In Deutschland leiden 5 – 8 Millionen Menschen an chronischen Schmerzen.
Wie eine Studie herausfand, welche die International Association for the Study of Pain in Auftrag gab, leidet sogar jeder dritte Patient in Allgemeinarztpraxen an Schmerzen, die bereits länger als 6 Monate andauern. Schmerzbedingte Arbeitsausfälle belaufen sich dabei auf 40 Milliarden Euro. Die häufigsten Beschwerden sind Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Tumorschmerzen und rheumatische Beschwerden.
Chronische Schmerzpatienten haben ihre eigene persönliche Schmerzgeschichte. Nicht selten haben sie eine Vielfalt von medikamentösen Therapieversuchen, schmerzhaften Operationen und anderen fehlgeschlagen Heilungsversuchen hinter sich. Vorschläge der Therapieform kamen dabei meist durch den behandelnden Arzt. Im günstigsten Fall wurde der Patient in die Therapieplanung mit einbezogen. Neben logischen Begründungen zum Für und Wider einzelner Interventionen gab es sicherlich eine intuitive Wahrnehmung der Angemessenheit der jeweiligen Therapie im Patienten selbst. Fraglich ist und bleibt jedoch inwieweit Raum vorhanden ist, auf diese Intuitionen einzugehen. Focusing stellt an diesem Ansatzpunkt eine Methode dar, die es ermöglicht, mit den eigenen Selbstheilungskräften in Kontakt zu treten. Die Aufmerksamkeit auf das Körpererleben als Ganzes führt zu Antworten, die auf logischem und analytischem Wege nicht möglich wären. Diese neue Erfahrung des Erlebens stärkt das Vertrauen in die eigenen Kräfte. Dies ist ganz im Sinne einer salutogenetischen Sichtweise, wonach ein hohes Gefühl der Verstehbarkeit, der Handhabbarkeit und der Sinnhaftigkeit persönlicher Lebensaufgaben mit körperlicher Gesundheit korrespondiert. Salutogenese betrachtet Schmerz als Warnsignal des Körpers, der aus seiner Mitte geraten ist. Focusing ermöglicht diesem Schmerz oder dem Symptom im Allgemeinen, zu „sprechen“. Herkömmliche Medizin bekämpft lediglich das Symptom. Im übertragenen Sinne löscht die pathologisch denkende Medizin den Brandmelder, während in der salutogenetisch denkenden Medizin der Brandmelder zum Feuer führt, das es zu löschen gilt. Mit Hilfe von Focusing kann der Patient selbst das Feuer löschen. In der folgenden Arbeit habe ich mir deshalb zur Aufgabe gestellt, die Wirksamkeit von Focusing an chronischen Schmerzpatienten zu überprüfen.
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
1 Problemstellung
2 Forschungsstand
3 Zielsetzung
4 Methodik der Arbeit
5 Aufbau der Arbeit
6 Begriffserklärungen
6.1 Schmerz
6.2 Chronischer Schmerz
6.3 Salutogenese
6.4 Focusing
II Theoretischer und empirischer Hintergrund
1 Definition Schmerz
1.1 Chronische Schmerzen
1.2 Chronischer Schmerz als Stressor
1.3 Schmerzbewältigung
2 Sprechende Medizin und ihr Einfluss auf das Gehirn
3. Focusing
3.1 Exkurs: Biographie Gendlin’s
3.2 Grundlagen und Thesen einer klientenzentrierten Theorie der gesunden menschlichen Entwicklung
3.3 Theorie der Persönlichkeitsentwicklung aus der Sicht klientenzentrierter Persönlichkeitspsychologie
3.4 Erleben
3.4.1 Strukturgebundenes Erleben und persönliche Entwicklung
3.5 Bedeutung unbedingter Wertschätzung im Focusing
3.6 Focusing als Prozess
3.6.1 Definition von Gendlin
3.6.2 Felt sense
3.6.3 Felt shift
3.7 Die sechs Focusing Schritte
