Diagnosefindung bei AD(H)S oder Hochbegabung im Schulalltag - Zappelphilipp oder doch HomoSuperSapiens?


Hausarbeit, 2007

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Was ist AD(H)S?
a) Formen
b) Geschichte
c) Pathogenese
d) Diagnose: Symptomatik und Klassifikation
e) Komorbidität
f) Differentialdiagnose

3. Was ist Hochbegabung?
a) Definitionen von Hochbegabung
b) Diagnose von Hochbegabung
c) Risikogruppen

4. Probleme bei der Differentialdiagnose von AD(H)S und Hochbegabung

5. Fazit

LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

In der folgenden Hausarbeit wollen wir der Fragestellung nachgehen, wie LehrerInnen einen positiven Beitrag zur Diagnosefindung vom Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (AD(H)S) und/ oder von Hochbegabung im Schulalltag leisten können und wie es ihnen möglich gemacht werden kann, beide Phänomene besser voneinander differenzieren zu können.

Wir erachten es als essentiell, dass angehende LehrerInnen sich der Tatsache bewusst sind, dass ihnen im Schulalltag Kinder begegnen werden, die aufgrund von psychischen Störungen oder aber auch einer sehr hohen Intelligenz einer besonders hohen Aufmerksamkeit bedürfen. Da wir im Seminar „Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen“ von Tobias Schürmann unter anderem das AD(H)-Syndrom näher kennen lernen durften und uns persönlich die Ähnlichkeiten des Verhaltens mancher hochbegabter Kinder mit dem von AD(H)S-Betroffenen interessieren, haben wir beschlossen, uns in dieser Hausarbeit speziell diesen beiden Themen zu widmen.

Wie wir in den von uns bereits absolvierten Schulpraktika selbst feststellen mussten, ist es für Lehrpersonen anscheinend ein größeres Problem, als von uns bislang angenommen, AD(H)S oder Hochbegabung richtig zu erkennen. Jede der durch uns besuchten Klassen wies zumindest einen Schüler auf, auf den Symptome des AD(H)S und/ oder der Hochbegabung, welche wir beide im weiteren Verlauf dieser Hausarbeit noch näher erläutern werden, zutrafen. Dennoch konnten uns die betreffenden LehrerInnen selten eine eindeutige Diagnose zu den Schülern nennen und oftmals erschien es uns auch so, dass die Lehrkräfte es nicht als ihre Aufgabe ansahen, sich der Diagnosefindung ungeklärter Fälle anzunehmen. Auch die Eltern erwiesen sich in den meisten Fällen nicht als geeignete Instanz um festzustellen, ob ihr Kind von AD(H)S betroffen oder hochbegabt ist, da sie häufig eher dazu tendieren die Probleme ihres Kindes in einer Hochbegabung zu suchen, anstatt in Erwägung zu ziehen, dass ihr Kind an einer psychischen Störung leiden könnte.

Um in unserem späteren Berufsleben jedoch selbst kompetente Beobachtungen durchführen zu können, um so der richtigen Diagnosefindung zuträglich zu sein und jedem Schüler eine auf seine Bedürfnisse zugeschnittene Lernumgebung schaffen zu können, wollen wir uns im Folgenden mit Punkten beschäftigen, anhand derer man betroffene SchülerInnen gezielter erkennen kann.

Hierzu werden wir zunächst die Begrifflichkeiten der beiden Hauptpunkte AD(H)S und Hochbegabung klären, um darauf folgend auf die Probleme bei der Differentialdiagnose beider Phänomene einzugehen.

2. Was ist AD(H)S?

a) Formen

Generell werden drei Hauptformen des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms (ADS) beschrieben. Das Syndrom tritt in Kombination mit Hyperaktivität als ADHS auf. Betroffene Kinder zeichnen sich zumeist schon im Säuglingsalter durch einen anstrengenden, temperamentvollen Charakter aus. Es gibt jedoch auch betroffene Kinder, die in sich zurückgezogen und sehr angepasst, oftmals eher hypoaktiv sind. Bei diesen tritt ADS alleine ohne Hyperaktivität auf. In der Literatur werden sie auch häufig als Träumer bezeichnet. Als dritte Gruppe existieren noch die Kinder, bei denen sich in unterschiedlicher Ausprägung Symptome beider erstgenannter ADS-Varianten zeigen. Diese werden als so genannter Mischtyp bezeichnet. Keine der drei Formen muss jedoch über das gesamte Leben der betroffenen konstant bleiben. Die aktuelle Ausprägungsform des Syndroms kann jederzeit wechseln.[1]

