Die bisherigen Wertorientierungen der Sexualpädagogik sind fragwürdig geworden angesichts der Globalisierung, der multikulturellen Durchmischung unserer Bevölkerung, der religiösen Vielfalt im Lande und der Pluralisierung von Lebensformen, Lebensstilen und Subkulturen.
Sexualität steht vor der Frage, woran sie sich im Zeitalter der Postmoderne ethisch-moralisch orientieren kann, ohne eurozentrische Anmassung und ohne fundamentalistischen Alleinvertretungsanspruch des westlich-christlichen marktwirtschaftlichen Wertesystems.
Die "Erklärung der sexuellen Menschenrechte", wie sie von der Generalversammlung der World Association for Sexology im Jahre 1999 in Hongkong verabschiedet worden ist, könnte eine solche Orientierungshilfe bieten.
Der vorliegende Band leistet interdiszilinäre, fächerübergreifende Beiträge zu den Grundlagen der Sexualpädagogik.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Freikörperkultur und Nackterziehung
Globalisierung, Postmoderne und Orientierungsprobleme der Sexualpädagogik
Abweichendes Verhalten aus Sicht der Sexualwissenschaft
Zum Verhältnis von Sexualverhalten, sexuellen Funktionsstörungen und Persönlichkeitstypus
Ethische und moralische Aspekte der Sexualpädagogik in der pluralistischen Gesellschaft
Veränderte Kindheit – Konsequenzen für die Sexualpädagogik
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historischen und gegenwärtigen Grundlagen der Sexualpädagogik, beleuchtet den Einfluss gesellschaftlicher Transformationen wie Globalisierung und Postmoderne auf das individuelle Sexualverhalten und analysiert die Zusammenhänge zwischen Persönlichkeitsstrukturen, abweichendem Verhalten und ethischen Orientierungspunkten in einer pluralistischen Gesellschaft.
- Historische Entwicklung von Sexualmoral und Sexualerziehung
- Die Rolle von Freikörperkultur und Naturismus im Kontext der Lebensreform
- Auswirkungen gesellschaftlicher Umbrüche (Globalisierung, Postmoderne) auf die Sexualpädagogik
- Zusammenhang zwischen Sexualunterdrückung und abweichendem Verhalten
- Charaktertypologien und ihr Einfluss auf das sexuelle Erleben
- Ethische Fundierung von Sexualpädagogik durch Menschenrechte
Auszug aus dem Buch
Die Ursprünge der Freikörperkulturbewegung
Die Freikörperkultur-Bewegung entstand im deutschsprachigen Raum vor mehr als 100 Jahren. Sie entstand nicht als isoliertes Einzelphänomen, sondern im Kontext der Lebensreformbewegung. Die damalige Lebensreformbewegung strebte eine Erneuerung der gesamten Lebensführung auf den Gebieten der Ernährung ( Vegetarismus ), der Kleidung, der Wohnung, der Gesundheits- und Körperpflege ( Ablehnung von Alkohol-, Rauschmittel- und Tabakkonsum ) an. In Anlehnung an naturheilkundliche ( z.B. Pfarrer Kneipp ) und naturphilosophische Konzepte ( z.B. ROUSSEAU ) wird der nackte Körper als natürlichster Ausdruck der Körperlichkeit wiederentdeckt und dem unbekleideten Baden in Licht, Luft und Sonne eine gesundheitsfördernde Wirkung zugeschrieben.
Die Verfechter der vor dem Ersten Weltkrieg als Nacktkultur bezeichneten Freikörperkultur werten Nacktheit zur sittlichen und „natürlichen“ Lebensweise auf. Damit kehren sie die Vorwürfe der Anhänger des prüden Puritanismus, sich gegen Sittlichkeit und Moral zu versündigen, auf provokative Weise ins Offensive um. Nacktheit wird als Mittel der Befreiung von einer prüden, Verklemmungen und Neurosen erzeugenden Zwangsmoral einer krankhaften Gesellschaft propagiert. Nacktkultur versteht sich als ein gesellschaftspolitisches und kulturreformerisches Konzept, das Gesellschaftsveränderung durch Lebensreform von der Basis der Subjekte aus anstrebt. Bestandteile der Nacktkultur als Weltanschauung sind die freiwillige Selbstverpflichtung zu einer naturgemäßen Lebensweise mittels Vegetarismus, Rauschmittel- und Genussmittel-Abstinenz, Bescheidenheit in Kleidung und Lebensführung,
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Dieses Kapitel skizziert den historischen Wandel der Sexualität von einem natürlichen Bestandteil des Lebens hin zu einem problematisierten, unterdrückten Gegenstand.
