Die Darstellung der Journalisten- und Schriftstellerfiguren in Norbert Gstreins "Das Handwerk des Tötens"


Hausarbeit, 2005
11 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Die Darstellung der Journalisten- und Schriftstellerfiguren

in Norbert Gstreins „Das Handwerk des Tötens“

„Der Balkankrieg, eine schöne Helena und drei Journalisten auf der Suche nach der ,wahren’ Story“[1], filtert Anne-Bitt Gerecke die Quintessenz von Gstreins Roman „Das Handwerk des Tötens“ in ihrer Buchbesprechung heraus.

Der Darstellung und der Rolle eben dieser Journalistenfiguren, die sich selbst großteils auch als Schriftsteller sehen, sowie weiterer Schriftsteller und Journalisten in Gstreins Roman möchte ich mich nun widmen. Besonders charakterisiert werden dabei die Protagonisten des Buches: Christian Allmayer, Paul und der namenlose Ich-Erzähler.

Christian Allmayer, von einigen Rezensenten als der im Juni 1999 im Kosovo ermordete Stern-Reporter Gabriel Grüner betrachtet, gilt für Gstrein selbst als fiktiver österreichischer Kriegsberichterstatter. Der „Balkanexperte“[2] hat vor Ort von den ersten Kampfhandlungen an über den Zerfall Jugoslawiens berichtet und kommt 1999 bei einem Hinterhalt im Kosovo um. In einem Interview mit seiner Frau betont diese, dass er meistens „einen geradezu kannibalischen Hunger nach dem Leben“[3] gehabt hatte. Für viele seiner Kollegen galt Allmayer scheinbar als „Eigenbrötler“[4] - als Mann, der kaum Bekannte hatte und diese auch nicht wollte. Von seinen Journalistenkollegen im Kriegsgebiet hielt er sich fern, um – wie Paul es vermutet – nicht ständig sein eigenes Bild vor Augen zu haben.[5]

Als junger Mann noch von Idealen geprägt – „Ich will schreiben, studieren und kämpfen für eine bessere Welt“[6], wird er durch seine Erlebnisse im Kosovo immer zynischer[7] und zerbricht schlussendlich am Krieg. Immer mehr stößt ihn dieser ab, lastet schwer auf ihm. „Allem Anschein nach hatte der die Schnauze voll“[8], meint auch Paul.

Lily, Allmayers frühere Lebensgefährtin, spricht von ihm hingegen als einem Träumer, einem Mann mit Todessehnsucht, der sich in seinen jungen Jahren ohne Aufregung scheinbar tot fühlte[9] und dessen Leben von Anfang an auf das Ende ausgerichtet war[10]. Gegen Ende seines Lebens, fünf Jahre seit seinem Dasein als Kriegsreporter im Kosovo, war aus dem weltverbesserungssüchtigen jungen Mann, dem überzeugenden, professionellen Katastrophenjournalisten ein „Abklatsch seiner selbst“[11] geworden. Er konnte die Parallelwelten, denen er durch seinen Beruf ausgesetzt war, nicht mehr aushalten[12], das normale Leben war ihm durch den Krieg fremd geworden[13]. Seine Frau bezeichnet ihn als „einen gebrochenen Mann“[14]„eine merkwürdig fragile Erscheinung trotz seines robust wirkenden Körpers“[15] – voller Angst, vom Krieg gebrandmarkt.

Der Ich-Erzähler weist zusätzlich noch auf die Zahl der „Totschlagwörter“ in Allmayers späteren Texten und auf die Schlampigkeit, mit der sie geschrieben wurden, hin.[16] Paul ist davon überzeugt, dass Allmayer nicht mehr „nur“ als Journalist tätig sein wollte, sondern eine Existenz als Schriftsteller in Erwägung gezogen hatte: „Nenn mich meinetwegen einen Phantasten, aber er wollte schreiben.“[17]

Interessant ist, dass Allmayers Leben das ganze Buch hindurch von hinten aufgerollt wird. Erfährt der Leser zu Beginn nur die wichtigsten Fakten zu seinem Ende, so kommen im Laufe des Romans mehr und mehr Informationen hinzu, die seinen Tod von einer ganz anderen Perspektive als der medialen aus beleuchten – der menschlichen.

Allmayer hinterlässt neben seinen veröffentlichten Kriegsreportagen auch eine Vielzahl privater Aufzeichnungen sowie einen Tonband-Mitschnitt. Der Mitschnitt enthält ein Interview Allmayers mit dem kroatischen Warlord Slavko. Dieses Interview mit einem der vielen „Handwerker des Tötens“ wird nicht nur zur Schlüsselszene in Allmayers Leben, sondern auch zum Kernpunkt des gesamten Romans. Denn mit der Antwort, die Allmayer auf die Frage „Wie ist es, jemanden umzubringen?“[18] erhält, wird er selbst in die Frage von Schuld und Verantwortung hineingezogen und bekommt zugleich am eigenen Leib die Amoral des Krieges zu spüren.[19] Als Resultat dieser Amoral eines Krieges, der ja nicht mal der seine ist, sind auch die Ermordung seines Dolmetschers und sein eigener Tod zu verstehen.

Paul, ebenfalls Journalist (Reiseschriftsteller) und ein Bekannter Allmayers, nimmt dessen Tod zum Anlass für einen Roman, den er seit längerer Zeit plant. Schon lange möchte Paul sich ganz der Schriftstellerei zu- und von der Zeitungsarbeit abwenden.[20] Auf Anraten seiner Ex-Frau verabschiedete er sich bis dato zwar immer wieder von seinen misslungenen Romanprojekten, doch um sich diesmal von der tristen Welt der Journalisten zu den „erleuchteten“ Höhen der Schriftsteller aufschwingen zu können, „benützt“ er Allmayers Leben, um aus diesem Literatur zu machen.

[...]


[1] Gerecke 2004 [5]

[2] Gstrein 2003, S.27. [4]

[3] Gstrein 2003, S.215. [4]

[4] Gstrein 2003, S.215. [4]

[5] Vgl. Gstrein 2003, S.113. [4]

[6] Gstrein 2003, S.323. [4]

[7] Vgl. Gstrein 2003, S.238. [4]

[8] Gstrein 2003, S.30. [4]

[9] Vgl. Gstrein 2003, S.328. [4]

[10] Vgl. Gstrein 2003, S.323. [4]

[11] Gstrein 2003, S.231. [4]

[12] Vgl. Gstrein 2003, S.234. [4]

[13] Vgl. Gstrein 2003, S.328. [4]

[14] Gstrein 2003, S.232. [4]

[15] Gstrein 2003, S.232. [4]

[16] Vgl. Gstrein 2003, S.61f. [4]

[17] Gstrein 2003, S.52. [4]

[18] Gstrein 2003, S.346. [4]

[19] Vgl. Gstrein 2003, S.337ff. [4]

[20] Vgl. Gstrein 2003, S.73. [4]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung der Journalisten- und Schriftstellerfiguren in Norbert Gstreins "Das Handwerk des Tötens"
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Veranstaltung
AG Literatur und Journalismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
11
Katalognummer
V85891
ISBN (eBook)
9783638043397
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Journalisten-, Schriftstellerfiguren, Norbert, Gstreins, Handwerk, Tötens, Literatur, Journalismus
Arbeit zitieren
Claudia Braito (Autor), 2005, Die Darstellung der Journalisten- und Schriftstellerfiguren in Norbert Gstreins "Das Handwerk des Tötens", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85891

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