Nukleare Strategie im Kalten Krieg - Die NATO und ihre strategische Ausrichtung in den Jahren von 1949 bis 1990


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
30 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ursprung des Nordatlantikpakts
2.1 Der Vertrag von Dünkirchen und der Brüsseler Pakt
2.2. Die Gründung der NATO

3. Grundlegende Strategie der NATO im Konfliktfall
3.1. Bindung an die Vereinigten Staaten
3.2. Generelles strategisches Konzept

4. NATO-Strategien für den Einsatz von Nuklearwaffen
4.1. „Strategisches Bombardement“
4.2. „Massive Vergeltung“
4.3. „Flexible Reaktion“

5. Kritische Betrachtung
5.1. Kritik an der Strategie der „Massiven Vergeltung“
5.2. Kritik an der Strategie der „Flexiblen Reaktion“

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten werden die Menschen mit Stöcken und Steinen kämpfen."[1]

Albert Einstein, Träger des Nobelpreises für Physik

Wenngleich Albert Einstein diese Äußerung nur zugesprochen wurde und es mehrere Versionen des Satzes mit unterschiedlichem Wortlaut zu geben scheint, so wird durch dieses bekannte Zitat doch eines deutlich: Der Mensch ist spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts dazu in der Lage, seiner globalen Existenz ein vollkommenes und unwiederbringliches Ende zu setzen.

Die Entwicklung nuklearer Sprengkörper hat ein enormes Zerstörungspotential geschaffen und die Angst vor der Entfesselung dieser verheerenden Kraft hat die Strategie der Kriegsführung so entscheidend beeinflusst, wie wohl kein Waffentyp zuvor. Schwere Kavallerie brach formierte Infanterie auf, Schwarzpulver ließ dickes Mauerwerk einstürzen und Panzerverbände ermöglichten den so genannten Blitzkrieg – doch all diesen einst neuen Technologien konnte man schließlich auf dem Schlachtfeld etwas entgegen setzen. „Die Bombe“ hingegen ist eine Waffe, deren Einsatz jenen Un-Begriff realisiert, den Joseph Goebbels in fanatisch-irrsinniger Euphorie forderte: Den Totalen Krieg, der nicht mehr zwischen Soldaten und Zivilisten unterscheiden kann, sondern – wenn überhaupt – nur noch zwischen Freund und Feind.

Eine Abwehrmaßnahme gegen diese überdimensionierte Waffe schien es in der Zeit nach ihrem ersten Einsatz 1945 nicht zu geben. Schnell entstand der Gedanke, der Vernichtung durch den Gegner nur dadurch entgehen zu können, wenn man diesem mit der eigenen vollständigen Vernichtung drohte, sollte er einen bewaffneten und möglicherweise nuklearen Konflikt herbeiführen. Diese Denkweise wurde größtenteils in beiden großen politischen Blöcken geteilt, die sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges gebildet hatten.

Wie aber sah die geplante, strategische Vorgehensweise im Konfliktfall genau aus? Gab es tatsächlich nur die Option der totalen Vernichtung des Gegners? Sollte jedem bewaffneten Konflikt mit einer nuklearen Reaktion begegnet werden? Die Antworten auf diese und ähnliche Fragen möchte die vorliegende Arbeit für das Verteidigungsbündnis der NATO geben. Sie konzentriert sich dabei zeitlich auf die Epoche des sogenannten Kalten Krieges, der den Zeitraum nach Ende des Zweiten Weltkrieges bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion (1990/1991) einnimmt. Inhaltlich soll ein genauerer Blick auf die militärstrategischen Planungen im Bereich des Einsatzes von Nuklearwaffen geworfen werden, die sich durch offizielle Statements der NATO in verschiedene Phasen einteilen lassen.

Nach einem Einstieg in das Thema über die Schilderung der Entstehungsgeschichte des Bündnisses sollen diese Phasen betrachtet werden, von denen drei markante erläutert werden; namentlich die Strategien des „Strategischen Bombardements“, der „Massiven Vergeltung“ und der „Flexiblen Reaktion“. Auf das „Star-Wars-“ oder „SDI-Programm“ wird hier nicht näher eingegangen, da es sich dabei vorrangig um ein Projekt der USA handelte. Die Hausarbeit schließt mit einer kritischen Betrachtung der zuvor dargestellten strategischen Konzepte der NATO sowie der Frage nach alternativen Strategien. Ein kurzes Fazit rundet die Arbeit schließlich ab.

