, Wissenschaft, Politik und Liebe) bindet.
Badious Begriff der Wahrheit: Hier wird Badious Versuch unternommen, den Wahrheitsbegriff gegen den modernen Antiplatonismus zu retten, indem er ihn mit dem Ereignis verknüpft und von einem statischen Wissen unterscheidet.
Vernähungen in der Moderne: Das Kapitel analysiert das Phänomen der "Vernähung", bei der die Philosophie ihre Autonomie verliert, indem sie sich einer ihrer Bedingungen (wie etwa dem Positivismus oder Marxismus) unterwirft.
Aufgaben der zukünftigen Philosophie: Basierend auf der vorangegangenen Analyse werden die Schritte für eine Renaissance der Philosophie skizziert, die eine Öffnung gegenüber allen vier Bedingungen und den darin stattfindenden Ereignissen erfordert.
Badious Philosophie: Das abschließende Kapitel fasst Badious eigene philosophische Position zusammen, insbesondere seine Theorie der generischen Mannigfaltigkeiten, das Denken der "Zwei ohne Eins" und die Konzeption eines Subjekts ohne Objekt.
Schlüsselwörter
Alain Badiou, Platonismus, Vernähung, Philosophie, Wahrheit, Ereignis, Bedingung, generische Prozesse, Denken des Denkens, Subjekt, Mathematik, Mengenlehre, Politik, Kunst, Liebe
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die philosophischen Thesen von Alain Badiou, wie sie primär in seinem "Manifest für die Philosophie" dargelegt werden, um seine Antwort auf die Krise der zeitgenössischen Philosophie zu beleuchten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen Badious Diagnose der "Vernähung" der Philosophie, seine Rückbesinnung auf eine "platonische Geste", die Theorie der vier Bedingungen (Wissenschaft, Politik, Kunst, Liebe) und sein Verständnis von Wahrheit und Ereignis.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Badiou die Philosophie als ein eigenständiges "Denken des Denkens" retten kann, indem er sie in Beziehung zu ihren Bedingungen setzt, ohne sie jedoch auf diese zu reduzieren oder totalisieren zu lassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine strukturierte philosophische Analyse und Exegese von Badious Hauptwerken, wobei seine Argumentation in den Kontext der philosophiegeschichtlichen Debatten (insbesondere im Vergleich zu Heidegger, Lacan und dem Marxismus) gestellt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Badious Wahrheitsbegriff, die Analyse der Fehlentwicklungen in der modernen Philosophie (Vernähungen), sowie die detaillierte Darstellung seiner konstruktiven Vorschläge für eine zukünftige Philosophie anhand der Ereignisse in der Mathematik, Politik, Liebe und Kunst.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören: Ereignis, Wahrheit, Vernähung, platonische Geste, generische Prozesse, Kompossibilität, Subjekt und die vier Bedingungen der Philosophie.
Warum spielt die Mathematik bei Badiou eine so zentrale Rolle?
Für Badiou ist die Mathematik die "Ontologie" schlechthin. Er nutzt insbesondere die Mengenlehre (von Cantor bis Cohen), um das "Mannigfaltige" zu denken, und transformiert diese mathematische Theorie in eine philosophische Struktur, um das Verhältnis von Sein und Ereignis zu präzisieren.
Wie unterscheidet sich Badious Wahrheitsbegriff vom herkömmlichen Wissen?
Badiou trennt strikt zwischen Wissen (das konformistisch den Regeln der Situation folgt) und Wahrheit (die durch ein Ereignis hervorgebracht wird und die Situation überschreitet). Während Wissen "Richtigkeit" beansprucht, interveniert eine Wahrheit und ermöglicht einen neuen Blick auf die Situation.
Was bedeutet der Begriff "Zwei ohne Eins"?
Dieser Begriff stammt aus Badious Analyse der Liebe und Politik. Er beschreibt eine Form der Relation, die nicht von einer vorgängigen Einheit (der "Eins") ausgeht, sondern die Differenz als generische Mannigfaltigkeit begreift, was eine neue, nicht-objektivistische politische und menschliche Praxis ermöglicht.
- Quote paper
- Wilhelm Roskamm (Author), 2002, Alain Badiou und die Philosophie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85881