Laut ernsthafter wissenschaftlicher Studien sind mindestens 8% aller deutschen Kinder von ADS in einer der drei genannten Formen betroffen. Dies entspricht einer Zahl von über 1 Million SchülerInnen. Im Schnitt ist also jedes zweite Kind einer Klasse betroffen, was die Wichtigkeit dieses Themas aufzeigt.[2]

Besonders schwer scheint man den hypoaktiven Typen erkennen zu können. Die Betroffenen sind zumeist eher unauffällig und werden besonders in der Schule von den Lehrpersonen häufig nicht richtig diagnostiziert. Ihre verträumte, abwesende Art wird meistens nicht als Symptom eines Störungsbildes erkannt, sondern dem Grundwesen der SchülerInnen zugeschrieben. Dies hat jedoch erhebliche Konsequenzen für die betroffenen Kinder, da sie aufgrund ihres ADS dem Unterricht nur mangelhaft folgen können und somit langsam aber stetig in eine Negativspirale aus schlechten Noten, darauf folgenden negativen Konsequenzen und daraus resultierendem, weiterem Absinken des Selbstwertgefühls geraten. Da das hypoaktive ADS aufgrund seiner wesentlich unauffälligeren Symptomatik lange Zeit nicht wahrgenommen wurde und erst seit kurzem verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit geriet, ist durchaus anzunehmen, dass Statistiken, welche besagen, dass weitaus mehr Jungen als Mädchen von ADS betroffen sind, eventuell falsch liegen. Da Mädchen in der Regel ein ohnehin ruhigeres Wesen aufweisen, ist es möglich, dass viele weibliche ADS-Betroffene in den Statistiken nicht auftauchten, da sie aufgrund der fehlenden zusätzlichen Hyperaktivität gar nicht als solche erkannt wurden und somit auch nicht erfasst werden konnten.

ADHS ist zumeist wesentlich einfacher zu diagnostizieren als ADS, da betroffene Kinder durch ihre hohe motorische Aktivität, Unruhe, Angespanntheit und oftmals auch Aggressivität viel rascher in Schule und sozialem Umfeld auffällig werden. Somit ist es gut möglich, dass die Zahl der betroffenen Mädchen ebenso hoch ist wie die der betroffenen Jungen, nur mit dem Unterschied, dass Jungen eher von ADHS betroffen sind und Mädchen eher von ADS.[3]

b) Geschichte

Das Phänomen AD(H)S ist schon seit langem bekannt. So geht man davon aus, dass der deutsche Psychiater Heinrich Hoffmann in seinem in der Mitte des 19. Jahrhunderts erschienenen Kinderbuch „Der Struwwelpeter“ neben einer Reihe weiterer Störungsbilder auch dieses Syndrom beschrieben hat. Sein „Zappelphilipp“, „Hans-Guck-in-die-Luft“, „böser Friedrich“ und „Paulinchen“, zeigen allesamt ein Verhalten, wie man es den verschiedenen AD(H)S-Typen zuschreibt.

1902 beschrieb der britische Kinderarzt George F. Still in der Medizinerzeitschrift „The Lancet“ Kinder, die ständig in Bewegung seien, sich schwer konzentrieren könnten und sehr impulsiv seien. Als Ursache benannte er eine angeborene Veranlagung. Aus heutiger Sicht ist sein Bericht eine treffende Beschreibung des ADHS.[4]

In den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts schließlich beobachtete man, dass das postenzephalitische Syndrom oftmals mit nervöser Unruhe und Unkonzentriertheit einhergeht. Kurzerhand folgerte man dann daraus, dass alle Kinder mit ähnlichen Symptomen ebenfalls an einer Hirnschädigung leiden müssten. So entstand der Glaube, dass diejenigen Patienten, bei denen den gezeigten Symptomen keine Hirnhautentzündung vorausgegangen war, während ihrer Geburt eine frühkindliche Hirnschädigung erlitten haben mussten. Man ging davon aus, dass dieser Schädigung strukturelle Veränderungen des Gehirns folgten, welche man jedoch nur selten nachweisen konnte. Aus dieser Vorstellung heraus entstand der Begriff MCD (Minimale Cerebrale Dysfunktion), seit 1957 auch als hyperkinetische Impulsauffälligkeit bekannt.

