Heimat als Manifestation des Noch-Nicht bei Ernst Bloch


Doktorarbeit / Dissertation, 2007
201 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Problemaufriss
1.2. Hinführung zum Thema
1.3. Vorgehensweise

2. Heimat
2.1. Begriffsproblematik
2.1.1. Etymologische Herleitung und Semantik
2.1.2. „Heimat“ – eine Begriffsgeschichte
2.1.3. Heimaten
2.1.4. Das Wort in anderen Sprachen
2.2. Heimat im allgemeinen Sprachgebrauch
2.2.1. Emotionale Aspekte der Heimat
2.2.2. Lokale Zuordnung
2.2.3. Heimat in der Mentalität des Menschen
2.2.4. Politisch-materielle Einordnung
2.2.5. Erschaffung, Bewahrung und Vernichtung von Heimat
2.2.6. Beheimatung in der Religion
2.2.6.1. Von Gott gegebene Heimat
2.2.6.2. Die jenseitige Welt
2.2.6.3. Religionsgemeinschaften als Heimat
2.2.6.4. Wirkung jüdischer Kultur auf den Begriff ,,Heimat“
2.3. Ernst Blochs Heimaten und das Judentum
2.3.1. Stationen seines Lebens
2.3.2. Ernst Bloch und seine jüdische Identität
2.4. Philosophische Implikationen von Heimat
2.4.1. Heimat in der romantischen Philosophie
2.4.1.1. Die Geburt der Romantik
2.4.1.2. Heimat bei Novalis
2.4.2. Heimat in der gegenwärtigen Philosophie

3. Sprachduktus und Schreibstil von Ernst Bloch
3.1. Barocke Wortfülle im 20. Jahrhundert
3.1.1. Die religiöse Sprache eines „Atheisten“
3.1.2. Kryptische Ausdrucksweise

4. Grundlinien: "Geist der Utopie"
4.1. Entdeckung des Augenblicks
4.2. Möglichkeit der Selbsterkenntnis

5. Das antizipierende Bewusstsein
5.1. Triebe und Affekte
5.2. Differenz Nachttraum - Tagtraum
5.3. Es dämmert nach vorne

6. Das Noch-Nicht-Sein
6.1. Die ontologische Grundlage: Materie
6.1.1. Ernst Blochs Aristoteles-Rezeption
6.1.2. Der Materialismus bei Ernst Bloch
6.2. Sein – Nicht-Sein – Prozess
6.3. Das Sein des Noch-Nicht-Seins

7. Vom Schein zum Vorschein
7.1. Etymologie und Verwendung des Wortes Schein/ Vorschein
7.2. Schein – Erscheinung – Vorschein
7.3. Vorschein durch die Kunst
7.4. Lichtstrahl ins Dunkel

8. Blochs Assoziationen von Heimat
8.1. Charakterisierung
8.1.1. Ein möglicher Ursprung
8.2. Beitrag der Religionen
8.2.1. Die Integration des biblischen Hintergrunds
8.2.1.1. Jerusalem
8.2.1.2. Judentum und Christentum im Erlösungsplan
8.2.1.3. Messianismus und Paradies
8.2.2. Zum Einfluss der Mystik
8.3. Tod als Heimat?
8.3.1. Wunschbild mit nicht Wünschenswertem
8.3.2. Contra Nichts, Säkularisierung und der „rote Held“
8.3.3. Ausgangspunkt: ,,Forschungsreise“ und Dunkel des gelebten Augenblicks
8.3.4. Nicht-mehr-da-sein-können und Noch-Nicht
8.4. Der „gefundene“ Mensch
8.4.1. Von der Arbeit zur Muße
8.4.2. Heimat entsteht durch Kunst und Architektur
8.4.3. Leben in einer neuen Gesellschaft

9. Zusammenfassung
9.1. Begriffserweiterung von Heimat
9.2. Vorbedingungen
9.3. Heimat als Prozess

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Heimat, ein Begriff der viele Menschen bewegt, ein Gefühl, ein Denken, ein Handeln oder einfach nur Heimat leben. Die Assoziationen könnten beliebig fortgesetzt werden. Was steckt aber hinter einer Situation, die sich als Heimat offenbart? Heimat als Kindheit oder als "kleines Glück"? Heimat zeigt sich auch als kulturelles, soziologisches, theologisches, psychologisches und geschichtliches Phänomen. Seltener dagegen ist dieser Begriff in philosophischem Kontext aufgezeigt worden. Umso interessanter ist es, den Begriff Heimat in der philosophischen Tradition zu bearbeiten. Diese Untersuchung soll auf meiner Magisterarbeit[1] basieren, die aus Gründen der Übersichtlichkeit nicht ständig zitiert werden kann. Dabei wird sich zeigen, dass das Alltagsphänomen Heimat mit dem philosophisch herausgearbeiteten Begriff divergiert. Ein Zusammenhang zwischen beiden besteht aber dennoch.

1.1. Problemaufriss

Wir leben in einem immer schneller ablaufenden Weltprozess, der sich ständig mehrfach potenziert und damit auch verselbständigt. Diese Situation lässt sich wie folgt darstellen:

Es sind dies, ohne Bild gesprochen, die großformatigen Phänomene, die aus der alteuropäischen epistemisch - messianischen Substanz herausgesetzt und im planetarischen Maßstab wirksam wurden: Geschichte, Wissenschaft, Industrie, Massenkommunikation, Geschwindigkeit.[2]

Technische Fahrzeuge erreichen heute in relativ kurzer Zeit viele Orte in allen Kontinenten. Durch die Vernetzung der Welt rückt der Tausende von Kilometern entfernte Mensch so nah, wie der Nachbar im nächsten Haus. Die Geschwindigkeit schrumpft dabei auf wenige Sekunden selbst bis in den hintersten Winkel der Welt zu gelangen. Die Globalisierung forciert die wirtschaftliche Bewegung hin zu reinen Kosten/ Nutzenkalkülen. Standortfaktoren rücken dabei immer mehr in den Vordergrund. Nicht zuletzt sorgt der ,Euro’ für eine zahlungstechnische Gleichgültigkeit ob in Italien, in Deutschland oder Frankreich eingekauft wird. Es scheint als sei der Mensch in der Welt zu Hause, ein Kosmopolit, der durch die Anforderungen des 21. Jahrhunderts hetzt, das heißt, der diesen Anforderungen gewachsen ist.

Heimat, so gewinnt man von hierher den Eindruck, hat nur noch für einen Provinzler

Bedeutung, der engstirnig und borniert, vielleicht sogar reaktionär und anti-demokratisch, am Ewiggestrigen festhält und der in seiner kleingeistigen Haltung nicht in der Lage ist, über den Tellerrand seiner engen Grenzen zu blicken.[3]

Darüber hinaus ergeben sich in der Gegenwart weitere negative Konnotationen von Heimat. Hermann Bausinger hat sie treffend formuliert und zusammengefasst:

Ich fühlte mich beim Blättern im Programm an die nicht nur im Süden der Republik installierten Heimatwochen, Heimatfeste und Heimattage erinnert, in denen Heimatvereine in Heimattrachten auftreten, Heimatkapellen, die Heimatmusik spielen, Heimatkünstler, die Heimatlieder singen, Heimatdichter, die Heimatpoesie in der Heimatsprache vortragen, Heimatredner, die in heimatlichen Hochgefühl ihre Heimatgedanken und Heimatempfindungen ablassen. So etwas erzeugt Allergien; und manchmal steht man vor der Heimat wie vor einem Weihnachtsbaum am Erscheinungsfest: er nadelt und muss entsorgt werden. [...] Heimat steht grundsätzlich unter Senilitätsverdacht; sie erscheint als Auslaufmodell, ja fast schon für eine freundlichere Form von Alzheimer: Heimat als etwas für Leute, die mit der Gegenwart nicht zurecht kommen und sich deshalb in die Vergangenheit sinken lassen. Heimat, so hat Martin Walser einmal formuliert, sei der schönst Name für Zurückgebliebenheit.[4]

Diese Ausführung trägt trotz oder gerade wegen der Häufung der Heimatvokabeln nicht zu einer Konsolidierung des Heimatbegriffs bei. Außerdem wird in diesem Zitat das Bedeutungsfeld enorm eingeengt. Um diese Zusammenhänge verständlich zu machen, ist ein knapper historischer Überblick nötig, der im Verlauf der Untersuchung geleistet wird.

Die Klassifizierung der Menschen zeugt an der „Front der Geschichte“[5] von einer bedeutenden Dynamik. Gleichzeitig ist aber auch die Rede von „Risikogesellschaft, multikulturelle[r] Gesellschaft, Erlebnisgesellschaft, Multioptionsgesellschaft [...]. Konjunktur hat zurzeit die Spassgesellschaft.“[6] Der Markt der Möglichkeiten ist für den flexiblen und liberalen Zeitgenossen unermesslich. ,,Die Spassgesellschaft hat Karriere gemacht. So sehr, dass sogar Deutschland – die eigentliche Heimat des leidend-melancholischen Typus und der betroffenen Mahner und bedenklichen Warner – Spass versteht.“[7] Was aber ist der Hintergrund dieser aktuellen Erscheinung? Genannt werden ein Sinnvakuum und eine „Entzauberung der Wertsphären“, hervorgerufen durch den permanenten Wandel der Gesellschaft. Ausdifferenzierung und Individualisierung tun ihr übriges.[8] Der Mensch des beginnenden 21. Jahrhunderts, besonders der jugendliche, der vom Zeitgeist erfasst wurde, büßt seine Beheimatung durch greifbare und lokalisierbare Dinge ein. „Nicht ein Ort, sondern die Zeit ist [...] neue Heimat“.[9] Die Gesellschaft ist jedoch schnelllebig, die Zeit entschwindet ihr. Der Informationsüberfluss tut dazu noch das seinige. Den Mangel an Heimat kann sie daher dem Menschen nicht befriedigend kompensieren. Der Weg zu den klassisch als Heimat verstandenen Institutionen wäre ein Weg zurück und keine wirkliche Option, da es das Eingeständnis des Scheiterns wäre. So werden die Errungenschaften der Technik, die Mobilität und die Freiheiten einer liberalen Gesellschaft genutzt, um einer erschreckenden Wahrheit zu entkommen: der Heimatlosigkeit. An das Jahrhundert der Migration und dem Verlieren lokaler Identität schließt sich eine neue Dimension des Heimatverlustes an. Die Sehnsucht nach Heimat und einem sinnvollen Leben[10] soll betäubt werden durch Spaß. Die Parole ist so banal wie grausam, wenn die Reflexion dieser präziser ausfällt: „Live fast, have fun, die young!“[11] Insofern bleibt offen, wie der Mensch sich heimatlich orientieren könnte und ob es überhaupt noch etwas wie einen Fixpunkt Heimat gibt bzw. geben kann. In wie weit berührt die Sinngebung des Menschen sein Streben nach einer Heimat? Eine Möglichkeit solche Fragen zu klären bietet sich, wenn philosophische Überlegungen zu diesem Thema herangezogen werden.

Nicht zu vergessen ist die negative Färbung, die der Begriff besonders in der Zeit des Nationalsozialismus erhielt. Dies macht die Verwendung des Wortes auch noch in Gegenwart schwierig, obwohl die Gesellschaft seit über einem halben Jahrhundert versucht den Begriffsinhalt von „Heimat“ annähernd zu rehabilitieren, wobei die Arbeit daran immer noch andauert. Um so bemerkenswerter ist es, dass der Philosoph Ernst Bloch offensichtlich nie Probleme damit hatte, seine Erwartung einer neuen Welt und Gesellschaft, durch die Jahre hindurch, mit dem Wort „Heimat“ zu bezeichnen. Er setzt es im Prinzip Hoffnung als ein großes Ziel, welches wert ist, erstrebt und erreicht zu werden. Das Prinzip Hoffnung, das Hauptwerk des Philosophen, kulminiert somit in einer Manifestation des Noch-Nicht, die als Heimat bezeichnet wird.

1.2. Hinführung zum Thema

Ernst Bloch war in Punkto Rehabilitation des Heimatbegriffs seiner Zeit weit voraus, oder präziser formuliert: er ließ sich nie dieses Wort, diese Kategorie nehmen oder in irgendeiner Form negativ besetzen, nicht von „den Spießern“, die „Heimat“ zu einem Kitschwort ihrer unproduktiven Lethargie machten, um es in die „Trivialkultur“[12] abzuschieben, aber auch nicht von den Nazis, die die Heimat in Blut ertränkten. Bloch hält an dem Begriff in der Philosophie, im Bereich des Denkens und des fühlenden Erlebens, fest. Den „Schergen und Fratzen der Passion“[13] entzogen, erlangt Heimat wieder die alte Größe des Zuhauseseins, des erstrebenswerten Gegenpols zur drohenden Entfremdung. In den Worten Ernst Blochs klingt das folgendermaßen:

Diese Kategorie Heimat, die auch eine philosophische Seite und Geschichte hat, kann bedeuten: Zuhausesein, wie in der deutschen Mystik, bei Meister Eckehart. Heimat wird aber meist verstanden, ungeheuer spießig, wo wir wieder so etwas Schlimmes drin haben wie bei den Nazis, wo auch Blut und Boden darin steckt. Aber zunächst ist Heimat ein philosophischer Begriff gegenüber Entfremdung. Daß man in der Heimat identisch sein kann, daß die Objekte, wie Hegel sagt, nicht mehr behaftet sind mit einem Fremden, sondern wo das Objekt uns so nahe rückt wie das Subjekt, daß wir darin zu Hause sind. Auch die Kategorie des Zuhauseseins ist eine alte philosophische und auch mystische Kategorie ohne schlimmen Beigeschmack des Worts, Mystik mit y geschrieben, nicht mit i. Sehen, Sie, die Gefahr liegt hier nahe, daß einer, der Forschungen treibt über Emigrantenliteratur, dass so jemand dieses utopische Moment im Begriff der Heimat übersieht und Heimat damit erklärt, daß irgendwer in Amerika ist und sich zurücksehnt. Daher kommt in der deutschen Emigrantenliteratur das Wort Heimat so oft vor.

Da heißt es also sozusagen, dass man gern zurückkehren möchte an den Kurfürstendamm oder irgendwohin in eine Kleinstadt. So darf Heimat nicht verstanden werden. Das landet im Spießertum und nicht in einer revolutionären Inwendigkeit, die auswendig geworden ist, und zugleich Auswendigkeit, die wie das Inwendige aussieht. Das wäre Heimat.[14]

In dieser Aussage werden noch weitere Gesichtspunkte erkennbar: Die Approximation des Subjekts an das Objekt und das Zuhause-Sein. Heimat entfernt sich so vor der allzu leicht präsenten Assoziation mit dem Nazi-Terror. In dieser Aussage wird sofort klar, dass Bloch einen anderen, als den geläufigen Begriff von Heimat hat. Dies zeigt sich auch darin, dass er die Fixierung des Begriffs auf die Beheimatung des Menschen nicht teilen will.

Eine philosophische Beschäftigung mit dem Thema „Heimat“, kommt also an Ernst Blochs Denken nicht vorbei. Sein Heimatbegriff soll deshalb Gegenstand dieser Untersuchung sein.

Die Philosophie Ernst Blochs ist als Entwurf in eine noch nicht vorhandene, noch nicht realisierte Welt anzusehen. Literarisch ausgedrückt, kann mit einigem Recht gesagt werden: „Es war einmal...“ und es folgt ein Märchen, meist eines der Brüder Grimm. Eine Arbeit über Ernst Bloch muss beginnen mit: „Es wird einmal...“ Ein Vergleich mit Märchen ist an dieser Stelle sogar durchaus berechtigt:

Die Märchen enthalten [...] die Suche nach dem Glück, weg von einem schlechten Zuhause. Selbst Hänsel und Gretel fühlen sich zu Hause vermutlich nicht wohl. Daß sie bei der Hexe landen, ist ihr Pech, aber sie wollten ausziehen. [...] Um auf das Philosophische zu kommen, auf die philosophische Variante des Liedes ,Dort, wo du nicht bist, wohnt das Glück’, besser gesagt wo du noch nicht bist, wohnt das Glück...[15]

Es wird einmal war demnach die Grundüberzeugung von Ernst Bloch. Was werden soll, das noch fehlende Objekt sozusagen, belegt er zum Abschluss seines Hauptwerkes Das Prinzip Hoffnung ganz trivial mit dem Begriff „Heimat“. Der Heimatbegriff entgleitet aber auch durch solch ein Denken. Es kann die Meinung entstehen, Heimat scheint für den Menschen möglicherweise gar nicht vorhanden und unter Umständen auch nicht erreichbar.

Im ersten Augenblick ist jedem scheinbar sofort klar, was mit dem Begriff Heimat gemeint ist. Fast jeder fühlt, glaubt, kennt, denkt sich die Heimat. Jeder meint sie erfasst und damit gefunden zu haben oder darin zu leben, oder, womöglich sie im Besitz zu haben. Doch diese Heimat kann Bloch, was sich bereits andeutete, nicht gemeint haben. Die Worte, die er in seinem Prinzip Hoffnung der Heimat voranstellt, weisen in eine andere Richtung: „...und worin noch niemand war“.[16] Mit dieser Aussage verunsichert Bloch seine Leser. Das uns so geläufige Wort und seiner Bedeutung, dem wir ständig begegnen, entzieht sich bei genauerer Betrachtung dem gewussten Inhalt. Ein maieutisches Verfahren im Sinne des Sokrates’ ist durch diese letzten Worte nach 1628 Seiten in Gang gesetzt worden, das die scheinbar gekannte und so vertraute Heimat, doch eine größere gebiert – diese Heimat, von der alle andere Heimat, alles was mit diesem Wort benannt worden ist und wird, seinen Glanz und seine Wärme hat. An keiner Stelle in seinem Werk hat er die Vorstellung von Heimat detailliert ausbuchstabiert oder geschildert.[17] Es könnte fast ein „philosophisches Himmelfahrtskommando“ genannt werden, etwas so offen gehaltenes, wie es Bloch in seinen Schriften behandelt, definieren zu wollen. Es wird sich auch zeigen, dass nach über eineinhalbtausend Seiten kein wirklicher Abschluss des Buches möglich war. „Inkompetenzkompensationskompetenz“[18] wird dazu nötig sein, den Heimatvorstellungen Ernst Blochs auf die Spur zu kommen.

Diese Heimat ist nirgends vorhanden – trotz ihrer Omnipräsenz in den Träumen und Wünschen vieler Menschen. Oftmals sind die Menschen eingeschränkt in ihrem Denken und Fühlen. Politik, Religion und Wirtschaft leisten das ihrige, indem sie sich zusammenschließen und gemeinsam den Menschen unterdrücken. Bloch beschreibt die Irrwege, die von der Religion und Kirche ausgegangen waren.[19] Doch er scheut sich nicht, in strikter Verallgemeinerung allen Menschen einen Drang zu dieser nirgends auffindbaren Heimat zu unterstellen.

Die Heimat die er meint, ist das letzte Zuhause, das jeder Mensch intuitiv kennt und worauf jeder hofft. Sie muss jedoch nicht zwingend in theologischem Kontext erwartet werden. Es ist ein Ort, der dem Menschen durchaus bewusst werden kann. Die Voraussetzungen dazu werden im Folgenden aufzuzeigen sein. Bloch legt den Keim und spornt die Menschheit an, an der Verwirklichung der „Heimat“ mitzuwirken.[20] Die Hoffnung auf die Umsetzung und das Erreichen der „Heimat“, die noch eine Utopie, ein Nirgendwo ist, hält den Menschen im Leben und am kreativen (Er-) Schaffen. Es wird einmal Heimat!

