Noch heute begeistern die Bilder von Goya. Ausgestellt im Museo del Prado, zusammengestellt in Katalogen, werden sie von Millionen Menschen betrachtet und immer wieder entdeckt man neue Facetten der Interpretation seiner Kunst und ist überrascht wie andere Personen seine Bilder, Druckgraphiken und Radierungen deuten, da er es verstanden hat, eine reich und breite Ausdrucksskala mit malerischen Mitteln zu gestalten. Wenn man sich intensiver mit seiner Kunst auseinandersetzen will, kommt man nicht daran vorbei, sich mit dem Künstler Goya zu beschäftigen, sein Leben und Umfeld kennenzulernen. Sein Lebenswerk insgesamt zu betrachten und zu analysieren, dazu bedarf es weit mehr als einer Belegarbeit. Deshalb ist mein Ziel dieser Arbeit, ein ganz bestimmtes Phänomen zu untersuchen, das sich mit einem kleinen Teil seiner Arbeiten befasst. Dieses Phänomen bezieht sich unmittelbar auf die Caprichos, einem Zyklus seiner Arbeit, in Verbindung zu einer Volkskultur, welche die europäischen Malerei und Literatur beeinflusste. Konkret formuliert, werde ich mich mit den Körperwelten in den Caprichos unter dem Gesichtspunkt von karnevalesken und grotesken Einflüssen beschäftigen.
Um die grotesken und karnevalesken Einflüsse überhaupt zu erkennen, zu wissen, in welcher Art und Weise sie sich in der Malerei und Kunst entfalten, ist ein Diskurs zur Groteske und zum Karnevalismus notwendig. Nach diesen Gesichtspunkten werde ich danach einige Caprichos vorstellen, in denen diese karnevalesken, grotesken Elemente zu finden sind und mich zum Schluss mit dem Ziel ihrer Verwendung auseinandersetzen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ein geschichtlicher Rückblick
3. Francisco de Goya
4. Die Caprichos
4.1 Der Karnevalismus
4.2 Das Groteske
5. Die Verarbeitung der grotesk-karnevalesken Elemente in den Caprichos
7. Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist es, die Körperwelten in Francisco de Goyas Zyklus "Los Caprichos" unter dem spezifischen Gesichtspunkt karnevalesker und grotesker Einflüsse zu untersuchen. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie diese kulturtypologischen Elemente in den Druckgraphiken und Radierungen verarbeitet werden und welche gesellschaftskritische Funktion ihnen zugeschrieben werden kann.
- Analyse der Begriffe Karnevalismus und Groteske nach Michail Bachtin.
- Untersuchung von Goyas künstlerischer Entwicklung und seinem historischen Umfeld.
- Interpretation ausgewählter "Caprichos" hinsichtlich grotesker Körperdarstellungen und karnevalistischer Symbolik.
- Diskussion des Bild-Text-Gefüges als Mittel zur Erzeugung grotesker Sinnzusammenhänge.
- Reflexion über die gesellschaftspolitische Kritik unter dem Deckmantel volkskultureller Traditionen.
Auszug aus dem Buch
4.2 Das Groteske
Den Begriff Groteske definiert Metzlers Literatur Lexikon folgendermaßen:
(von ital.grottesco = wunderlich, verzerrt, zu grotta = Grotte), in der bildenden Kunst verwendet als Bezeichnung für eine Ende des 15 Jh. in Italien bei Ausgrabungen Thermen und Paläste entdeckte Art von Wandmalereien, in deren flächenfüllender verschnörkelter Ornamentik Pflanzen-, Tier- und Menschenteile spielerisch miteinander verbunden sind. Im weiteren Verlauf dieser Definition wird das Groteske auch auf eine bestimmte Strömung der europäischen Malerei und Literatur ausgedehnt, welche die Darstellung des Monströs-Grausigen mit dem Komischen verbindet.
