Die Wohngemeinschaft Kommune I


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
21 Seiten, Note: 1-

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Wohngemeinschaft Kommune I
1.1 Die Idee

2. Die Umsetzung und die erste Phase der Kommune I
2.1 Die Protestaktionen der Kommune I
2.1.1 Das Puddingattentat
2.2 Die Happening-Kultur

3. Die zweite Phase der Kommune I
3.1 Nachbetrachtungen

4. Fazit

5. Literatur

1. Die Wohngemeinschaft Kommune I

Die Wohnform der Kommune oder der Wohngemeinschaft (WG) als alternatives Modell zum Wohnen in und mit der Familie hat in Deutschland eine jüngere Geschichte als oft vermutet. Es gab und gibt zwar praktizierte Alternativen, wie z.B. das Wohnen in Heimen oder das allein Leben, jedoch stehen diese Wohnformen kaum in Konkurrenz zur WG. Auch wurde das Wohnen in der Familie nicht etwa eingedämmt oder verringert, die Kommune/WG entwickelte sich vom Entwurf eines Gegenmodells zu einer praktizierten Alternative. Grundgedanke des Zusammenlebens in einer Kommune/WG ist der Anspruch der kollektiven Bewältigung des alltäglichen Lebens um daraus mehr Spielraum für soziale Beziehungen zu gewinnen. Zweck-WGs, deren einziger Sinn darin besteht, günstigen Wohnraum für eine in vielen Beziehungen heterogene Gruppe von Individuen bereitzustellen, nehmen sich hier natürlich aus.

Den größten Erfolg hat das Modell der Kommune/WG nach wie vor im studentischen Milieu. Dies mag zum einen aus der bei Studenten generell höheren Akzeptanz von alternativen Modellen zur Lebensbewältigung resultieren, zum anderen trifft „das Modell vom gemeinsamen Wohnen [...] in eine Alterssituation, in der das Zusammensein mit Gleichaltrigen ohnehin einen sehr wichtigen Stellenwert hat“[1]. Die Entstehung der Wohnform Kommune/WG Mitte der sechziger Jahre in Berlin erfolgte im, von kommunistischen und marxistischen Ideen faszinierten, linken studentischen Milieu. Allerdings waren die Vorraussetzungen mit den heutigen Umständen in keiner Weise zu vergleichen. Die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen trieben Menschen dazu sich in der Außerparlamentarischen oder später oft Antiparlamentarischen Opposition kurz APO zu engagieren.[2] Die Zeit der großen Koalition zwischen 1967 und 1969 markierte die heißeste Phase des Widerstandes gegen herrschende Verhältnisse. Genau in dieser Zeit existierte die Kommune I.

Der erst 1969 im Zuge der großen Strafrechtsreform abgeschaffte Artikel §180 StGB sah für die Beförderung der Kuppelei, also der Möglichmachung und Tolerierung von sexuellen Beziehungen Minderjähriger Freiheitsstrafen bis zu fünf Jahren vor:

„Jährlich wurden Hunderte von Ehepaaren verurteilt, die aufgrund der Denunziation eines Nachbarn der Kuppelei überführt wurden, weil sie ihren Sohn oder Tochter mit Freund oder Freundin in der Wohnung hatten nächtigen lassen – aus heutiger Sicht vielleicht ein historisches Gaudium, damals [...] ein Eingriff in das Intimleben.[3]

Am 18.4.1967 ging die erste Strafanzeige wegen Kuppelei, gestellt von einem Kriminalkommissar, gegen die Kommune I bei der West-Berliner Staatsanwaltschaft ein, blieb jedoch nur ohne Folgen, weil aussichtsreichere Verfahren gegen die Kommunarden anstanden.[4] Die Volljährigkeit wurde zu diesem Zeitpunkt erst mit 21 Jahren erreicht, was bedeutete, dass viele Studenten noch nicht im Besitz ihrer vollen Bürgerrechte waren. Erst 1975 wurde das Alter für das Erreichen der Volljährigkeit auf 18 Jahre gesenkt. Dies hatte zur Folge, dass Vermieter sehr genau auf die zukünftigen Mieter schauten. Handelte es sich um Pärchen ohne Trauschein wurde oft eine Verlobung verlangt, um möglichen Repressalien vorzubeugen. Das formlose Zusammenwohnen von jungen Menschen war ähnlich schwierig, weil ein großer Teil der Vermieter auf Grund der beschriebenen diffusen Rechtslage auf rechtskräftige Untermietverträge bei kontinuierlichem Besuch bestand. „Die Westberliner Meldegesetze waren sehr streng.[...]. Einfach irgendwo zu wohnen ohne sich anzumelden war strafbar.“[5] In genau dieser konservativ geprägten und durch die angespannte Lage West-Berlins als eingekesselte Insel des „freien“ Westens im kommunistischen Osten angespannten außenpolitischen Situation, wurde die Kommune I gegründet. Der Focus dieser Arbeit soll auf dem gesellschaftlichen Bruch, mit dem deutschen Spießbürgertum, der durch das öffentliche Ausleben des kommunalen Lebens und der damit verbundenen Aufmerksamkeit seitens breiten Bevölkerungsschichten, vollzogen wurde, liegen. Hierbei soll auch der Aspekt des gesellschaftlichen Widerstandes des Wohnprojektes Kommune I und die Aufnahme durch die Medien betrachtet werden. Des Weiteren möchte ich von der Ur-Wohngemeinschaft Kommune I geprägte Merkmale von Wohngemeinschaften und studentischem Zusammenleben aufzeigen. Das Verhältnis von Kommunarden und Presse ist von Beginn an ambivalent: Die Manipulationsinstrumente des Staates werden gleichzeitig abgelehnt und als Informationsquelle und Forum für eigene Inhalte genutzt.[6] Um eine umfassende Bearbeitung des Themas zu gewährleisten, muss eine kurze erklärende Einleitung zu den Umständen und den Lebenswelten der ersten Kommunarden erfolgen.

