Zur Untersuchung der Phonologie des Berlinischen gibt es nur wenige Arbeiten, die tatsächlich empirisch (d.h. gesprochene Sprache systematisch anhand von Aufnahmen oder Transkripten untersuchend) vorgehen. Zudem werden in der Regel nur die sehr markanten phonologischen Merkmale untersucht. Dies bedeutet jedoch, dass andere Erscheinungen nicht oder nur sehr marginal Beachtung fanden und finden. Dazu zählt z.B. der Wechsel von ungespanntem i und ungespanntem ü in einigen Wörtern bzw. lautlichen Kontexten.
In dieser Arbeit wird anhand von für diese Untersuchung gewonnenen Daten gesprochener Sprache diesem Phänomen ausführlicher nachgegangen. Der Schwerpunkt liegt also mehr auf der Analyse der synchronen und phonologischen Bedingungen als auf der Entdeckung einer diachronen, d.h. historischen Erklärung dieser Erscheinung.
Die Untersuchung zeigt, dass die Rundung unterschiedlich motiviert und entweder Folge von Assimilationsprozessen ist oder als freie Variante zur Verfügung steht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsklärung und Forschungsstand
3. Die Rundung von ɪ zu ʏ in der Berlin-Brandenburgischen Umgangssprache
3.1. Gewinnung von Datenmaterial zur Untersuchung phonologischer Varianz
3.1.1. Testverfahren
3.1.2. Auswertungsmethoden
3.2. Auswertung des gewonnenen Datenmaterials
3.2.1. Bemerkung zur Testdurchführung und zu den InformantInnen
3.2.2. Die Ergebnisse der Untersuchung – das Vorkommen der Rundung
3.2.3. Erklärung der Ergebnisse
4. Zusammenfassung
5. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das phonologische Phänomen der Rundung von ɪ zu ʏ in der Berlin-Brandenburgischen Umgangssprache (BBU). Das primäre Ziel ist es, die lautlichen Bedingungen und soziolinguistischen Faktoren zu identifizieren, die diesen Wechsel begünstigen oder hemmen, und zu prüfen, ob es sich dabei um eine freie Variation oder eine durch Kontext motivierte Erscheinung handelt.
- Empirische Analyse der phonologischen Bedingungen für den Wechsel von ɪ zu ʏ.
- Untersuchung der Rolle von Sprecherkompetenz und situativen Faktoren.
- Anwendung spektrographischer Analysen zur objektiven Bestimmung von Artikulationsmodi.
- Diskussion der Rundung als "emotionale Variante" zur Ausdruckssteigerung (Emphase).
- Vergleich der umgangssprachlichen Realisierung mit standardsprachlichen Normen.
Auszug aus dem Buch
3.2.3. Erklärung der Ergebnisse
Generell konnte festgestellt werden, dass die Rundung am häufigsten von den Probanden verwendet wurde, die die BBU in ausgeprägtem Maße beherrschen (sB und mB). Diese Abhängigkeit von der Kompetenz ist jedoch nur tendenziell, da auch einige Sprecher, die kaum berlinische Variabeln verwendeten, den Wechsel von ɪ zu ʏ oft durchführten. Obwohl dementsprechend davon ausgegangen werden muss, dass die Verwendung der Variable Rundung sprecherspezifisch geregelt ist, können dennoch allgemeine Regeln, die sich aus den Daten ableiten lassen, angegeben werden. Dies sei zunächst für den Wechsel ɪ > ʏ in den bereits erwähnten bevorzugten Phonemkombinationen dargestellt.
Mit Blick auf das Spektrogramm von Lexemen mit den besagten Phonemkombinationen wird insb. im Vergleich von umgangsprachlicher (mit ʏ) und standardsprachlicher (mit ɪ) Realisierung deutlich, dass die Rundung in diesen Fällen hauptsächlich artikulatorisch bedingt ist. Zunächst ein paar Beispiele für die nachfolgenden Phoneme m, r (v), l und ʃ.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Problematik der Dialekt-Umgangssprachen-Unterscheidung ein und begründet die Notwendigkeit einer empirischen Untersuchung zur Phonologie des Berlinischen.
2. Begriffsklärung und Forschungsstand: Hier werden die Termini "Berlinisch" und "Berlin-Brandenburgische Umgangssprache" definiert und der bisherige Forschungsstand zur Lautwandelerscheinung der Rundung kritisch beleuchtet.
3. Die Rundung von ɪ zu ʏ in der Berlin-Brandenburgischen Umgangssprache: Dieses Hauptkapitel umfasst die methodische Datengewinnung mittels eines Sprachtests, die Auswertung der spektrographischen Daten sowie die detaillierte Präsentation und linguistische Erklärung der Ergebnisse.
4. Zusammenfassung: Dieses Kapitel fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen, insbesondere die Erkenntnis, dass die Rundung sowohl artikulatorisch bedingt als auch als emotionale, situative Variante genutzt wird.
5. Ausblick: Der Ausblick diskutiert die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Sprachlandschaften und schlägt weitere Forschungsfelder zur Verbreitung des Lautwechsels vor.
Schlüsselwörter
Berlin-Brandenburgische Umgangssprache, BBU, Phonologie, Rundung, Labialisierung, ɪ-ʏ-Wechsel, Varianz, Spektrogramm, Formantenanalyse, Koartikulation, Soziolinguistik, Assimilation, emotionale Variante, empirische Dialektologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht das lautliche Phänomen der Rundung, bei dem der ungespannte Vokal ɪ im Berlin-Brandenburgischen zu ʏ gewandelt wird.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Zentral sind die phonologische Analyse von Lautwandelprozessen, die soziolinguistische Einordnung der Berlin-Brandenburgischen Umgangssprache sowie die akustische Phonetik.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Die Forschungsfrage lautet, in welchen lautlichen Kontexten die Rundung von ɪ zu ʏ auftritt, ob sie durch Artikulationserleichterung motiviert ist und welche Rolle situative Faktoren wie Emotionen dabei spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde zur Datenerhebung verwendet?
Die Autorin führte einen empirischen Test mit 20 Probanden durch, der Interviews und eine gezielte Produktion von Lexemen umfasste, um Sprachdaten unter kontrollierten Bedingungen zu gewinnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Gewinnung und detaillierten Auswertung der Sprachdaten, inklusive der spektrographischen Analyse zur objektiven Bestimmung der Vokalveränderungen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie BBU, Phonologie, Rundung, Koartikulation, Spektrogramm und emotionale Variante geprägt.
Warum wird die Rundung in manchen Fällen als "emotionale Variante" bezeichnet?
Die Daten zeigen, dass Sprecher den Wechsel zu ʏ gezielt nutzen können, um Empathie, Trotz oder eine ablehnende Haltung auszudrücken, was über rein artikulatorische Bedingungen hinausgeht.
Welche Bedeutung kommt der spektrographischen Analyse in dieser Untersuchung zu?
Die Spektrogramme ermöglichen eine objektive, wissenschaftliche Validierung des Höreindrucks, indem sie die Formantenveränderungen (F1, F2) sichtbar machen und so Artikulationsunterschiede präzise belegbar machen.
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- Christine Porath (Author), 2007, Phonetisch-Phonologische Varianz in der Berlin-Brandenburgischen Umgangssprache der Gegenwart, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86535