1.3. Vorgehensweise

Diese Arbeit versteht sich, obwohl sie sich im ersten Teil mit vielen Gesichtspunkten von Heimat befasst nicht als etwas, was Enzyklopädie der Heimat heißen könnte. Die Darstellung von Heimat in den verschiedenen Kontexten des menschlichen Daseins birgt unendlich viele Einzelheiten, die sich erst zeigen, wenn sie zur Bearbeitung anstehen, dazu ein Beispiel: Hobbies, Freizeitaktivitäten und die Kunst als Heimat werden in dieser Arbeit vergebens gesucht, zeigen sich aber partiell doch in den Kapiteln, die sich mit der Heimat im Allgemeinen beschäftigen, ohne dass sie explizit angesprochen werden. Ernst Bloch hat in seinem leben viele Arten von Heimat kennen gelernt, kennen lernen müssen, sodass auch diese Ereignisse in einem Abschnitt gewürdigt werden. Zumal diese Heimaterfahrungen auch sein Denken nachhaltig beeinflusst haben könnten. Inwieweit ihn seine jüdische Abstammung prägte ist gleichsam Bestandteil der Betrachtung.

Die Erscheinungsformen der Heimat sollen lediglich als Kontrast zu einer philosophischen Untersuchung des Heimatbegriffs von Ernst Bloch dienen. Dadurch wird evident, dass die Darstellung einzelner Bedeutungen von Heimat knapp gehalten werden mussten. Auch die Thematik von Heimat in der Literatur musste aus diesem Grund weitgehend ausgespart werden. Gerade Schilderungen von Heimat in Romanen und Autobiografien ist inflationär. Dennoch versteht sich dieses Vorgehen nicht als eine völlige Beschränkung auf eine „Heimatphilosophie blochscher Färbung“, sondern zur Philosophie der Heimat, wie sie auch von zeitgenössischen Autoren vertreten wird. Auch der Verwendung des Heimatbegriffes im Allgemeinen, sowie in verschieden Kontexten soll Rechnung getragen werden, indem im Schlussabschnitt ein Resümee erfolgen wird. Die breite Darstellung des Sprachgebrauchs, zeugt ebenfalls von der Vielseitigkeit dieses Wortes. In den einleitenden Kapiteln zu Heimat und zu Vorschein wird eine Erläuterung zu diesen Begriffen gegeben. Dabei wird sich schon die Schwierigkeit zeigen, einen Begriff wie Heimat definieren zu wollen. Schließlich erfolgt ein Blick auf die Philosophie, die sich mit der Heimat auseinander setzt. Die Thematisierung in der Romantik wird zunächst am Beispiel von Novalis’ Heimatkonzeption beachtet und besonders die Bearbeitung in der gegenwärtigen Philosophie, in der Karen Joisten einen wichtigen Beitrag geleistet hat. Sie geht davon aus, dass der Mensch zu Heimat verurteilt ist.[21] Es soll versucht werden, die geistesgeschichtlichen Hintergründe in der gebotenen Knappheit aufzuzeigen. Bewusst soll die Fülle an gelegentlichem und uneinheitlichem Material nicht unterdrückt werden, damit ein möglichst authentisches Bild dessen entsteht, was gemeinhin unter dem Terminus „Heimat“ verstanden wird. Somit versteht sich auch der verhältnismäßig große Teil, der sich mit ,,Heimat“ einleitend und erklärend beschäftigt. Darunter befindet sich ein Kapitel, welches die Heimaten von Ernst Bloch in seinen verschiedenen Lebensstationen darstellt. Dies erscheint zunächst als eine Wiederholung zum Abschnitt Begriffsproblematik, allerdings durchlebte Bloch auch die Heimatzusammenhänge, die in diesem Kapitel auftreten. Schließlich drängen sich in einer Arbeit, die sich mit Bloch und seiner Philosophie der Heimat befasst, diese Betrachtungsweisen geradezu auf.

Bedeutsam erscheint es auch, den Sprach- und Schreibstil Blochs aufzuzeigen, gerade auch, weil er selbst seine Terminologie nicht immer einheitlich verwendet. Außerdem wurde Bloch auch oft nur als Schriftsteller und nicht als Philosoph anerkannt, so zum Beispiel von Adorno und Lukàcs, Philosophen, denen Bloch sehr nahe stand. Warum dies geschah, ist ebenfalls Gegenstand der Untersuchung. Darüber hinaus gilt seine Stilistik nicht unbedingt als eine philosophische, vor allem nicht für die Zeit des 20. Jahrhunderts in der er seine Werke entstanden sind. Ferner bedient sich Bloch auch an Formulierungen christlicher und jüdischer Texte, sowie der Terminologie der Theologie, es soll daher versucht werden, aufzuzeigen, warum Bloch dies getan hat. Gleichzeitig hatte die Verwendung der religiösen Sprache dazu geführt, dass Theologen sich intensiv mit der blochschen Philosophie auseinander setzten. In dieser Darstellung wird sich auch zeigen, dass Bloch immer auch das Unsagbare mitdenkt und mitteilen möchte – insbesondere im Kontext seines Heimatbegriffs. Bereits früh in Blochs Werk klingt die mögliche Beheimatung des Menschen an. Unterstützen kann diesen Prozess die Selbsterkenntnis des Menschen, wird er sich der Selbstfindung bewusst, so kann dies ein Ende des dunklen vor-sich-hin-Lebens bedeuten. Thematisiert wird dies in Geist der Utopie, dem ersten erfolgreichen Buch Ernst Blochs. Die Augenblicksphilosophie vor Bloch wird skizziert um zu zeigen wo der Begriff des Augenblicks herstammt und wie er ihn in sein Denken integriert hat. Damit beschäftigt sich das vierte Kapitel. Der Mensch als triebhaftes und affektiertes Wesen basiert auf Sigmund Freuds psychologischen Erkenntnissen. Danach stellt das antizipierende Bewusstsein eine wichtige Konstante dar, um Tagträume wirksam werden zu lassen. Von den Tagträumen sind aber vorher noch die Nachtträume zu unterscheiden. Wie diese Befähigung des Menschen nach Bloch vorstellbar ist, zeigt der Abschnitt fünf.

Die nächsten Stationen (sechster Teil) sind das Noch-Nicht-Sein, sowie das Noch-Nicht-Bewusstsein und die starke Betonung des Prozesshaften, beim Noch-Nicht-Sein wird auch ein Augenmerk auf die Logik und Ontologie geworfen, die der blochschen Konzeption ein metaphysisches Fundament verleihen und den Möglichkeitsraum des Menschen ausloten will. Von außerordentlicher Bedeutung ist hierbei die Klärung dessen, was Bloch unter dem Begriff Materie gefasst und wie er das aristotelische Verständnis der Materie für sein Vorhaben herangezogen hat. Die Materie als Keim, als Quell, welcher alles hervorzubringen vermag, ist von Materie im Sinne der modernen Naturwissenschaften deutlich abzugrenzen.

Die Frage des Vorscheins gilt es als Nächstes – dazu dient der Bereich sieben – zu erläutern. Der Terminus „Schein/ Vorschein“ ist dabei etymologisch zu beleuchten und auf seine Bedeutung in der Kunst und seine Genese durch die Kunst hinzuweisen. Ein kurzer Überblick seiner Verwendung in der Ästhetik, vor allem im achtzehnten Jahrhundert soll gegeben werden, soweit sie die blochsche Terminologie erklären hilft. Danach ist die Verwendung des Begriffs in Blochs Denken aufzuzeigen, insbesondere die Richtungsweisung durch den Vorschein in eine bessere Welt.

Die Charakterisierung und der Ursprung von ,,Heimat“, die Blochs Werk mannigfaltig durchzieht, wird danach, im achten Kapitel, aufgegriffen und dargestellt. Ein möglicher Ursprung für den Begriff der Heimat könnte in einem Märchen begründet sein, diesem Verdacht wird zu Beginn des Assoziationskapitels nachgegangen. Im Anschluss daran sollen mögliche Inhalte für Blochs bedeutenden Platzhalter X, also „Heimat“ vorgestellt werden; dies geschieht im Kontext der Identitätsbildung, des Menschen, der Muße, der Kunst, der Religion und der neu zu entwerfenden Gesellschaft. Alle diese Lebensbereiche des Menschen können dazu dienen, dass der Menschen zur höchsten Identität gelangen und den Lauf der gesellschaftlich-politischen Prozesse erfolgreich beeinflussen oder antizipieren kann, zum Beispiel unmenschliche Zustände frühzeitig zu erkennen, anzuprangern und zu lindern. Im Bereich der Religionen liegt der Schwerpunkt beim Christentum und Judentum. Weitere bedeutende Begriffe, die einen hohen Stellenwert in Blochs Zukunftsantizipationen haben sind Messianismus und Paradies. Auch die Mystik, die Bloch immer wieder interessierte, wird Beachtung geschenkt. Selbst eine Überlegung zum Tod als Beheimatung des Menschen wird im Verlauf des letzten Teils angeboten. Die blochschen Gedanken werden dabei nachgezeichnet und mit Heideggers Entwurf der „Ganzheit“ und des „Seins zum Tode“ verglichen. Ob Bloch mit Heidegger in Übereinstimmung zu bringen ist, wird sich am Schluss des entsprechenden Kapitels zeigen. Erst danach ließe sich zeigen, ob der Mensch tatsächlich zur Heimat im Tod gelangen kann.

Darauf folgt mit Kapitel 8.4. der Teil, indem aufgezeigt werden muss, was mit es dem „gefundenen Mensch“ auf sich hat. Ist er völlig identisch geworden und hat an der Veränderung Welt aktiv partizipiert, so eröffnet sich für ihn die Aussicht auf eine Integration in eine neue Gesellschaft und wie ihr adäquat zu leben ist, anstatt bloß „im Dunkel“ zu existieren.

2. Heimat

Heimat: dieser Begriff benennt eines der meistdiskutierten und am heftigsten umstrittenen Probleme unserer Zeit. Steht die Betonung von Heimat nicht im Widerspruch zu einer Haltung, die der Mensch im Zeitalter von Globalisierung und weltweiter Vernetzung einnehmen muss? Oder ist sie noch immer der Mittelpunkt der individuellen Existenz des Menschen, Ort seiner Kindheit, der Geborgenheit und Sicherheit? Darf er überhaupt noch Heimat haben, so könnte gefragt werden.

Es zeigt sich: Heimat ist – auf einer vor-philosophischen Ebene – kein eindimensionaler Begriff, beinhaltet sie doch wesentlich das Aushalten und das Austragen von Differenzen, Spannungen und Gegensätzen. Heimat steht demnach im Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Unsicherheit, Geborgenheit und Ungeborgenheit, Nähe und Ferne, Vertrauen und Mißtrauen. Die Geborgenheit und Sicherheit wird in immer wieder neuen Erschütterungen in Frage gestellt, wodurch – sentimental-naives Festhalten an dem, was man schon hat, verhindert wird.[22]

Besonders in der deutschen Sprache[23] zeigt sich dies allein schon durch die etymologische Herkunft des Wortes „Heimat“. Umso erstaunlicher ist es, dass das Wort in Deutschland nicht unumstritten ist.[24] Dies wird insbesondere der geschichtliche Hintergrund des Begriffes zeigen. Heimat bleibt keinesfalls an einen Ort gebunden, wie sich zeigen wird. Im Grunde kann von einer "Metaphysik der Heimat" gesprochen werden, da sie auf unterschiedlichsten Wegen ihren Ursprung hat, sich zeigt bzw. bemerkbar macht. Der Begriff Heimat wird in vielen Varianten und Kategorien ausführlich demonstriert werden, allerdings ergibt sich immer wieder die Schwierigkeit der Einordnung. Die einzelnen Beispiele ließen sich oft in mehreren Kapitel gleichzeitig behandeln, was jedoch als nicht praktikabel erscheint. Somit werden sie dort hereingenommen, wo sie die möglichst klarste Veranschaulichung bieten. Die erwähnten Spannungsfelder werden im weiteren Verlauf präzisiert werden müssen, um ein möglichst geschlossenes Bild von Heimat und die Abgrenzung zu Blochs Assoziationen, aufzeigen zu können.

2.1. Begriffsproblematik

Auf Grund der im vorherigen Abschnitt aufgeworfenen Problematik soll eine subtile Darstellung des Heimatbegriffs erfolgen. Um sich dem Sinn dieses Wortes zu nähern, wird in einem ersten Schritt auf die etymologische Herleitung eingegangen. Ein weiterer Schritt wird es sein, die unterschiedliche Verwendung des Begriffs Heimat besonders in den beiden letzten Jahrhunderten aufzuzeigen. Danach soll die geschichtliche Entwicklung und Beeinflussung, sowie die Wechselwirkung von Kultur-, Politik- und Sozialgeschichte mit dem u. a. auch emotional geprägten Begriff „Heimat“ herausgestellt werden.

2.1.1. Etymologische Herleitung und Semantik

„Heimat“ wird vom mittel-, bzw. althochdeutschen Wort „hêm“ oder „heim“ hergeleitet, was wiederum auf ein allgemeingermanisches Wort zurückzuführen ist. Die indogermanische Wurzel von hêm ist kei, was „liegen“ bedeutet. Das altindische Wort kshi, „weilen, rasten, sich aufhalten, wohnen und bewohnen“ wird als etymologisches Bindeglied zum Germanischen angesehen.[25] Vom Gotischen über das Altnordische, Friesische und Sächsische bis zum Althochdeutschen und Mittelhochdeutschen existiert das Wort in verschiedenen Formen wie „haims, heimr, hêm“ und schließlich „heim“[26] Hêm, bzw. Heim umkreist in allen seinen Formen, auch in den verwandten Sprachen, die Bedeutung von Haus[27], Wohnung, Dorf, Aufenthaltsort, Lager, Behausung, Ort, wo man sich niederlässt, und schließlich auch Familie und Sippe.[28] Je nach regionaler Ausprägung und individuellem Wortgebrauch fällt der Akzent auf ein bestimmtes der eben genannten Dinge. Es können zwei Bestimmungen von „Heimat“ herausgelesen werden: einmal die örtliche Größe, die erst in ihrem Kontext auf eine soziale Ebene hinweist und zum Anderen, die zwischenmenschliche Komponente, die nicht unbedingt an einen festen Ort gebunden ist.[29] Beide Bereiche lassen sich nicht völlig voneinander trennen, jedoch ist festzuhalten, dass schon sehr früh die Worte für Heimat, sowohl eine dinglich-lokale, als auch eine ungreifbar-soziale Dimension haben. Beide Gebiete verweisen aber auf das gleiche Bedürfnis des Menschen nach Schutz, Sicherheit und letztlich umfassender Geborgenheit.[30]

Das grimmsche Wörterbuch ordnet „HEIM“ und „HEIMAT“ die lateinischen Wörter „domicilium, domus“[31] und „patria, domicilium“[32] zu. In diesem Wortfeld und vor allem in der Bedeutung von lokaler Heimat, findet die frühe Verwendung der Wortgruppe um „hêm“ in den deutschen Sprachgebieten leicht Äquivalente in wohl jeder anderen Sprache. Angeführt sei ein Beispiel aus dem Englischen, wo die moderne Variante des alten germanischen „hêm“ im Substantiv „home“ genau diese Verbindung zweier Ebenen zum Ausdruck bringt. Zunächst meint „home“ das Zuhause der eigenen vier Wände – einen rein materiellen Ort. In diesen Ort aber wird die Wärme von Geborgenheit projiziert. Der deutsche Begriff Heimat hat gegenüber anderen Wörtern, die aus hêm entstanden sind, den Vorteil, nicht an einen feststehenden Begriff wie Wohnung, Haus, etc. gebunden zu sein, sondern ein größeres Feld an Bedeutungen und Assoziationen zuzulassen.

Was kann es bedeuten, wenn von Heimat die Rede ist? Dazu findet sich im Artikel ,,Heimat“ des Brockhaus die Erklärung, dass die Heimat derjenige Ort ist, an dem die Geburt und Sozialisation des Menschen stattfindet; gleichsam die Bildung von Identität, Charakter, Mentalität, Einstellung und Weltauffassung geprägt werden. Dies kann als äußere Dimension gelten. Die innere Dimension hingegen zielt auf die Modellierung der Gefühle und Einstellungen ab. Auch die Beheimatung von Erwachsenen in eine geistige, kulturelle und sprachliche, nicht zuletzt kann politische Heimat darunter verstanden werden. Die himmlische Heimat im religiösen Sinn wäre eine weitere Bedeutung.[33]

2.1.2. „Heimat“ – eine Begriffsgeschichte

War im Einleitungsteil von einem zugeschnittenen Heimatbegriff auf ein enges Bedeutungsfeld die Rede, so versteht sich diese Problematik nur durch einen historischen Überblick, der im Folgenden gegeben wird. Diese Skizzierung wird sich jedoch auf die Geschichte des Begriffs in Deutschland beschränken.

,,Alle haben eine, aber niemand kann seine so trefflich – diffus und genau zugleich – benennen wie wir Deutschen“[34]: die Heimat. Diese sicher ironisch gemeinte Feststellung zeigt aber dennoch wie vielschichtig dieser Terminus sein kann und tatsächlich steht hinter dem Begriff im Deutschen eine lange und weitreichende Geschichte, die durch Literatur, Philosophie und Politik beeinflusst worden ist. Die Deutschen setzten sich aus verschiedenen Gründen intensiver als andere Kulturen mit der „Heimat“ auseinander[35] oder bemächtigten dieses grundsätzlich eher emotionalen Ausdrucks z. B. auch für Propagandazwecke. Vor 1840 taucht der Begriff Heimat kaum irgendwo auf, erscheint er, dann meistens mit einer Verlagerung in eine jenseitige Welt, das heißt in eine himmlische Heimat. Das bürgerliche Verhältnis, vor allem der städtischen Bevölkerung Deutschlands zum Wort Heimat begann, ausgehend von den Freiheitskämpfen gegen Napoleon, der Deutschen Revolution 1848 und dem Biedermeier, die Begleiterscheinung des Nationalismus aufzuweisen. Zunächst erwachte lediglich der Stolz aufgrund der Tradition und Geschichte Deutschlands. Die Glorifizierung der deutsch-germanischen Vergangenheit in der Romantik mündete nach dem Aufstieg zum deutschen Kaiserreich, dem Sieg über Frankreich im Krieg 1870/71 und nach der schmerzlichen Niederlage des Ersten Weltkrieges, in die Katastrophe des Nationalsozialismus. Besonders ab 1890 mit der Heimatbewegung etabliert sich der Begriff in der Geschichte: ,,Wörter wie Heimatkunst, Heimatroman, Heimatschutz, Heimatkunde nehmen damals ihren Ausgang; Heimatvereinigungen werden allenthalben gegründet.“[36] Dabei wird vorwiegend das Bäuerliche mit Heimat assoziiert. Eine Abgrenzung zur Stadt und Industrielandschaft soll dadurch erreicht werden. In Heimatromanen galt die Stadt lange Zeit als Brutstätte allen Unglücks.[37] Dabei geht es keineswegs um eine bäuerlich-landschaftliche Idylle, sondern um die Verwurzelung, die Bindung an den Boden; bäuerlicher Starrsinn feiert sich dazu noch oft in diesen Motiven. Heimatromane dieser Zeit sind keineswegs süßlich-sentimental, eher brutal und unerbittlich; die Unterwerfung unter Zwänge wird heroisiert. Schon im Ersten Weltkrieg hatte der Heroismus, für das Vaterland eine besonders große Bedeutung erreicht. Heimat war nun gleichwertig mit dem Vaterland. Etwa hundert Jahre früher war eine solche Definition nahezu unmöglich auf Grund der Uneinheitlichkeit der Volksgruppen, aber auch der unterschiedlichen Konfessionen, die sich in einem Herrschaftsgebiet wiederfanden. Dies resultierte aus der Zusammenführung der vielen oftmals sehr kleinen Herrschaftsterritorien des ehemaligen „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“[38] zunächst nur zu etwas größeren Herzog-, Fürstentümern, Königreichen und schließlich zum „Deutschen Reich“. Erst durch die politischen Neuformierungen nach dem Wiener Kongress konnte sich in Deutschland ein Heimatgefühl entwickeln[39], welches „Patria“, das Vaterland, als Äquivalent zur Heimat sieht. Beginnend in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, spätestens seit dem deutsch-französischen Krieg oder dem Ersten Weltkrieg, gehörten die beiden Begriffe Heimat und Vaterland zusammen. Im Dritten Reich verdichtete sich diese Begriffsverbindung und das Gefühl der Menschen über das, was Heimat ausmacht. Es wurde von einem "inklusiven" Gefühl zu einem "exklusiven". Während ein „Zuhause“ die Wohnlichkeit und die Gastfreundschaft ausstrahlte, war „Heimat“ zum bedrohlichen Ausspruch expandierenden Lebensraums geworden, in dem für sogenannte „Nichtarier“ kein Platz war.

