Den Begriff "Gang" verbinden die meisten Menschen automatisch mit kriminellen, farbigen Jugendlichen, die sich in den USA Straßenschlachten liefern und mit Drogen dealen. In diesem Szenario spielen Mädchen eine untergeordnete Rolle. In letzter Zeit haben amerikanische Medien gewalttätige Gangmädchen für sich entdeckt und mit reißerischen Berichten die Aufmerksamkeit auf sie gelenkt. Doch wie sieht es in der Realität mit diesen Mädchen wirklich aus? Weil das Hauptaugenmerk der Forschung noch immer auf männlichen Bandenmitgliedern liegt, gibt es über die Mädchen nur wenige Erkenntnisse. Besonders über den Bereich der rein weiblichen Gangs ist kaum etwas bekannt.
Noch weniger Forschungsergebnisse über dieses Thema gibt es in Deutschland. Das liegt wahrscheinlich daran, dass kriminelle Mädchengangs hierzulande kein gesellschaftliches Problem darstellen. Dennoch gibt es sie und die Forschung beginnt, diese Gruppen zu analysieren. Uns interessierten vor allem die Gründe für die Gewaltbereitschaft der Mädchen. Außerdem wollten wir wissen, welche Unterschiede im Gruppenleben in Bezug auf deren Entstehung, Aktivitäten und ihre Bedeutung für die Mitglieder zwischen den USA und Deutschland bestehen. Dabei gehen wir auch auf das Bild, das die Mädchen von sich selbst haben, vergleichend ein.
Bei diesem Vergleich benutzten wir in Bezug auf Deutschland, uns an der Forschung orientierend, die Bezeichnungen "gewaltbereite Jugendclique" oder "Jugendgruppe". Im Teil über die USA sprechen wir weiterhin von "Gangs" und "Banden". In den USA wird schon seit Anfang des Jahrhunderts soziologische Bandenforschung betrieben. Doch von Anfang an hatten die gewählten Erklärungsansätze gemein, dass sie sich hauptsächlich mit männlichen Banden beschäftigen. Frauen und Mädchen treten nur als Randerscheinungen auf. Das kann unter anderem daran liegen, dass es insgesamt weniger Mädchen als Jungen in Banden gibt, und noch viel weniger Banden, die nur aus Mädchen bestehen. So waren 1975 in New York nur sechs Prozent aller Bandenmitglieder weiblich. Außerdem gab es nur 6 reine Mädchenbanden. Diese Betrachtungsweise, in der „roles were described by male gang members to male researchers and interpreted by male academics“, hat zu einem recht einseitigen Bild von weiblichen Bandenmitgliedern geführt. Ob in Cohens subkulturtheoretischen Ansätzen oder auf Mertons Anomietheorie basierenden Studien von Cloward und Ohlin , der Fokus lag lange Zeit auf männlichen Bandenmitgliedern.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Banden in den USA
2.1. Banden in sozialen Zusammenhängen
2.1.1. Das soziale Umfeld
2.1.2. Der Theorieansatz der Lebenssituation
2.2. Entstehung und Aufbau
2.3. Aspekte des Bandenlebens
2.3.1. Gründe für den Beitritt
2.3.2. Leben in der Bande
2.3.3. Kriminalität
3. Banden in Deutschland
3.1. Banden in sozialen Zusammenhängen
3.1.1. Das soziale Umfeld
3.2. Entstehung und Aufbau
3.3. Aspekte des Cliquenlebens
3.3.1. Die Bedeutung der Clique für die Mädchen
3.3.2. Funktionen der Gewalt
3.3.3. Die Aktionsmacht
3.3.4. Kriminalität
4. Vergleich der Banden
4.1. Das soziale Umfeld
4.2. Entstehung und Aufbau
4.3. Aspekte des Bandenlebens
4.4. Kriminalität
4.5. Die Bedeutung der Gruppe
5. Die Veränderung des Weiblichkeitsbildes
5.1. Neupositionierung im Geschlechterverhältnis in Deutschland?
5.2. Überlegungen zu möglichen Verschiebungen des Weiblichkeitsbildes in den USA
6. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht das Phänomen weiblicher Jugendbanden bzw. gewaltbereiter Cliquen in den USA und in Deutschland, wobei der Fokus auf den Gründen für die Gewaltbereitschaft, der Entstehung der Gruppen sowie ihrer Bedeutung für die Identitätsfindung der Mädchen liegt.
- Soziale Herkunft und Lebensbedingungen in Brennpunkten
- Strukturelle Unterschiede zwischen US-amerikanischen Gangs und deutschen Cliquen
- Die Funktion von Gewalt als Identitäts- und Machtinstrument
- Weiblichkeitskonzepte und Rollenbilder im Wandel
- Kriminalitätsraten und die Rolle der Medien bei der Stigmatisierung
Auszug aus dem Buch
2.1. Banden in sozialen Zusammenhängen
Um die Entstehung von Gangs zu erklären, wurde oft die soziale Struktur der betroffenen Viertel herangezogen. Labile, sozial schwache und arme Gegenden galten als besonders anfällig für Gangbildung, obwohl auch in sozial gut organisierten Vierteln oft von Bandentätigkeiten berichtet wurde. Um die Entstehung der Gangs in instabilen Gegenden zu erklären, wurde meist eine Theorie sozialer Desorganisation genutzt. Banden in sozial stabilen Nachbarschaften hingegen wurden mit Hilfe von Subkulturtheorien oder Theorien ökonomischer Marginalisierung erklärt.
