Wer bei kindlichem Stottern berät, begibt sich in einen dynamischen Informationsaustausch mit dem zu Beratenden und verfolgt das Ziel, der Komplexität und Individualität des Phänomens Stottern gerecht zu werden, indem keine einseitig gedachten Therapien eingeleitet werden und andererseits alle denkbaren Möglichkeiten bei der Behandlung des Individuums Berücksichtigung und in Form von besprochenen und vereinbarten Therapiemaßnahmen Anwendung finden.
Vorab ist zunächst festzuhalten, dass es nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen keinen allgemein gültigen wirksamsten Ansatz gibt, sondern nur die optimale individuelle Methodenkombination für ein Kind und seine Familie. Die Effizienz dieser Methodenkombination ist, und hier schließt sich der Kreis, abhängig von dem gemeinsamen Austausch des Therapeuten, des Patienten und der Eltern. Nur auf diese Weise können Therapieerfolge und -misserfolge kenntlich gemacht und effiziente Methoden wirksam eingesetzt werden.
Diese Arbeit beruht auf der Annahme einer individuellen Ursachenkombination nach multikausaler Theorie und ist auf den einzelnen Patienten im Sinne der idiographischen Sichtweise bezogen. Die idiographische Sichtweise erweitert die bisherigen Ausführungen dadurch, indem sie davon ausgeht, dass jede sprachliche Auffälligkeit in der Lage ist, ihre eigene biographische Vorgeschichte und ihre eigene Problematik vorzuweisen. Das entsprechende diagnostisch-therapeutische Konzept berücksichtigt vorhandene Ressourcen und Kompetenzen betroffener Personen. Nach Iven (1995) besteht die Aufgabe der Therapeutin darin, eine therapeutische Beziehung zu schaffen, in der Selbstreflexion und eigengesteuerte Handlungsalternative möglich werden.
Inhaltsverzeichnis
III. Klinisches Bild
III.1 Kindliches Stottern
III.1.1 Definition
III.1.2 Häufigkeit und Verbreitung
III.1.3 Kern- und Begleitsymptome
III.1.4 Abgrenzung normaler Sprechunflüssigkeiten von beginnendem Stottern
III.2 Entstehung des Stotterns
III.2.1 Aktueller Forschungsstand
III.2.2 Ursachen des Stotterns
III.2.3 Begleitende Faktoren des Stotterns
III.3 Psycholinguistische Dimension des Stotterns
III.4 Entwicklungsverläufe
IV. (Sprachheil-)pädagogisch-therapeutische Beratung
IV.1 Anamneseerhebung: Situation des Erstgesprächs
IV.2 Anamnesefragebogen
IV.2.1 Beschreibung der aktuellen Symptomatik
IV.2.2 Wie gehen Kind und Umwelt mit dem Stottern um?
IV.2.3 Therapiemotivation bei Eltern und Kind
IV.2.4 Anwesenheit des Kindes?
IV.3 Befunderhebung
IV.3.1 Erstdiagnostik als Grundlage der Therapieplanung
IV.3.2. Ressourcenorientierte Diagnostik und Therapie
IV.3.3 Umgang mit Stottern als Tabuthema
IV.3.4 Durchführung und Dokumentation der Untersuchung
IV.4 Befundbogen
IV.4.1 Von der Diagnostik zur Therapieplanung
IV.4.2 Untersuchung verschiedener Sprechleistungsstufen
IV.4.3 Beobachtung von Einflussfaktoren
V. (Sprachheil-)pädagogisch-therapeutische Behandlung
V.1 Therapieansätze
V.1.1 Direkte und indirekte Therapieansätze
V.1.2 Indikationskriterien für die Auswahl des Therapieansatzes
V.1.3 Elternberatung, Elterarbeit und Elterntraining
V.1.4 Spieltherapeutisch geprägte Sprachtherapie (Katz-Bernstein)
V.1.5 Fluency-Shaping-Programme
V.1.6 Sprechtechniken
V.1.7 Modifikationstherapie nach Dell und van Riper (»Non Avoidance«)
V.2 Kriterien und Voraussetzungen für die Therapie
V.2.1 Gründe für frühzeitigen Therapiebeginn
V.2.2 Indikationen
V.2.3 Prognosefaktoren
V.2.4 Therapeutische Grundhaltungen gegenüber Kind und Bezugspersonen
V.3 Umgang mit dem Stottern in der Therapie
V.3.1 Akzeptanz des Stotterns durch die Therapeutin
V.3.2 Flüssigere Perioden
V.4 Förderung mit Therapiebausteinen
V.4.1 Die Therapiebausteine
V.4.2 Atemtherapie und Tonusregulation
V.4.3 Körpersprache und rhythmisch-melodischer Ausdruck
V.4.4 Modifikation des Stotterns und Modeling
V.5 (Sprachheil-)pädagogisch-therapeutische Beratung
V.5.1 Beratungsaspekte
V.5.2 Information zum Stottern und zu beeinflussenden Faktoren
V.5.3 Allgemeine Förderung des flüssigen Sprechens
V.5.4 Sprachliches Kommunikationsverhalten
V.6. Ende der (sprachheil-)pädagogisch-therapeutischen Beratung und Behandlung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Magisterarbeit setzt sich mit den (sprachheil-)pädagogisch-therapeutischen Beratungs- und Behandlungsansätzen bei kindlichem Stottern auseinander. Das primäre Ziel ist es, die Komplexität dieses Phänomens aufzuzeigen, über Beratungsmöglichkeiten zu informieren und geeignete Behandlungsansätze vorzustellen, um das Stottern als derzeitiges Tabuthema zu entmystifizieren.
