Symptomatologie, Ätiologie und Therapie des Stotterns im Kindesalter


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

55 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Bezeichnungs- und Definitionsproblematik

3. Sprechunflüssigkeiten und Stottern
3.1 Funktionale und symptomatische Sprechunflüssigkeiten
3.2 Kern- und Begleitsymptome des Stotterns
3.2.1 Wechselwirkung der Kern- und Begleitsymptome
3.2.2 Coping-Strategien
3.3 Abgrenzung des pathologischen Stotterns von physiologischen Sprechunflüssigkeiten

4. Zur Geschichte der Erforschung des Stotterns
4.1 Der Forschungsstand bis zum Ende des 19. Jahrhundert

5. Der idiographische, multifaktorielle Erklärungsansatz
5.1 Organische Hypothesen
5.2 Psychosoziale Hypothesen
5.3 Psycholinguistische Hypothesen
5.3.1 Befunde auf der Kapazitätsseite
5.3.2 Befunde auf der Anforderungsseite

6. Therapie

7. Schlussbetrachtung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Sprechen ist akribische Präzisionsarbeit. „Innerhalb von Millisekunden steuert unser Gehirn den Sprechapparat an, damit dieser alle notwendigen Laute hervorbringt. Präzise arbeiten die Muskeln von Kehlkopf, Zunge und Lippen, während der Atem dosiert aus unseren Lungen entweicht“ (Neumann 2005, 30). Eben diese Präzisionsarbeit ist für viele Menschen mit großer Anstrengung verbunden, besitzen sie eine Redeflussstörung. Die verbreiteste Redeflussstörung ist das Stottern (vgl. z.B. Orthmann & Scholz 1975, V). In Deutschland sind derzeitig 800 000 Menschen betroffen (vgl. Neumann 2005, 30). Dabei ist Stottern bei Kindern weit aus häufiger zu diagnostizieren als bei Erwachsenen. Ungefähr 4 % aller Kinder stottern; der Anteil erwachsener Stotterer liegt bei etwa 1 % (vgl. z. B. Wirth 52000, 471; Van Riper 1971 in Fiedler & Standop 1992, 21).

Das Phänomen Stottern ist seit über zweitausend Jahren bekannt. „Keine andere Sprachstörung hat zu so vielen theoretischen Ansätzen und therapeutischen Versuchen veranlaßt wie das Stottern. Es gibt kaum eine Therapieform, die nicht zur Behandlung des Stotterns herangezogen wäre“ (Braun 1997, 1). Erschwert wird die Analyse des gegenwärtigen Erkenntnisstandes über die Phänomenologie des Stotterns aufgrund des Vorhandenseins diverser und teilweise sich widersprechender Hypothesen über Kausa, Symptome und Therapie (vgl. Böhme 1977, 7). Die Phänomenologie des Stotterns ist zum „Gegenstand einer unüberschaubaren Anzahl von wissenschaftlichen, empirischen und hypothetischen Einzelarbeiten und Monographien aus der Sicht der Phoniatrie, Logopädie, Neurologie, Psychiatrie, Pädiatrie, Psychologie, Sonderpädagogik, Heilpädagogik, Sprecherziehung und Gesangspädagogik“ (Böhme 1977, 7) gemacht worden. „Hinzu kommt, daß die Nomenklatur und die Auffassungen über das Stotter-Syndrom von Land zu Land, besonders aber von Kontinent zu Kontinent sehr stark variieren“ (ebd., 7).

Viele Forscher und Therapeuten bezeichneten das Phänomen des Stotterns als eine rätselhafteste Sprachstörung (vgl. Orthmann & Scholz 1975, V; vgl. Schwartz 1977, 13). Heute kann Stottern trotz des vielschichtigen Wissens und der sich teilweise widersprechenden Hypothesen dennoch weitgehend systematisch beschrieben werden. Im Hinblick auf Symptomatik, Entstehung und Entwicklungsverlauf des Stotterns ist gegenwärtig innerhalb der Forschung ein breites Agrément erkennbar. Dieses wird im dritten Kapitel in der hier vorliegenden Ausarbeitung im Anschluss an die Ausführungen über die Bezeichnungs- und Definitionsproblematik im zweiten Kapitel dargestellt. Da die wissenschaftliche Bestrebungen die Ursachen des Stotterns zu ergründen bis heute noch keinen Konsens finden, erfolgt im vierten Kapitel eine Übersicht über die Erforschungsgeschichte des Stotterns, bevor im fünften Kapitel die Befunde über die möglichen Ursachen des Stotterns aufgeführt werden. Abschließend wird in komprimierter Form auf die sich aus den Befunden ergebenden Konsequenzen für die Praxis der Therapie eingegangen.

