Sören Kierkegaard (1813–1855) – einer der größten Philosophen des 19. Jahrhunderts kann sicherlich mit Recht als Begründer der Existenzphilosophie bezeichnet werden. Innerlich ein zerrissener Mensch – zerrissen zwischen der Sehnsucht nach einer persönlichen Beziehung und der Einsicht der eigenen Unfähigkeit eine solche Beziehung zu führen – hat er in der kurzen Zeit seines Lebens ein Werk geschaffen, dass von genialem Denken und dichterischer Schaffenskraft geprägt ist. Kierkegaard hat das grundsätzliche Problem des 19. und 20. Jahrhunderts in den Mittelpunkt seiner philosophischen Bemühungen gestellt: die Frage nach der Wirklichkeit des Menschen und seiner Freiheit. Mit der Ablehnung der traditionellen Metaphysik, in deren Zentrum eine theoretisch abstrakte Auffassung des Menschen und die Betonung von Sein und Wesen steht, sowie seiner eigenen Akzentuierung der menschlichen Sub-jektivität ist Kierkegaard zum Vorreiter großer Existenzphilosophen des 20. geworden.
Kierkegaards Anthropologie umfasst das Verhältnis des Menschen zu seiner eigenen Existenz sowie sein Verhältnis zu Gott. Dabei geht es ihm nicht um die Vermittlung einer speziellen Wahrheit, sondern um einen Dialog zu seinen Lesern aufzubauen. Thema dieser Arbeit ist Kierkegaards Begründung einer Philosophie der Existenz. Hierbei steht die Untersuchung des Zweiten Teils der Abschließenden Unwissenschaftlichen Nachschrift zu den Philosophischen Brocken (1846) im Vordergrund.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Begriffsbestimmungen
2.1 Existenz und Existieren
2.2 Existenzphilosophie allgemein
3. Der Mensch
3.1 Die Situation des Menschen
3.2 Probleme des Menschen als existierender Mensch
4. Kritik an traditioneller Metaphysik
4.1 Kritik an der Basis des neuzeitlichen Denken
4.1.1 Denken versus Sein – Möglichkeit versus Wirklichkeit
4.1.2 Kritik an Descartes’ „cogito ergo sum“
4.2 Vernachlässigung der Probleme der Existenz durch die traditionelle Metaphysik
4.2.1 Kritik an Aufhebung des Satzes vom Widerspruch
4.2.2 Aufhebung der Existenz
4.2.3 Abstrakter Denker versus Existierender
5. Kierkegaards Existenzphilosophie
5.1 Aufgaben des Menschen als Existierenden
5.1.1 Leidenschaftliches Existieren
5.1.2 Forderung des Ethischen
5.2 Beispiele für Existierende
5.2.1 Verschiedene Arten von Existierende
5.2.2 Der Subjektive Denker
5.2.3 Sokrates
5.3 Religiosität
5.3.1 Die Paradoxie in Glauben und Religion
5.3.2 Der subjektive Denker im Glauben
5.3.3 Problematik Christ zu werden
6. Abschließender Kommentar
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Kierkegaards Begründung einer Philosophie der Existenz, wobei der Schwerpunkt auf der Analyse des Zweiten Teils der "Abschließenden Unwissenschaftlichen Nachschrift zu den Philosophischen Brocken" liegt. Ziel ist es, Kierkegaards Abkehr von der traditionellen Metaphysik und seine Akzentuierung der menschlichen Subjektivität und Wirklichkeit im Gegensatz zum abstrakten Systemdenken darzulegen.
- Kierkegaards Kritik an der traditionellen Metaphysik und am Hegelschen Systemdenken
- Die Definition und Bedeutung des Existenzbegriffs bei Kierkegaard
- Die existentielle Problematik des Menschen als "Zwischenwesen"
- Die Forderung nach leidenschaftlichem Existieren und die Rolle der Innerlichkeit
- Existenzstadien und die Bedeutung des Glaubens sowie des Christseins
Auszug aus dem Buch
5.2.1 Verschiedene Arten von Existierende
Um den Kontrast zwischen wirklich Existierenden und einfach nur „lebenden“ bzw. existierenden Menschen darzustellen, wählt Kierkegaard das Beispiel des Kutschers, der seinen Wagen von einem langsames und einem sehr schnellen Pferd ziehen lässt. Auf der einen Seite wird ein Fuhrmann beschrieben, dessen Ziel die schnellstmögliche Erreichung seines Ziels ist. Trotz der Schwierigkeiten, die sich aus den beiden unterschiedlichen Temperamenten der Pferde ergeben, wird dieser Kutscher den Wagen lenken und zwischen den Pferden „vermitteln“. Auf der anderen Seite ist ein betrunkener Bauer geschildert, der im Wagen schläft, den Pferden ihren Lauf lässt und sich nicht darum kümmert, wie und wann er wohin kommen wird.
