Familientherapie als Verfahren der Psychotherapie


Hausarbeit, 2007

27 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ivan Boszormenyi-Nagy
2.1 Zur Person des Ivan Boszormenyi-Nagy
2.2 Die „kontextuelle Familientherapie“ nach Boszormenyi-Nagy
2.3 „Unsichtbare Bindungen“ von Boszormenyi-Nagy und Spark

3. Familienaufstellung nach Hellinger
3.1 Zur Person des Bert Hellinger
3.2 Fachlicher Ansatz
3.3 Ziele
3.4 Methoden

4. Systemische Familienrekonstruktion nach Dr. Marie-Luise Conen
4.1 Zur Person der Dr. Marie-Luise Conen
4.2 Fachlicher Ansatz
4.2.1 Systemische Therapie und Familienrekonstruktion
4.2.2 Anforderungen an den Therapeuten
4.2.3 Universelle Annahmen
4.3 Ziele
4.3.1 Aussöhnung der Generationen
4.3.2 Neustrukturierung
4.4 Methoden
4.4.1 Gruppenarbeit
4.4.2 Vorbereitung der Familienrekonstruktion
4.4.3 Durchführung einer Familienrekonstruktion
4.4.4 Genogrammarbeit
4.4.5 Familienfotos
4.4.6 Fokussierende Fragestellung
4.4.7 Neustrukturierung

5. Gegenüberstellung
5.1 Gegenüberstellung der fachlichen Ansätze
5.2 Gegenüberstellung der Ziele
5.3 Gegenüberstellung der Methoden

6. Persönliche Schlussfolgerungen aus der Gegenüberstellungen

7. Literaturverzeichnis

Anlagen
A) Beispiele Hellinger
B) Beispiele Conen

1. Einleitung

Erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts (gegen 1950) entwickelte sich in den USA die Familientherapie als eigene Richtung der psychologischen Forschung. Durch die Beschäftigung mit Fragen der psychosozialen Gesundheit in der Gesellschaft erkannten Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten mehr und mehr den Stellenwert des familiären Systems in diesem Prozess.

Bis dahin wurde noch immer die Psychoanalyse (Freud) als dominierende Methode betrachtet. Hierbei stand ausschließlich der einzelne Mensch (Patient) im Mittelpunkt der Therapie.

„Mit der Familientherapie wurde ein Verfahren der Psychotherapie entwickelt, das sich darauf konzentriert, die Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern zu verändern, und sich darum bemüht, die Funktionsweise der Familie als Einheit zu verbessern“. (Gruyter, 1999/2000)

Zu den Begründern der modernen Familientherapie zählt unter anderem Ivan Boszormenyi-Nagy über dessen Arbeit ich unter Absatz 2 Genaueres schreiben werde.

Seine wissenschaftlichen Abhandlungen bilden für viele Familientherapeuten eine wesentliche Grundlage ihrer Arbeit. Zwei Therapeuten und deren unterschiedliche Konzepte möchte ich im Folgenden vorstellen und vergleichen.

2. Ivan Boszormenyi-Nagy

2.1 Zur Person des Ivan Boszormenyi-Nagy

Ivan Boszormenyi-Nagy ist 1921 in Budapest, Ungarn geboren und absolvierte dort eine psychoanalytische Ausbildung.

Ende der 40-er Jahre emigrierte er über die Schweiz und Deutschland in die USA und wurde dort in den 50-er und 60-er Jahren einer der Pioniere der Familientherapie. Als Psychiater ging er über die individualpsychologische Behandlung hinaus, wenn er schwere psychische Störungen behandelte.

Er arbeitete als Psychiater am EPPI (Eastern Pennsylvania Psychiatric Institute) in Philadelphia und wurde später am Hahnemann College Hochschullehrer.

1973 erschien sein Buch „Unsichtbare Bindungen“, welches für viele Therapeuten wegweisend wurde und für viele psychodynamisch orientierte Therapeuten die Grundlage bildete, familientherapeutischen Denken und Methoden zuzuwenden.

In den 80-er und 90-er Jahren war Boszormenyi-Nagy vielfach Gast auf internationalen Kongressen in der ganzen Welt, unter anderem auch in Göttingen und Heidelberg.

Sein gesamtes Werk umfasst sechs Bücher und weit über 80 Artikel. Im Juni 2001 wurde er auf dem europäischen Familientherapie-Kongress in Budapest für sein Lebenswerk geehrt.

Ivan Boszormenyi-Nagy starb im Januar 2007 in Glenside, Pennsylvania.

2.2 Die „kontextuelle Familientherapie“ nach Boszormenyi-Nagy

Boszormenyi-Nagy entwickelte eine Therapieform, welche sich bei massiven psychischen Störungen als wirkungsvoll erwies und welche die gesamte Familie eines Psychiatriepatienten als Unterstützende in die Behandlung einbezog.

Er betrachtete die destruktiven Muster der Familieninteraktionen, die oft über mehrere Generationen wirken und holte Großeltern, Kinder und Geschwister der Patienten mit in die Therapie. Boszormenyi-Nagy erarbeitete eine Balance zwischen Loyalität und Verpflichtung zwischen den Familienangehörigen und trug so dazu bei, dass sich die Symptome der Patienten linderten. Dabei standen für ihn Beziehung, Loyalität, Vertrauen und Fairness immer im Mittelpunkt eines therapeutischen Prozesses.

