Der demographische Wandel ist in Deutschland inzwischen seit einiger Zeit ins Bewusstsein der Menschen gerückt, vor allem als Horrorvision für die Jahre 2030 bis 2050, wenn mit der starken Überalterung ein gravierender Umbau der Bevölkerungszusammensetzung durch einen weiterhin starken Rückgang der Geburtenzahlen und eine erwartungsweise weiterhin steigende durchschnittliche Lebenserwartung intendiert sein wird. Damit werden bereits heute politischerseits gewaltige Einschnitte in das Sozialsystem des deutschen Staates begründet und vor allem Frauen beschworen, wieder mehr Kinder zu bekommen. Der ehemalige Innenminister Otto Schily mag als Beispiel dienen für eine hilflose Rhetorik über die deutsche Kinderarmut: „Kinder sind keine Belastung, sondern eine tiefe Bereicherung für die Eltern und auch für die gesamte Gesellschaft. Eine Absage an Kinder ist eine Absage an das Leben. Wir müssen in Deutschland den Wert von Kindern, von Familien, vom menschlichen Miteinander der Generationen im öffentlichen Bewusstsein stärken. Ohne eine solche offensive Wertedebatte laufen wir Gefahr, dass sich lebensfeindliche, zukunftsverneinende und egoistische Tendenzen in unserer Gesellschaft verstärken“ (BiB 2005, S.3).
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. These I: Die Marktökonomie des digitalen Kapitalismus intensiviert die Arbeit, entgrenzt die moderne Arbeitsgesellschaft mit seinen geschlechtsspezifischen Implikationen und ignoriert die reproduktive Arbeit und Leistung von Frauen und Männern - dadurch Privatisierung dieses Problems und den damit verbundenen Kosten jeglicher Art - gleichzeitig nutzt der Markt die reproduktive Arbeit als kostenlose Ressource
1.1. Die Arbeitsgesellschaft
1.1.1. Was ist Arbeit?
1.1.2. Arbeit in der Postmoderne
1.1.2.1. Charakteristika der Postmoderne
1.1.2.2 Die Arbeitsgesellschaft der Postmoderne
1.1.2.3. Geschlechterentgrenzung und Abwertungsprozesse der Reproduktionsarbeit in der postmodernen Arbeitsgesellschaft
1.2. Zusammenhänge zwischen Arbeit und Familie
1.2.1. Erwerbsarbeitsbeteiligung von Eltern
1.2.2. Arbeit, Elternschaft und Zeit
2. These II: Die Familie ist eine brüchige Basis für die heile Welt – Traditionalisierungsschub und Überforderungstendenz des Systems Familie im Spagat zwischen Integrations- und Funktionsaspekt
2.1. Was sind Familien?
2.2. Familienentwicklung und Haushalt
2.3. Wandel der Familie im Spiegel der amtlichen Statistik
2.3.1. Familienformen in der Haushaltsstatistik
2.3.2. Materielle Situation der Familien mit Kindern
2.3.2.1.Einkommenssituation von Familien
2.3.2.2. Wohnen
2.3.2.3. Ausgaben für die Lebenshaltung
2.4. pTheoretisch-soziologische Zugänge zu Familie
2.4.1. Strukturfunktionale Systemtheorie der Familie
2.4.2. Neuere Systemtheorie nach Luhmann
2.4.3. Interaktionistische Familientheorie
2.5. Ambivalente Strukturen und Bewältigungskonstellationen
2.6. Familie als Institution
2.6.1. Familienrhetoriken
2.6.2. Verrechtlichungstendenzen von Familie
2.7. Leistungen von Familien
3. These III: Kindheit – eine segregierte, minorisierte und machtvoll ohnmächtige Daseinsform, die den Betreuungspersonen den Spagat der Integration in eine kinderfeindliche Welt abverlangt
