Alkoholwirkungen auf die Familie und Adoleszenz

Eine Systemanalyse


Hausarbeit, 1992

46 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Einleitung

1.0 Definitionen
1.1 Alkoholismus
1.2 Die Familie als System

2.0 Der Alkoholismus im Familiensystem
2.1 Systemische Betrachtung
2.1.1 Forschungsverlauf in den USA
2.1.2 Forschungsverlauf im deutschen Sprachraum
2.1.3 Aspekte für die Familienbehandlung
2.2 Auswirkungen
2.2.1 Auf die Familie als Ganzes
2.2.2 Auswirkungen auf die Kinder

3.0 Entwicklung im Jugendalter

4.0 Entwicklung Jugendlicher in alkoholbelasteten Familien

5.0 Kategorienentwicklung für die Erstellung eines Interviewleitfaden zu den Erfahrungen Jugendlicher in alkoholbelasteten Familien
5.1 Wahrnehmung der elterlichen Alkoholprobleme
5.1.1 Zeitpunkt
5.1.2 Verlauf/Ereignis
5.1.3 Merkmale des Alkoholikers
5.1.4 Verständigung mit dem anderen Elternteil
5.2 Auswirkungen der elterlichen Alkoholprobleme
5.2.1 Entwicklung
5.2.2 Anforderungen und Aufgaben
5.2.3 Verhalten gegenüber dem Alkoholiker
5.2.4 Verhalten gegenüber dem gesunden Elternteil
5.3 Bewältigungsversuche
5.3.1 Des Jugendlichen
5.3.2 Bewältigungsversuche des Kranken
5.3.3 Bewältigungsversuche der Angehörigen

6.0 Schlußbemerkung

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildung 1: Entwicklungsaufgaben nach Havighurst unter live-span Perspektive

Alkohol ist kein Problemlöser,

Alkohol macht Krank!

Alkohol verbindet nicht,

Alkohol löst Beziehungen auf!

Alkohol macht keinen Mut,

Alkohol weckt Scham!

Ralf-Peter Nungäßer

Vorwort

Um mich auf wissenschaftlichem Niveau mit dem Thema Sucht und Drogen, hier speziell mit Alkoholismus respektive Alkoholismus im Familiensystem zu beschäftigen dient mir der Rahmen des von Dr. Volker Happel initiierten und fachlich betreuten Drogenprojektes an der Fachhochschule Frankfurt am Main am Fachbereich Sozialpädagogik.

Innerhalb dieses Projektes wurde unter anderem ideologisch kontrovers darüber diskutiert, welche Bedeutung dem sozialen Umfeld (neben der individuellen Prädisposition und dem Suchtstoff als solches) bei der Entwicklung und dem Verlauf einer Suchterkrankung beizumessen sei. Auch die Situation von Jugendlichen, besonders in alkoholbelasteten Familien, wurde dabei angesprochen und festgestellt, daß es hierzu vor allem wissenschaftliche Ergebnisse aus dem angloamerikanischen Raum gibt. Im deutschsprachigen Raum ist dieses Feld noch Neuland.

Die Bereitschaft einiger Gruppenmitglieder ihre eigenen Erfahrungen, die sie in ihrer Familie bezüglich des Alkoholmißbrauchs gemacht hatten, miteinfließen zu lassen, brachte der Diskussion neue Perspektiven. Aufgrund von bisherigen literarischen Studien zum Thema wurde deutlich, daß sie bereits als Kinder, ohne es zu wissen, an den Verhaltensmustern des alkoholabhängigen Elternteils teilgehabt hatten. Erst als junge Erwachsene erkennen sie bewußt die Folgen für ihre eigene Entwicklung und versuchen damit umzugehen.

Im Laufe meiner berufspraktischen Tätigkeit an einer Schule für Suchtgefährdete Jugendliche und Erwachsene (Hermann-Hesse-Schule), die ihren Schulabschluß nachholen wollen, sowie in der Fachstelle Prävention des Vereins Arbeits- und Erziehungshilfe in Frankfurt am Main (VAE), die in Schulen hervorragende Aufklärungsarbeit zum Thema Sucht und Drogen leisten, lernte ich weitere Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien kennen. Von ihnen konnte ich in therapeutischen Settings erfahren, wie schwer es für sie ist, ihren Alltag zu bewältigen.

