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Von Terror und Taktiken: Varlam Shalamovs "Erzählungen aus Kolyma"

Titel: Von Terror und Taktiken: Varlam Shalamovs "Erzählungen aus Kolyma"

Hausarbeit (Hauptseminar) , 2007 , 33 Seiten , Note: 1,0

Autor:in: Anne Krier (Autor:in)

Russistik / Slavistik
Leseprobe & Details   Blick ins Buch
Zusammenfassung Leseprobe Details

In dieser Arbeit soll versucht werden, zwei Erzählungen des Zyklus’ Kolymskie rasskazy, die Erzählung Na predstavku von 1956 und Tifoznyj karantin von 1959 als literarische Zeugnisse vom (Über-)Leben und Sterben der Häftlinge in der Maschinerie Gulag zu lesen: dabei soll der Frage nachgegangen werden, wie jene Unsicherheit, jenes Unvorhersehbare, das das Wesen des stalinistischen Terrors ausmachte und das Leben der Häftlinge in der „kleinen Zone“ in noch stärkerem Maße beherrschte, als das der freien Bürger in der „großen Zone“, in den Texten thematisiert und als Verfahren eingesetzt wird. Theorien zum Unvorhersehbaren erstellte im 20. Jahrhundert die Postmoderne im Rahmen einer Analyse alltäglichen Handelns und Machtbeziehungen. Da sich Konzepte wie jenes des Taktikers bei Michel de Certeau - das in dieser Arbeit die Basis der Analyse der bei Šalamov beschriebenen Überlebenstechniken von Häftlingen bildet - direkt aus der Tradition der Improvisation ableiten, wird im zweiten Teil ein kurzer Überblick über Improvisation in der Rhetorik und auf der Bühne, sowie über die Rezeption von Improvisation in der Literatur und deren Weiterentwicklung zu literarischen Verfahren und Konzepten des Handelns gegeben werden. Der dritte Teil dieser Arbeit wendet sich dem Überleben im Gulag zu: das von der historischen Forschung erarbeitete Wissen über das Funktionieren der Lager und die Überlebenstechniken der Häftlinge soll hier als Basis einer eingehenden Darstellung und Analyse des certeauschen Konzepts von Strategie und Taktik dienen. Das letzte Kapitel ist Šalamovs Erzählungen Na predstavku und Tifoznyj karantin gewidmet: die Handlung der beiden Erzählungen wird zur besseren Orientierung jeweils kurz umrissen und dann die Analyse der Texte im Hinblick auf das Unvorhersehbare als Thema und Verfahren vorgenommen.

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Improvisation

3. Überleben im Gulag

3.1. Die Entwicklung des Lagersystems

3.2. Mjasorubka: der Fleischwolf

3.2.1. Das Lager, ein Ort der Unsicherheit

3.2.2. Überleben im Lager und taktisches Handeln

4. Varlam Šalamov: Kolymskie rasskazy

4.1. Das Lager schreiben

4.2. На представку (1956)

4.3. Тифозный карантин (1959)

5. Schlussbemerkung

6. Bibliographie

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht, wie Varlam Šalamov in seinen Erzählungen „Na predstavku“ und „Tifoznyj karantin“ das Leben und Sterben im Gulag als literarisches Zeugnis verarbeitet. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie die für das stalinistische Lagersystem charakteristische Atmosphäre der Unsicherheit und das „Unvorhersehbare“ nicht nur thematisiert, sondern als erzählerisches Verfahren eingesetzt werden, um die Existenzbedingungen der Häftlinge darzustellen.

  • Die historische Entwicklung des sowjetischen Lagersystems und der Gulag als „Ordnung des Terrors“.
  • Das Konzept von „Strategie und Taktik“ nach Michel de Certeau als Analyseinstrument für Überlebensweisen im Lager.
  • Die literarische Poetik Šalamovs („Poetik der Unerbittlichkeit“) im Kontext der Darstellung von Gewalt und menschlicher Entmenschlichung.
  • Die Analyse spezifischer Überlebenstechniken und die Grenzen des taktischen Handelns unter extremen Bedingungen.
  • Der Vergleich der „kleinen Zone“ (Lager) und der „großen Zone“ (Sowjetunion) im Kontext des permanenten Ausnahmezustands.