Durch die mittlerweile entstandene historische Distanz zum Thema standen zur Anfertigung dieser Arbeit ausreichend literarische Quellen zur Verfügung, jedoch bot auch das Internet eine Vielzahl verwendbarer Quellen. Das Thema der Arbeit lässt sich durchaus in noch umfangreicherer Weise behandeln, doch um den Umfang einer Hausarbeit nicht zu überschreiten, möchte sich die vorliegende Arbeit auf die wichtigsten Fakten und Thesen beschränken.

2. Ursprung des Nordatlantikpakts

Die NATO ist seit langer Zeit eines der wichtigsten internationalen Bündnisse der Welt und, seit der Auflösung des Warschauer Paktes, das einzige verbliebene, große Verteidigungsbündnis. Bevor nun mit der Betrachtung der Nuklearstrategie dieses Staatenbundes zu Zeiten des Kalten Krieges begonnen werden soll, erscheint es angebracht, zunächst einen Blick auf die Ursprünge jenes „Nordatlantikpaktes“ zu werfen, die unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges anzusiedeln sind.

2.1 Der Vertrag von Dünkirchen und der Brüsseler Pakt

Rückblickend weiß man heute, dass schon während des Krieges gegen das Dritte Reich zwischen den Alliierten erhebliche Differenzen existierten. Zu unterschiedlich waren die beiden politischen Systeme der späteren Blöcke. Der Kampf gegen Nazi-Deutschland machte die USA, Großbritannien und Frankreich auf der einen Seite und Russland auf der anderen Seiten zu rein zweckmäßigen Partnern.

In den ersten Jahren nach dem Ende des Weltkrieges sahen sich die westeuropäischen Länder unmittelbar von einer – aus ihrer Sicht – expansionistischen Politik der Sowjetunion bedroht. Diese äußerte sich durch die Annexion der baltischen Staaten sowie Teilen weiterer osteuropäischer Länder[2], sowie der durchscheinenden ideologischen Zielsetzung der UdSSR von der „Übertragung des Sozialismus bzw. Kommunismus auf alle Staaten der Welt“[3]. Zudem stellte sich Frankreich und Großbritannien das Problem, zwar als Siegermächte aus dem Krieg hervorgegangen zu sein, sich wirtschaftlich und strukturell jedoch in ähnlich desolater Verfassung zu befinden, wie das besiegte Deutschland. Diese Schwäche wurde dadurch verstärkt, dass der Kriegspartner USA eine erhebliche Demobilisierung betrieb. „Betrug […] die „Zahl der Gesamtstreitkräfte der westlichen Alliierten [im Mai 1945] mehr als 5 Millionen Mann, so war diese Zahl ein Jahr später auf etwas mehr als 880.000 gesunken.“[4] Der Umstand, einzige Nation mit einsatzfähigen Kernwaffen zu sein, ermöglichte den USA eine enorme Reduzierung ihrer Streitkräfte, da die Abschreckung durch Nuklearwaffen künftig die Sicherheit der Vereinigten Staaten sicherstellen sollte.[5]

Da unter diesen Voraussetzungen die Möglichkeit bestand, dass sich die USA politisch isolieren würden, schlossen Frankreich und das Vereinigte Königreich am 4. März 1947 den sogenannten „Vertrag von Dünkirchen“. Darin vereinbarten beide Staaten gegenseitige Hilfeleistungen und Unterstützung sämtlicher Maßnahmen für den Fall einer erneuten Aggression durch Deutschland. Es handelte sich also um ein bilaterales Verteidigungsbündnis, das darüber hinaus Themen der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Zusammenarbeit berührte. Die offizielle Ausrichtung gegen ein zukünftig militärisch wiedererstarkendes Deutschland mag vielleicht schwer nachvollziehbar erscheinen – wirft man jedoch einen Blick in der Geschichte zurück, so fällt auf, dass das Deutsche Reich keine 20 Jahre nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg und den daraus resultierenden, weit reichenden wirtschaftlichen und militärischen Einschnitten wieder zu einer Größe in Europa herangewachsen war.[6]