Diese durch berufserfahrene Sozialpädagogen theoretisch und fachlich begleiteten und reflektierten Praktikumserfahrungen sowie die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Professionserfahrung im o.g. Drogenprojekt boten mir die Grundlage für eine zunächst nähere theoretische Untersuchung dieses Problemfeldes sowie für die Idee, das Thema auch an anderer Stelle empirisch zu untersuchen. Die vorliegende Arbeit soll meine Ergebnisse dokumentieren. Desweiteren dient diese Hausarbeit als wissenschaftliches Presetting zur Hauptuntersuchung im Rahmen der Vorbereitung meiner empirischen Diplomarbeit zum Thema mit dem voraussichtlichem Arbeitsthema: „Alkoholismus im Familiensystem - Erfahrungen Jugendlicher in alkoholbelasteten Familien. Eine empirische Erhebungsstudie“.

An dieser Stelle bedanke ich mich bei meinen Praktikumsstellen, die es mir ermöglichten, einen Einblick in die Suchtthematik Alkoholismus zu bekommen. Abschließend gilt mein besonderer Dank Herrn Prof. Dr. Hans-Volker Happel, Professor des Projektes „Sucht & Drogen“ im Fachbereich Sozialpädagogik der Fachhochschule Frankfurt am Main, der mir durch seine Anregungen die Umsetzung dieser Arbeit ermöglichte.

Frankfurt am Main, Juni 1992, Ralf-Peter Nungäßer

Einleitung

Nach üblichen Statistiken (Blaues Kreuz, 1987) sind in der Bundesrepublik Deutschland 1,8 Millionen, also etwa drei Prozent aller Bundesbürger, alkoholabhängig. Da aber die meisten Alkoholiker nicht alleine leben, sondern Familie haben, sind 4 bis 5 Millionen Angehörige unmittelbar vom Alkoholismus betroffen.

Alkoholabhängigkeit tritt meist im mittleren Lebensalter auf, zu einer Zeit in der Kinder aufwachsen und erzogen werden, was auf das Ausmaß des Problems für die beteiligten Kinder bzw. Jugendlichen hindeuten soll.

Während in der Literatur hauptsächlich auf die Auswirkungen alkoholauffälliger Familien auf die Entwicklung im Kindesalter eingegangen wird, fehlen für den Bereich des Jugendalters jedoch zuverlässige Untersuchungen. Ziel meiner Arbeit ist es daher, verstärkt auf die betroffenen Jugendlichen einzugehen und von ihnen selbst zu erfahren, wie sie versucht haben mit der elterlichen Sucht umzugehen.

Zunächst werden jedoch die für mein Thema relevanten Ausgangspunkte und Problemstellungen besprochen bzw. Definitionen zur Hauptthematik festgelegt. In der familientherapeutischen Literatur zu Suchtproblemen wird heute weitgehend davon ausgegangen, daß Abhängigkeit nicht nur ein individuelles Problem, sondern immer auch ein Familienproblem darstellt. Daher soll im Rahmen dieser Arbeit die Alkoholismusfamilie nach systemischen Gesichtspunkten betrachtet werden.

Anschließend werden die Auswirkungen des Alkoholmißbrauchs besprochen, wobei zwischen den Auswirkungen auf die Familie als Ganzes und den Auswirkungen auf die Kinder unterschieden wird. Die in diesem Kapitel beschriebenen Folgen für die Kinder können, wegen der fehlenden Unterscheidung in der vorhandenen Fachliteratur, zumindest auch für das frühe Jugendalter gelten. Bevor ich dann näher auf die Entwicklung Jugendlicher in alkoholbelasteten Familien eingehe, soll anhand des Entwicklungsaufgabenkonzeptes von DREHER & DREHER (1985a) aufgezeigt werden, welche Aufgaben und Erwartungen für die Adoleszenz geltend gemacht werden. Wenn auch die von ihnen aufgestellten Entwicklungsaufgaben als Gebrauchsanleitung für das Erreichen eines Entwicklungszieles mißverstanden werden können, haben sie dennoch einige ‚Meilensteine’ für den Entwicklungsabschnitt Adoleszenz zusammengetragen.

Nach den dargestellten Entwicklungsaufgaben wird der Frage nachgegangen, inwiefern Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien in ihrer Entwicklung beeinflußt werden. Dieser Beitrag kann nur einen skizzenhaften Einblick geben, da wie bereits erwähnt, wissenschaftlich fundierte Ergebnisse zu diesem Aspekt weitgehend fehlen.