2. Die Bezeichnungs- und Definitionsproblematik

Stottern stellt eine der am besten bekanntesten und am schlechtesten verstandenen Störungen der Sprache und des Sprechens dar (vgl. Kollbrunner 2004, 3). Bis heute erscheint Stottern häufig als ein Mysterium. Eisenson warf vor mehr als vierzig Jahren die Frage auf, ob die verschiedenen Forscher und Autoren überhaupt von der gleichen Störung sprechen würden (vgl. Van Riper 1970, 46). Faktisch wurde schon häufig vermutet, dass Stottern nur „eine Sammelbezeichnung für ein oberflächlich ähnliches Phänomen mit hintergründig höchst unterschiedlich Ursachen“ (Kollbrunner 2004, 3) sei. Zum Beispiel wird Stottern als neurogen, traumatisch, (vgl. Fernau-Horn 21969), psychogen (vgl. Yairi 1993, 204) oder idiopathisches begriffen (vgl. Kollbrunner 2004, 4).

Das Stottern [jedoch], um das es den Fachleuten und fast allen Betroffenen geht – Johannsen nennt es das ´Stottern im eigentlichen Sinn` ist ein Stottern, das bereits in der frühen Kindheit, oft relativ kurze Zeit nach erfolgreichen ersten Schritten des Spracherwerbs im zweiten oder dritten Lebensjahr, bei 50 % der stotternden Kinder im Alter von vier Jahren, bei 75 % vor sechs und bei 95 % vor sieben Jahren beginnt, und das zwei- bis dreimal häufiger Jungen als Mädchen betrifft (Kollbrunner 2004, 4; Zus. v. C.K.).

Für das Phänomen des Stotterns liegt eine Vielfalt von lateinischen und griechischen Bezeichnungen vor. Exemplarisch seien hier Balbuties, Psellismus und Laloneurose genannt. Des Weiteren existiert bis heute keine einheitliche Definition des Phänomens Stotterns, unter anderem aufgrund von verkürzten Ursacheninterpretationen und der Tatsache, dass das Stottern verschiedener Personen starke Differenzen aufweist. „Jedes Stottern ist anders“ formulierte Grohnfeldt (1992, 5). Aus der Vielzahl der Beschreibungsversuche sei hier exemplarisch eine Zusammenfassung der „Standart Definition of Stuttering“ von Wingate aufgeführt:

Stottern ist eine Unterbrechung im Fluß des verbalen Ausdrucks, die charakteristisch ist durch willentliche, hörbare oder stille Wiederholungen und Dehnungen bei der Äußerung kurzer Sprachelemente, insbesondere: Laute, Silben und Wörter mit einer Silbe. Diese Unterbrechungen geschehen in der Regel häufig oder sind deutlich ausgeprägt und sind nicht ohne weiteres kontrollierbar (vgl. Wingate 1964, 488; zit. n. Sandrieser & Schneider 2001, 2)[1].

In der Zeit von 1955 bis 1965 wurden Sprachstörungen weitestgehend synonymisiert „mit dem Störungsbild Stottern oder den Sprachentwicklungsstörungen inklusive der ‚Stammelfehler’“ (Maihack 2001, 131). Wie durch den Beschreibungsversuch von Wingate deutlich geworden sein sollte, ist die Bezeichnung des Stotterns als eine Sprachstörung insofern unscharf, dass das Problem des Stotterers eben nicht in den sprachlichen Anforderungen (Language), sondern im Sprechen selbst (Speech) liegt. Das Phänomen des Stotterns ist daher den Sprachverwendungsstörungen zuzuordnen (vgl. Neumann 2005, 30). Homburg unterschied daher im Jahre 1978 zwischen Störungen der Sprachverwendung und Sprachstörungen des Sprachsystems. Im Falle einer Sprachsystemstörung ist das Zeichensystem der Hör/Sprech-Schriftsprache in Kodierung und Dekodierung gestört. Als Beispiel für eine solche Sprachsystemsstörung führt er unter anderem die Aphasie und den Dysgrammatismus auf. Die Sprachverwendungsstörung determiniert Homburg als das Unvermögen die Hör/Sprech-Schriftsprache wirksam und selbstverständlich zu gebrauchen, da der Zugriff auf das Sprachsystem aufgrund von undifferenzierten Faktoren Störungen aufweist (vgl. Homburg 1978).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wendlandt bezeichnet das Stottern als eine „Störung[..] des Sprechablaufs“ (Wendlandt 2001, 42; Hervorh. v. C.K.), bei der vermehrt Sprechunflüssigkeiten wahrzunehmen sind. Da aufgrund des Stotterns aber oft „die gesamte Kommunikation (auch das Verhalten des Gesprächpartners) beeinträchtigt“ (ebd., 40) ist, betrachtet er das Stottern zudem auch als eine Kommunikationsstörung (vgl. ebd., 42)[2].

