Nachrichtlich oder Narrativ - der Fall Susanne Osthoff

Quer-und Längsschnitt durch ARD und ZDF-Nachrichtensendungen


Hausarbeit, 2006

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung: Höhere Quoten dank Narrativität = niedrigere Qualität der Nachrichten ?!?

II. Der Fall Osthoff

III. Das inhaltsanalytische Codebuch zum Fall Osthoff

IV. Die Ergebnisse der Inhaltsanalyse

V. Narrativ oder Nachrichtlich – ein kurzer Kommentar

VI. Bibliographie

VII. Anhang (Codebuch, Auswertungstabellen)

I. Einleitung: Höhere Quoten dank Narrativität = niedrigere Qualität der Nachrichten ?!?

Jüngste Forschungen des ARD-Forschungsinstitutes zeigen, mittels langfristiger Inhaltsanalysen[1], dass traditionelle Nachrichtenangebote wie Tagesschau (ARD) oder Heute (ZDF) durch alle Altersklassen hindurch als äußerst vertrauenswürdig und glaubwürdig bewertet werden. Allerdings sind vor allem Jugendliche gleichzeitig der Ansicht, dass die Aufmachung der Informationssendungen nicht ihren Vorstellungen entspricht und die traditionellen Nachrichten häufig nur schwer verständlich sind.[2]

Dies führt zu dem Paradoxon, dass sie lieber Nachrichten schauen, deren Kernkompetenzen sie zwar schlechter beurteilen, die aber besser zu ihrem Rezeptionsverhalten passen. Dieses Problem ist den Informationsaufbereitern, Planern und Chefredakteuren öffentlich-rechtlicher Nachrichtensendungen wohl bekannt.

Sie wissen auch um ein weiteres Ergebnis der Studie, dass vielen Zuschauern von Nachrichtensendungen Detailgenauigkeit, Humor, Spannung und Authentizität auf der Ebene von Kommunikatoren (Moderatoren und Korrespondenten) und Inhalten wichtig ist.[3] Harmonische Gut-Böse-Konfliktbearbeitungen sollen glaubwürdige Stories erzeugen, bei denen Fernsehinhalte vor dem Hintergrund individueller Dispositionen zu einer positiver emotionalen Bilanz verarbeitet und interpretiert werden.

Je deutlicher die Merkmale der Informationsangebote mit den Präferenzen der Zuschauer korrelieren, so die Studie weiter, desto verständlicher und unterhaltsamer kommt die Sendung beim Fernsehpublikum an. Das sich „auf eine Stufe stellen“ mit den Protagonisten steigert also scheinbar die Aufnahmebereitschaft der Zuschauer, die Einschaltquoten schnellen tendenziell nach oben. Die Botschaft kommt dann an, wenn das Fernsehen sie wie eine Geschichte erzählt.

Kommunikationswissenschaftler wie Knut Hickethier und Sebastian Köhler sprechen hier vom „Storytelling“[4]. Diese TV-journalistischen Angebote in narrativer Form blenden bewußt traditionelle Nachrichtencharakteristika wie die „inverted-pyramid“ (das Wichtigste zuerst) aus und erzählen die Information in einer kausal-chronologischen Geschichte. An diesem Punkt beginnt der innere Diskurs der öffentlich-rechtlichen Nachrichtenmacher. Aktuelle Studien belegen ein anhaltendes Interesse an narrativ-vermittelten Nachrichten, doch gibt es neben diesen „vorfindbaren subjektiven Interessen privater Konsumenten“[5] auch den Informationsauftrag von ARD und ZDF sowie klassisch tradierte Nachrichtenwerte - ein Spannungsfeld zwischen Zuschauer und journalistischem Handwerkszeug, zwischen Anspruch an Unterhaltung und Realität der Faktenlage.

Gerade im kriegs- und krisenbezogenen TV-Journalismus zeigt sich der „schmale Grat“ zwischen diesen beiden Polen mitunter deutlich. Die für narrative Berichterstattungen typische „Gut-Böse-Struktur“[6] lässt sich im Rahmen einer gebeutelten Region oder einer politisch angespannten Lage leicht anwenden. Auf der anderen Seite erfordert eine brisante Situation eine äußerste journalistische Gewissenhaftigkeit sowie eine seriöse Faktenaufbereitung. Dies muss nicht zwangsläufig ein Widerspruch sein, erfordet aber auf journalistischer Seite ein höheres Maß an Differenziertheit.