Die Arbeit von Boszormenyi-Nagy ist von tiefer Gründlichkeit geprägt und bewirkt bei den Klienten und ihren Familien tiefgreifende Veränderungen in ihren Haltungen und Einstellungen zueinander. Vor allem in Familien, in denen sich über viele Generationen destruktive Handlungen tradierten, fand er einen Zugang, ihnen Hoffnung auf sich selbst und auf die nachfolgenden Generationen zu geben.

Sein Anliegen ist es eine Theorie zu entwerfen, in der sowohl das Tiefenerleben der Einzelpersönlichkeit als auch die Vielfalt des „Kraftfeldes Familie“ festgehalten wird.

2.3 „Unsichtbare Bindungen“ von Boszormenyi-Nagy und Spark

Das Buch ist noch sehr geprägt von den Bemühungen der Familientherapeuten, sich in den 70-er Jahren als eigenständiges Psychotherapieverfahren ins Gespräch zu bringen und sich von einzeltherapeutischen Verfahren, besonders der Psychoanalyse abzugrenzen. Dabei ist das Ziel der Autoren, unbewusste Motive anders als triebtheoretisch zu begründen und auf diese Weise systemische Ideen um eine Tiefendimension zu bereichern. Auf dieser Grundlage wird die psychologische Theorie entwickelt, in der wechselseitige Verpflichtungen, Erwartungen und Wünsche nach Ausgleich zu wesentlichen bewussten und unbewussten Motiven von Verhalten werden.

Das Buch ist eine grundlegend wichtige Lektüre für alle die mit Familien, Paaren oder Einzelklienten arbeiten, da es sich mit wichtigen ethischen Dimensionen der Arbeit mit Klienten auseinandersetzt. Boszormenyi-Nagy und Spark greifen Fragen auf, die damals wie heute aktuell sind: Wie werden wir unseren Kindern die Welt übergeben, was ist uns wichtig an die Kinder weiter zu geben und wie wollen wir für eine Welt sorgen, in der Kinder gut aufwachsen können?

Die Autoren sprechen sich für die Rechte der Kinder aus:

„Kinder haben ein Recht darauf physisch aufgezogen und zu Lebensmustern geführt zu werden, mit deren Hilfe sie sich entwickeln ... können.“ (Boszormenyi-Nagy, Spark, 1973, 130)

Sie weisen auf die Notwendigkeit hin, dass Eltern wie Kinder eine gute Balance zwischen Geben und Nehmen finden und sprechen sich dafür aus, dass Kinder ein Recht haben sollten, geben zu können.

Die Autoren betrachten Familien unter dem Aspekt der Gerechtigkeit und den daraus resultierenden Leitideen der Loyalität und Versöhnung. Dabei geht es ihnen darum die Dimension der Individuation sowohl zu beschreiben als auch deren Hindernisse und Potentiale aufzugreifen und zu verändern. Eine gelingende Individuation ist nach den Autoren nur möglich, wenn eine Versöhnung mit den verinnerlichten oder den realen Eltern stattfindet. Diese Versöhnung ist eng verbunden mit der Loyalität, die das

„wesentliche Band zwischen den Generationen sei, die auf dem Ausgleich der gegenseitigen Schuldigkeiten beruht“. (Boszormenyi-Nagy, Spark, 1973, 258)

Boszormenyi-Nagy arbeitet mit Begriffen wie Kontenführung über Geben und Nehmen und Schulden und Guthaben. Dabei geht es ihm letztlich darum diese „Aufrechnung“ in seiner therapeutischen Arbeit so gestalten zu helfen, dass Eltern ihren Kindern ein gutes Aufwachsen ermöglichen können. Sein Verdienst ist es, dem Leser sowohl die wachstumslähmenden aber auch normale Aspekte von Parentifizierung (Rollenumkehr zwischen Eltern und Kind) aufzuzeigen.

Boszormenyi-Nagy besteht auf eine ethische Betrachtung der Arbeit mit Familien und es ist ihm ein wichtiges Anliegen, Loyalitätsbindungen in ihren vielfältigsten Erscheinungsformen zu betrachten und in einem therapeutischen Kontext positiv gestalten zu helfen. Seine leitende Idee dazu ist, dass

„Loyalitätskonflikte ... entscheidendere und tiefer greifende Hemmnisse in der individuellen Entwicklung als Kommunikations- beziehungsweise Interaktionskonflikte (sind)“ (Boszormenyi-Nagy, Spark, 1973, 158)

3. Familienaufstellung nach Bert Hellinger

3.1 Zur Person des Bert Hellinger

Hellinger ist 1925 geboren, studierte Philosophie, Theologie und Pädagogik und ging als Missionar nach Südafrika. Dort lebte er bei dem Volk der Zulu, bei welchem er Respekt und Geduld vorgelebt bekam.