3. Sprechunflüssigkeiten und Stottern

Die Fähigkeit zum flüssigen Sprechen ist in den Prozess der Sprachentwicklung eingebettet (vgl. Baumgartner 1994, 213; Wendlandt 1995, 48). Ebenso wie beispielsweise die Fähigkeit der adäquaten Artikulation oder der korrekten Syntax ist die flüssige Sprechfähigkeit nicht von Anfang an gegeben, sondern entwickelt sich erst allmählich. „Flüssiges Sprechen ist nur eine von vielen Variablen der gemeinsam funktionierenden sprachrezeptiven und – produktiven Vorgänge (Baumgartner 1994, 213). Um flüssig sprechen zu können, müssen Sprechbewegungen strukturiert, geplant koordiniert und geplant werden. Dazu ist es notwendig, dass sich Hör-, Bewegungs-, Lage-, Tast- und Berührungswahrnehmungen über die Rückmeldekreise laufend steigern und die Diskrimination der Spannungs-, Druck-, Kraft- und Stellungsverhältnisse der Sprechorgane zunehmend optimieren (vgl. ebd., 213). Wendlandt zieht für die Beschreibung des Erwerbs der Sprechflüssigkeit einen Vergleich zum Laufen lernen herbei. Ebenso wie sich das Kind beim Laufen an die sich entwickelnden motorischen Fähigkeiten anpassen muss, muss es auch lernen, seine sprechmotorischen Fähigkeiten mit den kontinuierlich anwachsenden linguistischen Fähigkeiten in Einklang zu bringen (vgl. Wendlandt 1995, 48).

Wann das Sprechen als unflüssig wahrgenommen wird, ist neben dem subjektiven Maßstab des Zuhörers bzw. Gesprächspartner (vgl. Sandrieser & Schneider 2001, 6) von mehreren Faktoren abhängig. Starkweather zufolge setzt sich die Sprechflüssigkeit aus den Faktoren Kontinuität, Geschwindigkeit, Rhythmus und Anstrengung zusammen. „Unter Kontinuität versteht man den ungehinderten, glatten und weichen Sprechfluß“ (Baumgartner 1994, 204). Pausen unterbrechen diese Kontinuität zwar, werden aber erst als auffällig eingestuft, wenn 20 % der Sprechzeit aus Pausen bestehen. Die Sprechgeschwindigkeit wird als Zeiteinheit definiert, in der Laute, Silben und Wörter produziert werden (vgl. ebd., 205). Betonte und unbetonte Silben sind ursächlich für den Sprachrhythmus. Je deutlicher das Sprechen mit Anstrengung verbunden ist, desto größer wird die Gefahr, dass es unflüssig wird. Aufgrund der Aufwendung von Kraft im Sinne von kognitiver Konzentration und muskulärer Anstrengung (vgl. ebd., 204) entstehen Versprecher und vermehrte Pausen.

Sprechunflüssigkeiten bei Kindern sind vorwiegend im Vorschulalter zu beobachten (vgl. z.B. Kollberg 2004, 4; Fiedler & Standop 1992, 26). Nach Fröschels (1985; zit. n. Fiedler & Standop 1992, 4) kommen 80% aller Kinder irgendwann zwischen zwei und vier Jahren in eine Phase unflüssigen Sprechens. Kennzeichen hierfür sind vorrangig Merkmale der Anstrengung und Anspannung. Silben, Wörter, Sätze oder Satzteile werden wiederholt, des Weiteren treten Einschübe und Überarbeitungen auf (vgl. Baumgartner 1994, 206 f.). In vielen Fällen legen sich solch sprachlichen Unflüssigkeiten von alleine, daher werden diese Phasen auch als „Entwicklungsstottern“ (Wirth 52000, 495) „normale Entwicklungsunflüssigkeiten“ (Johannsen & Schulze 1992, 63) oder „normale Unflüssigkeiten“ (Fiedler & Standop 1992, 24) bezeichnet.