Diese Arbeit soll mittels einer inhaltsanalytischen Querstudie die Berichterstattung über die im Irak entführte Susanne Osthoff in ARD und ZDF auf narrative und nachrichtliche Elemente hin überprüfen. Abschließend gibt der Autor mittels Zitaten aus den aufgeführten Sendungen eine kurze Bewertung ab. Da es sich bei dem Untersuchungszeitraum nur um einen Tag, den 29.11.2005 handelt, kann hier keine allgemeine These hinsichtlich der Entwicklung öffentlich-rechtlicher Fernsehnachrichten getroffen werden. Das Beispiel Susanne Osthoff kann aber als kleines Exempel der noch jungen Forschung auf diesem Feld angesehen werden, welches eine nähere Betrachtung lohnenswert erscheinen lässt.

II. Der Fall Osthoff

Die ausgebildete Archäologin Susanne Osthoff unterstützte seit 1991 Hilfsaktionen im und für den Irak. Die 44-Jährige brachte schon seit Jahren Medikamente und medizinische Geräte in das Land, heiratete einen Araber und lernte die muslimische Sprache, auch um im Irak langfristig sesshaft zu werden. Der deutschen Öffentlichkeit war sie bis zu dem Tag ihrer Entführung, am 25.11.2005, weitgehend unbekannt. Die "Süddeutsche Zeitung" zeichnete die „gemäßigte Muslimin“[7] 2003 für den Einsatz in den Kriegsgebieten mit ihrem Tassilo-Preis für Zivilcourage aus. Davon nahm die Öffentlichkeit, im Kontext der Arbeit sind hier vor allem die Nachrichtensendungen gemeint, aber ebensowenig Notiz wie von der Tatsache, dass die gebürtige Münchnerin bereits im Sommer 2005 im Visier von Terroristen aus Kreisen des irakischen Al-Kaida-Chefs Abu Mussab al Sarkawi stand.

Am 25. November 2005 wurden Osthoff und ihr irakischer Fahrer Chalid al Schimani auf dem Weg nach Erbil, in der nördlichen Irak-Provinz Ninive von Unbekannten verschleppt. ARD und ZDF berichten vier Tage später erstmals von dem Vorfall. Aufgrund des Irak-Krieges zwei Jahre zuvor und der bürgerkriegsähnlichen Situation im Land stellte dieses Entführung auch nach gängigen Nachrichtenwerttheorien ein durchaus berichtenswertes Thema dar. Vor allem die Tatsache, dass in der Münchner Archäologin Susanne Osthoff erstmals eine Deutsche in der langen Reihe von Entführungen im Irak verschleppt worden war, generierte ein außerordentlich hohes gesellschaftliches Interesse in der Bundesrepublik. So ist es auch nicht weiter verwunderlich , dass der Fall Osthoff laut Info Monitor 2005 zum Top-Nachrichtenthema des Dezembers 2005[8] wurde.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Kontext dieser Arbeit, die sich mit dem Eröffnungstag dieser Nachrichtenentwicklung beschäfigt, stellt sich daher zwangsläufig die Frage, inwieweit die Berichterstattung über diesen heiklen wie von der Öffentlichkeit penibel verfolgten Fall am 29.11.05 narrative oder nachrichtliche Elemente benutzte. Sei es, um komplexe Sachverhalte vereinfacht darzustellen, oder dem Zuschauer die Protagonistin im Krisenfall, hier Susanne Osthoff, bis zu einem identifizierenden Grad hin näher zu bringen. Die vorliegende Inhaltsanalyse beschäftigte sich ausschließlich mit den Nachrichtensendungen von ARD und ZDF.