1969, wieder zurück in Europa, absolvierte er eine psychoanalytische Ausbildung in Wien. Später ging er 9 Monate in die USA um bei Arthur Janov die Primärtherapie zu erlernen. Am interessantesten daran fand er das direkte Herangehen an zentrale Gefühle. Beim genaueren Auseinandersetzen mit dieser Therapie bemerkte Hellinger, dass durch die Übernahme der Leitung durch die Gefühle keine Lösung von Problemen möglich ist. Jedoch befand er für gut, dass bei der Primärtherapie keiner Kommentare über einen anderen machen darf, damit dieser auf sich selbst zurückgeworfen wird. Er stellte weiterhin fest, dass fast alle aufkommenden Gefühle den Eltern gelten.

Hellinger setzte sich nun auch mit anderen Ansätzen auseinander und kam durch die Transaktionsanalyse und die Skriptgeschichten nach Eric Berne zu der Ansicht, dass die meisten Probleme nicht entwicklungspsychologisch, sondern systemisch bedingt sind und wir nicht nur von eigenem Erleben, sondern auch von vergangenem fremden (familiären) Schicksal beeinflusst werden.

In den 70er Jahren setzte sich Hellinger mit der Familientherapie auseinander. Er entwickelte die Theorie, dass das Frühere Vorrang gegenüber dem Späteren hat.

Hellinger wies mehrfach darauf hin, dass das Buch „Unsichtbare Bindungen“ von Boszormenyi-Nagy ihm die Augen für die Dynamiken in Familiensystemen geöffnet hat. Viele seiner Konzepte sind in diesem Werk schon vorgedacht. Hellinger gelang es, die wesentlichen Gedanken von Boszormenyi-Nagy und Spark in ein übersichtliches, populärwissenschaftliches Konzept zu überführen und damit einem breiten Interessenkreis zugänglich zu machen.

Er entwickelte diese Theorie weiter bis hin zur Familienaufstellung, einer systemischen Therapie durch ein stark autoritäres Gruppenverfahren, welches er seit 1990 in Großveranstaltungen anwendet.

„... er hat eine außerordentliche Wahrnehmungsfähigkeit, die ihm auch Gegner bestätigen. Hellinger achtet – wie er selbst sagt – auf kleinste Körpersignale seiner Klienten; er deutet Gesichtszüge wie andere Menschen Gemälde. Nach jahrelanger Arbeit als Therapeut formt sich das zu einer Intuition, die auf der Bühne blitzschnell erfasst, wie es einem Gegenüber geht – und womit ein Mann oder eine Frau hadert.“ (Berth, 2005)

3.2 Fachlicher Ansatz

In jedem Sozialgefüge (Familie) gibt es eine natürliche Ordnung, in die jedes Mitglied sich widerspruchslos einzufügen hat. Demnach hat der Mann immer Vorrang vor seiner Frau und das erstgeborene Kind vor dem Zweitgeborenen. Die Ahnen sind zu ehren, egal was sie getan haben.

Wird gegen diese Ordnung in irgendeiner Art und Weise verstoßen, wird innerhalb des Systems ein Mitglied krank. Das muss nicht die Person sein, die gegen die Ordnung verstoßen hat, sondern ein beliebiger Symptomträger. Dieser kann selbst einer viel späteren Generation angehören.

3.3 Ziele

Dem oder den Adressaten (Patienten) wird seine Stellung innerhalb des Familiensystems vergegenwärtigt. Bestimmte „gefühlte“ Meinungen der Beteiligten tragen zu einem Erkennen von Störungen der natürlichen familiären Ordnung bei, wobei es keine Rolle spielt in welcher Generation die Störung auftrat und wie eng der Adressat diesem Familienmitglied verbunden ist.

Der Adressat wird durch die gewonnen Erkenntnisse in die für ihn richtige Position innerhalb der natürlichen Ordnung der Familie gebracht. Danach ist die von der Natur vorgegebene Familienordnung wieder hergestellt und die Liebe innerhalb der Familie kann ohne Störungen fließen. Das Problem ist damit behoben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Familientherapie als Verfahren der Psychotherapie
Hochschule
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden (FH)
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
27
Katalognummer
V86001
ISBN (eBook)
9783638007146
ISBN (Buch)
9783640319732
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts (gegen 1950) entwickelte sich in den USA die Familientherapie als eigene Richtung der psychologischen Forschung. Durch die Beschäftigung mit Fragen der psychosozialen Gesundheit in der Gesellschaft erkannten Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten mehr und mehr den Stellenwert des familiären Systems in diesem Prozess. Bis dahin wurde noch immer die Psychoanalyse (Freud) als dominierende Methode betrachtet. Hierbei stand ausschließlich der einzelne Mensch (Patient) im Mittelpunkt der Therapie.
Schlagworte
Familientherapie, Verfahren, Psychotherapie, Aufstellung, Familienaufstellung, Skulbturarbeit, Hellbig, Sozialpädagogik, Soziale Arbeit, Familie, Therapie, Genogramm, Biografie
Arbeit zitieren
Denise Csizmadia (Autor), 2007, Familientherapie als Verfahren der Psychotherapie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86001

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Familientherapie als Verfahren der Psychotherapie



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden