"Coeur" und die Grenze der Vernunft - eine Annäherung an den Begriff "Coeur" bei Blaise Pascal


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

35 Seiten, Note: 1 (B)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Prolog

2. Descartes
2.1. Die Methode
2.2. Die Geometrie und der Zweifel
2.3. Der Gottesbeweis und die Unsterblichkeit der Seele
2.4. Descartes zum Abschluss

3. Pascal
3.1. „Coeur“ das Herz
3.2. Der Geist des Feinsinns gegen den Geist der Geometrie
3.3. Das Herz schlägt im Leib

4. Epilog

Literatur:

„Coeur“ und die Grenze der Vernunft – Eine Annäherung an den Begriff „Coeur“ bei Blaise Pascal

1. Prolog

Der Abgrund[1]

Pascal sah, wo er ging, des Abgrunds Spalt.

Abgrund ist alles uns, Tat, Traum, Verlangen;

Wie oft hob sich mein Haar in starrem Bangen,

Durschauerte mich Grauen eisig kalt!

In Höh’n und Tiefen, wo kein Ton mehr hallt,

In Ländern, furchtbar und doch voller Prangen,

Ist Gottes Hand durch meinen Schlaf gegangen,

Ein Schreckbild malend, grausam, vielgestalt.

Ich fürchte mich vorm Schlaf, dem schwarzen Tor,

Das Unheil birgt, wenn man den Weg verlor:

Die Ewigkeit blickt starr durch alle Scheiben.

Mein Geist, hintaumelnd an des Wahnsinns Sumpf,

Beneidet, was da fühllos, kalt und stumpf.

- Ach, immer bei den Zahlen, Dingen bleiben!

Wieso könnte man fragen steht am Beginn eines Aufsatzes über einen Philosophen ein Gedicht? Nun naheliegend ist, dass sich das Gedicht ausdrücklich auf diesen Philosophen bezieht.

Er wird in Anspruch genommen vom Verfasser: Charles Baudelaire. Vom Abgrund ist die Rede, von Grauen, Traum, von einem taumelnden Geist, von Wahnsinn und Verlangen. Da ist eine Existenz im Grund erschüttert, ein Schrei, eine existenzielle Erschütterung wird in Sprache geformt. Inhaltlich wird die Grenze der Möglichkeit der Gestaltung dieses Lebens thematisiert. Als Gescheiterter stellt sich hier Baudelaire vor, als ein Vom-Weg-Abgekommener. Baudelaire inspirierten zu seinem Gedicht voraussichtlich Fragmente bei Pascal aus dessen Hauptwerk „Gedanken/Pensees“ wie folgendes in der die anthropologischen Grundannahmen von diesem hervortreten:

„Der Mensch weiß nicht, welchen Platz er einnehmen soll, er hat sich offensichtlich verirrt und ist von seinem wahren Ort herabgesunken, ohne ihn wiederfinden zu können. Ruhelos und ohne Erfolg sucht er ihn überall in einer unergründlichen Finsternis.“[2]

Baudelaire spricht in seinem Gedicht von seiner persönlichen Gestimmtheit, Pascal spricht vom Mensch im allgemeinen. Es ist grundsätzlich kein Weg, für Niemanden in dieser Finsternis zu finden.

Was bedeutet nun Weg unter philosophischer Hinsicht? Allgemein wird der Weg zu philosophischer Erkenntnis zu gelangen als deren Methode bezeichnet und bezieht sich auf den etymologischen Ursprung des Begriffes im Griechischen. Unter Methode versteht man seit dem 17. Jahrhundert ein „Untersuchungs-, Forschungsverfahren; ein planmäßiges Vorgehen“.[3] Im 17. Jahrhundert wird die Geburtsstunde der neuzeitlichen Philosophie datiert. Rene Descartes ist als ihr Vater in die Philosophiegeschichte eingegangen.[4] Rene Descartes, ein Begründer des Rationalismus, der vom Verstand als „...die am besten verteilte Sache der Welt...“ schreibt, der zwar auch von Dunkelheit spricht, aber auch von einem hinter verdunkelnden Irrtümern liegendem natürlichen Licht.[5] Wird Pascal für Baudelaire zum Gefährten eines vom Rationalismus abgekommener? Ist Pascal ein Irrationalist? Ein Irrationalist, der sich wie Baudelaire aber verzweifelt nach Fühllosigkeit, Kälte und Stumpfheit sehnt, nach den Zahlen und Dingen nach einem sicheren Weg.?