Das alte lahme Pferd ist als Symbol für die Zeitlichkeit des Menschen zu sehen, während das schnelle Pferd die Ewigkeit symbolisiert. Der Fuhrmann, der sich aktiv darauf einlässt, den Wagen zu lenken und zwischen den verschieden temperierten Pferden zu vermitteln sucht, offenbart sich als wahrhaft Existierender. Ein solcher wird seine ganze Kraft und Leidenschaft darauf verwenden, sein Leben zwischen den Polen Ewigkeit und Zeitlichkeit zu lenken. Er lässt sich ebenso wenig von der Zeitlichkeit zu Boden zerren wie er allein auf die Ewigkeit vertrauen wird – er steht zwischen den Polen und ignoriert keinen. Man sieht auch hier, dass das „richtige“ Existieren nur mit Blick auf die goldene Mitte erreicht werden kann. Man muss versuchen einen Ausgleich zu schaffen und beizubehalten. Der Bauer dagegen steht für alle Menschen, die einfach „nur so existieren“, ohne sich ihrer Existenz bewusst zu sein. Demgemäß sagt Kierkegaard: „Das versteht sich, auch er fährt, auch er ist ein Kutscher, und so gibt es vielleicht viele, die – auch existieren.“ So wie man zwischen verschiedenen Arten von Kutschern unterscheiden kann, kann man auch verschiedene Arten von Existierenden differenzieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Dieses Kapitel führt in die Person Kierkegaards als Begründer der Existenzphilosophie ein und benennt das zentrale Thema der Arbeit: die Untersuchung seines Werkes hinsichtlich der Begründung einer Existenzphilosophie.
2. Begriffsbestimmungen: Hier werden die zentralen Termini „Existenz“ und „Existieren“ definiert und von dem klassischen Essenzbegriff abgegrenzt, während gleichzeitig die Bedeutung von Existenzphilosophie allgemein erläutert wird.
3. Der Mensch: Dieses Kapitel beschreibt den Menschen als ein "Zwischenwesen", das in einer Synthese aus Notwendigkeit und Möglichkeit sowie Denken und Wirklichkeit steht und daraus resultierende existentielle Probleme hat.
4. Kritik an traditioneller Metaphysik: Hier erfolgt eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit der von Kierkegaard abgelehnten Identität von Denken und Sein, wobei insbesondere das abstrakte Systemdenken als unangemessen für die menschliche Existenz entlarvt wird.
5. Kierkegaards Existenzphilosophie: Dieses umfangreiche Hauptkapitel expliziert die Aufgaben des Menschen, die Bedeutung von Leidenschaft, die verschiedenen Existenzstadien sowie die zentrale Rolle der Religiosität und des Glaubens.
6. Abschließender Kommentar: Das Fazit fasst die zentralen Thesen zusammen: die Notwendigkeit, das abstrakte Denken abzulehnen und die eigene Existenz als widersprüchliche und leidenschaftliche Aufgabe im Diesseits zu verstehen.
Schlüsselwörter
Kierkegaard, Existenzphilosophie, Existenz, Existieren, Subjektivität, Metaphysik, Abstrakter Denker, Leidenschaft, Wahrheit, Widerspruch, Gott, Christentum, Innerlichkeit, Paradoxie, Dasein
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit Kierkegaards Begründung einer Philosophie der Existenz, wobei sie besonders die Abgrenzung zu traditionellen metaphysischen Systemen und die Bedeutung der individuellen menschlichen Existenz hervorhebt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konzepte von Existenz und Essenz, das Spannungsfeld zwischen Denken und Wirklichkeit, die Bedeutung von Subjektivität sowie die existentiellen Herausforderungen des Menschen in Bezug auf Ethik und Glauben.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Kierkegaards philosophischen Ansatz darzulegen, wie er sich insbesondere in der "Abschließenden Unwissenschaftlichen Nachschrift" manifestiert, und zu zeigen, warum er das traditionelle abstrakte Systemdenken als unzureichend für die menschliche Existenz ansieht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Textanalyse, die Kierkegaards Argumente aus der genannten Nachschrift systematisch aufbereitet, erläutert und durch Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur interpretiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Kritik an der traditionellen Metaphysik, die explizite Darstellung der Existenzphilosophie, die Rolle des Individuums als subjektiver Denker sowie eine Analyse der religiösen Dimension bei Kierkegaard.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben Kierkegaard vor allem Existenz, Existieren, Subjektivität, Metaphysik, das Verhältnis von Denken zu Wirklichkeit sowie der Begriff der Paradoxie.
Was bedeutet Kierkegaards Unterscheidung zwischen "abstrakten Denkern" und "Existierenden"?
Ein abstrakter Denker vernachlässigt die eigene Wirklichkeit zugunsten theoretischer Abstraktionen, während ein wahrhaft Existierender sich seiner Widersprüchlichkeit bewusst ist und sein Leben aktiv und leidenschaftlich zwischen den Polen der Endlichkeit und Unendlichkeit gestaltet.
Warum ist für Kierkegaard das Handeln so entscheidend?
Handeln ist für ihn der eigentliche Lebensvollzug, in dem der Mensch die theoretische Möglichkeit in Wirklichkeit übersetzt. Nur im Handeln, das von leidenschaftlichem Interesse getragen wird, lässt sich der Widerspruch des Daseins aushalten.
Welche Rolle spielt die "Paradoxie" in Bezug auf den christlichen Glauben?
Die Paradoxie beschreibt die Unmöglichkeit, die historische Menschwerdung Gottes rational zu begreifen. Glaube bedeutet für Kierkegaard nicht die Aneignung einer Lehre, sondern den leidenschaftlichen Sprung in das Paradoxon des Faktums der Menschwerdung.
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- M.A. Andrea Frohleiks (Author), 2004, Kierkegaards Begründung einer Philosophie der "Existenz", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86709