Heimatlosigkeit war für die Deutschen ein Zustand schlimmster Entfremdung, `Heimat´ bot Schutz vor den Tendenzen gesellschaftlichen und sozialen Wandels und stellte gleichzeitig ein Arsenal nationalistischer und reaktionärer Werte und Ideologeme zur Verfügung. Die heute weitverbreitete Aversion gegen den Heimatbegriff nimmt sicherlich von diesen regressiven und pervertierten Inhalten ihren Ausgangspunkt.[40]

Das wirkte so im Denken und Empfinden fort: noch 1989 erklären Ulla Pieper und Kurt Haderer: „Ein Buch über Heimat zu schreiben, ist eine ziemlich schwierige Angelegenheit. Uns kam sofort die Nazizeit mit ihrer Blut- und Bodenideologie in den Sinn.“[41]

Als ein weiteres Beispiel für diese einseitige Fixierung mag ein allgemein verbreitetes deutsches Nachschlagewerk für Synonyme herangezogen werden. Heimat ist hier unter dem Stichwort „Nation“ zu finden.

Nation 1. Staat, Volk, Land, Bevölkerung, Vaterland, Geburtsland, Heimat, Heimatland, Vaterstadt, Geburtsstadt, Heimatstadt, 2. Nationalität, Staatsangehörigkeit, Volkstum, Volkszugehörigkeit[42]

Es führte zu weit, die hier mit Heimat in einem Atemzug genannten Wörter einzeln zu analysieren, aber es sticht geradezu hervor, dass Heimat in diesem Kontext einen völkischen Anstrich bekommt.[43] Dass dies nicht an diesem speziellen Buch liegt, sondern eher ein Problem des aktuellen Gebrauchs der deutschen Sprache ist, legt der Textvergleich mit dem Duden nahe:

1Heimat, Geburtsland, Herkunftsland, Ursprungsland, Heimatland, Inland, Vaterland/Wahlheimat; Begeisterung, Heimatort, Nationalismus, Patriot; Wohnsitz, Zugezogener; national/Ggs. Ausland.[44] Hier wird unter dem Stichwort „Heimat“ auf den Ort des Geborenwerdens und Heranwachsens Bezug genommen, doch ebenfalls wieder mit „Nationalismus“ und „Patriotismus“ in Verbindung gebracht.

Das Verständnis von Heimat ist nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst durch die Heimatvertriebenen und Flüchtlinge geprägt, ohne dadurch eine inhaltliche Klärung zu erlangen. Der zurückgelassene Ort, nach dem man sich in der aufgezwungenen Fremde sehnt, dient als ,,Maßstab und Urbild der Wirklichkeit“[45] und ist damit Halte-, Orientierungs- und Fluchtpunkt, auf den sich im gegenwärtig Neuen, Unsicheren und Ungewohnten bezogen wird.

Durch den wirtschaftlichen Aufschwung der sechziger Jahre kommt eine neue Versachlichung des Heimatverständnisses zu Stande, die mit einer sukzessiven Reduzierung der in den ersten Nachkriegsjahren weit verbreiteten Heimatfilmen und –romanen einhergeht. Umfragen wiesen divergierende Konnotationen des Begriffs „Heimat“ in Abhängigkeit vom Alter der Befragten nach.[46] Eine Wende vollzog sich in den 1970er und 80er Jahren. Menschen, die ihre Schullaufbahn zu dieser Zeit schon beendet hatten, tendieren eher dazu, „Heimat“ in Verbindung mit dem Dritten Reich zu bringen, als Schüler der 1980er und 90er Jahre.[47] Erst Mitte der 1970er wurde unter Intellektuellen und vor allem von den Literaturschaffenden der Versuch unternommen, das Wort Heimat zu rehabilitieren. Mit angestoßen wurde diese Entwicklung von den sogenannten „Alternativen“ der 1960er Jahre, die eine Neubesinnung auf die Natur forderten.[48] Durch diesen Prozess wurde der Zugang zum Begriff „Heimat“ als Synonym für „Zuhause“ erleichtert. Zuvor waren es hauptsächlich mediale Massenphänomene wie der „Musikantenstadel“ oder der „Heimatfilm“, die „Heimat“ in einen Kontext brachten, der nichts mehr mit dem Dritten Reich zu tun hatte. Die Verbindung des Begriffs „Heimat“ mit dem Wohlfühlmilieu erschwerte jedoch vor allem der jungen Generation den Zugang.[49] Die Kritische Distanz der Jugend zum Milieu ihrer Eltern und dessen Attributen distanzierte zunächst auch den Heimatbegriff.[50]

In den 1970er Jahren setzte eine neue Denkweise ein.[51] Sie ist zuerst bei den Intellektuellen zu beobachten, beispielsweise bei den Literaten. Die Horen, eine traditionsreiche „Zeitschrift für Literatur, Grafik und Kritik“[52], widmeten „Deutschland“ und der „Heimat“ zwei Ausgaben. Diese versuchten, die Bedrückung in der Vergangenheit aufzuarbeiten und ein erneuertes Verständnis des Begriffs „Heimat“ zu entwickeln.

Heimat – das ist nicht wesentlich der Ort, an dem man geboren wurde und aufgewachsen ist. Heimat ist vielmehr auch und vor allem der Ort und die menschliche Umgebung, wo man heimisch ist, wo man sich wohl und geborgen fühlt. Man hat daher zumeist nicht auf ewig eine Heimat – sie kann einem fremd werden aus vielerlei Gründen heraus, und die ist dann per definitionem keine mehr.[53]

Die Loslösung von einem fixen Ort, der ökonomisch, sozial und kulturell bestimmt war, wird deshalb „Scholle“ genannt. Einem Staat gänzlich entzogen, ist Heimat damit nicht mehr eindeutig definiert, aber legitimiert und begründet im Fühlen der Menschen – auch in Deutschland. Zunächst war es für Menschen in Deutschland nötig, eine Distanz zur „Schollen-Heimat“[54] herzustellen. Hilfreich war, andere Aspekte der Beheimatung herauszustreichen. Heimatdefinitionen, die das sinnlich-emotionale betreffen, wie zum Beispiel das Sich - Wohlfühlen an einem Ort, eröffneten neue Horizonte, nachdem der Heimatbegriff zu sehr ideologisiert und diskreditiert worden war. Erst in Folge dieses Neuansatzes kann seit einiger Zeit wieder positiv zu einer ursprünglichen Heimatwertung zurückgefunden werden, die auch mit Orten verbunden sein kann. Der gegenwärtige Trend zielt wieder mehr in die Richtung, die Heimat mit dem Ort eigener Herkunft in Verbindung zu bringen. So kann mittlerweile eine Schauspielerin wie Friederike Kempter sagen: „Heimat trägt man immer mit sich rum, man kann sie verleugnen, aber nicht ablegen. Ein neues Zuhause kann man sich suchen.“[55] Heimat ist im anbrechenden dritten Jahrtausend wieder ein Begriff geworden, der Wärme und Geborgenheit bedeuten kann. Es brauchte einige Jahrzehnte, bis dieses erreicht war. Doch bedurfte es dieses Wandels nach der Pervertierung des Wortes in einer Zeit, in der Krieg und Hass damit verbunden waren. Die Zeiten einer „Heimatfront“ sind vorbei.

Heimat, das ist ein weiterer Aspekt, ist öffentlich präsent. Kinder wachsen mit diesem Begriff auf, ohne dass er ihnen unbedingt direkt vermittelt wird. Dies geschieht auch durch den Medienkonsum:

Keine Woche Fernsehen ohne Heimatfilm, Heimatmusikabend oder – in den Regionalsendungen – heimatbezogene (und nicht nur regionbezogene) Berichterstattung. Diese standardisierte, rückwärts gerichtete Heimatlichkeit ist ein Bestandteil des Alltagslebens. Sie ist gesellschaftlich relevant, weil sie als Ersatz – Heimat fungiert, kompensatorisch wirkt. Sie ist bildungsrelevant, weil die vorgeführten Bilder und Töne als Anlass zur Konstruktion eigener Wirklichkeiten dienen, und nicht zuletzt auch deshalb, weil die Mischung aus Volkstümlichem und Eingängigem von den Medienkonsumenten selbst oft als ihr Anspruch gegen die „Last hochkultureller Normen“ definiert wird.[56]

Zusammenfassend kann gesagt werden: Der Begriff Heimat hat eine wechselvolle Geschichte durchwandert. Dabei war es wichtig festzustellen, dass der Begriff im Laufe der Zeit eine Wendung zu Kontexten erfahren hat, die für menschenverachtende Sachverhalte missbraucht worden waren. Die zunehmend unbeschwerte Verwendung des Begriffs besonders nach 1970, verheißt– was noch zu zeigen sein – wird, aber auch ein Wandel im gesellschaftlichen Denken, Fühlen und Handeln, bezüglich dessen, was Heimat heißen kann.

2.1.3. Heimaten

Wird heute im wissenschaftlichen Diskurs über Heimat gesprochen, so scheint es angemessener und präziser, mit dem Plural Heimaten zu operieren. Der multiple Charakter, seine Subjektabhängigkeit und Vielfalt werden dadurch treffender herausgestellt. Mit Heimaten lassen sich besondere emotionale Qualitäten bezeichnen, die in Räumen sehr unterschiedlicher Ausdehnung und Lage empfunden werden, vom eigenen Bett oder Schreibtisch über die Küche, Garten, Lokale, Theater, Betriebe, Berge, Straßen, Dörfer, Stadtviertel bis hin zu größeren Regionen. Für viele Menschen dominieren zunächst lokale oder regional naheliegende Heimaten; es ist jedoch nicht gerechtfertigt, sie als die Heimat im Sinne einer Einheit auszugeben. Beziehungen von Menschen in diesen Räumen untereinander scheinen eine besondere Bedeutung zu haben. Ohne diese sozialen Kontexte lassen sich Heimatempfindungen erfragen: die Bank am Waldrand, das Kino oder Zeitungscafé, Hiddensee oder Amsterdam. Sehr häufig wird, statt des neutralen Artikels possessiv mein, meine gebraucht, dies sogar bei Hiddensee oder Amsterdam.

Heimaten erscheinen als Lokalisierungsbühnen bestimmter positiver Gefühle in unterschiedlichen Lebensbezügen: Berichte dokumentieren sogar Elendquartiere, Müllkippen, Gefängniszellen und Baracken in Konzentrationslagern als heimatlich. Unterschiedliche Heimaten stehen räumlich nebeneinander; teils isoliert, teils verbunden, näher oder ferner zum derzeitigen Wohnort und zueinander.[57]

Heimaten sind auch temporär, sie werden rektiviert oder verfallen der Erinnerung, so überdauern sie Zeiten nicht aktiver Nutzung. Heimaten werden als Prozesse charakterisiert, Verstärkung und Abschwächung ihrer Intensität können entstehen. Im und um den Wohnort findet in der Regel eine Verdichtung der Räume mit der Wertung Heimat statt. Dies relativiert sich jedoch im Zuge der Mobilität von Menschen durch die erleichterte Raumüberbrückung.

Heimat kann den Menschen anspringen, überfallen – beim Betreten einer Wohnung, der Landung in einem bisher fremden Land, dem ersten Morgen in einer unbekannten Stadt. In der Regel scheinen unmittelbare Begegnung, eigene Aktivität das Bewusstsein von Heimat zu erzeugen: sich in dem betreffenden Raum aufhalten, intensive Wahrnehmung, genaueres Kennenlernen von Details, Wertschätzen von Erkanntem und Empfundenem, handelnde Auseinandersetzung, tieferes Einlassen in Vorgefundenes, Schaffen von neuen Elementen.[58]

Die neueren Erkenntnisse über die je individuellen Konstruktionen von Heimaten bei jedem einzelnen Menschen – und je pluraler, je mehr die Gesellschaft sich ausdifferenziert – scheint den alten, festen Begriff der Heimat zu sprengen. Für jeden einzelnen Menschen sind die Heimaten aus den Unterschiedlichsten Teilaspekten in Nähe und Ferne zusammengesetzt, Tiefe und Fragilität, Zusammenhang und Zusammenhanglosigkeit. Diese Gewissheit führt zu der Frage, ob es Sinn macht, an einem Wort festzuhalten, das mit strukturellen Merkmalen der Eindeutigkeit, Persistenz, Konservation und Allgemeingültigkeit versehen war und ist.

Bis jetzt kennzeichnete den Heimatbegriff Ausschließlichkeit, man ,gehörte dazu oder nicht’. Diese Eindeutigkeit verliert die Heimat im Plural:

Man teilt unterschiedliche Heimaten mit unterschiedlichen Menschen, die ihrerseits ihre weiteren Heimaten haben. Differenzen werden deutlich, die jedoch nicht prinzipiell als Bedrohung, sondern potentiell als Anlass für Interesse und Bereicherung. Heimaten werden verknüpf- und vernetzbar bzw. sind interdependent und können als solche verstanden werden.[59]

Früher wurde Heimat als Sicherheit benannt, das hieß, unsichere Nicht – Heimat zu markieren, nicht selten als Fremdheit oder sogar als Bedrohung. Der Sicherungscharakter der Heimat ist der Erkenntnis des in der Vielfalt der Bezüge Bedrohten ausgesetzt oder erlegen; das bedeutsam Erlebte ist als schutz- und/ oder verbesserungswürdig Aufgetragenes erkannt oder zumindest erkennbar geworden.

Es wird sich im Verlauf dieser Studie zeigen, inwieweit sich die Begriffe Heimat und Heimaten zu einander verhalten. Eine strikte Trennung erscheint jedoch als unangemessen, da im historischen Kontext der Terminus Heimat in der zu untersuchenden Literatur weitgehend dominiert. Das gilt natürlich im besonderen Maße für die Werke Ernst Blochs, die nur den Begriff Heimat aufweisen. Andererseits zeigt sich der Heimatgedanke Blochs so vielfältig, dass die Neigung entstehen kann, hierfür den Begriff Heimaten zu verwenden. Ob sich dies rechtfertigen ließe, muss an dieser Stelle offen gehalten werden. Dies lässt sich frühestens diskutieren, wenn die Facetten des Heimatdenkens Ernst Blochs ausführlich dargestellt worden sind.

2.1.4. Das Wort in anderen Sprachen

Der philosophische Standpunkt öffnet den Blick für „Heimat“ weit hinaus über das enge Bedeutungsfeld eines Wortschatzes. Die Frage ist erlaubt: „Gibt es jenen Begriff Heimat [...] wirklich nur in der deutschen Sprache?“[60] Formal ja, inhaltlich gewiss nicht. Dennoch kann das deutsche Wort kaum übersetzt werden. Max Frisch schreibt dazu:

My country erweitert und limitiert Heimat von vorneherein auf ein Staatsgebiet, homeland setzt Kolonien voraus, motherland tönt zärtlicher als Vaterland, das mit Vorliebe etwas fordert und weniger beschützt als mit Leib und Leben geschützt werden will, la patrie, das hißt sofort eine Flagge...[61]

Die Wärme von 'Heimat' ist sicherlich allen Völkern zumindest inhaltlich gemeinsam: wenn die beispielsweise vom Duden angeführten Mit-Bedeutungen 'Familie' und 'Vertrauen' in Betracht gezogen werden.[62] Der entscheidende Unterschied ist in der Ungebundenheit des Wortes „Heimat“ zu suchen. Für die oben genannten Partialäquivalente zum Heimatbegriff in anderen Sprachen existieren klar begrenzte Definitionen, zum Beispiel Country, Home, Patria usw. Dies könnte sich auf solche Weise exemplifizieren: „[D]ie Briten nennen das Stückchen Gegend, aus der sie kommen ihr ,,home und denken dabei in allererster Linie an ihr Castle, und wenn es nur ein schmales Reihenhaus bei Manchester ist.“ Franzosen meinen mit ,,la patrie“ das Große und Ganze, ihren Nationalstaat.[63] Im Französischen wäre es ,,[v]ielleicht [auch] das Wort »pays«. »Pays« kann das ganze Land bezeichnen, d. h. ganz Frankreich, aber auch die engere Heimat.“[64] Beim Begriff „Heimat“ ist das völlig anders. Eine große Zahl von Empfindungen und Assoziationen können mit diesem Wort in Verbindung gebracht werden, und, obwohl die einzelnen Aussagen mitunter konträr sein können, ist es nicht möglich, sie gegeneinander auszuspielen. Im Deutschen ist der Begriff der Heimat subtiler und differenzierter als in anderen Ländern, unübersetzbar im engen Sinne ist er aber nicht. Es dürfte evident geworden sein, dass der Begriff Heimat, wie Bloch ihn verwendet, eine Dimension eigener Größe ist. Wie diese genauer aussieht oder aussehen könnte, oder, um im blochschen Wortgebrauch zu bleiben, aussehen wird, ist hinreichend zu explizieren. Bedingt durch die breite Semantik des Heimatbegriffes in der deutschen Sprache, soll der Versuch unternommen werden, ein möglichst umfangreiches Spektrum an Definitionen und Meinungen wiederzugeben. Zur Darstellung dient neben der Fachliteratur auch die Poesie, die sich zu diesem Thema finden lässt. Ein Anspruch auf Vollständigkeit wird und kann dabei nicht angestrebt werden, da letztlich ein Zugang zu diesem Wort auf das Individuelle beschränkt bleibt.