„Beim Stottern handelt es sich nicht einfach um ein ´mehr` von Sprechunflüssigkeiten, sondern um eine für die Störung typische Qualität von Sprechunflüssigkeiten, die im Sprechen von nichtstotternden Kindern nur sehr selten vorkommen“ (Sandrieser & Schneider 2001, 6). Zur Abgrenzung des Stotterns von einer entwicklungsbedingten Sprechunflüssigkeit führen Sandrieser und Schneider daher verschiedenen Arten bzw. Qualitäten von Sprechunflüssigkeiten auf. Grundlegend unterscheiden sie zwei Kategorien voneinander: die unauffälligen „funktionellen Unflüssigkeiten […] und die stottertypischen Unflüssigkeiten, die auch symptomatische Unflüssigkeiten bezeichnet werden“ (ebd., 7).

3.1 Funktionale und symptomatische Sprechunflüssigkeiten

Der Terminus ´Funktionale Sprechflüssigkeit` kann synonym mit der Bezeichnung ´normale Sprechunflüssigkeit` gesetzt werden (vgl. Sandrieser & Schneider 2001, 6), da sie in der Regel von Zuhörern als unauffällig, normal eingestuft werden (vgl. ebd., 10). Zu den normalen Unflüssigkeiten „zählen Wiederholungen von Wörtern und Satzteilen, Pausen, Satzabbrüche, Satzkorrekturen und Einschübe“ (ebd., 7), die funktional eingesetzt werden. Durch Wiederholungen, Floskeln und Einschübe will der Sprecher beispielsweise Zeit für seine weitere Sprechplanung gewinnen. Ungefüllte, stumme Pausen können zum Beispiel dazu dienen, einen inhaltlich wichtigen Begriff zu betonen (vgl. ebd., 7). Kowal et. al und Starkweather weisen darauf hin, dass Kinder im Verlauf ihrer Sprachentwicklung lernen, diese funktionellen Sprechunflüssigkeiten in ihre Sprechplanung mit einzubeziehen (vgl. Kowal et. al 1975; vgl. Starkweather 1987, 79 ff.).

´Symptomatische Sprechunflüssigkeiten` treten unfreiwillig und ohne funktionellen kommunikativ-pragmatischen Nutzen auf. Zur Kategorie der symptomatischen Sprechunflüssigkeiten sind Wiederholungen, Dehnungen und Blockierungen zu zählen[3].

Charakteristisch betreffen die Wiederholungen nicht ganze Wörter oder Satzteile, sondern Laute, Silben oder Teilworte. Häufig stehen sie zu Beginn einer Phrase, zum Beispiel „Ka-ka-ka-kannst du mir mal sagen…“ (Sandrieser & Schneider 2001, 8). Sie besitzen weder einen informativen Charakter für den Zuhörer noch bergen sie einen sinnvoll beabsichtigten Zeitgewinn für den Sprecher. Vielmehr stellen sie „eine Unterbrechung des Sprechtempos oder des Rhythmus dar. Es können Zeichen von Anstrengung hör- oder sichtbar werden, zum Beispiel Anspannung der orofazialen Muskulatur oder Veränderung der Sprechstimmlage (Sandrieser, 1997)“ (ebd., 8).

Dehnungen, Verlängerungen und Prolongationen stellen eine Unterbrechung des Redeflusses dar, obwohl der Sprechfluss durch die durchgängige Phonotation bestehen bleibt. Sie „liegen vor, wenn der Laut länger andauert, als es der erwartbaren Artikulationsdauer entspricht [..][:] „Sssssssag doch endlich Mmmmmama“ (ebd., 8; Zus. v. C.K.). Die Sprechgeschwindigkeit wird verringert und der Sprechrhythmus verändert sich. (vgl. ebd., 8).

Blockierungen, Blocks und Stops stellen unfreiwillige Unterbrechungen des Sprechablaufs oder stimmlose Verzögerungen der einsetzenden Phonation dar und treten häufig an für Pausen untypischen Stellen auf. Nach Guitar (21998, vgl. Sandrieser & Schneider 2001, 9) können Blockierungen auf der artikulatorischen Ebene, phonetischen Ebene oder glottalen Ebene oder auf der Ebene der Atmung eintreten. Möglich ist auch, dass die Ebenen im Falle einer Blockierung gleichzeitig beteiligt sind. Allen gemein ist das Charakteristikum der exzessiven Aktivierung der antagonistischen Muskulatur (vgl. Schulze & Johannsen 1986, 43).