Das Memorial, das Gedenkblatt indem Pascal seine „Feuertaufe“, eine religiöse Vision, glühend beschreibt, verweist in den Glauben an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.[6] Ist dies als ein Weg hinweg von der Vernunfterkenntnis zu deuten. Auch Baudelaire spricht in seinem Gedicht von einer Gotteserfahrung. Es ist nun nicht Thema dieser Arbeit zu prüfen, ob Baudelaire die Philosophie Pascals richtig rezipiert hat. Aber das Gedicht scheint mir doch dahingehend gelungen, da es in komprimierter Form auf wesentliche Elemente der Philosophie Pascals verweist. Abgrund assoziiert ein Nicht-Weiter-Gehen-Können. Es verweist also auf eine Grenze. Indem Baudelaire Pascal diesen Abgrund überall sehen lässt[7], zeigt er einen Geist, der die Grenzen des Weges als total begreift. Abgrund ist überall. Hier findet nicht ein bestimmter Weg zu seiner Grenze. Weg, Methode wird grundsätzlich als endlich erfahren vorgestellt. Ein Gedicht hat nicht den Anspruch einer Begriffsklärung, es zielt nicht auf eine universale Letztbegründung eines objektiven Sachverhaltes der in Vernunft und Verstandeskategorien sich verallgemeinernd festschreiben lässt. Vielmehr ist das Gedicht die literarische Ausdrucksform, die sich bewusst dem persönlichen, existentiellen Empfinden verpflichtet weiß und aus dieser Betrachtung auf ein Phänomen nur den Einzelnen in seiner Subjektivität ansprechen kann und das von diesem Einzelnen dann nur in Ausdeutung für die eigene Existenz fruchtbar gemacht werden kann. Der Weg dahin führt über das Gefühl, ein Gedicht zielt auf das Gemüt, auf das Herz. Das Herz, „Coeur“, wird sich zeigen, hat für die Philosophie Pascals einen zentralen Stellenwert. Die stilistische Form des Gedichts, der Anspruch Komplexes, Vielgestaltiges auf einen Moment zu reduzieren um gerade dadurch den Blick auf ihre perspektivischen Deutungsmöglichkeiten zu öffnen, scheint mir dem aphoristischen Stil in den Pensees verwandt. Doch neben einer formalen-stilistischen Verwandtschaft was veranlasste den verschwenderisch lebenden Exzentriker Baudelaire mit seinem Hang zum Morbiden[8] sich mit Pascal, diesem sittlichen und religiösen Genie[9] inhaltlich auf einer philosophisch-existentiellen Ebene zu sehen. Pascals vielseitige Begabungen in den Wissenschaft aber vor allem auch seine Persönlichkeit begründete sein Bild als Genie, bei Chateaubriand ist er gar das „erschreckende Genie“,

„... der in einem Alter, in dem die anderen Menschen kaum damit begonnen haben, zu erwachen, bereits den ganzen Umkreis des menschlichen Wissens umschritten hatte, als er auch schon dessen Nichtigkeit erkannte und sich der Religion zuwandte...“.[10]

Das klingt übermenschlich, nach jemand mit fast schon göttlichen Attributen, das klingt nach Größe, nach Eingebung und Offenbarung aber nicht nach einem Denker, der streng methodisch vorgehend zu philosophischen Erkenntnissen gelangt, die man im Nachgang erfassen und überprüfen kann. Baudelaire und Chateaubriand stellen die Ausnahmeexistenz Pascal heraus, die er sicherlich auch war und er scheint wie geschaffen für den romantischen Geniekult des 19. Jahrhunderts. Die Frage ist jedoch, was ist seine Leistung in der Philosophie, wo ist darin sein Platz. Kann der Begriff „Coeur“ innerhalb der Wissenschaftstheorie sinnvoll verwendet werden, oder ist er gerade der Ausdruck für einen erkenntnistheoretischen Pessimismus. Ist Pascal etwa ein Irrationalist, ein Vorläufer eines postmodernen Relativismus oder ist er der große Gegenspieler und methodologische Antipode Descartes, und zwar innerhalb des Rationalismus?[11]

Um dies zu klären, ist es notwendig sich vorweg mit der Philosophie Descartes zu befassen. Im weiteren wird die Reaktion Pascals auf die rationalistische Methode Descartes zum Thema und, soviel schon vorweggenommen, deren Erweiterung oder Ergänzung, hinsichtlich des Begriffes „Coeur“ in der philosophischen Reflektion Pascals in den Pensees.