3.7.1 Schritt: Freiraum schaffen:
3.7.2 Schritt/Bewegung: den Felt Sense entstehen lassen
3.7.3 Schritt: Einen Griff finden
3.7.4 Schritt: Stimmigkeit (Resonanz) zwischen felt sense und Wort/Bild überprüfen
3.7.5 Zusammenfassung Schritt 1-4:
3.7.6 Schritt – Anwendung des felt sense auf das Thema (Fragen stellen)
3.7.7 Schritt: Annehmen und Schützen
3.7.8 Abschließende Bemerkungen zu den Schritten:
4 Abgrenzung von Focusing zu anderen Konstrukten
5 Entstehung von Schmerz aus der focusing orientierten Sichtweise
5.1 Griff-Modell
6. Salutogenese
6.1 Das Konzept der Salutogenese
6.2 Das Gesundheits-Krankheits-Kontinuum
6.3 Das Kohärenzgefühl
6.4 Einfluss des Kohärenzgefühls auf die Krankheitsverarbeitung
6.5 Entwicklung des Kohärenzgefühls
6.6 Veränderbarkeit des Kohärenzgefühls
6.7 Einfluss des Kohärenzgefühls auf die Gesundheit
6.8 Gesundheitliche Kontrollüberzeugungen
III Fragestellungen und Hypothesen
1 Hypothese zum Kohärenzgefühl
2 Hypothese zum affektiven Schmerzempfinden
3 Hypothese zum sensorischen Schmerzempfinden
4 Hypothese zum Wohlbefinden
5 Hypothese zum Bewältigungsstadium
IV Methoden
1 Projektplanung und Datenerhebung
2 Soziodemographische Daten der Stichprobe
3 Erhebungsinstrumente
3. 1 Fragebogen zur Erfassung des Kohärenzgefühls von Antonovsky
3.1.1 Übersicht
3.1.2 Gütekriterien der Kohärenzskala
3.1.2.1 Objektivität
3.1.2.2 Reliabilität
3.1.2.3 Validität
3.2 Der Mehrdimensionale Befindlichkeitsfragebogen (MDBF)
3.2.1 Interpretation der MDBF Skalen
3.2.1.1 Gute/Schlechte Stimmung:
3.2.1.2 Wachheit/Müdigkeit:
3.2.1.3 Ruhe/Unruhe:
3.3 Der Freiburger Fragebogen zu Stadien der Bewältigung chronischer Schmerzen (FF-STABS)
3.3.1 Übersicht
3.3.2 Stadien der Schmerzbewältigung
3.3.2.1 Stadium der Sorglosigkeit
3.3.2.2 Stadium der Vorbereitung
3.3.2.3 Stadium der Handlung
3.3.2.4 Stadium der Aufrechterhaltung
3.3.3 Auswertung
3.4 Die Schmerzempfindungsskala SES
3.4.1 Übersicht
3.4.2 Auswertung
3.4.3 Gütekriterien
3.4.3.2 Reliabilität
3.4.3.3 Validität
3.5 Offene Fragen
V. Ergebnisse
1 Auswertung
1.1 Kohärenzsinn (SOC)
1.2 Befindlichkeit
1.3 Schmerzempfindungsscala
1.3.1 Affektive Schmerzwahrnehmung
1.3.2 Sensorische Schmerzwahrnehmung
1.4 Bewältigungsstadien
1.4.1 Sorglosigkeit
1.4.2 Vorbereitung
1.4.3 Handlung
1.4.4 Aufrechterhaltung
1.5 Korrelation Affektive Schmerzempfindung und Sorglosigkeit
1.6 Korrelation Affektive Schmerzempfindung und Aufrechterhaltung (t3)
1.7 Korrelation Affektive Schmerzempfindung und Aufrechterhaltung (t2)
2 Auswertung der Korrelationen
3 Gegenüberstellung Schmerzempfindlichkeit und SOC-Mittelwerte
3.1 Tabelle zur signifikanten Verbesserung der Schmerzempfindung:
3.2 Tabelle zur signifikanten Verschlechterung der Schmerzempfindung:
3.2.1 Subgruppen
3.2.1.1 Gruppe 1
3.2.1.2 Gruppe 2
4 Auswertung der einzelnen Übungen
5. Auswertung der offenen Fragen
VI Diskussion
VII Schlussbemerkungen
1. Zusammenfassung
2.1 Fortschritt gegenüber dem Stand der Forschung
2.2 Grenzen
2.3 Schwachstellen
2.4 Verbesserungsmöglichkeiten
3. Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Diplomarbeit evaluiert, ob chronische Schmerzpatienten durch die Anwendung von Focusing-Techniken eine Linderung ihres Schmerzempfindens und eine Verbesserung ihrer allgemeinen Befindlichkeit sowie Bewältigungskompetenz erreichen können.