3.1. Was ist Kindheit?
3.2. Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels auf die Kindheit
3.2.1. Kinder als Außenseiter der Gesellschaft?
3.2.1.1.„Schonraum Kindheit“
3.2.1.2. Die Evolutionsbiologisch anthropologische Sicht
3.2.1.3. Der Wert von Kindern
3.2.2. Charakteristik der Kindheit in komplexen Gesellschaften
3.2.2.1.Wandel der Eltern-Kind-Beziehung und Auswirkungen auf die Kindheit
3.2.2.2. Wandel der modernen Kindheit
3.3. Auswirkungen auf die Elternschaft
3.3.1. Auswirkungen der veränderten Eltern-Kind-Beziehung auf die Elternschaft
3.3.1.1. Modernes Exposé
3.3.1.2. Avandgardistisches Exposé
3.3.1.3. Elterlicher Umgang mit den neuen Herausforderungen
3.3.2. Auswirkungen und Anforderungen der gewandelten Kindheit auf die Eltern
4. These IV: Familiale Arbeit liegt im Spannungsfeld zwischen Frustration und Abwertung und Möglichkeiten persönlicher Sinntiefen und Entwicklung
4.1. Geschlechterverhältnisse und die darin eingelassene Bewertung und Verteilung der familialen Arbeit
4.1.1. Philosophisches
4.1.2. Muttermythos und Geschlechterschmerz
4.1.3. Kulturelle Fesseln der Verteilung von Reproduktionsarbeit
4.1.3.1. Soziologie der Partnerschaft oder: Warum die Reproduktionsarbeit einseitig zu Lasten der Frau bleibt
4.1.3.2. Geschlechterkontrakttheorie
4.1.3.3. Empirie der Ungleichheit in familialen Lebensformen
4.1.4. Care und Bürgerrechte sowie die Privatisierung der Sorge
4.2. Zur Charakteristik von Familienarbeit
4.2.1. Auswirkungen eines Biographiewechsels
4.2.2. Regeln der der Familienarbeit
4.2.3. Warum manche trotzdem noch Eltern werden
5. These V: Menschen im reproduktionsfähigen Alter entscheiden sich aus Verantwortungsbewusstsein für weniger Kinder, da sie, wenn sie sich für Kinder entscheiden, diese auch intensiv begleiten möchten
5.1. Demographie
5.1.1 Demographische Entwicklung in Deutschland
5.1.2. Auswirkungen der demographischen Entwicklung
5.1.3. Muster generativen Verhaltens
5.1.4. Zur Kritik der Bevölkerungswissenschaft
5.2. Generatives Verhalten im Spannungsfeld von Natur und Kultur
5.3. Was die individuelle Entscheidung für oder gegen Kinder beeinflusst
5.3.1. Hürden des Kinderwunsches
5.3.2. Kinderlosigkeit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Auswirkungen des tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels von Arbeitsgesellschaft, Familie und Kindheit auf die moderne Elternschaft. Die zentrale Forschungsfrage ist dabei, wie die Intensivierung der Marktökonomie sowie veränderte strukturelle Anforderungen an die Erziehung von Kindern den Alltag von Eltern prägen, zu welchen Frustrationen oder Bewältigungsstrategien dies führt und warum sich Menschen trotz dieser erschwerten Bedingungen für die Elternschaft entscheiden.
- Wandel der Arbeitsgesellschaft und Auswirkungen auf die Reproduktionsarbeit
- Strukturelle Belastung des Systems Familie im Spagat zwischen Integration und Funktion
- Konstrukt der Kindheit und veränderte Eltern-Kind-Beziehungen
- Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und deren philosophische sowie empirische Grundlagen
- Demographische Entwicklungen und individuelle Entscheidungsgründe für oder gegen Kinder
Auszug aus dem Buch
1.1.1. Was ist Arbeit?
Laut dem Lexikon für Politik ist Arbeit folgendermaßen definiert: „A. ist eine spezifisch menschliche sowohl körperliche als auch geistige Tätigkeit, die vor allem dazu dient, die zur Existenzsicherung notwendigen Mittel zu beschaffen. Sie stellt aber auch immer eine technisch-kulturell geprägte Form der Auseinandersetzung mit der jeweiligen Umwelt dar. A. ist insofern ein gestaltender, schöpferisch-produzierender und sozialer, zwischen Individuen vermittelnder Akt. A. ist von zentraler Bedeutung für die Verteilung individueller Lebenschancen, das Selbstwertgefühl und die Stellung des einzelnen in der Gesellschaft.
Eine engere ökonomische Definition bindet den Begriff A. ausschließlich an die zur Herstellung von Gütern und Dienstleistungen - über Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt - vermittelte und entlohnte Erwerbs-A. Im politisch-ökonomischen Sinne ist A. der wichtigste Produktionsfaktor, der als Grundlage zur Entwicklung der Faktoren Boden, Kapital und technischer Fortschritt dient. Aus dieser Sicht wird auch zwischen Produktions- und Reproduktions-A. unterschieden und letztere traditionell insbesondere Frauen zugewiesen. Die Reproduktions-A. wird ausschließlich oder parallel zur Erwerbs-A. als Haus-, Familien-, Erziehungs- und Pflege-A. unentgeltlich ausgeübt. Die Unterscheidung nach selbständiger und unselbständiger A. zielt auf das Über- und Unterordnungsverhältnis (Weisungsbefugnis) im A.-Prozess und auf die Verantwortung für das Ergebnis der A. Die A.-Leistung selbst kann allerdings nicht von der jeweiligen Person des A.-Leistenden getrennt werden und ist erheblich von den gegebenen, durch Planung, Organisation und soziale Überlegungen beeinflussbaren A.-Bedingungen abhängig.