Auszug aus dem Buch

4.2. На представку (1956)

Šalamov gelingt es, in dieser Erzählung auf wenigen Seiten nicht nur die Atmosphäre nächtlicher Kartenspiele in den Lagern einzufangen, sondern auch einen Einblick in einen Teil der Lagerwelt, das Universum der Ganoven, zu geben. Na predstavku zeigt ein Kartenturnier zwischen zwei Kriminellen, dem Dieb Sevočka und dem Pferdetreiber und früheren Eisenbahndieb Naumov. Letzterer verliert, bekommt aber die Möglichkeit, „auf Pump“ weiterzuspielen und das Verlorene wiederzugewinnen. Naumov verliert wiederum: um Sevočka zu bezahlen, zwingt er zwei „Politische“, die dem Kartenspiel beigewohnt haben, ihm ihre Kleidung auszuhändigen. Einer von ihnen (Gorkunov) wehrt sich und wird erstochen. Der andere (der Ich-Erzähler) darf gehen.

Der Name des Naumov verweist, zusammen mit dem ersten Satz der Erzählung („Играли в карты у коногона Наумова.“) auf Aleksandr S. Puškins Pikovaja Dama: gerade in diesem Vergleich offenbaren sich Armut und Trostlosigkeit des Lebens im Gulag auf besonders brutale Weise. Wird bei Puškin das Kartenspiel als gesellschaftliches Vergnügen der höchsten sozialen Schicht gezeigt, spielen hier die so genannten Privilegierten des Lagers um schäbige Lumpen und töten um eines verlausten Wollpullovers willen. Dabei verhalten sich aber die Kriminellen gegenüber den „Allgemeinen“, für die der Verlust der Kleidung den Tod bedeuten kann, wie der Feudaladel früherer Zeiten, der von seinen Leibeigenen lebte. Die Kriminellen, von den Bol’ševiki als „sozial nahe Elemente“ bevorzugt, haben sich zu einer Art Lageradel aufgeschwungen: Šalamov bezeichnet das Milieu der Blatnye als einen Orden, der sich durch einen eigenen Stil und Moden von den anderen Häftlingen auch äußerlich unterscheidet.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der Machtausübung im stalinistischen System ein und definiert die zentrale Forschungsfrage bezüglich der Darstellung von Unsicherheit und Überlebenstechniken in Šalamovs Erzählungen.

2. Improvisation: Dieses Kapitel erläutert die geschichtliche Entwicklung und die literarische Bedeutung der Improvisation, von der rhetorischen Tradition bis hin zu einem Verfahren der Bewältigung des Unvorhersehbaren.

3. Überleben im Gulag: Hier wird die Genese des Lagersystems sowie der harte Alltag der Häftlinge unter den Bedingungen von Zwangsarbeit und Gewalt detailliert analysiert.

3.1. Die Entwicklung des Lagersystems: Das Kapitel beschreibt den historischen Aufbau und die Konsolidierung des Gulag-Systems unter der Leitung der Geheimpolizei und deren Zweck als industrielle Zwangsarbeitsmaschine.

3.2. Mjasorubka: der Fleischwolf: Dieses Kapitel beleuchtet die interne Lagerhierarchie und die desolate Situation der Häftlinge, die ständiger Lebensgefahr und völliger Rechtlosigkeit ausgesetzt waren.

3.2.1. Das Lager, ein Ort der Unsicherheit: Hier wird die Atmosphäre des Gulag als Ort der ständigen Willkür und der Vernichtung menschlicher Individualität durch die Maschinerie des Terrors beschrieben.

3.2.2. Überleben im Lager und taktisches Handeln: Dieses Kapitel untersucht die von Michel de Certeau inspirierten Taktiken der Häftlinge, um trotz der extremen Machtverhältnisse das Überleben zu sichern.

4. Varlam Šalamov: Kolymskie rasskazy: Dieses Kapitel widmet sich der Person Šalamovs, seiner Erfahrung als Häftling und seiner speziellen ästhetischen Poetik, die das Lager zum zentralen Thema macht.

4.1. Das Lager schreiben: Das Kapitel erläutert Šalamovs Ansatz, das Erlebte literarisch ohne moralische Belehrung aufzuarbeiten, um die Realität des Gulag unverfälscht darzustellen.

4.2. На представку (1956): Die Analyse dieser Erzählung zeigt den krassen Gegensatz zwischen der kriminellen Parallelwelt und der Ausbeutung der „Allgemeinen“ anhand des Kartenspielmotivs.

4.3. Тифозный карантин (1959): Dieses Kapitel analysiert Andreevs Kampf um das Überleben während einer Typhusquarantäne und verdeutlicht die Unentrinnbarkeit des Lagersystems.