2.1.1. Das soziale Umfeld
Gangs treten zumeist in sehr armen Stadtteilen auf. Die wenigsten Bewohner haben eine Arbeit, und wenn, so ist diese schlecht bezahlt. Deshalb leben viele von der Wohlfahrt. Oft sind die Anwohner zusätzlich Angehörige einer ethnischen Minderheit, was ihre Chancen auf gesellschaftlichen Aufstieg verschlechtert. Dazu kommt, dass viele Jugendliche, die dort aufwachsen, die Schule abbrechen und so ein Teufelskreis von schlechter Ausbildung und Armut geschaffen wird.
In den Vierteln gibt es wenig Arbeitsplätze und Freizeiteinrichtungen. Oft sind die Häuser, selbst die bewohnten, extrem baufällig. Die Jugendlichen sind in ihrer Freizeitgestaltung auf sich selbst gestellt. Sie hängen den ganzen Tag mit Freunden aus ihrer Gang herum, da es weit verbreitet ist, die Schule zu schwänzen. Banden existieren in diesen Vierteln schon seit Generationen und ist es beinahe selbstverständlich einer Gang beizutreten. Wenn die Eltern noch nicht in einer Bande waren, so bestimmt oft die Wahl der älteren Geschwister, in welcher Gang man Mitglied wird. Außerdem bedeutet nicht Mitglied in einer Gang zu sein, eine größere Gefahr Opfer von Bandengewalt zu werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema ein, verdeutlicht die Unterrepräsentation weiblicher Banden in der Forschung und definiert die Zielsetzung des Vergleichs zwischen den USA und Deutschland.
2. Banden in den USA: Dieses Kapitel analysiert die soziologischen Rahmenbedingungen, die Entstehung und das Leben in US-amerikanischen Gangs sowie die Rolle von Kriminalität.
3. Banden in Deutschland: Es wird die Situation gewaltbereiter Mädchengruppen in Deutschland betrachtet, wobei insbesondere das soziale Umfeld, die Entstehung und die spezifische Bedeutung von Gewalt und Aktionsmacht beleuchtet werden.
4. Vergleich der Banden: In diesem Kapitel werden die Beobachtungen aus beiden Ländern gegenübergestellt, um Ähnlichkeiten und signifikante Unterschiede in Struktur, sozialer Einbettung und kriminellem Verhalten herauszuarbeiten.
5. Die Veränderung des Weiblichkeitsbildes: Es wird diskutiert, ob gewaltbereites Verhalten bei Mädchen als eine Neupositionierung im Geschlechterverhältnis oder als Konstruktion einer neuen Weiblichkeit verstanden werden kann.
6. Resümee: Dieses Kapitel fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und relativiert insbesondere die mediale Wahrnehmung der Problematik in den USA im Vergleich zur deutschen Forschungslage.
Schlüsselwörter
Mädchengangs, Jugendcliquen, Gewaltbereitschaft, Sozialisation, Geschlechterverhältnis, Bandenforschung, Kriminalität, USA, Deutschland, Identität, Marginalisierung, Weiblichkeitsbild, Subkultur, Peer-Group, Delinquenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit einem Vergleich von weiblichen Banden in den USA und gewaltbereiten Mädchencliquen in Deutschland unter Berücksichtigung soziologischer und pädagogischer Perspektiven.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf den Ursachen der Gruppenbildung in sozialen Brennpunkten, der Funktion von Gewalt, den Geschlechterrollen sowie den Unterschieden zwischen den amerikanischen Gangs und deutschen Jugendcliquen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Gründe für die Gewaltbereitschaft junger Mädchen zu verstehen und die Unterschiede in Bezug auf Entstehung, Gruppenleben und Bedeutung dieser Gruppen zwischen den USA und Deutschland vergleichend darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse bestehender soziologischer Studien und Forschungsberichte zu Mädchengruppen, Gewalt und Bandenkriminalität.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der Bandenstrukturen in den USA und Deutschland, einen direkten Vergleich dieser Phänomene sowie eine theoretische Diskussion zur Veränderung von Weiblichkeitsbildern durch Gewalt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Mädchengangs, Gewaltbereitschaft, Geschlechterverhältnis, Marginalisierung und Identitätsentwicklung charakterisiert.
Warum spielt die ethnische Zusammensetzung in den USA eine andere Rolle als in Deutschland?
In den USA bilden Banden häufig ethnisch homogene Gruppen in segregierten Vierteln, während die untersuchten deutschen Gruppen eine stärkere ethnische Heterogenität mit deutschen Mädchen und Mädchen mit Migrationshintergrund aufweisen.
Was bedeutet der Begriff „Aktionsmacht“ in diesem Kontext?
Aktionsmacht beschreibt die durch gemeinsames gewaltbereites Handeln entstehende Macht, die den Mädchen als Gruppe ein Gefühl von Überlegenheit und Stärke verleiht, das als bindendes Element der Freundschaft fungiert.
Stimmen die Darstellungen in US-amerikanischen Medien mit der Realität überein?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die mediale Darstellung in den USA oft übertrieben ist und ein kriminelleres Bild zeichnet, als es die tatsächlichen Studiendaten und die reale Lebenssituation der Mädchen widerspiegeln.
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- Katrin Grebing (Author), Melanie Grebing (Author), 2004, Mädchengangs in Deutschland und den USA, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/86880