- Einfluss von Focusing auf das Schmerzerleben bei chronischen Schmerzpatienten
- Salutogenetisches Modell nach Aaron Antonovsky als theoretischer Rahmen
- Psychologische Schmerztherapie und Bedeutung der Selbstaufmerksamkeit
- Einsatz standardisierter Fragebögen zur Evaluation der therapeutischen Wirksamkeit
- Analyse der Korrelationen zwischen Kohärenzgefühl, Bewältigungsstadien und Schmerzintensität
Auszug aus dem Buch
3.7.1 Schritt: Freiraum schaffen:
Dieser Schritt dient dazu, einen subjektiv guten Abstand zu seinen Problemen zu bekommen. Man schafft sich eine „positive Ausgangslage". (Gendlin 1998b, S. 93)
Man beginnt mit der Frage: „Wie geht es mir im Augenblick? Gibt es etwas was mich daran hindert mich ganz wohl zu fühlen?"
Man lässt diese Frage auf sich wirken und versucht, nicht vom Kopf her zu antworten, sondern zu schauen, was sich im Körper zeigt.
Neben bedeutsamen Problemen können auch ganz banale Dinge kommen. Grundlegend ist, das was auftaucht, in einer freundlichen Grundhaltung zu begrüßen, auch wenn es unangenehme Dinge sind.
Für jede Sache, die auftaucht, sucht man einen „guten Ort" und bittet sie, sich für eine Zeit dorthin zurückzuziehen. „Guter Ort" heißt: „man findet einen Platz dafür" (Gendlin/Wiltschko 1999, S. 57) einen Ort an dem „die Sache" sich „wohl" fühlt, aber auch der Focusierende das Gefühl eines guten Abstandes hat.
Das kann heißen, man legt die Dinge im Geist vor sich hin, setzt sie neben sich, stellt sie vor die Türe - man kann dabei sehr kreativ werden.
Es ist nicht Verdrängen, da etwas in einem bewussten Akt abgelegt wird.
Ein „guter Abstand" ist, wenn das Problem weit genug entfernt ist, um nicht zu überschwemmen und zugleich nahe genug ist, dass man damit noch in Kontakt treten kann, bzw. dass klar ist, wo man es wieder finden kann. Gendlin drückt das so aus: „Man bearbeitet das Problem nicht, aber man läuft auch nicht davon, sondern man findet einen Platz dafür. " (GendliniWiltschko 1999, S. 57)
Zusammenfassung der Kapitel
I Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik chronischer Schmerzen in Deutschland ein und legt dar, wie Focusing als Methode zur Erschließung körpereigener Selbstheilungskräfte und intuitiver Wahrnehmungen fungieren kann.
II Theoretischer und empirischer Hintergrund: Dieser Abschnitt erläutert die biopsychosozialen Grundlagen von Schmerz, die Theorie der klientenzentrierten Entwicklung sowie das Focusing-Konzept und ergänzt diese durch Antonovskys Salutogenesemodell.