2. Descartes

In Johannes Hirschbergers „Geschichte der Philosophie“ wird Descartes, dem Vater der neuzeitlichen Philosophie, unter der Kapitelüberschrift des Rationalismus 34 Seiten gewidmet. Die Philosophie Blaise Pascals findet in einem Unterkapitel dagegen mit lediglich 4 Seiten Platz.[12] Pascals Philosophie wird jedoch dort zumindest als eine kritische Auseinandersetzung und Weiterentwicklung der des Descartes verstanden und gewürdigt. Dahingegen findet z.B. in Bertrand Russels „Philosophie des Abendlandes“ Pascals Philosophie nur ganz am Rande Erwähnung.[13] Pascal scheint hier wie dort, wenn auch in verschiedenem Maße unter dem Blick der Geschichte der Philosophie im Schatten von Descartes zu stehen, ob es gerechtfertigt ist, dass Pascals Philosophie unter qualitativer Hinsicht verdient ein Schattendasein zu führen, ist nicht zuletzt auch eine Fragestellung dieser Arbeit. Jede Generation von Philosophen ist aufgerufen, die Philosophien der vorangegangenen Jahrhunderte neu aufzugreifen und auf ihre Bedeutung aus heutigem Blick zu befragen. Wie auch immer sich die Stellung der Pascalschen Philosophie in der weiteren Forschung sich verändern mag, an Gewicht zunehmen wird, oder auch nicht. Der Weg dorthin wird immer über Descartes führen.

Was sind also die epochemachenden neuen Gedanken die mit Descartes verbunden werden und auf die Pascal in seinen Pensees reagierte?

Hans Poser fasst am Ende seiner Einführung: „ Rene Descartes“ dessen Stellenwert und Wirkung wie folgt zusammen:

„Überblickt man die Philosophie Descartes‘ insgesamt, so muss man ihr – bei aller Verwendung scholastischer Begrifflichkeit – einen Aufbruch in neue Weisen des Denkens und Vorstellens feststellen, der ihn zu Recht als denjenigen kennzeichnet, mit dem die neuzeitliche Philosophie beginnt. Im Vertrauen auf die menschliche Vernunft in ihrer Reichweite und Leistungskraft sollen die mit ihr gefundenen Resultate – vor allem in den Wissenschaften – den Menschen nicht nur von Autoritäten befreien, sondern auch bessern. Ausgang der Erkenntnis ist das Individuum; und die Bestimmung des Handelns dieses Individuums nach Prinzipien der Vernunft wird zum Leitfaden der neuen Moral. [...] Descartes ist der Anfang neuzeitlichen methodischen Philosophierens, steht doch die Methode, die ordre de raison, am Anfang. Zugleich ist er damit der Begründer der neuzeitlichen naturwissenschaftlichen Denkweise, wenn man darunter die Betonung des deduktiven und argumentativen Zusammenhangs versteht, der erst aus einzelnen Wissensinhalten eine Theorie entstehen lässt, die mit der Erfahrung zusammengebracht werden kann. Die Welt erscheint in der Theorie gemäß der Ordnung der Vernunft – einer menschlichen Vernunft; und damit schlägt das Primat des Individuums, das im cogito seinen Ausdruck gefunden hatte, bis in die Theorienbildung der Wissenschaften durch, während zugleich die Wissenschaft, genauer: die Geometrie, zum Paradigma einer solchen vernunftgemäßen Ordnung wird.“[14]

2.1. Die Methode

Descartes Bedeutung gründet demnach auf dessen methodisches Vorgehen. In seinem im Stil autobiographisch gehaltenen „Bericht über die Methode/Discours de la methode“[15] beschreibt er seinen persönlichen Weg zu diesem methodischen Vorgehen. Am Anfang dieses Textes postuliert hier Descartes einen allen Menschen gleich innewohnendes Vermögen, nämlich dem: „...richtig zu urteilen und das Wahre vom Falschen zu unterscheiden, welches eigentlich als gesunder Verstand oder Vernunft bezeichnet wird ...“[16]. Daraus schließt er, dass:

„... somit die Verschiedenheit unserer Meinungen nicht daher rührt, dass die einen vernünftiger sind als die anderen, sondern nur daher, dass wir unsere Gedanken auf verschiedenen Wegen verfolgen und nicht die gleichen Dinge berücksichtigen. Denn es genügt nicht, einen gesunden Geist zu haben, vielmehr ist es die Hauptsache, ihn richtig anzuwenden.“[17]