Eine Kategorienentwicklung zur Erstellung eines Interviewleitfaden soll erste Hinweise für die Durchführung einer möglichen empirischen Untersuchung im Feld Familie geben, die auf die Erfahrungen Jugendlicher in einem alkoholbelasteten Familiensystem abzielen und aufzeigen, wie diese Erfahrungen wahrgenommen und verarbeitet werden. Dieser Interviewleitfaden kann als Vorlage für weiterführende empirische Forschungsarbeiten dienen. Anhand dieses teilstrukturierten Gesprächsleitfadens ist es möglich empirisch in Erhebungsstudien die folgenden Schwerpunktthemen herauszuarbeiten:

- Wahrnehmung der elterlichen Alkoholprobleme;
- Auswirkungen der elterlichen Alkoholprobleme;
- Bewältigungsversuche der ganzen Familie.

1.0 Definitionen

Für die vorliegende Arbeit sollen einleitend grundlegende Ausgangspunkte und Problemstellungen besprochen werden. Gängige Definitionen zu Alkoholismus und zum Familiensystem werden hierzu herangezogen und dargestellt.

1.1 Alkoholismus

Dem Auftreten eines Suchtproblems in der Familie liegen Förderungsfaktoren zu Grunde, die im Individuum und im sozialen Umfeld des Kranken zu suchen sind.

WALCH-WEIDEN (1987) erläutert in ihrem Referat ‚Sucht und Familie’: „Wir können es inzwischen als allgemein anerkannt betrachten, daß die individuelle Suchterkrankung multifaktoriell bedingt ist, d.h. wirksam wurden im Vorfeld: Familie, Arbeitsplatz, Freizeit, institutionelle Gegebenheiten (wie soziale Normen und Werte), psychische und physische Prädisposition“ (S.4-5).

Für die Bedeutung der Familie beim Auftreten von Trinkproblemen und Alkoholismus wird daraus deutlich, daß die familiären Beziehungen schon vor Ausbruch der Alkoholkrankheit gestört scheinen und die Sucht als Folge einer schon längst vorhandenen Problemkonstellation entsteht. Alkohol soll Funktionen übernehmen, die in der nicht intakten Familie vermißt werden (z.B. Geborgenheit, Wärme, etc.).

RUTHE (1984) bestätigt, daß Familie und Abhängigkeit zwei miteinander verzahnte Begriffe sind: „Abhängigkeit ist nie ein individuelles Problem, also das Problem eines einzelnen, sondern ein zwischenmenschliches Problem, zugespitzt: ein Familienproblem“ (S.20).

Der Alkoholismus eines Familienmitgliedes hat im Allgemeinen wiederum negative Rückwirkungen auf das schon gestörte Familiensystem. Der so entstehende Teufelskreis bietet immer weitere Motive für den Alkoholkonsum.

Die Entwicklung vom gelegentliche trinkenden zum alkoholabhängigen Menschen kann in Verlaufsphasen eingeteilt werden, die sich in einem bestimmten zeitlich fixierbaren Rahmen bewegen.

JELLINEK, anerkannt als Fachmann in der Behandlung alkoholkranker Menschen, bezeichnete und beschrieb die verschiedenen Phasen. Sie gründen auf Ergebnisse von Fragebogenuntersuchungen im Jahre 1946 an rund 2000 Angehörigen der Anonymen Alkoholiker in den USA (vgl. FEUERLEIN, 1984, S.157):

a. Prodromalphase (Vorstadium und Anfangsphase);
b. Kritische Phase;
c. Chronische Phase.

Die Prodromalphase wird oft weder vom Betroffenen noch von den Angehörigen richtig wahrgenommen und erkannt. Es zeigt sich ein sporadischer Alkoholgenuß mit Tendenz zu regelmäßigem Trinken. Im weiteren Verlauf wird begonnen den Alkohol seiner Wirkung wegen zu trinken. Bezeichnend sind heimliches Trinken und Schuldgefühle. In der kritischen Phase erfolgt ein Verlust der Kontrolle über den Alkohol. Die Familie, deren Wünsche und Probleme werden verstärkt vernachlässigt. In der chronischen Phase ist das Leben des Süchtigen nach dem Alkohol und nicht mehr nach seiner Familie oder seiner Arbeit ausgerichtet.