Ebenfalls bei Michail M. Bachtin findet man sehr ausführliche Informationen zum Grotesken, auf die ich mich in erster Linie beziehen werde. Grotesk ist es, scheinbar Unvereinbares miteinander zu verbinden, die Gestalt wird maßlos übersteigert und ihr meist schaurige dämonische, aber auch humoristische Züge verliehen. Eine der ältesten Formen des Grotesken ist die Vermengung menschlicher und tierischer Züge, die auch in der grotesken Gestaltung des Leibes in der Literatur des Mittelalters und der Renaissance eine bedeutende Rolle spielen. Wesentlich für die groteske Gestaltung des Körpers sind Mund und Nase. Die Nase ist ein Phallussymbol und der aufgerissene Mund ist der klaffende, verschlingende, leibliche Abgrund. Bei der Vermengung von menschlichen und tierischen Zügen spielen der Kopf und der Leib eine wichtige Rolle. Grotesk ist alles, was aus dem Körper herausragt, was die Grenzen des Körpers überschreiten will, alle Auswüchse, alle Abzweigungen sind bedeutend, die den Körper mit anderen Körpern oder der nicht leiblichen Welt verbinden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung von Goyas Werk ein und formuliert das Ziel der Arbeit, die Körperwelten in den "Caprichos" unter karnevalistischen und grotesken Einflüssen zu analysieren.
2. Ein geschichtlicher Rückblick: Dieses Kapitel skizziert die wechselhafte spanische Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts, um den politischen und gesellschaftlichen Kontext für Goyas Schaffen zu verdeutlichen.
3. Francisco de Goya: Hier wird die Biografie des Künstlers sowie sein Weg vom Barock zum individuellen Stil nach seiner schweren Erkrankung dargestellt.
4. Die Caprichos: Das Kapitel führt in den Zyklus ein und erläutert die Begriffe Karnevalismus und Groteske als theoretisches Fundament für die weitere Untersuchung.
4.1 Der Karnevalismus: Hier wird der Karnevalismus als umgestülpte Welt definiert, die starre Ordnungen durchbricht und durch Merkmale wie Exzentrizität und Profanation geprägt ist.
4.2 Das Groteske: Dieser Abschnitt definiert das Groteske als Verbindung des Unvereinbaren und analysiert die Bedeutung des menschlichen Körpers in dieser Ästhetik.
5. Die Verarbeitung der grotesk-karnevalesken Elemente in den Caprichos: In diesem Hauptteil werden ausgewählte Bildbeispiele konkret auf ihre grotesken und karnevalistischen Merkmale hin untersucht.
7. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse, in der die "Caprichos" als Ausdrucksmittel gesellschaftskritischer Intentionen interpretiert werden.
Schlüsselwörter
Francisco de Goya, Caprichos, Groteske, Karnevalismus, Michail Bachtin, Körperwelten, Gesellschaftskritik, Radierung, Aquatinta, Volkstradition, Maskerade, Bild-Text-Gefüge, spanische Kunstgeschichte, Aufklärung, Symbolik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den grotesken und karnevalesken Körperwelten in Francisco de Goyas Graphik-Zyklus "Los Caprichos".
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das Zusammenwirken von volkskulturellen Traditionen, die Ästhetik des Grotesken sowie die gesellschaftspolitische Dimension der Kunst Goyas.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie karnevaleske und groteske Elemente in den "Caprichos" genutzt werden, um bestehende gesellschaftliche Normen und politische Zustände kritisch zu spiegeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer kulturtheoretischen Analyse, primär gestützt auf die Schriften von Michail Bachtin, sowie einer deskriptiven Bildanalyse ausgewählter Radierungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische "Caprichos" wie Nummer 40, 63, 25 oder 69, um Merkmale wie Tier-Mensch-Vermischungen oder die Bedeutung des Mundes und des Ausscheidungsorgans als groteske Zeichen zu erläutern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Goya, Caprichos, Groteske, Karnevalismus, Gesellschaftskritik und Körperpolitik.
Welche Rolle spielt die Erkrankung Goyas für die "Caprichos"?
Die Arbeit betrachtet die schwere Erkrankung des Künstlers als Wendepunkt, der zu einer neuen, persönlicheren und abstrakteren künstlerischen Ausdrucksweise führte.
Warum wird das Bild-Text-Gefüge in den "Caprichos" als grotesk bezeichnet?
Das Zusammenspiel von Bild und Kommentar eröffnet oft mehrdeutige, teils grausam-komische Sinnzusammenhänge, die den Betrachter zur kritischen Hinterfragung der dargestellten Szenen zwingen.
Inwiefern ist der Karnevalismus in der Arbeit als Kritik zu verstehen?
Die Autorin argumentiert, dass Goya die karnevaleske Umkehrung von Werten nutzt, um den Klerus, den Adel und soziale Missstände durch Übertreibung lächerlich zu machen oder zu demaskieren.
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- Janka Wunderlich (Author), 2000, Die grotesk - karnevalesken Körperwelten der Caprichos von Goya, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86485