Am Anfang des „Discours“ stehen somit zwei im logischen Zusammenhang stehende Postulate, die auf das Individuum verweisen und damit auf den durch die Renaissance eingeleiteten Umbruch hinsichtlich des Selbstverständnisses des Individuums, den Poser wie folgt beschreibt:

„Zum ersten Mal in der Geschichte wird die Singularität des Individuums, seine Individualität, seine Unverwechselbarkeit, Selbständigkeit und Selbsttätigkeit zu einer zentralen Denkfigur.“[18]

Descartes erkennt den Sprengstoff für die Mächtigen in der Behauptung dieses neuen Selbstbewußtseins und sichert sich argumentativ ab, indem er sich auf die philosophische Tradtition beruft:

[...] denn was die Vernunft – oder den Verstand – betrifft, so möchte ich, zumal sie das Einzige ist, was uns zu Menschen macht und uns von den Tieren unterscheidet, glauben, dass sie in einem jeden ganz vollständig sei, und hierin der gängigen Meinung der Philosophen folgen, die sagen, dass es ein mehr oder Weniger nur bei den Akzidentien, keineswegs aber bei den Formen – oder Naturen – der Individuen derselben Art gebe.“[19]

[...]


[1] Baudelaire, Charles: Die Blumen des Bösen. Diogenes. München. 1982. S. 284.

[2] Pascal, Blaise: Gedanken. Philipp Reclam jun. Stuttgart 1997. 400/427.

[3] Duden, Etymologie: Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache. Dudenverlag. 1997. S. 456.

[4] Hirschberger, Johannes: Geschichte der Philosophie. Band II. Neuzeit und Gegenwart. Zweitausendeins Verlag Frankfurt a. M. S. 88ff.

[5] Descartes, Rene: Discours de la Methode. Bericht über die Methode. Philipp Reclam jun. Stuttgart. 2001. S. 9/23

[6] Pensees 913.

[7] vgl. auch dazu Pensees 199/72

[8] Krywalski, Diether: Knaurs Lexikon der Weltliteratur. Droemersche Verlagsanstalt. Th. Knaur Nachf. München. 1995. S. 80.

[9] Bahr, Hermann. Pascal. In: Beguin, Albert: Pascal. Rowohlt Hamburg. 1998. S. 161.

[10] Chateaubriand, Francois. Genius des Christentums. In: Beguin, Albert: Pascal. Rowohlt Hamburg. 1998. S. 161.

[11] Schäfer, Lothar: Pascal und Descartes als methodologische Antipoden. In: Philosophisches. Jahrgang. 81. Alber Freiburg/München. 1974. S. 314.

[12] Hirschberger, Johannes: Geschichte der Philosophie. Band II. Neuzeit und Gegenwart. Zweitausendeins Verlag Frankfurt a. M. S. 88ff.

[13] Russell, Bertrand: Philosophie des Abendlandes. Parkland Verlag. Köln. 2002

[14] Poser, Hans: Rene Descartes. Eine Einführung. Philipp Reclam jun. Stuttgart. 2003. S. 162f.

[15] Descartes, Rene: Discours de la Methode. Bericht über die Methode. Philipp Reclam jun. Stuttgart. 2001.

[16] ebd. S. 9.

[17] ebd.

[18] Poser, Hans: Rene Descartes. Eine Einführung. Philipp Reclam jun. Stuttgart. 2003. S. 7

[19] Discours. S. 9f.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
"Coeur" und die Grenze der Vernunft - eine Annäherung an den Begriff "Coeur" bei Blaise Pascal
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
1 (B)
Autor
Jahr
2005
Seiten
35
Katalognummer
V86059
ISBN (eBook)
9783638011525
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit gibt einen Einblick in die wesentlichen Gedanken der Philosophie von Rene Descartes, sowie von Blaise Pascal und verweist auf Pascals Bedeutung für die Leibphilosophie. Dozent: "Eine eindrucksvolle HS-Arbeit! fest gegliedert, schlüssig argumentiert, variabel und optional."
Schlagworte
Coeur, Grenze, Vernunft, Annäherung, Begriff, Coeur, Blaise, Pascal
Arbeit zitieren
Dipl. Soz.päd. (FH), M.A. Hans-Peter Breuner (Autor), 2005, "Coeur" und die Grenze der Vernunft - eine Annäherung an den Begriff "Coeur" bei Blaise Pascal, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86059

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