1.1 Die Idee

Die ursprüngliche Idee zur Gründung und Auslebung einer alternativen Lebens- und Wohnform geht auf verschiedene Strömungen und Personen zurück. Zwar ist mit der Lokalität West-Berlin der Raum, indem sich die meisten Geschehnisse um die Kommune 1 abspielten überschaubar, die Akteure waren aber keinem Stereotyp zuzuordnen. Als zentrale Persönlichkeit und vorrantreibender Motor der Idee wird in der Literatur jedoch immer wieder Dieter Kunzelmann genannt. Der 1939 in Bamberg geborene Sohn eines Sparkassendirektors hatte sich schon Anfang der sechziger Jahre, während zahlreicher Auslandsaufenthalte, teils in Schweden, teils in Frankreich, mit der Theorie über die Gründung revolutionärer Keimzellen in kapitalistischen Systemen beschäftigt und dies auch in Briefen seiner Familie mitgeteilt.[7] In seiner kurze Zeit später erschienenen Veröffentlichung „Die Notizen zur Gründung revolutionärer Kommunen in den Metropolen“ beschreibt er schon relativ konkret wie die Schaffung und die Umsetzung eines solchen Vorhabens in einer Gesellschaft wie der Bundesdeutschen auszusehen habe.[8] Wichtig sind ihm vor allem die Durchbrechung der traditionellen Geschlechterrollen, die Ablehnung des Privatbesitzes und die Abschaffung der als übertrieben egoistisch angesehenen Privatsphäre. Kunzelmann war bekennender Situationist und hat aus seiner Ablehnung den herrschenden Umständen gegenüber niemals einen Hehl gemacht. Von ihm gingen auch die stärksten Impulse für die spektakulären Aktionen der Kommune I aus. Weitere Gründungsmitglieder waren Fritz Teufel, Volker Gebbert, Ulrich Enzensberger, Dorothea Ridder und Dagmar Seehuber. In der späteren Phase der Kommune I war das Hauptaugenmerk der Öffentlichkeit auf den Kommunarden Rainer Langhans und Uschi Obermaier gerichtet. Diese gehörten zwar nicht zu den Gründungsmitgliedern, übten durch verschiedene Faktoren aber einen sehr starken Reiz auf die Presse und somit zwangsläufig auf die Öffentlichkeit aus.

[...]


[1] Marget Tränkle: Von Kommune und WG in Willi Buchner/Klaus Pohl (Hrsg.): Schock und Schöpfung – Jugendästhetik im 20. Jahrhundert, Darmstadt 1986, S.201.

[2] Vgl. Jürgen Busche: Die 68er Biographie einer Generation, Berlin 2003, S. 18.

[3] Ulrich Enzensberger: Die Jahre der Kommune I, Köln 2004, S.99.

[4] Vgl. Enzensberger 2004, S. 131.

[5] Ebenda, S.107.

[6] Vgl. Karl-Heinz Stamm: Alternative Öffentlichkeit, Frankfurt am Main 1988, S. 33.

[7] Vgl. Dieter Kunzelmann: Leisten Sie keinen Widerstand, Berlin 2002, S. 27.

[8] Vgl. Wolfgang Kraushaar: 1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur, Hamburg 2000, S. 29.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Wohngemeinschaft Kommune I
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde)
Veranstaltung
Zur Kultur des Widerstandes
Note
1-
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V87280
ISBN (eBook)
9783638014953
ISBN (Buch)
9783638917735
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wohngemeinschaft, Kommune, Kultur, Widerstandes
Arbeit zitieren
Magister Artium Immo Drobnik (Autor), 2006, Die Wohngemeinschaft Kommune I, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87280

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