Funktionelle und symptomatische Unflüssigkeiten sind als komplexe Symptome aufzufassen (vgl. Sandrieser & Schneider 2001, 9). „Ein Laut oder eine Silbe kann gleichzeitig mehrere Arten von Unflüssigkeiten aufweisen“ (ebd., 9). Vor der Realisierung eines Lautes kann beispielsweise eine Blockierung auftreten. Der Laut selbst kann gedehnt oder wiederholt werden: „Blockierung – Ka-ka-ka-kannst…“.

Des Weiteren kann es bei der qualitativen Bestimmung zu Komplikationen kommen, da sich funktionale und symptomatische Unflüssigkeiten nicht immer von einander unterscheiden lassen. „Im Beispiel ´da-da-da ähh da-da-das` könnte ´äh` sowohl eine gefüllte Pause, also eine funktionelle Unflüssigkeit, als auch ein Teil der Stottersymptomatik“ (ebd., 9), nämlich das sogenannte „Aufschubverhalten“ (ebd., 9) sein. Bei diesem werden Unflüssigkeiten funktional eingesetzt, um einen Laut oder ein Wort hinauszuzögern, bei dem eine symptomatische Sprechunflüssigkeit erwartet wird (vgl. ebd., 9).

Das sporadische Auftreten von symptomatischen Sprechunflüssigkeiten „ist kein ausreichendes Anzeichen für das Störungsbild Stottern, da sie auch bei nichtstotternden Personen vorkommen können. Entscheidend ist ihre Häufigkeit und ihre Qualität“ (Sandrieser & Schneider 2001, 10).

Im Kontext des Stotterns werden symptomatische Unflüssigkeiten auch Kernsymptome genannt. Diese Bezeichnung („core-behavior“) ist von Charles Van Riper im Jahre 1971 geformt worden.

3.2 Kern- und Begleitsymptome des Stotterns

Bei der Kernsymptomatik, Fiedler & Standop bezeichnen sie als Grundsymptomatik (vgl. Feidler & Standop 1992, 2) wird grundsätzlich zwischen zwei Formen des Stotterns unterschieden; dem klonischen und dem tonischen[4] Stottern. Diese beiden Formen können getrennt sowie kombiniert auftreten (vgl. Fiedler & Standop 1992, 2). Kennzeichnend für das klonische Stottern ist das relativ spannungsarme Wiederholen von Lauten, Silben, Wörtern oder ganzen Sätzen (vgl. ebd., 2). Es treten vermehrt ´hämmernde` Laut-, Silben- und Wortwiederholungen „mit unwillkürlich schnellem Wechsel zwischen Kontraktion und Entspannungen der Artikulationsmuskulatur“ (Wirth 52000, 500) auf, denen beim abschließenden Aussprechen Wortdehnungen folgen können: „´k-k-k-kommen` oder ´Hand-t-t-t—tuuuch`“ (Fiedler & Standop 1992, 2). Beim tonischen Stottern treten Blockierungen während des Sprechens auf. Charakteristisch ist das relativ lang andauernde Verharren auf einem Laut oder einer Artikulationsstellung, mit dem bzw. der die Verkrampfung der Sprechmuskulatur einhergeht (vgl. Fiedler & Standop 1992, 2). Es kommt zu „Lautdehnungen mit krampfartigen längeren Kontraktionen der Artikulationsmuskulatur“ (Wirth 52000, 500). Es lassen sich stumme Pressversuche, die dem Anfang oder dem Weitersprechen eines Wortes vorangehen (beispielsweise „´ -----Pause` oder ´Poli-----tik`“ (Fiedler & Standop 1992, 2) und manchmal auch deutlich hörbare Glottianschläge vermerken. Im Falle des tonisch-klonischen Stottern (auch klonisch-tonisch genannt) ist der Redefluss durch spannungsarme Laut-, Silben- und Wortwiederholungen sowie verkrampfte Blockierungen gestört[5].

Bei vielen Stotterern lassen sich zusätzlich zu den Kernsymptomen Begleitsymptome beobachten, die Reaktionen auf die Kernsymptome darstellen. Sie sind als Mechanismen zu verstehen, die vom Sprechenden eingesetzt werden, um im Falle einer Redeflussunterbrechung zum Sprechfluss zu gelangen.