- Klinische Bildbeschreibung des kindlichen Stotterns (Symptomatologie, Entstehung, Entwicklung).
- Methoden der Anamneseerhebung und Befundbogen-Strukturierung.
- Vergleichende Analyse verschiedener Therapieansätze (Direkte vs. Indirekte Therapie).
- Bedeutung der Elternberatung und Einbindung in den therapeutischen Prozess.
Auszug aus dem Buch
III.1.4 Abgrenzung normaler Sprechunflüssigkeiten von beginnendem Stottern
Im Alter des Vokabelspurts mit 24 Monaten beginnt das Kind, enorme Fortschritte in seiner Sprachentwicklung zu machen. Neue Erfahrungen ergeben sich durch erweiterte Kontakte zu anderen Kindern mit dem Eintritt in den Kindergarten oder Kinderspielgruppen oder erweiterte Sprachangebote über verschiedene Medien wie Fernsehen und Kassetten oder DVDs und CDs. Diese vermitteln neue Informationen über und mit der Sprache, die verarbeitet werden müssen.
Der Wortschatz des Kindes erweitert sich sprunghaft, was in längeren Sätzen und neuen Satzkonstruktionen zum Ausdruck kommt. Zudem erweitert das Kind seine Erzählfähigkeit bezüglich der Satzlänge und facettenreicherer Wortwahl.
Das Kind lernt in dieser Zeit, Gedanken und Erlebnisse erzählerisch entsprechend zu ordnen, damit Zuhörer problemlos inhaltlich folgen können oder durch entsprechendes Nachfragen eine befriedigende Antwort erhalten.
Die Anwendung der Sprache ist in dieser Zeit aus den genannten Gründen nicht immer korrekt, sondern lässt häufigere Wiederholungen von Wörtern und Satzteilen sowie längere Pausen während des Erzählens erkennen. Wesentlich ist hierbei, dass diese Wiederholungen und Unterbrechungen ohne Anzeichen von körperlicher Anstrengung auftreten und das Kind selbst nicht irritieren. Dies ist ein entscheidender Unterschied zu den Stottersymptomen.
Zusammenfassung der Kapitel
III. Klinisches Bild: Dieses Kapitel erläutert das Syndrom des kindlichen Stotterns, inklusive Definition, Häufigkeit, Entstehungsbedingungen, psycholinguistischer Aspekte und typischer Entwicklungsverläufe.
IV. (Sprachheil-)pädagogisch-therapeutische Beratung: Hier wird der Prozess der Erstberatung, Anamneseerhebung und Befunderstellung detailliert beschrieben, wobei der Fokus auf einem ressourcenorientierten Umgang liegt.
V. (Sprachheil-)pädagogisch-therapeutische Behandlung: Dieses Kapitel bietet einen umfassenden Überblick über verschiedene direkte und indirekte Therapieansätze, inklusive Elternarbeit, Sprechtechniken und Modifikationstherapie.
Schlüsselwörter
Kindliches Stottern, Sprachheilpädagogik, Therapieansätze, Anamnese, Stottermodifikation, Fluency Shaping, Elternberatung, Redeflussstörung, Sprechunflüssigkeiten, Sprachtherapie, Symptomatik, Kindesentwicklung, Therapeutische Beziehung, Frühförderung, Kommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt pädagogisch-therapeutische Beratungs- und Behandlungsansätze für Kinder, die stottern, eingebettet in das Fachgebiet der Sprachheilpädagogik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der klinischen Beschreibung des Stotterns, der differenzierten Diagnostik im Erstgespräch sowie der Auswahl und Anwendung geeigneter therapeutischer Maßnahmen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, das Phänomen Stottern zu entmystifizieren, Beratungsprozesse transparent zu machen und einen Überblick über ein breites Spektrum an Behandlungsmöglichkeiten zu geben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine idiographische Sichtweise, die das betroffene Kind in seiner individuellen Lebensgeschichte und Gesamtsituation betrachtet und systemische sowie lerntheoretische Erklärungsmodelle integriert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die klinische Bildbeschreibung (Diagnostik) und die therapeutische Intervention (Beratung und Behandlung), inklusive Ansätzen wie Fluency-Shaping oder der Modifikationstherapie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind kindliches Stottern, Stottermodifikation, Fluency-Shaping, Anamnese, Elternberatung und Sprechtechniken.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen normalem unflüssigem Sprechen und Stottern?
Die Arbeit betont, dass bei normaler Entwicklung Unflüssigkeiten ohne körperliche Anstrengung auftreten und das Kind nicht irritieren, während Stottern durch Anspannung, Blockierungen und ein Störungsbewusstsein gekennzeichnet ist.
Welche Rolle spielt die Einbindung der Eltern?
Die Eltern werden als Ko-Therapeuten angesehen, deren Verhalten und Interaktion mit dem Kind maßgeblich zur Prävention und zum Erfolg der Therapie beitragen können.
- Quote paper
- Magistra Artium Anne Simone Lorenz (Author), 2007, Sprachheil-pädagogisch-therapeutische Behandlungsansätze bei kindlichem Stottern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86540