Laut obenstehender Tabelle haben die beiden Sender dem Fall Osthoff besonders viele und deutlich mehr Minuten als die privaten Sender gewidmet. Generell räumen die öffentlich-rechtlichen Sender den Nachrichtensendungen ein Zehntel der Sendezeit ein, bei RTL und SAT 1 sind es jeweils unter vier Prozent.[9] Hinzu kommt die informationsbildende Verpflichtung der öffentlich-rechtlichen Sender bei denen das Profil der Nachrichten deutlich konventionellere Züge als bei den privaten trägt.[10]

Eine Inhaltsanalyse dieser im traditionellen Sinne nachrichtlichen Formate am Beispiel der Entführung von Susanne Osthoff, dem Top-Thema des Monats Dezember, kommt hinsichtlich struktureller Veränderungen im TV-Journalismus (narrative Tendenzen, „Storytelling“) somit ein beispielhafter Charakter zu. Der 29.11.2005 steht zugleich als Anfangspunkt einer langen Kette von Nachrichten über Susanne Osthoff in ARD und ZDF, an ihm kamen die Dinge nachrichtlich ins Rollen. Eine inhaltsanalytische Auswertung kann hier gewisse strukturelle Strategien am Anfang einer Nachrichtenentwicklung tendenzieren – hinreichend belegen oder gar beweisen kann sie mögliche Intentionen seitens der Sendungsplaner ob ihres spekulativen Charakters hingegen nicht.

III. Das inhaltsanalytische Codebuch zum Fall Osthoff

Im Rahmen des Seminars „Nachrichtliches und Narratives im TV-Journalismus“ am journalistischen Institut der Universität Leipzig entstand im Sommersemester 2006 in Gruppenarbeit ein inhaltsanalytischer Querschnitt zum „Nachrichtenfall Susanne Osthoff“. Basierend auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen und pragmatischen Ansätzen Werner Frühs, Klaus Mertens und Werner Friedrichs[11] wurde diese mittelfristige empirische Untersuchung im Rahmen eines umfangreichen Codebuches[12] angeordnet.

Die Basis bildeten hierbei drei Hypothesen, die mittels der Inhaltsanalyse, wenn möglich, falsifiziert oder verifiziert werden sollten:

So beschäftigte sich die Hypothese H1 mit der tendenziell außerordentlichen narrativen Tendenz in den Beiträgen von ARD und ZDF zum Fall Susanne Osthoffs am 29.11., die im Kontrast zu den traditionellen Nachrichtensendungen beider Sender und ihres politischen Informationsprofils stehen könnten.

Die Zweite unterstellte der ARD an diesem Tag einen größeren Anteil narrativer Elemente als dem ZDF, um beide zu untersuchenden Sender auch miteinander vergleichen zu können.

Hypothese Drei unterschied zwischen den viertelstündlichen Nachrichtensendungen „Tagesschau“ und „Heute“ und den jeweils später ausgestrahlten Magazinen „Tagesthemen“ und „Heute-Journal“.

Die dimensionale Analyse[13] mitsamt der notwendigen Begriffsexplikationen ergaben folgendes klar ausdifferenziertes Untersuchungsfeld: Als Berichterstattung galten alle Elemente einer Nachrichtensendung in Wort, Bild und Ton die sich primär mit der Entführung Susanne Osthoffs beschäftigten. So auch die Anmoderationen als selbstständige Codiereinheiten, da der Beitrag häufig schon bei ihnen eine eigene Färbung, eine gewisse Dramaturgie und somit Struktur bekommt. Als zu untersuchende Nachrichtensendungen wurden Tagesschau um 18 und 22 Uhr sowie Tagesthemen um 22.15 auf Seiten der ARD, Heute um 19 Uhr und Heute-Journal um 21.50 festgelegt.

Die Definitionen und damit Unterscheidungsmerkmale zwischen narrativ und nachrichtlich geprägten Erzählstrategien wurden aus der Lektüre des Seminars und gemeinsamen Diskussionen zusammengetragen.[14]

Somit galt als narrative Tendenz die Existenz einer Erzählperson durch Positionierung, die nicht vorhandene Kürzbarkeit des Beitrages, die Zuspitzung gegen Ende, eine Konfliktposition des Handlungsträgers, die kausal-chronologische Erzählweise, die vereinfachte und emotionalisierte Darstellungsweise des Erzählstranges sowie die „Gut-Böse-Struktur“.

Demgegenüber erwies sich die klassisch nachrichtliche Tendenz durch den Pyramiden-Aufbau, faktische Aussagen, das Gegenüberstellen von Argumenten, Hyperaktualität, Personen als Handlungs-und Informationsträger sowie eine fragmentarische Aneinanderreihung einzelner Sätze.