2.2. Heimat im allgemeinen Sprachgebrauch

Es ist ein sehr diffiziles Unterfangen den sehr breiten Begriff zu erfassen und zu verstehen. Zu Augustinus’ Erwiderung auf die Frage, was die Zeit sei, könnte im Bezug auf die Heimat gesagt werden: ,,Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich einem Fragenden es erklären, weiß ich es nicht.“[65] Der Grund dafür liegt im Vorwissen jedes Einzelnen, welches ihm ein Wissen darüber vortäuscht. Auch die folgende Aussage träfe zu: „Versuche, Heimat zu definieren, enden im Allgemeinen bei dem Bekenntnis, dass es sich um etwas sehr Komplexes oder Unsagbares handle, das zu beschreiben eigentlich nur dem Dichter zukomme.“[66] Den Begriff Heimat dem Gebiet der Lyrik zu überlassen, wird der Sache nicht gerecht. Bei dem folgenden Versuch, einen Abriss von Heimatanalogien aufzuzeigen, sollen auch Gedichte mit einbezogen werden.

Der Heimatbegriff ist ein weites Feld und kann der Kitsch des (Spieß-)Bürgers sein und zugleich die reflektierte Sehnsucht des Intellektuellen.

Wo gehöre ich hin,/ im Zeitalter der Heimatlosen, der endlosen Scharen von Flüchtlingen,/ vertrieben durch Krieg, Hunger und Angst; der Entwurzelten,/ deren Heim mit der Ehe der Eltern zerbrach; der Obdachlosen,/ ausgemustert durch Leistungsdruck/im Kampf aller gegen alle? Ohne Geld und Karriere,/ inmitten von Ehe und Familie–/ auch das keine Seltenheit; fremd zwischen heimischen Wänden,/ ruhelos im eigenen Herzen. Wo bin ich daheim? Wer es heute zu wissen glaubt, täusche sich nicht. Morgen schon kann er wieder auf der Suche sein. So bleibt es, bis der Himmel sich endgültig über uns öffnet. ´Wir haben hier keine bleibende Stätte,/ die bestehen bleibt, sondern wir suchen die künftige´. (Hebr 13,14)[67]

Dieser Text in Versform gibt die aktuelle Lage von Heimatlosigkeit, in der sich viele Menschen gegenwärtig befinden, wieder, obwohl im Hebräerbrief mit der ,,künftigen Stätte“ das Jenseits bezeichnet wird. Natürlich ist dies auch eine Betrachtungsweise eines breit gefassten Heimatbegriffs. Die Suche nach der Heimat ist in der gegenwärtigen, schnelllebigen Zeit mit Orientierungsproblemen verbunden. Den verschiedenen Sichtweisen und Standpunkten zur „Heimat“ soll im Folgenden nachgegangen werden.

2.2.1. Emotionale Aspekte der Heimat

In wie weit bestimmen Emotionen das Heimatempfinden? Eine vorläufige Antwort lässt sich kurz auf folgenden Nenner bringen:

Heimat ist ein Gefühl des Getragenseins von vertrauten Eindrücken auf dem Boden einer in aller Regel überwiegend positiv erlebten Identifikation mit einem Befinden in einer komplexen, räumlich orientierten Lebenssituation. Dieses Gefühl ist hoch differenziert, meist aber begrifflich nur ansatzweise explizierbar.[68]

Die Beispiele in diesem Kapitel werden dies bestätigen, ein Beitrag dazu liefert auch die moderne westliche Kultur, welche lehrt, sich mit intersubjektiv verständlichen Aussagen über die Gefühle, Subjektivität und leibliches Befinden hinwegzusetzen. Öffentliches Sprechen über Gefühle ist diskreditiert; es gilt als schwach, peinlich oder intim. Dadurch lassen sich Gefühle jedoch nicht wegrationalisieren. Die Umwelt hinterlässt bei Menschen Eindrücke, die emotional beschrieben werden können. Dies kann bei einem Gang durch die heimatliche Stadt geschehen: ein Straße kann als „warm“, „einladend“, ,,ruhig“ oder aber als ,,beengend“, bedrückend, ,,beklemmend“ und hektisch erscheinen. Damit ließen sich Ansprüche an eine beheimatungsfähige Umgebung formulieren.[69]

Würden Menschen auf der Straße nach Heimat gefragt, so würde die Mehrheit sicherlich den Ort ihrer Geburt nennen, ihre Herkunft oder eine Landschaft, in der sie ihre Kindheit und Jugend verbracht haben. Heimat ist in diesem Fall ein Ort, nachweisbar auf der Landkarte. Die Genauigkeit der Antwort hängt vom Kontext der Frage ab; sie variiert von der exakten Adresse, über den Weiler oder Stadtteil, der zugeordneten Kreisstadt, der kulturellen oder politischen Region[70] bis hin zum Staat. Je nach der Vertrautheit des Fragenden mit der Geographie des Antwortenden werden wenige Quadratmeter Erde, oder ein ganzer Staat als Heimat bezeichnet.[71] Das Phänomen ist sehr weittragend, dadurch kann es als noch nicht abgeschlossenen angesehen werden. Jedoch finden sich im Grunde alle weiteren Ausführungen darin bereits angelegt und es gilt dabei zu bedenken:

Heimat ist, wo jemand geboren wurde. Dieser Ort scheint etwas mystisches, nicht gänzlich Benennbares aufzuweisen. Viele Menschen, nach ihrem Begriff von Heimat gefragt, nennen wohl zunächst ihren Geburtsort. In Zeiten, als die Entbindung zu Hause stattfand, war häufig vom `Geburtshaus´ die Rede. In vielen Städten und Gemeinden ist das Geburtshaus einer bedeutenden Persönlichkeit mit einer Gedenktafel gekennzeichnet. Dem Ort der Geburt (wie auch des Todes) wird eine besondere Nähe zu einem Menschen zugeschrieben. Die Bildung von Heimat ist ein zeitlicher Prozess: das Heimatlich-Werden geschieht sukzessive. Im Laufe des Lebensvollzugs bildet sich Heimat/ bilden sich Heimaten heraus, die natürlich veränderbar sind, indem sich die Lebenssituation eines Menschen verändert. Dies kann schon ein Schulwechsel oder ein Umzug bedingen.

Zu den Bestimmungen Zuhause, Daheim, Heimat. Bereits im 15. Jahrhundert findet sich eine Bemerkung zur Heimat als Geburtsort:

Ein jeglicher Mensch ist nach seinen natürlichen Affekten mehr seiner Landschaft als einer fremden zugethan. Sonderlich hört er lieber von Dem, wo er geboren und erzogen ist, von seiner Vorfahren ehrlichen Werken und Geschichten.“ (Aus der Chronica der hilgen stat von Coellen 1499.)

Heute nennen die meisten Menschen auf die Frage nach ihrer Heimat ihren Wohnort.[72] Die ersten und wichtigsten Menschen, die einem Kind nach der Geburt ein Zuhause und eine Heimat geben, sind die Eltern, bzw. die Familie. Dort, wo der Mensch seine Kindheit er- und durchlebt, macht er seine ersten und möglicherweise wichtigsten Lebenserfahrungen. Er wächst dort – als physischer und psychischer Mensch heran und „entdeckt sich“.[73] Dieses, sich entwickelnde „Ich“ spiegelt sich in der Umgebung, an den Bezugspersonen zunächst in der Familie, aber auch in Nachbarschaft, Kindergarten und Schule. Eine Bindung zum Wohnort, zu Haus, Hof und Wohnung entsteht ebenfalls. Ein Beleg dafür ist sicher auch das Lied: ,,Im schönsten Wiesengrunde ist meiner Heimat Haus“[74], 1851 von Wilhelm Ganzhorn verfasst. – Die Heimat als väterliches Haus, jedoch auch mit Ausweitung auf das stille Tal mit allem was dies enthält (Wiesen, Bachlauf und Vögel), die Natur wird romantisch überhöht und erhält so ihr typisches Klischee. Selbst der ,,letzte Gang“ in der zweiten Strophe muss natürlich zum heimatlichen Friedhof sein.

Heimat ist hier Kompensationsraum, in dem die Versagungen und Unsicherheiten des eigenen Lebens ausgeglichen werden, in dem aber auch die Annehmlichkeiten des eigenen Lebens überhöht erscheinen: Heimat als ausgeglichene, schöne Spazierwelt. In den Bildern und Sprachbildern mendeln sich damals die festen Formeln des Pittoresken heraus, die bis heute für diese Vorstellung von Heimat maßgebend sind.[75]

Die Maßgeblichkeit für diese Form von Heimatvorstellung kommt nicht von ungefähr, sondern durch die immer noch starke Präsenz dieses Liedes, es wird oft offiziell intoniert bzw. spontan angestimmt. Das „Ich“, zu dem der Mensch wird, wird er durch die Welt, die er erlebt und entdeckt.[76] Diese Kriterien ergeben nach und nach die Identität mit dem, was Heimat genannt werden kann und die Distanz von der Antithese, der Nicht-Heimat, des nicht-zu-hause-Seins, also der Entfremdung, des Andersseins. Der Wohnort ist aber auch immer häufiger nur eine von mehreren Heimaten. ,,Der Humorist Gerhard Polt stellte in diesem Sinne fest, der überzeugendste Ausdruck für das moderne Heimatgefühl sei ein Bausparvertrag für die Zweitwohnung im Tessin oder der Toskana.“[77] Jahr für Jahr fahren Leute in die Ferienwohnung in den Alpen oder mieten dauerhaft einen Campingplatz am Meer und bilden dort neue soziale Geflechte aus: eine zweite Heimat entsteht. Heimat ist damit pluralisierbar geworden, aus diesen Heimaten kann man im Grunde nur noch schwer vertrieben werden.

Heimat ist, wo sich jemand verstanden fühlt. Durch das Leben im Kontext der Mitmenschen wird sich deren Sprache angeeignet. Das mag ein Idiom, ein Dialekt oder Akzent sein. Auch der Wortschatz und die Wahl der Worte ist typisch für seine Herkunft – Ort der sozialen Schicht eingeschlossen. Die Zuordnung durch andere, wie auch die eigene, erfolgen durch die erlernte Sprache. Sprache ist ein wichtiger Bestandteil der Heimat als lokaler, geographischer Größe.[78] Die Muttersprache ist der Klang und der Laut mit der das heranwachsende Kind zuerst in Berührung kommt.

Es ist doch merkwürdig, dass auch Menschen, die sehr lange im Ausland waren, wenn sie träumen, in der Regel in der Muttersprache träumen. Oder wenn sie rechnen: Ich habe kaum jemanden erlebt, dem es anders ging auch wenn er perfekt Spanisch konnte. Wenn er anfing zu addieren oder zu multiplizieren, hat er auf einmal deutsche Zahlen benutzt. Die Lieder, die er mit der Muttersprache gesungen hat, sind einem in der Muttersprache präsent.[79]

Alle Kindheitserinnerungen sind demnach mit der Muttersprache verwurzelt. Selbst manche Clique in der Jugendkultur hat eigene, für sie typische und verbindende Worte, vom Spezialjargon der verschiedenen Sportarten oder Berufsgruppen einmal ganz abgesehen. Wie wichtig ein Dialekt im Bezug auf Heimat sein kann, zeigt der folgende Gesprächsausschnitt:

FRAGE: Hat eigentlich Sprache für Sie etwas mit Heimat zu tun?

JAUTZ: Ich glaube, man sollte das Alemannische ruhig reden. Und man kommt heute auch wieder mehr damit an als früher. Heute kann doch wieder einer, der Mundart redet, genauso viel wert sein wie ein anderer oder vielleicht noch mehr. Und vor zehn Jahren oder fünfzehn Jahren ist ja nur der was gewesen, der Hochdeutsch gesprochen hat.

FRAGE: Hochdeutsch hat also für Sie nichts mit Heimat zu tun?

JAUTZ: Da, wo es hinpaßt schon. Aber in unserer Gegend ist eben das Alemannische daheim. Aber es ist alles etwas durcheinander gewirbelt worden vor allem durch die Flüchtlinge nach dem Krieg, die ja meistens Hochdeutsch geredet haben. Ich kann nur sagen, daß ich mich freue, daß jetzt wieder etwas mehr in den Vordergrund gestellt wird, daß man auch wieder mal ein Wort Dialekt versteht, und das wieder ein wenig unterstützt wird, und dass man nicht mehr schief angesehen wird, wenn man einige Worte Dialekt spricht.[80]

Die Freude über die Benutzung des Dialektes von Jautz ist durchaus nachvollziehbar: Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es Bestrebungen das Hochdeutsche zu fördern und die Dialekte einer "Flurbereinigung" zu unterziehen. Das Plattdeutsche galt als die Unmündigkeit, Rohheit und Ideenlosigkeit fördernd. Nicht ganz so weitgehend waren diese Bestrebungen im Norden Deutschlands, da das Plattdeutsche dort als hoffähig angesehen wurde. Somit ist Platt ein Feind der Bildung alles Strebens und des Lebens. Erklärbar wird dies nur aus dem Bildungsstreben mit nationalem Hintergrund.[81] Der Erschaffung eines einheitlichen Nationalstaates stand die Kulturvielfalt der einzelnen Gebietskörperschaften im Wege. Der zitierte Gesprächsausschnitt zeigt, wie weit sich diese Forderung bis ins 20. Jahrhundert hinein erhalten hat. Es gibt Theorien, die die Ausprägung der Dialekte mit der topographischen und geologischen Beschaffenheit einer Landschaft in Verbindung bringen.[82] Im Laufe der Geschichte gab es immer wieder Versuche Sprachminderheiten zu einer sterilen Schulsprache zu bringen. Meist ohne großen Erfolg, weil die betreffenden Menschen sich diese Art von Heimat nicht nehmen lassen wollten. Eine Einheitssprache ist nicht mit dem betreffenden Landstrich konform, nicht dort kulturell gewachsen, sondern gewaltsam aufgedrückt.

Und für das Elsaß ist in dieser Hinsicht wesentlich die Geschichte des Kampfes ums Überleben als Elsässer. Unser Heimatbegriff ist wesentlich geprägt von diesem über hundertjährigen Kampfgeist. Der Dialekt ist zur Waffe geworden, weil er die Sprache derer ist, die von »denen da oben« überfahren und überrollt werden. Sie sprechen Hochsprache; wir sprechen Dialekt, die Sprache der kleinen Leute[83] Diese Reaktion darf jedoch nicht missverstanden werden, denn jeder, der eine andere Sprache spricht und sich im Elsass niederlässt soll natürlich die Sprache sprechen, mit der er aufgewachsen ist. Sonst würde sich das Problem sehr schnell wieder einstellen. Genauso verhält es sich mit Ausländern, die man zur einheitlichen Landessprache, und zwar nur zu dieser einen, zwingen bzw. ihre Muttersprache verbieten würde. Hier schwingt quasi das Recht zum Anders sein hinein und damit heimisch werden zu können. Metaphorisch gesagt: die Natur und/ oder die Umwelt, klingen von Ort zu Ort unterschiedlich und beeinflussen so auch die Sprache der Menschen. Und nicht nur von der verbalen Sprache ist hier die Rede.

„Heimat ist, wo unser Herz spricht“[84] Dieser Aspekt, von Kurt Tucholsky formuliert, kann der inneren Dimension des Heimatbegriffs zugeordnet werden. Zum einen behält der Mensch ein Leben lang ein besonderes Verhältnis zum Ort seiner Kindheit und Jugend. Dies mag Hass oder Liebe sein, jedenfalls ist eine emotionale Beziehung, die von Herzen kommt, grund-legend dafür.[85] Um dies deutlich zu machen, soll folgende Schilderung angeführt werden: ,,Meine Gefühle auf dieser Reise waren zwiespältig:

Es fiel mir schwer, mich von meinem geliebten Moskau zu trennen, [...] aber ich sehnte mich nach Polen, nach der Heimat, nach der polnischen Sprache, die ich liebte. Als wir endlich in Lodz waren, merkte ich bald, daß ich in meinen Vorstellungen die Heimat idealisiert hatte.“[86]

In dieser Erinnerung klingt eine gewisse Enttäuschung an, nachdem die Heimat erreicht wurde. Doch es gibt auch Orte, die fern der angeborenen Heimat liegen, an denen das Herz einem höher schlägt – auch wenn wir zunächst „`Sie´ zum Boden sagen“.[87] Diese Flecken der Erde küren wir zur Wahlheimat oder verbringen unseren Urlaub dort. Einige Menschen versuchen auch, ein solches Paradies im Kleinen selbst zu schaffen. Der kleine Park ums Haus, Balkon- und Fensterkästen oder der Schrebergarten geben Zeugnis davon.[88] Doch am intensivsten wird diese Erfahrung, wenn sie mit Menschen geteilt werden kann, oder wenn diese Menschen mein Ziel und Fluchtpunkt sind, denn Heimat ist auch, wo der Mensch erwartet wird. Verlässt man die Heimat zum Beispiel aus beruflichen Gründen, so wird man auch immer wieder in seiner Heimat erwartet werden.

2.2.2. Lokale Zuordnung

Eine andere Sichtweise der Heimat ergibt sich aus der lokalen Zuordnung, welche nicht unbedingt nur an räumliche Orte geknüpft werden muss. Auch Familienersatz und Freundeskreis können hierunter verstanden werden.

Der moderne Mensch sucht sein Bedürfnis nach dieser Art von Heimat im Freundeskreis zu befriedigen. Intensiver als noch vor wenigen Jahren wird dort eine Ersatzfamilie etabliert. Auch Sportarten mit Gemeinschaftserlebnis und starken Zugehörigkeitssymbolen haben eine große Anziehungskraft. Dazu kommen bestimmte Attribute, Kleidung und Modelabel, die einer Sportart, einer Szene oder einer Berufsgruppe Zugehörigkeit bescheinigen. Dies ist seit einigen Jahren der gängige Familienersatz.[89] In größerem Umfang als früher soll auch Partnerschaft dies leisten. Das wiederum überfordert oft das Mögliche und Leistbare in einer zwischenmenschlichen Paarbeziehung und führt nicht zuletzt zum Scheitern derselben.

Die Wohnung und Einrichtung eines Menschen sind Konnotationen von Heimat. Materielle Versuche, Heimat zu verwirklichen, geschehen häufig, doch oft unbewusst. Es ist bekannt, dass die Wohnung eines Menschen viel über ihn aussagt.[90] Das hat seinen Grund: In der eigenen Wohnung versucht jeder seine Vorstellungen von verwirklichtem Leben, das was ein „perfektes“ Leben ausmacht, umzusetzen. Es entsteht ein persönliches Paradies en miniature. Es wird heimelig, man fühlt sich heimisch, und der Besucher soll das ebenfalls. Heimat wird erschaffen.[91] Doch gleich wo auch immer auf der Welt, die Einrichtung des Lebensraumes spiegelt den kreativen Schöpfungswillen des persönlichen Paradieses wieder. Bis ins hohe Alter wird verbessert und umgestaltet und nicht zuletzt gesammelt. Ein Sprichwort besagt: Zeige mir, wie du wohnst, und ich sage Dir, wer du bist! Moderne Studien verbinden sogar erfolgreich die Wohnungseinrichtung mit dem Wahlverhalten der Personen.[92] Mit dem Älterwerden beginnt schließlich auch das Abschiednehmen und Sterben, so etwa beim „Reduzieren“ (z. B. Bezug einer kleineren Wohnung, Umzug in ein Seniorenheim) oder gar Verlassen dieses "Wohnwerkes". Wie sehr vertraut man sich diese Heimat gemacht hat, erfährt, wer einem alten Menschen beim Umziehen hilft. Nicht umsonst wird oft vom alten Baum gesprochen, den man nicht mehr versetzt.