Zusammenfassung der Kapitel
1. These I: Die Marktökonomie des digitalen Kapitalismus intensiviert die Arbeit, entgrenzt die moderne Arbeitsgesellschaft mit seinen geschlechtsspezifischen Implikationen und ignoriert die reproduktive Arbeit und Leistung von Frauen und Männern - dadurch Privatisierung dieses Problems und den damit verbundenen Kosten jeglicher Art - gleichzeitig nutzt der Markt die reproduktive Arbeit als kostenlose Ressource: Dieses Kapitel analysiert den Wandel der Arbeitsgesellschaft hin zum digitalen Kapitalismus und die damit einhergehende Abwertung der unbezahlten Reproduktionsarbeit.
2. These II: Die Familie ist eine brüchige Basis für die heile Welt – Traditionalisierungsschub und Überforderungstendenz des Systems Familie im Spagat zwischen Integrations- und Funktionsaspekt: Hier wird die Familie als soziales System untersucht, das trotz Individualisierung gesellschaftlichen Integrationserwartungen ausgesetzt ist, die häufig zu Überforderung führen.
3. These III: Kindheit – eine segregierte, minorisierte und machtvoll ohnmächtige Daseinsform, die den Betreuungspersonen den Spagat der Integration in eine kinderfeindliche Welt abverlangt: Das Kapitel befasst sich mit dem Konstrukt der Kindheit in komplexen Gesellschaften und den Anforderungen, die dies an Eltern stellt, ihre Kinder in einer für sie oft feindlichen Umwelt zu schützen und zu fördern.
4. These IV: Familiale Arbeit liegt im Spannungsfeld zwischen Frustration und Abwertung und Möglichkeiten persönlicher Sinntiefen und Entwicklung: Hier liegt der Fokus auf der täglichen Familienarbeit, deren Belastung durch eine geringe gesellschaftliche Wertschätzung geprägt ist, während sie gleichzeitig für Eltern eine bedeutende Quelle der Sinnerfahrung darstellt.
5. These V: Menschen im reproduktionsfähigen Alter entscheiden sich aus Verantwortungsbewusstsein für weniger Kinder, da sie, wenn sie sich für Kinder entscheiden, diese auch intensiv begleiten möchten: Das letzte Kapitel analysiert demographische Entwicklungen und die psychologischen sowie sozioökonomischen Gründe, warum sich Menschen heute für weniger Kinder und eine intensivere Begleitung entscheiden.
Schlüsselwörter
Reproduktionsarbeit, Arbeitsgesellschaft, Familie, Kindheit, Elternschaft, Geschlechterverhältnisse, demographischer Wandel, Kinderarmut, Individualisierung, Sorgearbeit, Familienarbeit, Geschlechterrollen, Marktökonomie, Sozialisation, Erwerbsbiographie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkungen zwischen dem gesellschaftlichen Wandel von Arbeitswelt, Familie und Kindheit sowie deren konkrete Auswirkungen auf die heutige Elternschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Schwerpunkte liegen auf der Krise der Reproduktionsarbeit, den soziologischen Familientheorien, der veränderten Konstruktion von Kindheit sowie der individuellen Entscheidungsfindung im Kontext demographischer Entwicklungen.
Welches ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, das "Leiden an der Reproduktion" in der heutigen Gesellschaft zu analysieren und zu verdeutlichen, dass Kinderarmut und Kinderlosigkeit weniger individuelle Egoismen widerspiegeln, sondern strukturelle Probleme der Vereinbarkeit darstellen.
Welche wissenschaftliche Methodik wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine soziologische Analyse, die auf verschiedenen Thesen basiert und systemtheoretische sowie interaktionistische Ansätze verknüpft, um das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft in Bezug auf Familienarbeit zu beleuchten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in fünf Thesen, die den Druck durch den digitalen Kapitalismus, die Ambivalenzen der modernen Familie, die Segregation von Kindheit, die Belastung durch familiale Arbeit und die Motive für generatives Verhalten detailliert ausführen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Reproduktionsarbeit, Elternschaft, Individualisierung, Geschlechterrollen, Sorgearbeit und demographischer Wandel.
Warum wird heute von einem "Ende der Reproduktionsarbeit" gesprochen?
Der Titel hinterfragt kritisch, ob gesellschaftlich die Anerkennung und die Rahmenbedingungen für die Sorgearbeit (Reproduktion) im Zuge der marktwirtschaftlichen Intensivierung verschwinden oder entwertet werden.
Inwiefern hat sich die Beziehung zwischen Eltern und Kindern verändert?
Es hat sich ein Wandel vom autoritären Erziehungsstil hin zu einer emotionalisierten, auf "Wachsen lassen" basierenden Beziehung entwickelt, die von Eltern ein wesentlich höheres Maß an reflexiver Zuwendung und Ressourcenmanagement erfordert.
- Quote paper
- Marie-Theres Vogel (Author), 2006, Das Ende der Reproduktionsarbeit? - Die Auswirkung des Wandels von Arbeitsgesellschaft, Familie und Kindheit auf die Elternschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86050