III Fragestellungen und Hypothesen: Hier werden die Forschungsfragen formuliert und statistische Hypothesen für die Evaluation der Auswirkungen von Focusing auf das Schmerzempfinden, das Wohlbefinden und die Bewältigungsstadien abgeleitet.
IV Methoden: Dieses Kapitel beschreibt das Studiendesign, die Charakteristika der Stichprobe sowie die verwendeten psychometrischen Erhebungsinstrumente (SES, FF-STABS, MDBF, SOC-13).
V. Ergebnisse: Die statistische Auswertung der Daten wird präsentiert, wobei signifikante Verbesserungen im affektiven Schmerzempfinden sowie in den Bewältigungsstadien der Teilnehmer hervorgehoben werden.
VI Diskussion: Die Ergebnisse werden im Kontext der psychologischen Schmerztherapie kritisch reflektiert, wobei der Fokus auf dem Einfluss des Kohärenzgefühls und der Limitationen der Studie liegt.
VII Schlussbemerkungen: Dies ist die abschließende Zusammenfassung der Studie, ergänzt um eine kritische Würdigung des methodischen Vorgehens sowie einen Ausblick auf künftige Forschungsbedarfe.
Schlüsselwörter
Focusing, chronische Schmerzen, Schmerztherapie, Salutogenese, Kohärenzgefühl, Schmerzbewältigung, Felt sense, Körpererleben, biopsychosoziales Modell, psychologische Intervention, Schmerzempfindungsskala, Bewältigungsstadien, Selbstwirksamkeit, psychosomatische Gesundheit, Evaluation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht, inwieweit das Focusing-Training als psychologische Interventionsmethode bei Menschen mit chronischen Schmerzen eingesetzt werden kann, um deren Schmerzbewältigung und Befindlichkeit zu verbessern.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder umfassen die biopsychosoziale Schmerzmedizin, das klientenzentrierte Focusing-Konzept nach Eugene Gendlin und das Modell der Salutogenese von Aaron Antonovsky.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist die Evaluation, ob chronische Schmerzpatienten durch eine gezielte Bezugnahme auf das körperlich erlebte Schmerzempfinden mittels Focusing-Techniken eine Linderung der Beschwerden oder eine günstigere Krankheitsverarbeitung erfahren.
Welche wissenschaftliche Methode wurde für diese Arbeit verwendet?
Die Studie nutzte ein quantitatives Eingruppen-Pretest-Posttest-Design mit drei Messzeitpunkten unter Verwendung standardisierter psychologischer Fragebögen wie der SES, dem FF-STABS, dem MDBF und der SOC-13 Skala.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil liefert eine theoretische Fundierung zu Schmerzprozessen und Focusing, definiert die verwendeten Messinstrumente und präsentiert die Ergebnisse der empirischen Studie nebst der Diskussion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Schlüsselwörter sind Focusing, chronische Schmerzen, Schmerzbewältigung, Salutogenese, Kohärenzgefühl und biopsychosoziale Schmerztherapie.
Welche Rolle spielt das Kohärenzgefühl für den Studienerfolg?
Das Kohärenzgefühl fungiert als maßgeblicher moderierender Faktor: Teilnehmer mit einem hohen Kohärenzgefühl profitierten laut der Studie deutlich stärker von der Focusing-Intervention als Teilnehmer mit niedrigen Werten.
Wie korrelieren Schmerzempfindung und Bewältigungsstadien?
Die Auswertung zeigte, dass höhere Werte im Stadium der „Aufrechterhaltung“ (als Experte des eigenen Schmerzmanagements) signifikant mit einem geringeren affektiven Schmerzempfinden korrelieren.
- Quote paper
- Diana von Kopp (Author), 2007, Der Einfluß von Focusing auf das Schmerzerleben von chronischen Schmerzpatienten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86027