Die Verortung von Heimat, die sich an Geburts-, Wohn- oder Aufenthaltsort orientiert, verliert zumindest in der Heimatforschung heute allerdings immer mehr an Bedeutung, bleibt aber im allgemeinen Sprachgebrauch sicherlich vorläufig noch erhalten.

Fernweh - Heimweh[93] als räumliche Konstellationen. Trotzdem genügt das eigene Heim nicht immer und jederzeit. Die letztendliche Heimat bleibt auch trotz aller "künstlerischer Designertätigkeit" nicht umsetzbar. Den Menschen treibt es darum auch wieder hinaus aus seinem Wohnraum. Er sucht die Heimat dann in der Ferne[94]. Eine interessante, psychologische Beobachtung ist dabei, dass Menschen, die sich ihrer Heimat sicher sind, leichter verreisen und Dinge und Menschen zurücklassen.[95] Die Gewissheit ein Zuhause zu haben, zu dem wieder zurückgekehrt werden kann, verleiht eine beflügelnde Sicherheit. „Man muß Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben“.[96] Wer hingegen Angst hat, alles zu verlieren, was Heimat bietet, wird sich nicht trauen, das Nest, den (manchmal) goldenen Käfig zu verlassen. Wer Heimat nicht gefunden hat, ist unfähig, im Vertrauen auf eine Wiederkehr aufzubrechen. Zwangsläufig ergibt sich auch eine auch zum Teil gemilderte Fernweh – Heimweh – Situation aus der Industrialisierung und Globalisierung der Neuzeit. Menschen müssen oft ihre Heimat verlassen, um ihren Lebensunterhalt zu erwirtschaften; außerdem ergibt sich durch die fast grenzenlose Mobilitätsmöglichkeit eine Art von nomadischem Lebenswandel, der ein "Wohnverhältnis" gar nicht mehr zulässt. Auch die Bindung an den eigenen Staat, das eigene Land wird durch die fortschreitende Individualität immer unbedeutender. Viele Menschen wollen auch nur dem angestammten Ort ihrer Geburt oder des Aufwachsens entrinnen. Damit ließe sich Heimat auch gar nicht mehr verorten:

In einer solchen Welt wird die alte Emigrantenweisheit: ubi bene ibi patria, für alle verbindlich. Denn die Heimat als Ort des guten Lebens läßt sich immer weniger einfach dort finden, wo man durch den Zufall der Geburt schon ist. Sie muß, wo immer man sei, durch Lebenskünste und kluge Allianzen fortwährend neu erfunden werden.[97]

Natürlich kann sich aus solch einer Situation durchaus ein Gefühl von Heimweh einstellen. So in etwa schildert dies die Schauspielerin Cosma Shiva Hagen:

Mein Zuhause war immer da, wo meine Mutter gerade hinwollte. Geboren bin ich in Los Angeles, dann zogen wir nach Jamaika und von dort nach London und weiter. Ein fliegendes Nest. Mit zwölf hatte ich keine Lust mehr auf dieses ständige Herumreisen. Ich fuhr auf eigene Faust nach Lüneburg und meldete mich dort an einem Internat an. Aber dummerweise hielt ich das nicht mal ein Jahr durch. Ich fühlte mich schon immer überall zu Hause, wo ich gerade war. Bin ich zu lange an einem Ort, dann fehlt mir was [...] Jetzt lebe ich seit vier Jahren in Hamburg. Hier sind meine besten Freunde und meine Oma. Vielleicht trifft es für mich eher zu, wenn ich sage meine Oma ist meine Heimat.[98]

Und für Fernsehmoderator Thomas Gottschalk ist die Heimat etwas anders als das Zuhause: ,,Zu Hause bin ich, wo meine Familie ist und ich es mir gemütlich machen kann. Das kann in Kalifornien genauso gut sein wie am Ammersee. Aber beides ist nicht Heimat.“ Gottschalk bezeichnet Kulmbach als seine Heimat, den Ort in dem er geboren wurde.[99] Somit kann die Freiheit der Mobilität, wie auch der Zwang der Globalisierung ins negative Empfinden, im Bezug auf Heimat, umschlagen, obwohl sich kein Mensch gegen die Globalisierung wehren kann, genauso gut könnte er gegen das Wetter sein und muss es doch durchleben.

Heimat, die man bei sich trägt, eine Heimat, die sozusagen im Herzen angesiedelt ist. Es ist eine innere Gewissheit, dass man eingespannt ist in ein soziales Netz, welches trägt, falls man einmal – weiter bildlich gesprochen – "in den Seilen hängt". Die vertraute Landschaft, die Familie, Freunde, etc. werden einem auch bei Abwesenheit nicht geraubt. Darum ist diese Heimat im Herzen eben auch portabel. Man „trägt sie immer mit sich rum, man kann sie verleugnen, aber nicht ablegen.“[100]

Der Verlust von Heimat. Bereits in der Antike gibt es Situationen von Heimatverlust. Kriege müssen dafür jedoch nicht immer die Ursache gewesen sein. Cicero berichtet in seinen Tusculanae Disputationes über die Verbannung (exilium), die zu den größten Unglücken (maxumis malis) gerechnet wird. Cicero versucht das Unglück abzuschwächen und vergleicht sie mit einer langen Reise, die ja viele Philosophen unternommen haben. Der Weise lernt in der Verbannung zurecht zu kommen. Letztlich mündet die Überlegung in folgendem berühmten Zitat: Patria est, ubicumque est bene.“[101] (Vaterland ist, wo es einem gut geht). Auch wenn Cicero hier die Verbannung relativiert, ist sie in der Antike fast so gefürchtet, wie der Tod. Von Rom oder Athen in die Provinz verbannt zu werden bedeutete, am kulturellen Leben, welches sich in diesen antiken Metropolen abspielte nicht mehr teilnehmen zu können. Ein gutes Beispiel dafür ist Ovid. Er wurde im Jahre 8 nach Christus an die Schwarzmeerküste verbannt. Dies geschah durch kaiserlichen Erlass, ohne ein Gerichtsverfahren. Als Vorwand dazu dienten seine erotischen Dichtungen. Der wahrscheinlichere Grund war jedoch ein Sittenskandal, in den seine jüngere Schwester und er als Mitwisser verstrickt waren. Ovid schreibt in diesem Exil über sein Schicksal in elegischer Form. Im zwanzigsten Jahrhundert existierte die Verbannung immer noch: sie hieß jetzt „Ausbürgerung“ und wurde von den sozialistisch-kommunistischen Staaten praktiziert. Der Künstler Wolf Biermann wird am 16. November 1976, drei Tage nach einem Konzert in der Bundesrepublik von der DDR ausgebürgert, weil er den Regierenden schon lange ein Dorn im Auge gewesen war. Dabei hatte Biermann ein ambivalentes Verhältnis zur DDR: er kritisierte sie, aber er lobte sie – überzeugt vom Sozialismus – als das bessere Deutschland. Biermann hoffte, die DDR würde seine Ausbürgerung zurück nehmen, jedoch vergeblich, es blieb dabei.[102] Genauso erging es dem Germanisten und Schriftsteller Lew Kopelew mit seiner Frau Raissa Orlowa; beide wurden 1981 vom sowjetischen Breschenew-Regime ausgebürgert und zogen nach Köln, der Heimatstadt Heinrich Bölls, dem Freund Kopelews. Besonders Kopelews Frau brauchte längere Zeit, um sich in Deutschland heimisch zu fühlen. Ferner ist das 20. Jahrhundert von Heimatverlusten, wie Emigration, Vertreibung, Flucht, Übersiedlungen usw., gekennzeichnet.[103] Heimat ist zwar ein bewegliches Gut, wie bereits gesagt wurde, aber das gilt eben nur für denjenigen, der eine sichere Heimat im Hintergrund hat.[104] Viele Juden verloren während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ihr Leben, dies ist gleichsam die grausamste Weise von Heimatverlust, die Juden, die überlebten und auswanderten, verloren ihre Heimat ebenso. Auch letzteres war ein schmerzlicher Verlust und nicht so einfach hinnehmbar:

Wenn auch gesagt wurde, die Leute werden ums Leben gebracht, sie kommen ins KZ, dachten wir immer noch: so was passiert in Deutschland nicht. Im Lande eines Schiller und eines Goethe, im Lande der Dichter und Denker passiert so etwas nicht, dachten wir. Das hätte man für möglich gehalten in irgendeinem anderen Land – jenseits des Ganges, oder damals war die Türkei noch sehr weit. Aber in deutschen Landen passiert so was nicht, dachten wir. [...] Und einer, ich weiß heute noch, wie der Mann hieß, Fackenheim, der ist ausgewandert. Und dann hat er uns von sich geschrieben, im Ausland könne man nicht leben, er käme zurück. Und er ist tatsächlich zurückgekommen. Und ist natürlich ums Leben gekommen. [...] Ich habe die Kristallnacht miterlebt, ich habe die zwölf Synagogen Berlins brennen sehen. Und da hab ich es erst geglaubt. Aber ich muß sagen, wenn meine damalige Frau nicht gewesen wäre, die gesagt hat: ich mach das hier nicht mehr mit, ich glaube, ich wäre umgekommen. Weil ich nicht schnell genug gegangen wäre.[105]

Die Loslösung von der Heimat kann im Einzellfall demnach nur schwer gelingen, selbst, wenn die Todesbedrohung übermächtig ist. Die zahlreichen Veröffentlichungen der letzten Jahre, die das Thema „Heimat“ behandeln zeugen von einer großen Nachfrage in diesem Bereich. Das Bewusstwerden des Verlustes von „Heimat“ weckt im flexiblen und ungebundenen Menschen unserer Tage die Sehnsucht danach um so mehr. Ein möglicher und verbreiteter Ausweg aus dieser Dilemmasituation[106] ist das Abtauchen in die Spaßgesellschaft. Dort wird das Bedürfnis nach „Heimat“ durch kurzweiliges Vergnügen überdeckt.[107] Die ganze Branche der Unterhaltungsindustrie lebt von diesem Phänomen. Durch diese Betäubung[108] der Mangelerscheinung an tiefgehenden menschlichen Erfahrungen, wird das Leben nur immer schneller und kurzweiliger gelebt. Man möchte eine Möglichkeit, die Lust nach Flucht und Realitätsverlust auszuleben, finden. Es ist die Flucht vor der nackten Realität in die Utopie – leider nicht in diese der Heimat, wie sie Bloch beispielsweise versteht, sondern in die einer Betäubung. Diese Heimat mutiert zu einer Illusion bis hin zum Selbstbetrug des Heimatsuchenden.

2.2.3. Heimat in der Mentalität des Menschen

Der geistige Ort von Heimat in Muße, Aktivität und Arbeit, Kunst und Kultur, sind in einem bestimmten Milieu der Gesellschaft ebenso Orte der Beheimatung, wie für ein anderes, die Aktivität im Sport oder der Erfolg durch die Arbeit. In allen diesen Bereichen – so unterschiedlich sie auf den ersten Blick auch sein mögen – spielt die persönliche Selbsterfahrung eine wichtige Rolle. Menschen können durch bestimmte Medien angesprochen, leichter zu ihrem inneren Kern finden. Der eine Mensch benötigt die Grenzerfahrung seiner Leistungskapazität im Sport oder die Bestätigung seiner Mühen bei der Arbeit, der Andere erkennt in den Künsten oder in der Ruhe seine eigene Kreativität und sein Vermögen auf diesem Gebiet. Dort, wo seine Fähigkeiten zum Tragen kommen, entfaltet und entwickelt der Mensch ein Gefühl der Beheimatung. Für Max Frisch ist „ein Platz der beruflichen Tätigkeit“ so ein Ort. „Der Schreibtisch ist ein solcher Platz.“[109] Zum Teil ist es auch möglich, einige Träume als Funke von Heimat in diesen Bereichen umzusetzen und zu verwirklichen. Musik und Architektur werden beispielsweise von Ernst Bloch in diesem Zusammenhang explizit genannt.[110] Aber auch andere der genannten Disziplinen sind unterschiedlichen Menschen Sinn spendende Heimat. So sagte Marcel Reich-Ranicki in einer Rede: ,,Auch ich habe ein eigenes Land, ein ,portatives Vaterland’, eine Heimat und nicht die schlechteste: die Literatur, genauer, die deutsche Literatur.“[111]

Die Tätigkeit des Lesens kann ebenfalls zu einer Art von Heimat in mentalem Kontext gezählt werden. Besonders durch das Lesen von wissenschaftlichen Texten, die zunächst unklar zu sein scheinen. Nach wiederholtem und intensiverem Lesen setzt ein Prozess des weiteren Verständnisses ein und es kommt zu einem Zustand, der als "Beheimatung im Text" bezeichnet werden kann. Dabei muss bedacht werden, dass die Definition der Heimat über leistungsbezogene Aktivitäten ein zeitlich sehr limitiertes und ständig forderndes Moment einschließt. Der Verlust dieser Art von Beheimatung ist absehbar.

2.2.4. Politisch-materielle Einordnung

In dieser Hinsicht gilt zumindest für Bloch: „Ubi Lenin, ibi Jerusalem“[112] Vergleichbar dem Sportverein, so bietet auch die politische Ebene ein Forum für Heimatsucher und solche, die Heimat schaffen wollen.[113] Zum einen wegen des gemeinschaftlichen Charakters der demokratischen Politik[114], zum andern wegen der Möglichkeit, seine persönlichen Fähigkeiten und Ideen einer idealen Welt in die Tat umzusetzen. Dem Streben Blochs käme das wohl am nächsten; trotzdem warnt er in einem Interview, dass Philosophen doch nicht Staatsmänner und umgekehrt werden sollen. Macht verdirbt nämlich jedes gute Streben und das klare Denken des Menschen. Auf die demagogische Dimension des Begriffs Heimat, wie er leider oft in der Politik zur Rechtfertigung der Kriegsführung beispielsweise missbraucht wird und wurde, soll hier nicht weiter eingegangen werden. Die Heimat kann auch als Vaterland aufgefasst werden, obwohl auch eine Unterscheidung dieser beiden Termini möglich ist:

Vor 150 Jahren schrieb der Kieler August Niemann über »Der Vaterlandsliebe Wesen und Wirken«. Er machte in dieser Schrift noch einen deutlichen Unterschied zwischen Heimat und Vaterland: »Die Heimat ward dem Menschen angewiesen, wo er sein physisches Leben begonnen. Sein Vaterland sucht der freie Mann aus freier Wahl. Wo er sein sittliches Leben begriffen, wo ihm aufgegangen ist das Licht der bürgerlichen Erkenntnis; wo er den hohen Ruf verstanden, als Glied einer Staatsfamilie und in dieser als Bürger der Weltfamilie zu sein, zu leben, zu wirken; wo er, diesem Rufe treu, die innige Gemeinschaft geschlossen mit einem Lande und Volke: da ist sein Vaterland. Und dieses allwirkende Hochgefühl in dem Streben Eines für Alle, treu in Wort und Tat zu aller Stunde, nur glücklich in dem mitbeglückten Ganzen, dieses Herzblut und Lebenselement, diese Wunderkraft jedes Staatsvereins, nennen wir Vaterlandsliebe.« So vage und irrational hier Vaterlandsliebe charakterisiert wird – sie ist doch noch eine Setzung, eine Errungenschaft. Die Gleichung Heimat = Vaterland und Heimatliebe = Vaterlandsliebe, die ganz überwiegend im nationalen Horizont des neuen Reiches zustande kommt, verweist dagegen auf eine unausweichliche Forderung, ja ein natürliches Prinzip.[115]

Die Trennung des Begriffs Heimat zu dem des Vaterlandes scheint sich demnach problematisch zu gestalten. Besonders fatal zeigt sich die Gleichstellung von Heimat und Vaterland. Nach dem Untergang des nationalsozialistischen Terrors in Deutschland erklärten viele, die sich durch begangene Verbrechen schuldig gemacht hatten, sie hätten Heimat und Vaterland verteidigt. Diese Angeklagten begingen den Fehler »Heimat« und die räumliche Erweiterung »Vaterland« als obersten Wert anzusehen, dem sich alle anderen unterzuordnen hatten. Gleichgültig, welches Regime dieses Vaterland, diese Heimat beherrschte; im Recht ist derjenige oder diejenigen, die die Heimat und das Vaterland regieren.[116] Diese Problematik stellte sich ebenfalls nach der Beendigung der SED-Diktatur in der DDR. Die Schießbefehle an der innerdeutschen Grenze geschahen ja im Rahmen der staatlichen Gesetze und damit waren sie mit Heimat und Vaterland vereinbar.[117] Die Regierungsgewalten dieser menschenverachtenden Staaten hatten offenbar Recht mit ihrer Gewalt, die weit über der Vernunft angesiedelt war. Des Weiteren kann gefragt werden: „Kann Ideologie eine Heimat sein? (dann könnte man die wählen.)“[118] Die einfachste, vielleicht auch einfältigste Variante von Heimat ist der Patriotismus.[119] Durch Geburt und unsere Herkunft sind wir Bürger eines Staates und kommt der glückliche Umstand hinzu, dass wir mehr oder weniger unser Aussehen mit der ethnischen Mehrheit der Mitbewohner, oder ,anders gesagt, der „Einheimischen“ teilen, ist es einfach, uns in diesem Vaterland[120] heimisch zu fühlen. Die „Besitzansprüche“ auf dieses Land sind eindeutig: es ist mein (Vater)land! Vielleicht noch „unseres“, aber es gibt klare Abgrenzungen zu Nachbarn und „Ausländern“. Zunehmende Ausländerfeindlichkeit, Bewahrung und Festschreibung von Traditionen und Bräuchen (evtl. auch überkommenen) sind die Folgen davon. Wir erleben das in den Diskussionen um die Reinheit der Sprache in Frankreich, oder des Bieres in Bayern, oder allgemeiner in der Angst der EU-Mitgliedsländer um den Verlust ihrer Identität als selbständige Nationalstaaten. Wir sind wir und du bist anders. Damit dürfte geklärt sein wie es anfängt:

Für uns

sind die Anderen anders.

Für die Anderen

sind wir anders.

Anders sind wir,

anders die Andern,

wir alle andern.[121]

Trotz dieser tendenziell abwertenden Sicht des Vaterlandsbegriffs, sowie der Skepsis gegenüber dem Patriotismus, sollen diese beiden Begriffe nicht zu stark diffamiert werden. Ohne Zweifel ist der Patriotismus, der mit seinem Hang ins Faschistische behaftet ist, nicht zu rechtfertigen. Sicherlich ist in Deutschland dieser Begriff durch die jüngste Geschichte negativ belastet, in den USA besteht zu diesem Terminus eine ganz andere Beziehung. Doch will bedacht sein, dass die ungeleitete und oft hilflose Suche nach der persönlichen Beheimatung in einer komplizierten und komplexen Welt sehr schwierig für den Einzelnen sein kann. Nur soviel sei dazu angemerkt: Vor einem endgültigen Urteil darüber müssten die wirklichen Ursachen dieser „Heimat-liebe“ gründlich durchleuchtet werden. Die unbefriedigte Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit – nach dem was Heimat ausmacht – führt zu dem Patriotismus, der sich vom Fremden in seiner Existenz bedroht fühlt.[122] Und wieder muss es heißen: „wer Heimat hat“[123], ...der braucht sie nicht zu verteidigen!