Dass das französisch-britische Bündnis jedoch de facto eher als Schutz vor einer sowjetischen Bedrohung betrachtet werden sollte, machen die historischen Umstände zu dieser Zeit deutlich. Im Januar 1947 verfestigte sich beispielsweise unter sowjetischem Einfluss der Kommunismus in Polen und im März desselben Jahres forderte US-Präsident Harry S. Truman in seiner als „Truman-Doktrin“ bekannt gewordenen Rede sein Land „zur Unterstützung freier Völker in ihrem Kampf gegen die versuchte Unterwerfung durch bewaffnete Minderheiten oder Druck von außen“[7] auf – eine unmissverständliche Spitze gegen die Sowjetunion und die Ausdehnung ihres Machtbereiches. Diese angesprochene politische Ausrichtung der UdSSR verdeutlichte der Vertrag zur sogenannten Kominform, eine im September 1947 gegründete Organisation, die die ideologische Einheit des Ostblocks herstellen sollte.[8] Weitere Aktionen der UdSSR, darunter die Unterstützung der kommunistischen Rebellen in Griechenland, der SED in der späteren DDR und die tragende Rolle im Regierungsumsturz in der Tschechoslowakei (Februar ’48) bekräftigten die westlichen Staaten in ihrer Furcht vor der UdSSR.

Als Konsequenz der Vorkommnisse Ende 1947/Anfang1948, aufbauend auf dem Vertrag von Dünkirchen, schlossen Frankreich und Großbritannien sowie Belgien, die Niederlande und Luxemburg am 17. März den Brüsseler Vertrag, auch Brüsseler Pakt genannt[9]. Im Zuge dessen entstand im September 1948 die Verteidigungsorganisation der „Westunion“.[10] Das Bündnis, auf 50 Jahre dauerhaft festgeschrieben, beinhaltete unter anderem eine (militärische) Beistandspflicht für den Fall, dass einer der Staaten Ziel eines Angriffes werden sollte. Darüber hinaus war der Brüsseler Vertrag und damit auch die Zielsetzung der Westunion offiziell ebenfalls gegen eine eventuelle deutsche Aggression gerichtet, was jedoch nur als pro forma gelten kann. In Fachkreisen ist man der Meinung, dass das „Schutz-vor-einer-deutschen-Bedrohung-Prinzip“ bereits am Tage der Unter-zeichnung des Brüsseler Vertrages hinfällig war.[11]

2.2. Die Gründung der NATO

Trotz dieses fortschrittlichen Zusammenschlusses wurde den Mitgliedsstaaten schnell klar, dass eine erfolgreiche Verteidigung gegen eine großangelegte sowjetische Aggression in Europa ohne Mitwirkung der USA nicht möglich sein würde. Die USA zeigten jedoch zunächst keine Bereitschaft zur Kooperation, da sich innenpolitisch zunächst viele Stimmen der Auffassung anschlossen, in Zukunft die USA von Bündnissen unabhängiger zu machen und außenpolitisch mehr oder weniger zu isolieren. Außerdem sah man aus verfassungs­rechtlicher Sicht keine Grundlage für ein Militärbündnis mit den westeuropäischen Staaten.

Die Regierung um Präsident Truman erkannte jedoch, bedingt durch die offensichtliche sowjetische Expansionspolitik gegen Ende der Vierziger Jahre, dass das westliche Europa nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Unterstützung benötigte. Unter Berufung auf das Recht zur individuellen, aber auch kollektiven Selbstverteidigung gemäß des 51. Artikels der Charta der Vereinten Nationen sah man schließlich auch die rechtliche Grundlage für eine Bündnis mit den ehemaligen Alliierten gegeben.[12]

So kam es schließlich nach Verhandlungen zwischen der Westunion und den USA und Kanada, sowie den zu den Gesprächen dazu geladenen Staaten Dänemark, Island, Italien, Norwegen und Portugal am 4. April zur Unterzeichnung des Vertrages von Washington. Darin wurde die Gründung des Verteidigungsbündnisses NATO (North Atlantic Treaty Organisation; dt.: Nordatlantikpakt-Organisation) vereinbart. Bis 1990 traten auch Griechenland und die Türkei (1952), die Bundesrepublik Deutschland (1955) und schließlich Spanien (1982) der Organisation bei.[13]