5. Schlussbemerkung: Die Schlussbetrachtung fasst zusammen, wie das „Unvorhersehbare“ im Werk Šalamovs zum zentralen Instrument wird, um die totale Herrschaft des Terrors und das Scheitern freier individueller Handlungsspielräume aufzuzeigen.

6. Bibliographie: Das Verzeichnis listet sämtliche verwendeten Primärtexte von Varlam Šalamov sowie die herangezogene Fachliteratur zur Gulag-Geschichte und zu kulturwissenschaftlichen Konzepten auf.

Schlüsselwörter

Gulag, Varlam Šalamov, Kolymskie rasskazy, Terror, Stalinismus, Überlebenstechnik, Taktik, Michel de Certeau, Lagerhaft, Unvorhersehbares, Kolyma, Entmenschlichung, Literaturanalyse, Zwangsarbeit, Improvisation.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?

Die Arbeit untersucht die literarische Darstellung des stalinistischen Lagersystems in Varlam Šalamovs Erzählzyklus „Kolymskie rasskazy“, wobei ein besonderer Fokus auf dem Spannungsfeld zwischen Macht, Gewalt und individuellen Überlebensstrategien liegt.

Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Die Arbeit befasst sich mit der Historie des Gulag, der soziologischen Analyse von Machtbeziehungen durch das Konzept von Strategie und Taktik (nach Michel de Certeau) sowie der ästhetischen Aufarbeitung dieser Erfahrungen in der Prosa Šalamovs.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Šalamov das „Unvorhersehbare“ des Terrors nicht nur als Inhalt, sondern als erzählerisches Verfahren einsetzt, um die existentielle Not und die Unentrinnbarkeit des Lebens im Gulag spürbar zu machen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die theoretische Konzepte (insbesondere von de Certeau, Foucault und Lévi-Strauss) auf die analysierten Erzählungen anwendet, um die Handlungsspielräume der Häftlinge im Lagerkontext zu interpretieren.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil analysiert die historische Entwicklung des Gulag, die Differenzierung der Häftlingsgruppen, die Rolle der Improvisation und die spezifische Poetik Šalamovs in den ausgewählten Erzählungen „Na predstavku“ und „Tifoznyj karantin“.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?

Die zentralen Begriffe sind Gulag, Terror, Überlebenstechnik, Taktik, Unvorhersehbares, Entmenschlichung und die „Poetik der Unerbittlichkeit“.

Welche Bedeutung hat der Vergleich mit Puškins „Pique Dame“ in dieser Arbeit?

Der Vergleich dient dazu, die moralische und soziale Leere im Gulag-Kartenspiel zu unterstreichen, indem die ursprüngliche gesellschaftliche Eleganz von Puškins Werk der brutalen, existentiellen Notwendigkeit des Überlebens im Lager gegenübergestellt wird.

Wie unterscheidet die Autorin zwischen „Strategie“ und „Taktik“ im Kontext des Gulag?

Die Autorin folgt de Certeau: Strategie ist der Mächtigen vorbehalten, die über einen festen Ort verfügen. Taktik hingegen ist das „Kalkül des Schwachen“, der keine eigene Machtbasis hat und versuchen muss, durch List und Improvisation Zeit zu gewinnen.

Warum ist das „Unvorhersehbare“ in Šalamovs Erzählungen so wichtig?

Es fungiert als zentrales Element des stalinistischen Terrors. Šalamov macht deutlich, dass selbst ein mühsam konstruiertes Überleben durch ein plötzliches Ereignis jederzeit vernichtet werden kann, was die systemische Unbesiegbarkeit des Gulag betont.

Erfolgt durch die Taktiken der Häftlinge eine tatsächliche Befreiung?

Nein. Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass das System des Gulag so unberechenbar und totalitär ist, dass die Taktiken der Häftlinge nur zeitweilige Nischen oder Aufschübe ermöglichen, jedoch kein echtes Entkommen aus der Sklavenexistenz zulassen.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten  - nach oben

Details

Titel
Von Terror und Taktiken: Varlam Shalamovs "Erzählungen aus Kolyma"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Slawistik)
Veranstaltung
Hauptseminar: Improvisation
Note
1,0
Autor
Anne Krier (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2007
Seiten
33
Katalognummer
V86456
ISBN (eBook)
9783638047166
ISBN (Buch)
9783638943994
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Terror Taktiken Varlam Shalamovs Erzählungen Kolyma Hauptseminar Improvisation
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Anne Krier (Autor:in), 2007, Von Terror und Taktiken: Varlam Shalamovs "Erzählungen aus Kolyma", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86456
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Leseprobe aus  33  Seiten
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