Begleitsymptome äußern sich auf den Ebenen der Emotionen und Einstellungen, des Verhaltens bzw. des Sozialverhaltens, des Sprechverhaltens, der Sprache und der Motorik (vgl. Sandrieser & Schneider 2001, 11). Auf der emotionalen Ebene kommt die Begleitsymptomatik beispielsweise durch psychische Anspannung, Sprechangst, Frustation und der Abwertung der eigenen Sprechfähigkeiten hervor. Mit der Begleitsymptomatik auf der Ebene des Sozialverhaltens ist das Vermeiden von bestimmten Situationen gemeint, in denen unabdingbar gesprochen werden muss oder das Abwenden des Blickkontakts. Auf der Ebene des Sprechverhaltens äußern sich die Begleitsymptome in der Veränderung der Sprechweise, der Sprecher flüstert oder spricht langsam. Durch die Vermeidung gefürchteter Wörter, Satzumstellungen und Satzabbrüche sowie Einschübe von Floskeln kommt die Begleitsymptomatik auf der sprachlichen Ebene hervor. Ungewöhnliche Mitbewegungen, sogenannte Parakinesen der Gesichts- und Halsmuskulatur, der Extremitäten oder des gesamten Körpers[6] stellen die Begleitsymptome auf der Ebene der Motorik dar[7] (vgl. Sandrieser & Schneider 2001, 11)[8].

Bei Kindern mit einem beginnenden Stottern sind die Begleitsymptome längst nicht so ausgeprägt wie bei erwachsenen Stotterern, können im Grundschulalter durchaus schon auffällig werden (vgl. Johannsen 2001, 152).

3.2.1 Wechselwirkung der Kern- und Begleitsymptome

Kern- und Begleitsymptome entwickeln sich nicht unabhängig voneinander oder gar linear, sondern beeinflussen sich gegenseitig (vgl. Sandrieser & Schneider 2001, 11). So kann beispielsweise das Kernsymptom der ´Teilwortwiederholung` durch das Begleitsymptom ´Ankämpfverhalten` zu einer Blockierung werden oder das Begleitsymptom ´Sprechangst` in einer Situation der Auslöser für das vermehrte Auftreten von Kernsymptomen darstellen

Es besteht kein monokausaler Zusammenhang zwischen den Kern- und Begleitsymptomen. Begleitsymptome sind nicht ausschließlich als Folge symptomatischer Unflüssigkeiten zu betrachten, da sie selbst Kernsymptome auslösen und verstärken können. Sandrieser und Schneider raten aus diesem Grund von der missverständlichen Unterscheidung zwischen Primär- und Sekundärsymptomen ab (vgl. Sandrieser & Schneider 2001, 11 f.).

3.2.2 Coping-Strategien

Die Begleitsymptomatik im Verständnis ihrer Reaktion auf die eigentliche Stottersymptomatik stellt – wie bereits angemerkt - den Versuch dar, die Sprechunflüssigkeit zu bewältigen. Sie ist somit Ausdruck eines Problemlöseverhaltens und setzt ein gewisses Maß an Störungsbewusstsein voraus. Teils bewusst, häufig auch vollkommen unbewusst nimmt das Kind seine veränderte Sprechweise sowie die Reaktion der Umwelt auf diese wahr, so dass es nicht mehr unbefangen artikuliert. Im Anschluss an das englische Verb ´to cope with` (mit etwas fertig werden), werden die Begleitsymptome auch als Coping-Strategien bezeichnet (vgl. Sandrieser & Schneider 2001, 13)

Es entstehen solche Reaktionen zum Teil in Wechselwirkung zum Kernsymptom und festigen sich, weil sie zunächst als wirkungsvoll erscheinen. Aus scheinbar nützlichen Strategien, zum Beispiel der des schnellen Sprechens mit dem Ziel das Stottern zügig zu beenden, können sich schließlich automatisierte ´Tics`, teilweise auffälligere Begleitsymptome als die des Stotterns entwickeln (vgl. ebd., 13).

Sandrieser und Schneider unterscheiden daher in funktionelle und dysfunktionelle Coping-Strategien. „Letztendlich ist das Ziel in der Therapie des chronischen Stotterns nichts anderes, als die Vermittlung funktioneller Coping-Strategien auf den […] [bereits aufgeführten Ebenen[9] ] und der Abbau von dysfunktionellen Coping-Strategien“ (ebd., 13).