Freikörperkultur und Nackterziehung: Der Abschnitt beleuchtet den Ursprung der Freikörperkultur als Teil der Lebensreformbewegung und ihre gesellschaftspolitischen sowie erzieherischen Ziele.
Globalisierung, Postmoderne und Orientierungsprobleme der Sexualpädagogik: Hier wird diskutiert, wie sich globale Strömungen auf individuelles Verhalten auswirken und welche neuen Anforderungen sich daraus für die Orientierung der Sexualpädagogik ergeben.
Abweichendes Verhalten aus Sicht der Sexualwissenschaft: Dieses Kapitel analysiert die These, dass ein Großteil abweichenden Verhaltens durch triebunterdrückende Sexualmoral und Repression entsteht.
Zum Verhältnis von Sexualverhalten, sexuellen Funktionsstörungen und Persönlichkeitstypus: Die Analyse konzentriert sich auf die enge Verknüpfung von individueller Charakterstruktur und sexuellen Ausprägungen bzw. Störungen.
Ethische und moralische Aspekte der Sexualpädagogik in der pluralistischen Gesellschaft: Das Kapitel untersucht die philosophischen Grundlagen von Ethik und Moral und die Notwendigkeit eines ethischen Minimalkonsenses.
Veränderte Kindheit – Konsequenzen für die Sexualpädagogik: Dieser Teil betrachtet, wie sich Unsicherheiten in der heutigen Gesellschaft auf Kindheit und die daraus resultierenden Anforderungen an eine moderne Sexualpädagogik auswirken.
Schlüsselwörter
Sexualpädagogik, Sexualmoral, Sexualwissenschaft, Freikörperkultur, Globalisierung, Postmoderne, Sexualunterdrückung, Charakterforschung, Ethik, Menschenrechte, sexuelle Selbstbestimmung, psychoanalytische Charaktertypen, Lebensreform, Sozialisation, sexuelle Gesundheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die historischen und theoretischen Grundlagen der Sexualpädagogik und analysiert, wie sich gesellschaftliche Strukturen und individuelle Charaktertypen auf die Sexualität und deren pädagogische Vermittlung auswirken.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die Geschichte der Sexualerziehung, der Zusammenhang von gesellschaftlicher Repression und abweichendem Verhalten, die Auswirkungen der Postmoderne auf das sexuelle Ich sowie die ethische Fundierung sexueller Rechte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Sexualpädagogik in einer postmodernen, pluralistischen Gesellschaft Orientierung bieten kann, ohne dabei in eurozentrische oder fundamentalistische Muster zu verfallen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Der Autor stützt sich vorwiegend auf kultur- und sexualwissenschaftliche Analysen, psychoanalytische Ansätze zur Charakterforschung sowie soziologische Studien zur Moderne und Globalisierung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Analysen zu historischen Reformbewegungen (Nacktkultur), die Auswirkungen gesellschaftlicher Globalisierung, Ursachen für abweichendes Verhalten aus sexualökonomischer Sicht und eine differenzierte Auseinandersetzung mit verschiedenen Charaktertypen und deren Einfluss auf das Liebesleben.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Begriffe umfassen Sexualpädagogik, sexuelle Menschenrechte, gesellschaftliche Repression, Charakterstruktur, Postmoderne und die Verbindung von Naturismus und Erziehung.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der Sexualerziehung in der Vergangenheit?
Der Autor beschreibt, dass Sexualerziehung historisch oft nicht als Aufklärung, sondern als Mittel zur Abschreckung, zur Kontrolle und zur Durchsetzung einer bürgerlichen Leistungs- und Zwangsmoral diente.
Welche Bedeutung haben die "Sexuellen Menschenrechte" für den Autor?
Sie dienen als universale ethische Orientierungshilfe für die moderne Sexualpädagogik, um ein gesundes und selbstbestimmtes Sexualleben auf der Grundlage von Freiheit, Würde und Gleichheit zu ermöglichen.
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- Professor Dr. phil. Karl-Heinz Ignatz Kerscher (Author), 2008, Sexualmoral und Sexualerziehung in Vergangenheit und Gegenwart, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87256