War der Verlust von nationalstaatlichen Rechten einzelner EU – Staaten die eine Seite der Medaille, so ist die Schaffung einer "Heimat Europa" die andere. Die Entfernungen in Europa werden geringer genauso wie die Sprach- und Reisebarrieren; eine gemeinsame Währung wurde verwirklich und damit ging ein Traum der EG-Gründer in Erfüllung; ferner wurden inzwischen zehn weitere Staaten in die EU aufgenommen. Ist an dieser Entwicklung, so kann gefragt werden, eine Heimat im Entstehen? Und dies trotz aller Probleme, die sich natürlich aus diesem politischen Gefüge ergeben. Sicherlich wird sich dies auch nicht von heute auf morgen ergeben. Vielleicht müsste sich Europa auf seine wahre Tradition, namentlich jener des Mittelalters beziehen. In dieser Epoche liegt, so kann gesagt werden, das kulturelle Erbe Europas. Studierende zogen quer durch die Landstriche, von einer Universität zur nächsten. Verständigungsprobleme gab es dabei nicht, da einheitlich in Latein gelehrt wurde. Möglicherweise fühlten sich diese "Studienreisenden" dort zu Hause, wo sie gerade waren.

Eine weitere Komponente zum politischen Heimatbegriff ergibt sich ebenfalls aus der jüngsten Geschichte: Völker die sich zu Staaten bekannten, die es bis dato nicht bzw. nicht mehr gegeben hatte. So entstanden neue Staaten aus den alten Gebilden der Sowjetunion und Jugoslawiens. Das starke Gefühl einer nationalen Gruppe, die zum Teil auch in der Vergangenheit unterdrückt wurde, anzugehören, war der Antrieb zur Wieder- oder Neugründung von Staaten in den 1990er Jahren. Auch in anderen Regionen zeigt sich diese Tendenz in Form von Autonomiegewährungen: Südtirol, Schottland, Ålandinseln u. v. m. Andere Regionen sind auf dem Weg zu einer partiellen oder völligen Selbständigkeit: Baskenland, Kosovo, Korsika, Palästina. Natürlich sind die Forderungen aus historischen, kulturellen und ethnologischen Gründen vorhanden und damit sehr komplex, worauf an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden kann. Sie bilden aber letztlich auch den Anstoß zu einer Art von Heimat; sei es in politischem, intellektuellen oder auch emotionalen Kontext.

Die Sehnsucht, in einem politischen Staatsgefüge Heimat zu finden, drückt sich beispielsweise darin aus, dass man das Staatsoberhaupt oder auch einen Ministerpräsident auch gerne den „Landesvater“ nennt. Dieser familiäre Titel zeugt von einem Verlangen nach Sicherheit und Beheimatung innerhalb eines mehr oder weniger zu-fälligen Gefüges, wie der Staat es darstellt. Menschen sehnen sich unbewusst nach Heimat und projizieren gerne ihre Hoffnungen diesbezüglich in Symbolfiguren wie z. B. einen Volksvertreter. Eine andere Sichtweise der Heimat als politische Dimension ergäbe: Ubi Dollar, ibi Patria. Die Sicherheit der Heimat kann aber auch ins extrem Materielle abgleiten. Vom Ausverkauf der Heimat und ihrer kapitalistischen Ausbeutung war schon die Rede, hier ergibt sich ein weiterer materieller Kontext. Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz, heißt es schon in der Bibel[124], und Jean Améry belegt dies mit dem Beispiel des Exilanten, der nach seiner Flucht als erstes die im Schuh versteckt gehaltenen Dollarnoten zählt.[125] Bei allen Vorbehalten gegenüber dieser Vorstellung von Heimat – ist die Realität anzuerkennen, dass auch eine solche Absicht als Heimat empfunden und bezeichnet wird. Es besteht ein Zusammenhang von Geld und Heimat: Am Vermögen und Geld hängt die soziale Absicherung wie die Existenz, sowie das Ansehen überhaupt. Auf den Verlust des Geldes folgt der Verlust des Lebensraumes in Form des Hauses, der Wohnung, des sozialen Umfelds. Fehlt gar das Geld für die Erhaltung der Grundexistenz, so wird der Mensch von der Unterstützung durch andere abhängig.[126] Er verliert etwas von seiner Ehre, seiner Selbstachtung, von der Beheimatung in sich selbst, danach leidet er an Entfremdung und Fremdbestimmung. In diesem letztgenannten Zusammenhang erscheint der ubi Dollar, ibi Patria - Satz in einem klareren Licht und erlangt gewissermaßen moralische Gültigkeit.

2.2.5. Erschaffung, Bewahrung und Vernichtung von Heimat

Neben den bisher aufgezeigten Kategorien von Heimat ergeben sich noch weitere Aspekte, die an dieser Stelle diskutiert werden sollen. Es stellt sich die Frage nach der generellen Konstituierung von Heimat, aber auch einer im praktischen Sinn zwangsläufigen Erschaffung von Heimat, wie sie nach 1945, für viele Vertriebene und Flüchtlinge, sowie später für die Gastarbeiter und deren Familien, notwendig wurde. Dabei wird eine Lösung vom „Raumfetischismus“[127], das heißt; von der Festlegung auf den Raum, erfolgen müssen. Daneben kann es durchaus auch zu anderen Formen von Heimatentstehungen kommen. Wie stellt sich die Bewahrung von Heimat dar und wie erfolgt diese; ist sie sinnvoll und berechtigt? So lässt sich weiter fragen. Schließlich wird sich mit den Erscheinungen von Heimatvernichtung befasst.

I. Erschaffung von Heimat. Eine völlig andere Sichtweise ergibt sich, wenn nicht mehr der Ort der Geburt, eine Umgebung oder ein bestimmtes Milieu Heimat ist, an die man sich anzupassen hat. Heimat wäre dann etwas, was erst noch hervorgebracht werden müsste. Heimat entstünde aus dem „lebensweltlichen“ Kontext. Eine Ahnung von dieser Zielrichtung vermittelt bereits Goethe in seinem Faust: ,,Was du ererbt von deinen Vätern hast,/ Erwirb es, um es zu besitzen./ Was man nicht nützt, ist eine schwere Last,/ Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.“[128] Dieser Gedanke lässt sich aus der heutigen Sicht wie folgt pointieren: Am wenigsten ist Heimat Orts- oder Raumbestimmung, sie bedeutet vielmehr zu aller erst eine immaterielle Welt, die sich aus Entscheidungssituationen, Wertrelationen und Kommunikation entwickelt. Diese Art Heimat ist gegenwärtig ein soziales Beziehungsgeflecht aus Verwandtschaften, Freunden und Bekannten geworden. Heimat entsteht also dort wo zum Beispiel Kinder im Grundschulalter eine Verhaltenssicherheit erfahren mit den Dingen, Verhältnissen und Personen. Daraus entsteht Vertrautheit und Überschaubarkeit, jedoch nicht im Sinne eines statischen Ordnungsgefüges. Damit ist vielmehr eine soziale wie auch politische Kompetenz, nämlich Dinge, Verhältnisse und Personen zu beeinflussen und an ihrer Umgestaltung mitzuwirken. Gleichzeitig soll sich das Subjekt darin wiedererkennen. Kurz gesagt: ,,Heimat repräsentiert in ihrer Symbolträchtigkeit die Vertrautheit, die Nähe und die Verlässlichkeit von den Beziehungen zwischen Personen und den Umgang mit den Dingen.“[129] Insgesamt lässt sich das Heimatverständnis somit als ein „aktives“ formulieren. Damit wird die Heimat abstrakter, weniger deutlich erfahrbar und vermittelbar. Wird für den aktiven Heimatbegriff plädiert, so muss auch der Gedanke um die Herstellung oder Wiedergewinnung seiner sinnlichen Erfahrbarkeit präsent sein. Mit Hilfe des „aktiven“ Heimatbegriffs ist es möglich geworden, den förmlichen Raumfetischismus, die Statik und Emotionsüberfrachtung älterer Heimatvorstellungen zu überwinden und durch zeitgemäßere, dynamischere heimatkundliche Perspektiven zu ersetzen. Allerdings ist diese Betrachtung nicht gleichzeitig ein Abgesang auf die räumlichen Bezüge der Heimat. Überall in der Welt zu Hause zu sein, kann nirgendwo zu Hause sein bedeuten. Der Mensch ist natürlich auf einen sozio - kulturellen Raum angewiesen, darauf verweisen oft Heimat-Ethnologen. Für Peter Sloterdijk ist ein ,,heimatlich definierter Mensch“[130] eine feste Verbindung von Ort und Selbst, gleichwie es eine Pflanze tut, eingegangen. Nach dem II. Weltkrieg musste für Flüchtlinge und Vertriebene schnell eine neue Bleibe gefunden werden. In praktischem Sinn mit der Errichtung neuer Häuser und Wohnungen. Wichtig war gleichzeitig die Beheimatung dieser Menschen in allen Teilen Deutschlands. Allerdings ist dies nicht nur ein deutsches Problem, denn auch viele tausend polnische Vertriebene wurden in den ehemaligen deutschen Ostgebieten umgesiedelt; ihre alte Heimat lag nach der neuen Grenzziehung in der damaligen Sowjetunion. Für all diese Menschen begann eine Odyssee mit ungewissem Ziel und Ausgang. Was Heimat für den einzelnen bedeuten kann wurde ja bereits hinreichend erläutert. Trafen diese Heimatlosen auf die Bevölkerung der neuen Wohnstatt, so sprachen diese einen anderen Dialekt und hatten sonstige fremde Lebensgewohnheiten. Nicht immer gestaltete sich die Aufnahme dort freundlich, schließlich litt die ganze Bevölkerung Deutschlands an Hunger. Dazu kam noch das Heimweh:

Ich hatte viel Sehnsucht nach der Heimat. Vielleicht war das im Unterbewusstsein, dass ich das Gefühl hatte, zuhause wäre es besser gegangen mit dem Mann, obwohl es da auch nicht besser gewesen wäre. Und dann noch diese fremden Leute, die ich kaum verstand, man wurde ja bloß schief angeguckt, und dann der Ärger mit dem Vater, und dann muß ich ja sagen, wenn ich die Kinder damals nicht gehabt hätte, ich glaube das hätte ich dann nicht mehr durchgestanden.[131]

An diesem Beispiel zeigt sich die Aufgabe, die Deutschland im Bezug auf Heimatschaffung bevorstand. Die Erschaffung bzw. das Recht auf Heimat kann daher auch in einer Verfassung manifestiert sein, so steht in der baden-württembergischen Landesverfassung das „Menschenrecht auf Heimat“.

Unsere Verfassung ist in einer Zeit kreiert worden, in der es Millionen von Heimatvertriebenen gegeben hat. Die Väter dieser Verfassung wollten zum Ausdruck bringen, dass das Land Baden-Württemberg eine Aufgabe darin sieht, den entwurzelten Menschen wieder eine neue Heimat zur Verfügung zu stellen.[132]

Dieses Recht besagt jedoch nichts über den Heimatbegriff aus, das heißt mit der Verfassung ist Heimat nicht näher bestimmbar. Es ist lediglich eine Ankündigung einer politischen Richtung. Würde ein Mensch dieses Recht einklagen wollen, wird dies schwierig, weil eben nicht genau definiert werden kann, was Heimat ist. In Hessen wurde 1961 der "Hessentag" eingeführt; Hintergrund dieses Festes, das seit dem jedes Jahr in einer anderen hessischen Stadt begangen wird, ist die Erschaffung von Heimat. ,,"Der Hessentag soll ein Beweis für unsere Verbundenheit mit der Heimat sein, auf die wir alle mit Recht stolz sein können", hatte der damalige Hessische Ministerpräsident Dr. Georg August Zinn erklärt.“[133] Das Bundesland Hessen in seiner heutigen Situation gab es erst seit 1945, als die Landgrafschaft Hessen, das Herzogtum Nassau, die freie Reichsstadt Frankfurt, das Fürstentum Waldeck, Hessen-Rotenburg, Hessen-Homburg, Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt vereint wurden. Dadurch erklärt sich die Einführung dieses Festes.

II. Bewahrung von Heimat und Heimatkitsch. Die Bewahrung der Heimat kann sich vielseitig gestalten, begonnen mit Schülern, die ihre Umwelt von Müll befreien, Demonstranten, die sich gegen die Zerstörung ihrer Heimat einsetzen, Denkmalpflege alter Bausubstanz usw. Im 15.-17. Jahrhundert zeigt sich eine weitere Form von Heimatbewahrung: Immer häufiger zeigten sich Grenzstreitigkeiten zwischen verschiedenen Gemeinden. So auch in Hessen, wo sich ein besonders markantes Beispiel zeigt. Die Stadt Biedenkopf hatte besonders unter diesen Streitereien zu leiden. Die Grenzen waren im Mittelalter durch Marken gekennzeichnet worden, ferner gab es natürliche Grenzmarken in Form von Bächen, besonders auffälligen Bäumen usw. Später reichte dies nicht mehr, Nachbargemeinden wollten sich Gebiete von Biedenkopf illegal aneignen. Letztlich war dabei viel zu verlieren, einmal die wertvollen Waldgebiete, die große wirtschaftliche Bedeutung hatten[134] und natürlich auch ein Stück Heimat wäre verloren gegangen. Die Marken wurden, was in zahlreichen Schlichtungsverhandlungen gefordert wurde, durch Grenzsteine ersetzt. Ab 1682 war die komplette Grenze auf diese Weise gesichert. Neben diesen Anordnungen ,,ist noch wichtig, auf die Anordnung hinzuweisen, von nun ab in drei- bis vierjährigem Abstand die Grenze zu begehen.“[135] Letztlich gingen diese Grenzbegehungen auf die Zeit der Germanen, welche schon Julius Cäsar beschreibt, zurück; es gab noch keine Kataster und Steine, welche die Grenze markierten.[136] Aus diesen Grenzbegehung entstand nach und nach ,,ein Fest, dass seines gleichen in deutschen Landen sucht.“[137] Außer den Beamten, nahm auch die ganze Bürgerschaft an der Grenzbegehung teil. Dieses Ereignis war im Jahre 1716. Es wird heute noch alle sieben Jahre nach diesem alten Rechtsbrauch, das heißt seit 1693 und als Fest seit 1839 durchgeführt. Eine andere Perspektive von Heimatbewahrung zeigt sich in Mitteldeutschland:

Eine besondere Renaissance hat der Begriff Heimat in den neuen Bundesländern Deutschlands nach der Wiedervereinigung erlebt – hier steht er für eine erinnerte Lebensform, in der sich DDR-Bürger in der Zeit gesellschaftlicher SED-Konformität privat einrichteten, die als ,,kleinbürgerliche Idyllik“ erscheint und als eine Form von Widerstand gegen die Westvereinnahmung heute öffentlich wird.[138]

Unter „Westvereinnahmung“ ist unter anderem das Aufzwingen des ökonomischen Handelns, die Verwendung des Klischees „in der DDR war alles schlecht“ seitens der Bevölkerung der „alten Bundesrepublik“, sowie die Auflösung sozialer Bindungen, gemeint.

Ein Boom der letzten Jahre zeigt sich in Form von Heimatsammlern, die alle Gegenstände sammeln, die ein Stadt- oder Kreiswappen, Werbung heimischer Unternehmen oder sonst vom Umfeld des Sammelgebietes zeugen, zieren. Auch Ansichtskarten gehören dazu, möglichst mit alten Ansichten, die heute verloren sind. Letztlich sind es nur Gegenstände einer zumeist vorübergegangenen Epoche, doch haben sie einen hohen emotionalen und ideellen Wert: sie wecken Erinnerung an längst Vergangenes oder Verlorenes. Die Heimat lässt sich somit "konservieren" und im privaten Raum erhalten. Die Bewahrung von Heimat kann aber auch im Kitsch[139] münden:

Heimat war eben Heimatdichter, Dialekt, Spießergemütlichkeit, »daheim-ist-es-doch-am-schönsten«, Geborgenheit, Vertrautheit, Landschaft, der Wiesengrund mit dem rauschenden Bächlein und das Bild vom röhrenden Hirsch auf einer sattgrünen Wiese, das so viele Haushalte schmückt. Heimat als von Heimweh und Idylle triefender Kitsch.

Heimat als das Scheinetikett für eine dahintersteckende Rückständigkeit. Heimat als lokalpatriotische Gesinnung, Anpassungsmentalität, als Traditionspflege einer teilweise kaputten lokalen Kultur, als Engstirnigkeit des Denkens, oder teilweise auch als Konter-Heimat, als die Sehnsucht der Vertriebenen der Ostgebiete. Wer sich nicht an dieses Heimatgefühl anpasst, gehört nicht dazu, fühlt sich nicht heimisch in dieser Welt der restaurierten Heimat, ist kein Einheimischer und hat deshalb nichts zu melden. Wer Kritik anmeldet, der soll doch gleich »rübergehen«. Die Heimat der Spießer ist das traute Heim, der verbohrte Besitz und die lästernde Abschirmung nach Außen, das Lächeln über die anderen, die nicht zu der Runde des Stammtisches gehören. Heimat ist ein einschließender Begriff, der alles und jeden ausschließt, der das Spiel der Anpassung nicht mitmacht.[140]

Sicherlich wird man dem, was der Autor des Zitates als Kitsch deklariert hat, nicht vollkommen zustimmen. Ein gewisser subjektiver Standpunkt ist darin vorhanden. Zwischen Kunst und Kitsch zu unterscheiden ist zugegebener Maßen ein schwieriges Unterfangen. Genauso verhält es sich auch mit Heimatkitsch und einer intakten Heimatkultur. Der Versuch einer Trennung des einen vom anderen soll dennoch unternommen werden. Die Gefahr, die im Zitat durchschien, ist jedoch ernst zu nehmen. Heimatbewahrung als Ausgrenzungsmentalität: nur wer kritiklos zu diesen Heimatinhalten steht, gehört dazu. Heimat wird zu einem statischen Gebilde, Sentenzen gleich, wie in Stein gehauen. Die Bewahrung von Heimat wird in dieser Extremform ins Negative verkehrt. Eine ähnliche Problematik ergibt sich auch im Zusammenhang mit dem bereits angeführten Hessentag. Dieser kann in den Folklorismus[141] münden. Die Tendenz, in Trachten und Bräuchen das unveränderte Fortleben „uralter“ Traditionen zu erkennen und durch Neubelebung zu aktualisieren steckt hinter dem Folklorismus. Es wird auf vorindustrielle Erscheinungen der dörflichen Volkskultur zurückgegriffen, auf die „heile Welt“. Diese dient als Fluchtort aus einer unübersichtlichen und oft unbegreifbaren Gegenwart. Den Touristen wird das echte ,,alte wertvolle Volksgut“ in „echten alten Trachten und Tänzen“ vorgeführt. Die Darsteller solcher Darbietungen gehen aber normalerweise in Jeans und Turnschuhen in die Disco und wissen nichts über den sozialkulturellen Kontext, indem die Großeltern in ihrer Jugendzeit diese Bräuche lebten. Auch die Uniformität der Trachten in einem Dorf entspricht nicht der Realität; selbst dort waren die Frauen von Hof zu Hof verschieden gekleidet. Ebenfalls beim Hessentag ausgeklammert wird das oft beschwerliche Leben auf dem Lande, welches starken Machthierarchien und ausweglosen, starren Gesetzen der Dorfgemeinschaft unterworfen war.[142] Somit findet eine Verzerrung zwischen dem Dargestellten und der historischen Gegebenheiten statt. Die Einbeziehung ausländischer Volkstanzgruppen erfolgte sehr schleppend und noch 1986 war zu beklagen, dass nur wenige türkische Gruppen daran teilnahmen. Wobei allerdings unklar bleibt, ob diese nicht wollten oder nicht durften.[143] Inzwischen können beim Hessentag auch mannigfaltige ausländische Gruppen bewundert werden, dies zeigt, sie haben in Hessen eine Heimat gefunden. Auch der kommerzielle Nutzen einer solchen Veranstaltung hat meist wenig mit dem Heimatbezug solcher Feste zu tun. Beim schon erwähnten Grenzgang in Biedenkopf verhält es sich jedoch ganz anders. Der historische Kontext wird weitgehend aufrecht erhalten, die ca. 45 km Fußweg, die an drei Tagen bewältigt werden, kann jeder Teilnehmer abgehen und sich entsprechend in die Historie hinein versetzen.