Seit jeher fand sich parallel zu diesen „Erkenntnissen“ jedoch auch der stetige Verdacht, dass bei den betroffenen Kindern Erziehungsfehler mit als Ursache zugrunde liegen müssten. So war man sich sicher, dass negative Einflüsse in den betreffenden Familien zu finden sein müssten, wenn nicht offensichtlich, so zumindest im Verborgenen. Es war und ist leider auch heute oftmals noch ein Modetrend, Traumata und „Schwelbrände“ in den Eltern-Kind-Beziehungen aufzudecken zu wollen. Nicht selten wurde bei diesen „Bemühungen“ die Ursache allen Übels bei den Müttern gesucht, welche sich dann in der Folge nicht selten völlig grundlos mit Schuldgefühlen plagen mussten.[5]

In den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts brach der AD(H)S-Boom aus den Vereinigten Staaten, als man dort mehr und mehr Fälle des Syndroms diagnostizierte, auch in Deutschland aus.[6]

Zu Beginn dieses Jahrtausends schließlich kam Judith Rich Harris zu dem Ergebnis, dass das biologische Erbe und die Peers einen Menschen determinieren. So vertritt man heute im Allgemeinen die Auffassung, dass ein erblich bedingtes chemisches Ungleichgewicht im Gehirn die Ursache des AD(H)S sei.[7]

Auch einige berühmte Persönlichkeiten scheinen bei Analyse ihrer Biografien vom AD(H)-Syndrom betroffen gewesen zu sein. So wird Mozart zum Beispiel als ungeduldiger, respektloser, impulsiver und ablenkbarer Mensch beschrieben. Er wollte seine Ziele möglichst schnell erreichen, so dass er sogar einmal eine bereits fertig komponierte Fuge zu Blatt brachte, während er sich das Präludium ausdachte.

Von Thomas A. Edison sagt man, dass er unfähig gewesen sein soll, sich über längere Zeit hinweg mit einer Sache zu beschäftigen, was vielleicht erklärt, wie er es schaffte, in seinem Leben über 1000 Patente anzumelden, die das 20. Jahrhundert nachhaltig veränderten.

Albert Einstein hingegen scheint eher dem hypoaktiven ADS-Typen zuzuschreiben zu sein. Er fiel in der Schule vornehmlich durch seine verträumte, gleichgültige Art auf und war sprachlich gesehen ein solcher Spätentwickler, dass seine Eltern besorgt gewesen sein sollen, er sei nicht normal.

Dem letzten berühmten Beispiel unserer Liste, Winston Churchill, wurde es zur Abreagierung seiner starken motorischen Unruhe von Seiten seiner Lehrer erlaubt, nach jeder Unterrichtsstunde einmal um das Schulgebäude zu laufen.[8]

[...]


[1] Vgl. Neuy-Bartmann, Astrid (2000): ADS erfolgreiche Strategien für Erwachsene und Kinder. Stuttgart: Klett-Cotta, S. 31

[2] Vgl. Aust-Claus, Elisabeth; Hammer, Petra-Marina (1999): Das ADS-Buch. Neue Konzentrations-Hilfen für Zappelphilippe und Träumer, Ratingen: Oberstebrink Verlag, S. 19

[3] Ebd S. 39

[4] Vgl. Harland, Simone (2003): Hyperaktiv oder hochbegabt? . Bergisch-Gladbach: Lübbe S. 26 f.

[5] Vgl. Köhler, Henning (2002): War Michel aus Lönneberga aufmerksamkeitsgestört? Der ADS- Mythos und die neue Kindergeneration. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben, S. 109 ff

[6] Vgl. Harland, Simone (2003): Hyperaktiv oder hochbegabt? . Bergisch-Gladbach: Lübbe S. 26 f.

[7] Vgl. Köhler, Henning (2002): War Michel aus Lönneberga aufmerksamkeitsgestört? Der ADS- Mythos und die neue Kindergeneration. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben, S. 109 ff

[8] Vgl. Aust-Claus, Elisabeth; Hammer, Petra-Marina (1999): Das ADS-Buch. Neue Konzentrations-Hilfen für Zappelphilippe und Träumer, Ratingen: Oberstebrink Verlag, S. 37

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Diagnosefindung bei AD(H)S oder Hochbegabung im Schulalltag - Zappelphilipp oder doch HomoSuperSapiens?
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg  (Institut für Psychologie)
Veranstaltung
Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen (Seminar)
Note
1,0
Autoren
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V86592
ISBN (eBook)
9783638021449
ISBN (Buch)
9783638923446
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diagnosefindung, AD(H)S, Hochbegabung, Schulalltag, Zappelphilipp, HomoSuperSapiens, Verhaltensstörungen, Kindern, Jugendlichen, Leuphana, Lüneburg
Arbeit zitieren
Nicola Hengels (Autor)Marta Kulaszewska (Autor), 2007, Diagnosefindung bei AD(H)S oder Hochbegabung im Schulalltag - Zappelphilipp oder doch HomoSuperSapiens?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86592

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