Die Zielsetzung der NATO ist in der Präambel ihres Gründungsvertrages verankert. Dort „bekräftigen [die Mitgliedsstaaten] ihre Entschlossenheit zur Verteidigung ihrer Lebensform. Dies soll neben dem militärischen Bereich zusätzlich auf politischem, wirtschaftlichem, sozialem und kulturellem Gebiet geschehen.“[14] Das Ziel der Schaffung einer dauerhaften Friedensordnung für Europa gemäß den Bestimmungen der Charta der Vereinten Nationen ging einher mit der Verpflichtung zu gegenseitigem Beistand und Zusammenarbeit auf politischer wie militärischer Ebene.[15] „Kurz gesagt, handelt es sich beim Bündnis um einen Zusammenschluss freier Staaten, die entschlossen sind, ihre Sicherheit durch gegenseitige Garantieren und stabile Beziehungen zu anderen Ländern zu wahren.“[16]

Um diese Sicherheit gewährleisten zu können, bedarf es neben diplomatischen Richtlinien („Förderung des Dialogs mit anderen Staaten“[17]) allerdings auch eines ausreichenden militärischen Verteidigungspotentials. Das umfasst nicht alleine die rein materielle Massierung von Streitkräften in den Bündnisstaaten, sondern betrifft besonders die Schaffung der zur Verteidigung benötigten Infrastruktur (Basen, militärische Anlagen etc.) und vor allem die Erstellung von kollektiven Verteidigungsstrategien und deren Koordinierung unter einer gemeinsamen Führung.[18] All diese Dinge, die den Charakter der Organisation als wirksames Verteidigungsbündnis auszeichnen, hat die NATO mit ihren Mitgliedsstaaten im Laufe der Jahre seit ihrer Gründung 1949 organisiert und ausgebaut, stets mit dem Ziel, ein „euro-atlantisches Sicherheitsumfeld“[19] zu schaffen.

[...]


[1] Zitiert nach: o.V.: Zitate zu Albert Einstein.

Online im Internet: <http://www.oliver-faulhaber.de/einstein/zitate.htm> [eingesehen am 28.05.2007]

[2] Vgl: Woyke, Wichard: Die NATO in den siebziger Jahren. Eine Bestandaufnahme. Hrsg. von der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung, Hannover. Opladen 1977. S.13ff.

[3] Woyke, Wichard: a.a.O. S.15.

[4] Woyke, Wichard: a.a.O. S.14.

[5] Vgl: Woyke, Wichard: a.a.O. S.14.

[6] Woyke, Wichard: a.a.O. S.16f.

[7] NATO Office of Information and Press (Hrsg.). NATO-Handbuch. Brüssel 2001. S.473.

[8] Vgl: NATO Office of Information and Press (Hrsg.). a.a.O. S.474

[9] Vgl: Woyke, Wichard: a.a.O. S.17f.

[10] Vgl: NATO Office of Information and Press (Hrsg.). a.a.O. S.474

[11] Vgl: Woyke, Wichard: a.a.O. S.18.

[12] Vgl: Woyke, Wichard: a.a.O. S.19.

[13] Vgl: NATO Office of Information and Press (Hrsg.). a.a.O. S.31f.

[14] Woyke, Wichard: a.a.O. S.19.

[15] Vgl: NATO Office of Information and Press (Hrsg.). a.a.O. S.33.

[16] ebd.

[17] NATO Office of Information and Press (Hrsg.). a.a.O. S.34.

[18] Vgl: NATO Office of Information and Press (Hrsg.). a.a.O. S.35.

[19] NATO Office of Information and Press (Hrsg.). a.a.O. S.34.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Nukleare Strategie im Kalten Krieg - Die NATO und ihre strategische Ausrichtung in den Jahren von 1949 bis 1990
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Nukleare Proliferation und internationale Sicherheit (Prof. Dr. Ralph Rotte, SS07)
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
30
Katalognummer
V86601
ISBN (eBook)
9783638010894
ISBN (Buch)
9783638915373
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nukleare, Strategie, Kalten, Krieg, NATO, Ausrichtung, Jahren, Proliferation, Sicherheit, Ralph, Rotte, SS07)
Arbeit zitieren
Patrick Kreitz (Autor), 2007, Nukleare Strategie im Kalten Krieg - Die NATO und ihre strategische Ausrichtung in den Jahren von 1949 bis 1990, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86601

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