[...]


[1] Klein, Manfred: Die Heimat ist noch nicht – das Ziel scheint aber vor. Zum Heimatbegriff bei Ernst Bloch. Magisterarbeit. Gießen: 2004.

[2] Sloterdijk, Peter: Eurotaoismus. Zur Kritik der politischen Kinetik. Frankfurt: Suhrkamp 1989. S. 10.

[3] Joisten, Karen: Philosophie der Heimat – Heimat der Philosophie. Berlin: Akademie 2003. S. 12.

[4] Bausinger, Hermann: Globalisierung und Heimat. In: Engelhardt, Wolf u. Stoltenberg, Ute: Die Welt zur Heimat machen? Probleme und Perspektiven des Sachkundeunterrichts. Band 12. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt 2002. S. 29-44. S. 29 u. 30. Bausinger spricht über das Programm der 10. Jahretagung der Gesellschaft für Didaktik des Sachunterrichts (GDSU) im März 2001 in Lüneburg.

[5] Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung. 3 Bde. 6. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1979. (GA 5) S. 1624. Das Prinzip Hoffnung wird weiterhin unter dem Sigel PH zitiert.

[6] Kleiner, Marcus S. u. Strasser, Hermann: Postskriptum zur Spassgesellschaft. Worüber man lacht, wenn es nichts mehr zum Lachen gibt. In: Neue Zürcher Zeitung. 03.11.2001. Jg. 222, S. 46-47. S. 46.

[7] Ebd.

[8] Vgl.: Kleiner, Marcus. S. u. Strasser, Hermann: Postskriptum. S. 47.

[9] Ebd.

[10] Heimat und Sinn sind hier Äquivalente. Heimat bindet den Menschen ein in einen sicheren Kontext des Lebens und der Welt. Weiß der Mensch um diese Heimat, so hat sein Leben und sein Wirken in der Welt auch einen Sinn, da er sich und sein Tun als Teil eines Ganzen erfährt.

[11] Kleiner, Marcus S. u. Strasser, Hermann: Postskriptum. S. 47.

[12] Vgl.: Seifert, Michael J.: Heimatliche Utopie und utopische Heimat. S. 45.

[13] Bloch, Ernst: Zum „Dritten Reich“. In: Ueding, Gert: Fabelnd denken (Promenade 10). Tübingen: Klöpfer und Meyer 1997. S. 109-115. Hier vor allem Ernst Blochs Reflexion zum Heimatgedanken in der NS-Zeit.

[14] Traub, Rainer/Wieser, Harald (Hg): Gespräche mit Ernst Bloch. 2. Aufl. Frankfurt: Suhrkamp 1977. S. 206-207.

[15] Traub, Rainer u. Wieser, Harald: Gespräche mit Ernst Bloch. 2. Aufl. Frankfurt: Suhrkamp 1977. S. 14.

[16] PH. S. 1628.

[17] „Wir haben Sehnsucht und kurzes Wissen, aber wenig Tat und was deren Fehlen mit erklärt, keine Weite, keine Aussicht, keine Enden, keine innere Schwelle, geahnt überschritten, keinen utopisch prinzipiellen Begriff.“ (Bloch, Ernst: Geist der Utopie. Erste Fassung. Faksimile der Ausgabe von 1918. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1985. (GA 16). S. 9). Geist der Utopie (Erste Fassung) wird weiterhin unter dem Sigel GU1 zitiert.

[18] Vgl. Marquard, Odo: Abschied vom Prinzipiellen. Philosophische Studien. Stuttgart: Reclam 1981. S. 23-38. Dieser Begriff scheint mir an dieser Stelle angemessen, da Marquard ihn keineswegs nur ironisch gemeint hat. Die Philosophie scheint in ihrem Tun stets Inkompetenz ihrerseits ausgleichen zu wollen, da sie sich in nicht wenigen Dingen als inkompetent erwies, so Odo Marquard, muss sie diese Inkompetenz kompensieren. Hinsichtlich einer Klärung des Heimatbegriffs von Bloch wird diese Fähigkeit deshalb sicher notwendig sein. Somit lässt sich erwarten, dass ein Stein, mühsam den Berg heraufgerollt, auf der anderen Seite wieder herunterrollt.

[19] Vgl.: Bloch, Ernst: Atheismus im Christentum. 2. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1977. (GA 14) S. 63-64. Atheismus im Christentum wird weiterhin unter dem Sigel AC zitiert.

[20] „Das Nirgendwo, das immer erst denkbar und von dem immer erst handelbar war im Kontext des bestehenden Irgendwo, wird sich zurücknehmend nicht nur an seinen Realismen messen lassen können. Das Nirgendwo ist immer irgendwo oder es ist nicht.“ (Caysa, Petra: Kein Streit um die Utopie. In: Caysa, Volker, u. a. (Hg.): “Hoffnung kann enttäuscht werden”. Ernst Bloch in Leipzig. Frankfurt am Main. 1992. S. 275-300. S. 276).

[21] Vgl.: Joisten, Karen: Philosophie der Heimat – Heimat der Philosophie. S. 33.

[22] Joisten, Karen: Philosophie der Heimat – Heimat der Philosophie. S. 27.

[23] Die Sonderstellung des Wortes Heimat im Deutschen zum Vergleich zu anderen Sprachen wird später ausführlich behandelt.

[24] Der Heimatbegriff in Österreich sowie in der Schweiz weist eine zu Deutschland durchaus differierende Geschichte der letzten 100 Jahre auf. In der vorliegenden Arbeit kann darauf jedoch nicht näher eingegangen werden.

[25] Vgl.: Heyne, Moriz.: Deutsches Wörterbuch. Leipzig: Hirzel 1892. S. 346.

[26] Vgl.: Grimm, Jacob u. Wilhelm: Deutsches Wörterbuch. Vierten Bandes zweite Abtheilung. Leipzig 1877. 33 Bde. München: DTV 1984. Sp. 855.

[27],,Man sagt ja: Hier ist man daheim. Im engeren Sinne verstehe ich darunter – also unter dem Hof – die Heimat. Man kann das immer noch ausdehnen. Man kann sagen: Das Dorf ist die Heimat, der Schwarzwald ist die Heimat. Aber im engeren Sinne ist doch das Haus und der Hof die Heimat; da muß man eben differenzieren.“ Diese Antwort gab 1978 ein Landwirt aus dem Badischen, als er nach der Bedeutung seins Hofes im Bezug zur Heimat gefragt wurde. Moosmann, Elisabeth: Deutschland ist ja das Heimatland. Gespräch mit Erich Jautz. In: dies.: Heimat. Sehnsucht nach Identität. Berlin: Ästhetik und Kommunikation Verlags-GmbH 1980. S. 182-187. S. 182.

[28] Vgl.: Klosa, Annette, u. a. (Hg.): Der Duden Bd. 7. Etymologie. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich: Dudenverlag 1997. S. 276-277.

[29] Vgl.: Schmid, Peter: Heimat als Voraussetzung und Ziel der Erziehung. Bern: Huber 1970. Hier besonders S. 11.

[30] „Heim“ wird auch oft im kriegerischen Kontext verwendet. Zu Hause ist jene Sicherheit zu finden nach der der Ausgezogene sich sehnt. Als Beispiel dienen hier zwei niederdeutsche Volksreime: „des togen dun di fursten van ein / ein iderman na siner heim“, oder „dat wi weren bleven to der heim / und nu nich utgetogen, / dat duchte wol gude“. Zitiert nach: Grimm, Jacob u. Wilhelm: Deutsches Wörterbuch. Sp. 855.

Sinngemäß übersetzt: „Es zogen dann die Fürsten ein/ein jeder Mann von seinem Daheim“ und „Wenn wir geblieben wären Daheim/und nicht ausgezogen/das täte wohl gut“

[31] Wohnstätte, Wohnung und Haus, übertragen auch Familie.

[32] Vaterland, Vaterstadt.

[33] Vgl. Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden. 19. neu bearb. Aufl. Bd. 19. Mannheim: Brockhaus 1992. S. 617-619.

[34] Kronsbein, Joachim: Auf, zurück nach Hause. In: Spiegel Spezial. 6

(1999). S. 14-15. S. 14.

[35] Noch 1954 formuliert der Schweizer Professor Carl J. Burckhardt: „Heimat ist ein Wort, das unser Sprachgeist geschaffen hat, das in anderen Sprachen nicht zu finden ist und das völlig andere Gefühle weckt, stillere, stetigere, zeit- und geschichtslosere, als das leidenschaftliche Wort Vaterland. Wir verlassen die Heimat, um uns hinaus in die Fremde zu begeben. Wo endet Heimat, wo beginnt das vertraute, das Andere? (sic!) Bei jedem neuen Menschen, der uns begegnet, stellt sich die Frage: wie weit reicht seine Heimat, wo vermag er wirklich zu Hause zu sein? Jede Bemühung um Selbsterkenntnis wie um Kenntnis der Anderen schließt diese Frage ein. Ihre Beantwortung lehrt uns, daß gerade dort, wo das Heimatgefühl das allerweiteste ist, die Grenzen des wirklich Fremden und Nichtentsprechenden am deutlichsten gezogen sind.“ (Burckhardt, Carl J.: Heimat. Ansprache anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1954. In: Kluge, Manfred (Hg.): Heimat. München: Heyne 1989. S. 7).

[36] Bausinger, Hermann: Heimat und Identität. In: Moosmann, Elisabeth (Hg.): Heimat. Sehnsucht nach Identität. Berlin: Ästhetik und Kommunikation Verlags-GmbH 1980. S. 13-29. S. 18.

[37] Vgl.: Lodemann, Jürgen: Heimat als das Unverzichtbare. Wiederentdeckung der privaten Raume. In: Moosmann, Elisabeth (Hg.): Heimat. Sehnsucht nach Identität. Berlin: Ästhetik und Kommunikation Verlags-GmbH 1980. S. 210-215. S. 213.

[38] Die „Deutsche Nation“ war bis dahin nicht als ethnisch einheitlich definiert. Sämtliche Volksstämme die in einem Herrschaftsverhältnis zur Kaiserkrone standen wurden so vereint. Die Menschen hatten mehr Bezug zur Landschaft in der sie lebten als zum politischen Territorium. Das Allgäu kann hier aufgeführt werden: es war nie ein politisch definiertes Gebiet, die Menschen fühlen und definieren sich aber als Allgäuer und damit diesem Landstrich besonders verbunden. Im Gegensatz dazu hatten auf dem Konstanzer Konzil beispielsweise Polen, Deutsche, Tschechen und Ungarn gemeinsam eine Stimme als die „Deutsche Nation“. (Vgl.: Das Konzil von Konstanz. In: Jedin, Hubert (Hg.): Handbuch der Kirchengeschichte. Die mittelalterliche Kirche. Zweiter Halbband: Vom kirchlichen Hochmittelalter bis zum Vorabend der Reformation. Freiburg: Herder 1985. S. 551).

[39] Vgl.: Wojtczak, Maria: Das Grossherzogtum Posen – Gewählte Heimat zur Ostmärkischen Literatur 1815-1918. In: Orlowski, Hubert: Heimat und Heimatliteratur in Vergangenheit und Gegenwart. Pozna´n : Wydawn. New Ton 1993. S. 19.

[40] Seifert, Michael, J.: Heimatliche Utopie und utopische Heimat. In: Die Horen. Jg. 26, 2 (1979). S. 44-46. S. 45.

[41] Pieper, Ulla/Haderer Kurt: Traumschiff Heimat. Ein neues deutsches Abenteuer. Stuttgart: Spectrum 1989. S. 7.

[42] Textor, A. M.: Sag´ es treffender. Essen: Heyer 1984. S. 144.

[43] Diese Zuordnung des Wortes Heimat entspringt der mitunter bewusst gelenkten Ideologisierung in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Vgl.: Neumeyer, Michael: Heimat. Zu Geschichte und Begriff eines Phänomens. Kiel 1992, hier besonders `Die Heimatbewegung um die Jahrhundertwende´ und `Zwischen den Weltkriegen.´ S. 24-39.

[44] Drosdowski, Günther: Der Duden Bd. 8. Sinn- und sachverwandte Wörter. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich: Dudenverlag 1997. S. 344.

[45] Neumeyer, Michael: Heimat. S. 43.

[46] Aufschluss über den gesellschaftlichen Wandel geben u.a. die Umfrageberichte des Instituts für Demoskopie Allensbach. Zunächst fällt auf, dass Ende der 1970er Jahre ein größeres Interesse seitens der Demoskopie am sozialen und soziologischen Befinden und Verhalten der Bundesbürger bestand als noch zu deren Beginn. Dies lässt sich anhand behandelter Fragen zwischen 1970 und 1979 leicht nachvollziehen. Für den Paradigmenwechsel bezüglich des Heimatbegriffs sind einige Einzelfragen aus folgenden Befragungen aufschlussreich: „Der Freuden-Katalog“ Allensbacher Berichte Nr. 29 (1972). „`Ihr versteht mich ja doch nicht´ - Generationenkonflikt“ Allensbacher Berichte Nr. 15 (1973). „Der Tod scheidet die Geister“ Allensbacher Berichte Nr. 4 (1976).

[47] Zur Paradigmenwechsel des Begriffes „Heimat“ zwischen 1979 und 1989 siehe: Jiménez, José: Heimatlos. Die Wiederkehr der Heimat. In: Müller-Funk, Wolfgang (Hg.): Neue Heimaten – Neue Fremden. Wien: Picus 1992. S. 169-180, besonders S. 171.

[48] Vgl. dazu: Die Horen. (Nr. 113 u. 114). Jg. 24, 1 u. 2 (1979).

[49] „Die Sehnsucht nach mehr blieb; sie findet ihren Ausdruck im Schmus der Filme und Schlager, die jenen Bereich der Autonomie und Identität anvisierte, der in der Realität einstweilen verwehrt ist.“ (Jeggle, Utz: Wandervorschläge in Richtung Heimat. In: Die Horen 24, 2 (1979).S. 47-53. S. 49).

[50] Diese Entwicklung provozierte am Ende des 20. Jahrhunderts eine Gegenströmung die u.a. in Veröffentlichungen lautstark gegen die genannten Klischees angeht. Vgl.: Oberhuber, Bernd (Hg.): Heimat bist DU? 24 Auseinandersetzungen jenseits von Blut und Boden, Almenrausch und Musikantenstall. Wien: Aarachne 1996.

[51] „Seit Anfang der siebziger Jahre [...] wurden Rückgriffe auf die Geschichte immer wichtiger [...]. Das schloß den Begriff Heimat ein [...].“ (Pergande, Frank: Im klassenbedingten Horizont. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 24. April 2001. S. 14.

Vgl.: Neumeyer, Michael: Heimat. Zu Geschichte und Begriff eines Phänomens. Besonders das Kapitel: Heimat-Renaissance in den 70er und 80er Jahren. S. 48-62.

[52] Untertitel der Horen.

[53] Bahns, Hermann: Heimat – Utopie – Hoffnung. In: Die Horen 23, 2 (1979). S. 41-44. S. 42.

(Auf verschiedene Definitionen von „Heimat“ wird später noch gesondert einzugehen sein). Heimatvertriebene jeglicher Art sind anderer Auffassung. So ist die Frage berechtigt: „Und wenn sie [die Heimat] uns nicht liebt, hat man dann keine Heimat?“ (Frisch, M.: Die Schweiz als Heimat. Rede zur Verleihung des großen Schillerpreises (1974). In: Mayer, Hans: Max Frisch. Gesammelte Werke in zeitlicher Folge Bd. VI/2. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1976, S. 510). Bahns, Hermann: Heimat – Utopie – Hoffnung. S. 42.

[54] Vgl. Bahns, Hermann: Heimat – Utopie – Hoffnung. S. 41.

[55] Wewer, Antje: Heimat-Los? In: Welt am Sonntag, 31.03.2002, S. 38.

[56] Engelhardt, Wolf u. Stoltenberg, Ute: Die Welt zur Heimat machen?. Probleme und Perspektiven des Sachkundeunterrichts. Band 12. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt 2002. S. 16.

[57] Engelhardt, Wolf u. Stoltenberg, Ute: Die Welt zur Heimat machen?. S. 13.

[58] Ebd.

[59] Ebd. S. 14.

[60] Bahns, Hermann: Heimat – Utopie – Hoffnung. Ein Versuch der Begriffsklärung mit Hilfe der Blochschen Philosophie. In: Die Horen. 24, 2 (1979), S. 41.

[61] Frisch, Max: Die Schweiz als Heimat? Rede zur Verleihung des großen Schillerpreises (1974). In: Mayer, H. (Hg.): Max Frisch. Gesammelte Werke in zeitlicher Folge Bd. VI/2. Frankfurt/M. 1976. S. 509.

[62] Vgl. Bahns, Hermann: Heimat – Utopie – Hoffnung. S. 41.

[63] Vgl. Kronsbein, Joachim: Auf, zurück nach Hause. In: Spiegel Spezial. 6 (1999). S. 14.

[64] Moosmann, Elisabeth: Man geht zurück , um sich begraben zu lassen. Gespräch mit Pierre Pflimlin. In: dies.: Heimat. Sehnsucht nach Identität. Berlin: Ästhetik und Kommunikation Verlags-GmbH 1980. S. 88-96. S. 88.

[65] Augustinus, Aurelius: Bekenntnisse. Lateinisch/ Deutsch. Eingel., übers. u. erl von: Josef Bernhart. Frankfurt am Main: Insel 1987. Buch 11, XIV.

[66] Bausinger, Hermann: Neue Siedlungen. Volkskundliche und sprachliche Untersuchungen des Ludwig-Uhland-Instituts Tübingen. Stuttgart: Kohlhammer 1959. S. 159.

[67] Hinsen, Peter: Wo bin ich daheim? In: KA + Das Zeichen 2 (1996). S. 3.

