In der Antike bestimmten vier Schulen die Philosophie: Die stoische, epikureische, platonische und peripatetische Lehre. Etwa 300 Jahre später spiegelt Cicero in seinem Werk … die Auseinandersetzungen dieser Anschauungen wieder. So erkennt man in den „Tusculanae Disputationes“ die Differenzen zwischen Peripatetikern und Stoikern . Als Eklektiker wählt Cicero allerdings aus mehreren philosophischen Systemen das für ihn Stimmigste aus und setzt diese Selektion zu einem neuen Lehrgebäude zusammen. Aus diesem Grund muss man vorsichtig mit den Thesen umgehen, die er den einzelnen Schulen in den Mund legt .
In diesem Essay soll auf Grundlage der Tusculanen der peripatetische Umgang mit den Affekten und als Gegenstück dessen die Sichtweise der Stoiker, denen sich Cicero hier anschließt, dargestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der peripatetische Umgang mit Affekten und die stoische Gegenposition
2.1 Definition der Weisheit und das Ziel der Apatheia
2.2 Kritische Würdigung der peripatetischen Affektenlehre
2.3 Analyse der Affekte: Zorn, Begehren, Kummer, Mitleid und Furcht
3. Fazit und Bewertung der Argumentation
Zielsetzung & Themen
Das Ziel der Arbeit ist es, die konträren Sichtweisen der peripatetischen Schule und der Stoa auf die menschlichen Affekte auf Basis von Ciceros "Tusculanae Disputationes" gegenüberzustellen und Ciceros stoisch geprägte Widerlegung des peripatetischen Ansatzes kritisch zu analysieren.
- Gegenüberstellung von peripatetischer Affektkontrolle und stoischer Affektlosigkeit (Apatheia).
- Untersuchung der Argumentation Ciceros hinsichtlich der Nützlichkeit von Leidenschaften.
- Kritische Reflexion der "goldenen Mitte" versus stoischer Strenge.
- Analyse spezifischer Affekte wie Zorn, Kummer, Mitleid und Furcht im Kontext der Tugendlehre.
Auszug aus dem Buch
Die Peripatetiker halten die Affekte jedoch nicht nur für natürlich, sondern sogar für nützlich.
Zuerst wendet er sich dem Zorn zu. Dieser wirkt wie die Sporen eines Reiters auf die Tapferkeit ein. Ein Krieger kämpft erst voller Elan und Entschlossenheit, wenn ihn der Zorn antreibt. Die Tapferkeit führt ihn in der Schlacht nicht zum Sieg, solange die Raserei sie nicht anstachelt. Doch auch ein Redner soll sich des Zornes bedienen, denn so werden die Zuhörer ebenfalls von diesem Affekt ergriffen und der Vortrag gewinnt an Bedeutung und Wirkung.
Cicero setzt dem gleich mehrere Gegenbeispiele entgegen: So führt er Aias aus Homers Epos an, welcher voller Heiterkeit kämpft und sich zuvor ruhig mit seinem Gegner Hektor unterhält. Selbst mitten im Kampf haben die beiden nichts Zorniges an sich. Ebenso verhält es sich bei Torquatus, Marcellus, Africanus, Herakles und Theseus. Alle haben sie voller Tapferkeit, jedoch ohne Raserei gekämpft.
Ennius bezeichnet den Zorn als „Anfang des Wahnsinns“, denn Augen, Stimme, Handlungen unterliegen keiner Beherrschung mehr. Dem schließt sich Cicero an und fügt noch hinzu, dass in dem Fall Trunksucht und Irrsinn ebenso gut für die Tapferkeit sein müssten wie der Zorn, da sie genauso von Unbeherrschtheit zeugen. Die Tapferkeit ist laut Chrysipps Definition aber die pure Beherrschung: „Die Tapferkeit ist das Wissen von den Dingen, die man auszuhalten hat, oder ein Verhalten des Geistes, das im Aushalten und Ertragen dem obersten Gesetz ohne Angst gehorcht.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die antiken philosophischen Schulen und die methodische Herangehensweise Ciceros als Eklektiker.
2. Der peripatetische Umgang mit Affekten und die stoische Gegenposition: Darstellung der Differenzen zwischen der Anerkennung natürlicher Affekte durch Peripatetiker und dem Ideal der stoischen Affektlosigkeit.
2.1 Definition der Weisheit und das Ziel der Apatheia: Erläuterung der stoischen Sicht auf Weisheit, die ein Handeln aus Leidenschaften für den Weisen ausschließt.
2.2 Kritische Würdigung der peripatetischen Affektenlehre: Hinterfragung der stoischen Kritik an der "Mitte" und Argumentation für eine situationsabhängige Angemessenheit.
2.3 Analyse der Affekte: Zorn, Begehren, Kummer, Mitleid und Furcht: Konkrete Untersuchung der von Cicero angeführten Beispiele zur Widerlegung des Nutzens dieser Affekte.
3. Fazit und Bewertung der Argumentation: Zusammenfassende kritische Einschätzung, dass Ciceros Widerlegung des Peripatos trotz historischer Bedeutung in Teilen unterargumentiert bleibt.
Schlüsselwörter
Affektenlehre, Peripatetiker, Stoiker, Cicero, Tusculanae Disputationes, Apatheia, Leidenschaften, Tugendlehre, antike Philosophie, Zorn, Kummer, Mitleid, Vernunft, Phronimos, Eklektizismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die philosophischen Auseinandersetzungen zwischen der peripatetischen Schule und den Stoikern hinsichtlich des Umgangs mit menschlichen Affekten, basierend auf Ciceros Werk "Tusculanae Disputationes".
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen die Bewertung von Leidenschaften, das Konzept der Tugend, die Definition von Weisheit und die Frage, ob Affekte als natürlich oder als krankhafte Abweichung von der Vernunft zu werten sind.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die stoische Kritik an der peripatetischen Lehre, die ein maßvolles Ausleben von Affekten erlaubt, darzustellen und zu prüfen, ob Ciceros Argumentation gegen die Peripatetiker schlüssig ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wendet eine textanalytische Methode an, bei der sie die Argumente Ciceros direkt mit dem Quellentext abgleicht und diese einer kritischen Reflexion unterzieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Affekte wie Zorn, Kummer, Mitleid und Furcht sowie deren vermeintlichen Nutzen, den Cicero als stoisch geprägter Eklektiker systematisch zu widerlegen versucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Affektenlehre, Apatheia, Tugend, Vernunft, Peripatetiker und Stoa.
Warum hält Cicero den Zorn für schädlich, auch wenn er als "Sporen" für Tapferkeit dienen kann?
Cicero argumentiert, dass Zorn mit Unbeherrschtheit gleichzusetzen ist und somit das rationale Fundament der Tapferkeit untergräbt; ein wahrhaft tapferer Mensch bedarf keinerlei Raserei.
Wie bewertet die Autorin Ciceros Widerlegung des peripatetischen Ansatzes?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass Ciceros Widerlegung nur teilweise überzeugt, da er häufig lediglich Gegenbehauptungen aufstellt, ohne diese zweifelsfrei gegen die peripatetische Position zu belegen.
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- Eva Moritz (Author), 2007, Affektenlehre bei den Peripatetikern und Stoikern nach Ciceros Tusculanen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86232