3.3 Abgrenzung des pathologischen Stotterns von physiologischen Sprechunflüssigkeiten

„Die Entstehung und der Verlauf des Stotterns ist ein dynamisches System mit großen individuellen Unterschieden (Yairi, Ambrose und Niermann 1993)“ (Sandrieser & Schneider 2001, 11). Viele Autoren und Wissenschaftler heben die Variabilität des Störungsbildes sowie des Entwicklungsverlaufs des Stotterns hervor, welche die Diagnostik erschwert.

Von einigen Autoren wird es – vor allem hinsichtlich einer Frühbehandlung des Stotterns – „als unerlässlich betrachtet, deutlich zwischen altersüblichen Sprechunflüssigkeiten im Kindesalter und Stottern zu differenzieren“ (Fiedler & Standop 1992, 26; vgl. Schulze & Johannsen 1986). Bis heute jedoch ist die Forschung zu keiner befriedigenden Antwort gekommen. Die Abgrenzung der physiologischen, entwicklungsbedingten Sprechunflüssigkeiten von chronischem, pathologischem Stottern erweist sich als problematisch, da verschiedene Auffassungen darüber bestehen, wann das Stottern beginnt. Zusätzlich erschwert wird die Diagnostik durch die Annahme des Übergangs, der sogenannten Kontinuitätsannahme (Fiedler & Standop 1992, 9), die besagt, dass sich „Stottern aus normalen Sprechunflüssigkeiten heraus entwickele“ (ebd., 9)[10]. Konträr zu dieser Annahme stehen die Vertreter der Position, die im Stottern und in entwicklungsbedingten Unflüssigkeiten zwei klar voneinander abgrenzbare Phänomene sehen. Beispielhaft sei hier die „diagnosogenic-theory“ von Johnson (1956, zit. n. Fiedler & Standop 1992, 87; Hervorh. i. Org.) beschrieben.

Exkurs: Die „Diagnosogenic“-Theorie nach Johnson

Johnson ist der Ansicht, dass „Stottern nicht vor, sondern erst mit und nach seiner Diagnose“ (ebd., 87) entsteht. Stottern ist damit keine sich aus den normalen Sprechunflüssigkeiten heraus entwickelnde Störung des Redeflusses. Stottern entstehe allein durch die Definiton der Sprechunflüssigkeit als Stottern. Johnson beschreibt einen Teufelskreis, in dem das Kind durch die Umwelt auf seine physiologischen Unflüssigkeiten aufmerksam gemacht wird, „erkennt, dass es offensichtlich nicht richtig sprechen kann“ (ebd., 87) und sich infolgedessen verstärkt auf sein Sprechen konzentriert. „Die vom Kind sehr bald antizipierbaren Sprechschwierigkeiten versucht es, durch besondere Anstrengung zu verhindern, und es bereitet dadurch den Boden für ihr tatsächliches Auftreten vor“ (ebd., 87, i. Org. tw. hervorgeh.). Neben diesen Versuchen, das Stottern zu vermeiden, die aber zum Stottern führen, bezeichnet Johnson Stottern als „ein auf Erwartungsängste zurückführbares (Vermeidungs-)Verhalten“ (ebd., 87).

[...]


[1] „Die ´inzwischen als allgemeingültig anzusehende Erkenntnis: Jedes Stottern ist anders` verhindert grundsätzlich die Formulierung einer Definition, die das Problem des Stotterns über dessen äußerste Oberfläche (den zeitweise gestörten Redefluss) hinaus so beschreiben könnte, dass erkennbar wird, welche Kräfte auf welche Art zusammenwirken müssen, damit das Oberflächenphänomen entsteht. Deshalb wird Stotterns meist nur deskriptiv definiert, zwar unterschiedlich differenziert, […] aber doch meist an der Oberfläche des Phänomens verharrend“ (Kollbrunner 2004, 85 f.).

[2] Wendlandt führt in einem Schaubild die wichtigsten Störungen des Sprechens und der Sprache auf. Neben den beiden genannten Störungen führt Wendlandt in der Terminologie nach Homburg als dritte Stimme und des Stimme und des Stimmklanges“ (Wendlandt 2001, 42; Hervorh. v. C.K.), wie beispielsweise das Näseln auf. „Störungen des Sprechens und der Sprache“ (ebd., 42; Hervorh. v. C.K.) sind den Sprachsystemsstörungen nach Homburg zuzuordnen. Hierunter versteht Wendlandt Störungen wie Dyslalie, Dysgrammatismus und ein eingeschränktes Sprachverständnis sowie einen eingeschränkter Wortschatz. Diese Störungen können wiederum zu Sprachentwicklungsstörungen werden, die bis zur Alalie führen (vgl. ebd., 42).