[68] Hasse, Jürgen: Heimat – ein Blick auf die Gefühle. In: Engelhardt, Wolf u. Stoltenberg, Ute: Die Welt zur Heimat machen?. Probleme und Perspektiven des Sachkundeunterrichts. Band 12. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt 2002. S. 68-72. S. 68.

[69] Vgl. Ebd. S. 69-72.

[70] Vgl.: Riescher, Gisela: Gemeinde als Heimat. Die politisch-anthropologische Dimension lokaler Politik. München: Tuduv 1988. Besonders: `Die anthropologische Bedeutung des Raumes: Geborgen sein in vertrauter Umwelt´. S. 68-72.

[71] Vgl.: Neumeyer, Michael: Heimat. Zu Geschichte und Begriff eines Phänomens. Besonders: `Umweltbezogene Aspekte von Heimat. Land und Stadt´. S. 71-77.

[72] Nach einer Umfrage nennen 31% der Befragten ihren Wohnort, 27% ihren Geburtsort, 25% die Familie, 11% Deutschland und 6% ihre Freunde auf die Frage: ,,Was verbinden Sie am ehesten mit dem Begriff Heimat? In: Spiegel Spezial. 6 (1999). S. 11.

[73] Vgl. Saint-Exupéry, Antoine: Ich stamme aus meiner Kindheit wie aus einem Land. In: Thuß, Rainer (Hg.): Man kennt nur die Dinge die man zähmt. Zürich: Benzinger 1998. S. 17-24.

[74] Zitiert in: Damasky, Walter u. a. (Hg.): Pohlheimer Liederbuch. Gießen: Brühlsche Universitätsdruckerei 1996. S. 352.

[75] Bausinger, Hermann: Heimat und Identität. S. 17.

[76] Die Definitionen bezüglich der „Heimat“ hängen mitunter auch von den Lebensphasen ab, in denen der Befragte steht. Hier soll jedoch keine demoskopisch exakte Aufschlüsselung wiedergegeben werden, sondern vielmehr die Fülle an Auffassungen die durch die Gesellschaft hindurch existieren.

[77] Bausinger, Hermann: Globalisierung und Heimat. S. 40.

[78] „We take home and language for granted, they become nature […].“ (Wir nehmen Zuhause und Sprache als selbstverständlich, sie werden zu unserem Wesen…) Egerer, Claudia: Fictions of (In)Betweenness. In: Acta Universitatis Gothoburgensis. Gothenburg Studies in English 68. Göteborg: Acta Universitatis Gothoburgensis 1997. S. 139.

[79] Moosmann, Elisabeth: Es geht um die Zugehörigkeit. Gespräch mit Hans Heinz Altmann. In: dies.: Heimat. Sehnsucht nach Identität. Berlin: Ästhetik und Kommunikation Verlags-GmbH 1980. S. 164-169. S. 164.

[80] Moosmann, Elisabeth: Deutschland ist ja das Heimatland. Gespräch mit Erich Jautz. S. 187.

[81] Vgl.: Bausinger, Hermann: Heimat und Identität. S. 19-20.

[82] „Heimat – das ist das Sicherheit verbürgende Gefühl sich auszukennen, im buchstäblichen wie im metaphorischen Sinn, das ist vertraut sein mit [...] Verständigungszeichen, zu wissen [...] dass man die Klänge der Heimat wiedererkennt und sich an den Nuancen der Sprache orientieren kann. In der Heimat lebt man in vertrauten Räumen, die Identität geben, mit Bauten, die [...] zu einem sprechen [...].“ (Busek, Erhard: Heimat und Identität. In: Burz, Ulfried u. a. (Hg.): Heimat, bist du... . Sichtweisen. Klagenfurt: Alekto 1999. S. 22).

[83] Moosmann, Elisabeth: Ein Haus mit offenen Türen und offenen Fenstern. Gespräch mit André Weckmann (1978). In: dies.: Heimat. Sehnsucht nach Identität. Berlin: Ästhetik und Kommunikation Verlags-GmbH 1980. S. 97-105. In diesem Interview wird der elsässische Dialekt und die deutsche Sprache im Elsass als Heimat diskutiert. Das Elsass, welches zwischen deutscher und französischer Kultur steht, versuchte sich immer seine Eigenständigkeit zu bewahren, sei es in Form der Sprache, oder der Kultur.

[83] Vgl.: Bausinger, Hermann: Heimat und Identität. S. 19-20.

[84] Tucholsky, Kurt: Heimat. In: Gerold-Tucholsky, Mary (Hg.): Zwischen Gestern und Morgen. Auswahl aus seinen Schriften und Gedichten. Hamburg: Rowohlt 1972. S. 198-199.

[85] Vgl.: Broder, Henryk M.: Geburtsort. Heimat – nein danke! In: Der Spiegel Spezial. 6 (1999). S. 56-58.

[86] Bloch, Karola: Aus meinem Leben. Mössingen-Talheim: Talheimer 1995. S. 25.

[87] Tucholsky, Kurt: Heimat. S. 199.

[88] Vgl.: Kieren, Martin: Kann man Heimat bauen? Einige Fragen zum Regionalismus. In: Führ, Eduard: Worin noch niemand war: Heimat. Eine Auseinandersetzung mit einem strapazierten Begriff. Historisch – philosophisch – architektonisch. Wiesbaden, Berlin: Bauverlag 1985. S. 67-70. Siehe auch: Armstrong, Franches: Dickens and the concept of home. Ann Arbor, Michigan: UMI 1990. Ullrich, Helmut: Gebaute Heimat. In: Riedel, Wolfgang: Heimatbewußtsein. Erfahrungen und Gedanken zur Theoriebildung. Husum: Husum Dr. und Verlagsges. 1981. S. 96-102.

[89] Vgl.: Kleiner, Marcus S.; Strasser, Hermann: S: Postskriptum zur Spassgesellschaft. S. 46.

[90] Vgl.: Schulze, Gerhard: Die Erlebnisgesellschaft. 4. Aufl. Frankfurt am Main: Campus 1993.

[91] In diesem Zusammenhang ist auf den Britischen Inseln eine interessante Beobachtung zu machen: mit 25, so ein ungeschriebenes Gesetz, muss man(n) ein Haus besitzen. Dieses „home“ wird dann zum sprichwörtlichen „castle“ um- und ausgebaut. Die Größe spielt wenig Rolle, Hauptsache, ein eigener Eingang ist vorhanden. Die Vorstellung in einer Mietwohnung oder in einer großen Wohnanlage zu leben, wie beispielsweise in Deutschland gang und gäbe, ist sehr befremdlich für einen Bewohner Irlands und des Königreichs.

[92] Vgl. Schulze, Gerhard: Die Erlebnisgesellschaft. S. 275.

[93] Dass Heimweh mehr ist als unbegründete und infantile Wehmut, zeigt z.B. Neumeyer, Michael: Heimat. Zu Geschichte und Begriff eines Phänomens. Hier: `Die medizinisch-psychologische Kategorie Heimweh´. S. 14-17.

Siehe auch: KA + Das Zeichen. 108. Jahrgang 2 (1996), S. 46-49.

[94] Vgl.: Börner, Klaus H.: Auf der Suche nach dem irdischen Paradies. Zur Ikonographie der geographischen Utopie. Frankfurt am Main: Wörner 1984.

[95] KA + Das Zeichen. 108. Jahrgang 2 (1996). S. 47.

[96] Améry, Jean: Wieviel Heimat braucht der Mensch. In: Ders.: Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten. Stuttgart: dtv / Klett-Cotta 1988. S. 81.

[97] Sloterdijk, Peter: Der gesprengte Behälter. Notiz über die Krise des Heimatbegriffs in der globalisierten Welt In: Der Spiegel Spezial. 6 (1999). S. 25-29. S. 29.

[98] Der Spiegel Spezial. 6 (1999). S. 34.

[99] Ebd. S. 31.

[100] Wewer, Antje: Heimat-Los? S. 38.

[101] Cicero, Marcus Tullius: Tusculanae Disputationes. Gespräche in Tusculum. Lateinisch/ Deutsch. Mit ausführl. Anm. neu hg. von Olof Gigon. München: Artemis und Winkler 1992. V, 106-108.

[102] Vgl: Rausgeschmissen. Wolf Biermann vor 25 Jahren aus der DDR ausgebürgert. (08. 11. 2001) In: URL: http.// www. wdr.de/online/kultur/biermann/index.phtml. (12. 09. 2005).

[103] Vgl.: Horn, Ina u. Macho, Thomas H.: Heimat/Wohnen. Hannover: Schroedel 1989. S. 6.

[104] Vgl. Müller, Jörg: Wenn das Heimweh plagt. In: KA + Das Zeichen. 2 (1996). S. 46-49.

[105] Moosmann, Elisabeth: Es geht um die Zugehörigkeit. S. 168.

[106] Gemeint ist das Dilemma zwischen der Gebundenheit, die charakteristisch für welche Heimat auch immer ist und den Anforderungen von Flexibilität und Ungebundenheit, die heute an Menschen gestellt werden.

[107] Vgl. Gamper; Michael: Wenn das Bier der Sieger spritzt. In: Neue Zürcher Zeitung am Sonntag. Jg. 1, 28.04.2002. S. 44.

[108] Soziologen sprechen im Rahmen der Erörterung von Gründen für die Zunahme von Drogenkonsum vom Heimatverlust der Konsumenten. Oftmals wird der Rausch und die Betäubung als Flucht vor der Realität der Vereinzelung und Isolierung benutzt.

[109] Frisch, Max: Die Schweiz als Heimat? S. 512.

[110] PH, Kapitel: `Bauten, die eine bessere Welt abbilden. Architektonische Utopien´. S. 819-872 und `Überschreitung und intensitätsreichste Menschenwelt in der Musik´. S. 1243-1297.

[111] Reich-Ranicki, Marcel: Vom Tage gefordert. Reden in deutschen Angelegenheiten. München: dtv 2003. S. 180.

[112] PH. S. 711.

[113] Vgl. Kaltefleiter, Werner: Heimat und Politik. In: Riedel, Wolfgang: Heimatbewusstsein. Erfahrungen und Gedanken zur Theoriebildung. S. 53-57. Riescher, Gisela: Gemeinde als Heimat. Die politisch-anthropologische Dimension lokaler Politik.

[114] Unter der Überschrift „Ubi Lenin“ von „demokratischer Politik“ zu schreiben ist nicht selbstverständlich. Hier soll jedoch nur die grundsätzliche Möglichkeit gezeigt werden, in der Politik – ganz gleich welchem Parteibuch gefolgt wird – eine Heimat zu finden.

[115] Bausinger, Hermann: Heimat und Identität. S. 19. Diese Betrachtung von Heimat und Vaterland wirkt in der Zeit der Reichsgründung (1871) und der Heimatbewegung (um 1890) nach. Vgl. dazu auch Kapitel 212.

[116] Vgl.: Lodemann, Jürgen: Heimat als das Unverzichtbare. Wiederentdeckung der privaten Räume. S. 210.

[117] Jürgen Lodemann zitiert ein Tagungsprotokoll der SED-Regierung: ,,»Der Begriff ,sozialistische Heimat' befindet sich heute mit dem Begriff ,sozialistisches Vaterland' in Übereinstimmung. Unser sozialistisches Vaterland aber ist die Deutsche Demokratische Republik.«“ Lodemann, Jürgen: Heimat als das Unverzichtbare. Wiederentdeckung der privaten Raume. S. 214.

[118] Frisch, Max.: Die Schweiz als Heimat? S 511.

[119] Vgl. Rumpler, Helmut: Nation, Vaterland und Heimat als Kategorien der europäischen Geschichte. In: Burz, Ulfried (Hg.): Heimat, bist du... . Sichtweisen. Klagenfurt 1999, S. 158-168.

[120] In manchen Sprachen auch Mutterland, wie z. B. im Griechischen.

[121] Manz, Hans: Wie es anfängt. In: Humann, Klaus: Schweigen ist Schuld: ein Lesebuch der Verlagsinitiative gegen Gewalt und Fremdenhaß. München: Luchterhand 1993. S. 13.

[122] Vgl.: Kristeva, Julia: Fremde sind wir uns selbst. In: Müller-Funk, Wolfgang: Neue Heimaten neue Fremden. Beiträge zur kontinentalen Spannungslage. Wien: Picus 1992, S. 19-38.

[123] Améry, Jean: Wieviel Heimat braucht der Mensch? S. 81.

[124] Vgl.: Mt 6,21.

[125] Ebd.: S. 79.

[126] Vgl.: Frey, Bruno S.: Sind reiche Menschen glücklicher? In: Neue Zürcher Zeitung am Sonntag. Jg. 1, 28.04.2002. S. 22.

[127] Daum, Egbert: Wo ist Heimat. Über Verbindungen von Ort und Selbst. In: Engelhardt, Wolf u. Stoltenberg, Ute: Die Welt zur Heimat machen?. Probleme und Perspektiven des Sachkundeunterrichts. Band 12. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt 2002. S. 73-82. S. 74.

[128] Goethe, Johann W.: Werke. Hamburger Ausgabe. 14 Bde. Bd. 3 Dramatische Dichtungen I. Faust. Textkritisch durchges. v. Erich Trunz. München: dtv 1998. S. 29, 682-685.

[129] Daum, Egbert: Wo ist Heimat. Über Verbindungen von Ort und Selbst. S. 75.

[130] Sloterdijk, Peter: Der gesprengte Behälter. S. 24.

[131] Moosmann, Elisabeth: Wir Frauen hatten ja überhaupt keine Zeit dazu, uns für irgendetwas zu interessieren. Gespräch mit Magdalena Völkel. In: dies.: Heimat. Sehnsucht nach Identität. Berlin: Ästhetik und Kommunikation Verlags-GmbH 1980. S. 134-143. S. 142.

[132] Moosmann, Elisabeth: ...Nation und Volk und Heimat... Gespräch mit Dr. Hans Karl Filbinger. In: dies.: Heimat. Sehnsucht nach Identität. Berlin: Ästhetik und Kommunikation Verlags-GmbH 1980. S. 216-225. S. 216.

[133] Hinz, Lieselotte: 25 Jahre Hessentag. Hg. v. Hessendienst der Staatskanzlei. Wiesbaden: Wiesbadener Graphische Betriebe 1986. S. 4.

[134] Vgl. Bäumner, Günter: Grenzgang in Biedenkopf. Ursprung, Entwicklung und Ablauf des historischen Heimatfestes. Biedenkopf: Max Stephani 1986. S. 34: Der Wald hatte eine große Bedeutung, weil das Holz daraus zum Heizen gebraucht wurde, man ernährte sich und das Vieh von den Früchten des Waldes. Außerdem wurden Kühe, Schafe und Ziegen in die Wälder getrieben, was die Landwirtschaft erst rentabel machte. S. 34.

[135] Ebd. S. 17.

[136] Vgl.: Grenzgang 2005. Eine Chronik in Wort und Bild. Hg. von WD Mitteilungs- und Anzeigenblatt GmbH. Biedenkopf: WD 2005. S 2.

[137] Zitiert in ebd. S. 3.

[138] Engelhardt, Wolf u. Stoltenberg, Ute: Die Welt zur Heimat machen? .S. 15. Zum Begriff kleinbürgerliche Idyllik vgl.: Schmidt. Thomas E.: Heimat. Leichtigkeit und Last des Herkommens. Berlin: Aufbau 1999. S. 67.

[139] Das Wort Kitsch entstand im 19. Jh. Es bedeutet „Schund“ oder „Geschmacklosigkeit“. Klosa, Annette, u. a. (Hg.): Der Duden Bd. 7. Etymologie. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich: Dudenverlag 1997. S. 345.

[140] Herrenknecht, Albert: Heimatsehnsucht – Eine verdrängte Kategorie linker Identität. In: Moosmann, Elisabeth (Hg.): Heimat. Sehnsucht nach Identität. Berlin: Ästhetik und Kommunikation Verlags-GmbH 1980. S. 13-29. S. 18. Dieser Text ist politisch motiviert. Es wird beklagt, dass die linke Politik auf dem Lande nicht greift. Daher auch die Anspielung auf das „rübergehen“ (gemeint ist damit die DDR). Wird von dieser Intention jedoch abgesehen, kann die Darstellung praktisch auf alle Bereiche im Heimatkontext der „Bewahrung“ gelesen werden. Ausgrenzung ist ein verbreitetes Phänomen, welches nicht allein auf die Politik beschränkt ist.

Diese negative Darstellung lässt sich mit der Aussage von Hermann Bausinger (S. 8 dieser Arbeit) vergleichen und zeigt mit aller Deutlichkeit, mit welchen „Altlasten der Geschichte“ der Begriff Heimat verknüpft ist. Der Autor dieser Arbeit will dies evident aufzeigen und nimmt deshalb die Wiederholung einer ähnlichen Feststellung in Kauf.

[141] Folklore und Folklorismus gehören zum Standardvokabular der neueren Volkskunde, doch werden die beiden Ausdrücke auch anderswo verwendet. Wir finden sie z. B. in der Ethnologie, in der Volksliteratur, in der Touristik, aber auch in der Alltagssprache. Sachbezeichnung wie Wissenschaftsbegriff verweisen auf zahlreiche Anwendungen, die man unterscheiden muss. Der Begriffsumfang von Folklore ist weit gespannt, wozu die Tatsache beigetragen hat, dass sich der Terminus seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert in verschiedenen Kulturräumen mit unterschiedlichen Auslegungen durchgesetzt hat. In Frankreich und Italien bezeichnet Folklore bestimmte Formen der volkstümlichen Kultur, umfasst aber gleichzeitig auch die wissenschaftliche Disziplin, welche sich damit beschäftigt. Die skandinavische Tradition subsumiert unter Folklore stärker das mündlich überlieferte Erzählgut, während der deutsche Ausdruck auch Bräuche, Volksmusik, Alltagswissen und Lebenspraktiken einschließt, ohne das kommerzielle, künstlich arrangierte Schaubrauchtum auszublenden. Auf der Basis der verschiedenen Anwendungen hat sich im deutschsprachigen Raum eine Diskussion entzündet, die seit Anfang der 1960er Jahre regelmäßig belebt wird. In ihrem Mittelpunkt steht der Folklorismus als ein moderne Gesellschaftserscheinung, über die sich Folklore funktionalisiert und medialisiert.

[142] Vgl. Weber-Kellermann, Ingeborg: 25 Jahre Hessentag pro und contra. In: Hinz, Lieselotte: 25 Jahre Hessentag. Hg. v. Hessendienst der Staatskanzlei. Wiesbaden: Wiesbadener Graphische Betriebe 1986. S. 58-63. Die einzelnen Kritikpunkte sind in dieser Studie ausführlich behandelt und bestens zur Vertiefung der Problematik geeignet, was an dieser Stelle leider nicht getan werden kann.

[143] Vgl.: ebd. S. 61.

Ende der Leseprobe aus 201 Seiten

Details

Titel
Heimat als Manifestation des Noch-Nicht bei Ernst Bloch
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
201
Katalognummer
V86300
ISBN (eBook)
9783638008037
ISBN (Buch)
9783638913928
Dateigröße
1315 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heimat, Manifestation, Noch-Nicht, Ernst, Bloch, Noch-Nicht-Sein
Arbeit zitieren
Manfred Klein (Autor), 2007, Heimat als Manifestation des Noch-Nicht bei Ernst Bloch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86300

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