Innerhalb der Familie kann lange Zeit vergehen, bis sie sieht und akzeptiert, daß die sich täglich zeigenden Symptome, von denen sie beeinflußt wird, tatsächlich Merkmale des Alkoholismus sind. Die auftretenden Probleme werden sehr wohl erkannt, liefern anfangs jedoch nicht den Beweis für die Alkoholsucht des Familienmitgliedes. Das veränderte Verhalten wird eher seinem Charakter als der Wirkung des von ihm konsumierten Alkohols zugeschrieben.

Der Alkoholiker zeigt in den Anfangsphasen Verhaltensweisen, die jedoch nicht unbedingt alkoholikerspezifisch sein müssen. Nach BURR (1988) können sich in diesen Phasen beispielsweise folgende Symptome zeigen (vgl. S.15-16):

- Gespaltene Persönlichkeit;
- Unfähigkeit über familiäre Probleme und Beziehungen zu sprechen;
- Unfähigkeit über das Trinken als Ursache anderer Probleme zu sprechen;
- Verschwendungssucht und Knausrigkeit;
- Ausweichen und Lügen;
- Gewalttätigkeit.

Keines der aufgeführten Symptome kann einfach als zwingender Beweis für die Alkoholsucht eines Menschen aufgeführt werden.

Wird der Alkoholismus chronisch oder akut, entwickeln sich jedoch weitere Symptome, die in jedem Fall von Alkoholismus mehr oder weniger auftreten:

- Vernachlässigung des körperlichen Zustands;
- Vernachlässigung der äußeren Erscheinung;
- Absinken des sozialen Status;
- Absinken des moralischen Standards;
- Selbstmitleid
- Verschlechterung des psychischen Zustands;
- Verschlechterung des physischen Zustands.

Vom Alkoholiker (der die Prodromalphase bereits überschritten hat) herrscht in der Gesellschaft oftmals das Bild des wohnungslosen, arbeitslosen, physisch heruntergekommenen Individuums vor. STEINGLASS (1976) stellte diesbezüglich jedoch fest: „Ein bedeutsamer, wenn nicht der größte Teil der Alkoholikerpopulation funktioniert weiterhin innerhalb eines formal intakten und stabilen Familiensystems“ (S.98). Der ‚unauffällige’ Alkoholiker wird eher als willensschwacher Mensch gesehen, der dem Alkohol nicht widerstehen kann. Dieses falsche Bild steht der Betrachtung des Alkoholismus als Krankheit oft im Wege.

1.2 Die Familie als System

Die in der Familie wirksamen psychosozialen Mechanismen werden derzeit von differenzierten Perspektiven aus beschrieben.

Wichtige Ansätze, die sich von verschiedenen Ausgangspunkten (z.B. psychoanalytische Theorie, Sozialpsychologie, Soziologie) her entwickelt haben, wurden von ANDERSON (1971) benannt. Er unterscheidet zwischen psychodynamischem, erlebniszentriertem, verhaltens-therapeutischem, strukturellem und kommunikationstheoretischem Ansatz. Das Interesse richtet sich dabei nicht nur auf das Individuum, sondern auf das ganze Familiensystem (Grundlage ist die allgemeine Systemtheorie von v. BERTALANFFY, 1968).

Im Rahmen dieser Arbeit soll sich hauptsächlich auf das Konzept des strukturellen Ansatzes (MINUCHIN, 1977) und des kommunikationstheoretischen Ansatzes (WATZLAWICK u.a., 1969 und SATIR, 1975) gestützt werden. Beide Modelle gaben der Familientherapie neue Impulse. Sie sehen die Familie als ein sich selbst regulierendes System, das nach eigenen Regeln funktioniert, die es im Verlauf der Zeit erworben hat.

[...]

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Alkoholwirkungen auf die Familie und Adoleszenz
Untertitel
Eine Systemanalyse
Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main  (Fachbereich Sozialpädagogik)
Veranstaltung
Projekt Sucht & Drogen
Autor
Jahr
1992
Seiten
46
Katalognummer
V86500
ISBN (eBook)
9783638018791
ISBN (Buch)
9783638919975
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alkoholwirkungen, Familie, Adoleszenz, Projekt, Sucht, Drogen
Arbeit zitieren
Diplom-Pädagoge Ralf-Peter Nungäßer (Autor:in), 1992, Alkoholwirkungen auf die Familie und Adoleszenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86500

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