[3] „Einige Autoren treffen keine Unterscheidung zwischen Blockierungen und Dehnungen. […] [Des Weiteren werden von] Yairi und Ambrose (1999) [..] Dehnungen, Blockierungen und Wiederholungen von Lauten oder Silben unter dem Begriff ´unrhythmische Phonation` (disrhythmic phonation) zusammenfasst“ (Sandrieser & Schneider 2001, 9; Zus. v. C.K).

[4] Manche Autoren beschreiben das tonische Stottern als eine „Folge des Unterdrückens von Silbenwiederholungen bei unvernünftigem Verhalten der Umgebung“ (Wirth 52000, 500) und betrachten es daher nicht als ein primäres, sondern als ein sekundäres Symptom (vgl. ebd., 500).

[5] In der aktuellen Literatur ist keine einheitliche Meinung zu der Unterteilung in das tonische und klonische Stottern vorzufinden. Sandrieser und Schneider weisen darauf hin, dass eben diese Unterscheidung vermieden werden sollte, da sie aus einer Zeit stamme, „in der noch vermutet wurde, daß es sich beim Stottern um ein cerebrales Krampfleiden handele (siehe Gutzmann 1924, S.430; Fröschels 1931, S.469; Luchsinger und Arnold 1949, S.385; Seemann 1969, S.287) und als noch von Stotterspasmen die Rede war (Van Riper 1992)“ (Sandrieser & Schneider 2001, 12). Darauf dass durch die Begrifflichkeit fälschlicherweise die Assozioation eines Krampfleidens hervor gerufen wird, verwies Fröschels bereits 1931 (Fröschels 1931, 414 f.). Dennoch ist in der aktuellen Literatur weiterhin die Unterteilung vorzufinden (vgl. Wirth 52000, 499 f.)

[6] Hermann Gutzmann schlug im Jahre 1894 die Unterteilung in primäre und sekundäre Mitbewegungen vor (vgl. Schäfersküpper, 115 f.). Primäre Bewegungen sind solche Bewegungen, die sich aufgrund von „Verspannungen während der tonischen und klonischen Symptome ergeben und Übertragungen auf am Sprechen beteiligter Muskelgruppen sind“ (Fiedler & Standop 1992, 3). Gemeint sind zum Beispiel das Verziehen des Mundes oder das Aufblähen der Nasenflügel. Sekundären Mitbewegungen umfassen sowohl die Körperbewegungen als auch Interjektionen, Störungen der Atmung (beispielsweise Hochatmung, paradoxe Atmung) und Wortumstellungen (vgl. ebd., 3). Eine solche Unterteilung wird gegenwärtig als hinfällig betrachtet, da nicht mehr eine Linearität sondern eine Wechselseitigkeit der Bewegungen und Symptome angenommen wird.

[7] Diese Mechanismen können zumeist als Versuche der Überwindung von Blockierungen verstanden werden, die irgendwann ihre Wirksamkeit verloren haben, jedoch aufgrund einer Automatisierung bestehen bleiben.

[8] Die Erläuterungen zu den Begleitsymptomen auf den verschiedenen Ebenen besitzen keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern sollen eine beispielhafte Übersicht über mögliche Begleiterscheinungen geben.

[9] Vgl. S. 9 in diesem Dokument

[10] Die Entwicklung des Stotterns aus Sprechunflüssigkeiten ist bereits auf Seite 4 f. in diesem Dokument erläutert worden.

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Symptomatologie, Ätiologie und Therapie des Stotterns im Kindesalter
Hochschule
Technische Universität Dortmund
Veranstaltung
Naturwissenschaftliche Grundlagen von Sprache und Sprachwissenschaft
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
55
Katalognummer
V85975
ISBN (eBook)
9783638017855
ISBN (Buch)
9783638940528
Dateigröße
2223 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Symptomatologie, Therapie, Stotterns, Kindesalter, Naturwissenschaftliche, Grundlagen, Sprache, Sprachwissenschaft
Arbeit zitieren
Corinna Kühn (Autor), 2007, Symptomatologie, Ätiologie und Therapie des Stotterns im Kindesalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85975

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