Dieser definitorische Kern der Inhaltsanalyse führte zu fünfzehn unterschiedlichen Variablen im Versuchsprotokoll des Codebuches[15], welche als narrativ, nachrichtlich oder indifferent klassifiziert wurden. Die ersten fünf widmeten sich dabei dem Einstieg, Variablen fünf bis zehn der Personalisierung und Beitragsstruktur, elf bis dreizehn dem Moderator/Erzähler/Sprecher, vierzehn der Aktualität der dargestellten Ereignisse und fünfzehn einem Konglomerat aus Schnittrhythmus, ausgewählten Bildern und Einstellungsgrößen.[16]

[...]


[1] 16 000 Beiträge und 23 000 Sendeminuten werden von der Studie pro Jahr untersucht

[2] ARD-Forschungsdienst: Fernsehunterhaltung aus Zuschauersicht, in Media Perspektiven 03/2006, Seite 171-177.

3ebd.

4 unter anderem in: Hickethier, Knut: Narrative Navigation durchs Weltgeschehen. Erzählstrukturen in Fernsehnachrichten, in Meckel, Miriam/Kamps, Klaus: Fernsehnachrichten. Prozesse, strukturen, Funktionen, Westdeutscher Verlag Opladen/Wiesbaden, S.185 ff. und Köhler, Sebastian: Geschichten erzählen um jeden Preis? Wenn sich Storytelling im Fernsehen verselbstständigt, in Journalistik Journal 01/2006, Seite 34-35.

[5] Sebastian Köhler in ebd.

[6] Siehe auch bei Köhler und Hickethier

[7] Selbsteinschätzung Susanne Osthoff, Vgl. http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID4998282_TYP6_THE5063058_NAV_REF_BAB,00.html

[8] siehe Krüger, Udo Michael: Themenprofile deutscher Fernsehnachrichten, in Media Perspektiven 07/2005, Seite 302-320, aus diesem Text ist auch die eingegliederte Grafik entlehnt.

[9] Siehe ebd. Krüger

[10] Vgl. auch ebendiesen

[11] Früh, Werner: Inhaltsanalyse: Theorie und Praxis (5. Auflage). UVK Konstanz 2001. Mertens, Klaus: Inhaltsanalyse: Einführung in Theorie, Methode und Praxis (2. Auflage). Westdeutscher Verlag Opladen 1995. Friedrichs, Jürgen: Methoden empirischer Sozialforschung (14. Auflage). Westdeutscher Verlag Opladen 1990.

[12] Für detailiertere Informationen siehe Anhang, Kapitel VII.

[13] Siehe Früh, Werner: Inhaltsanalyse: Theorie und Praxis (5. Auflage). UVK Konstanz 2001.

[14] Siehe hier vor allem die Arbeiten Köhlers, Hickethiers und Waldhausers

[15] Siehe Codebuch im Kapitel VII, dem Anhang.

[16] Bei einigen Variablen wurden fünfstufige Skalen verwendet, die zum Teil auf den Theorien Donsbachs fußen, siehe Donsbach, Wolfgang/Büttner, Katrin (2005): Boulevardisierungs-Trend in deutschen Fernsehnachrichten. Darstellungsmerkmale der Politikberichterstattung vor den Bundestagswahlen 1983, 1990 und 1998. Publizistik 50. Daher fliesst in diese Inhaltsanalyse auch eine Intensitätsanalyse mit ein.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Nachrichtlich oder Narrativ - der Fall Susanne Osthoff
Untertitel
Quer-und Längsschnitt durch ARD und ZDF-Nachrichtensendungen
Hochschule
Universität Leipzig  (KMW)
Veranstaltung
Nachrichtliches und Narratives in deutschen Fernsehnachrichten
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
25
Katalognummer
V86785
ISBN (eBook)
9783638047227
ISBN (Buch)
9783638942942
Dateigröße
935 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit fusst auf einer umfangreichen empirischen Untersuchung mitsamt Inhaltsanalyse, Codebuch sowie ausführlicher Darstellung der Ergebnisse sowie eines dezidierten Abschlußkommentares. Die Arbeit ist mit 1,0 (herausragend!) bewertet worden.
Schlagworte
Nachrichtlich, Narrativ, Fall, Susanne, Osthoff, Nachrichtliches, Narratives, Fernsehnachrichten
Arbeit zitieren
Timo Gramer (Autor), 2006, Nachrichtlich oder Narrativ - der Fall Susanne Osthoff, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86785

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