Achse Prag-Paris: Poetismus und französische Avantgarde


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorbemerkungen
2.1. Ausgangssituation
2.2. Anfänge der Avantgardebewegung
2.3. Die tschechische Avantgardebewegung
2.4. Poetismus

3. Verbindungen zu Frankreich
3.1. Personelle Verbindungen
3.2. Theoretische Grundlagen
3.3. Praktischer Teil: Nachweis von Ähnlichkeiten in den Werken
3.4. Surrealismus

4. Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Überall in Europa lassen sich in der Zeit zwischen den Weltkriegen bis 1921 in der Literatur avantgardistische Strömungen nachweisen, die durch die Ablehnung der literarischen Traditionen und den Versuch der Schaffung einer neuen Literatur gekennzeichnet sind. Diese Bewegungen hatten in den verschiedenen Ländern unterschiedliche Ausprägungen und Präferenzen. Wie oft bei der Entstehung neuer künstlerischer Tendenzen, kommt Frankreich eine besondere Rolle in der Vorbereitung und Entwicklung der Avantgarde zu. Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, Parallelen zwischen der tschechischen und der französischen Avantgardebewegung aufzuzeigen und so den französischen Einfluss auf die tschechische Avantgarde zu verdeutlichen. Es handelt sich hierbei also in erster Linie um eine geistesgeschichtliche Betrachtung, bei der der zur damaligen Zeit vorherrschende Zeitgeist, nämlich die Avantgarde, in ihren theoretischen Grundlagen erörtert und dann anhand zweier seiner regionalen Ausprägungen verdeutlicht wird.

Nachdem im ersten Teil der Arbeit zunächst der geschichtliche Hintergrund sowie die Entstehungsgeschichte der tschechischen und französischen Avantgardebewegungen kurz umrissen werden, werden im praktischen Teil die Verbindungen zwischen den beiden Strömungen untersucht. Hierbei werden zunächst Aussagen über die personelle Verbundenheit der tschechischen und französischen Gesellschaft in jener Zeit gemacht, anschließend Parallelen in den theoretischen Manifesten der Kunst jener Zeit aufgezeigt. Anschließend werden auch anhand einzelner Vergleichen zwischen Werken französischer und tschechischer Dichter die Parallelen aufgezeigt. Anschließend wird gezeigt, dass in Tschechien die von Frankreich übernommene Avantgardeliteratur weiterentwickelt, was sich im Poetismus und einer schrittweisen Rückkehr zur bürgerlich geprägten Literatur zeigt.

Besondere Berücksichtigung findet in dieser Arbeit der von Apollinaire verfasste Gedichtband „Alcools“, der 1919 von Karel Čapek ins Tschechische übersetzt wurde und somit ein Grunddokument für die Auseinandersetzung der tschechischen Künstler mit der französischen Dichtung darstellt. Das Gedicht „Zone“ aus diesem Gedichtband fand in Tschechien besondere Beachtung und wurde zum Grundstein für eine ganze Reihe von Gedichten, die „Pásmo-Lyrik“.

Für den literaturgeschichtlichen Teil habe ich die Arbeiten von Peter Drews, insbesondere dessen Arbeit „Die slawische Avantgarde“ herangezogen, sowie die „Geschichte der tschechischen Literatur“ von Antonín Měšt’an. Da mir auch die französische Sicht auf die Entwicklung der Avantgarde wichtig erscheint, beziehe ich mich ebenfalls auf die „Histoire de la littérature tchèque“ von H. Voisine-Jechova. In der Schlussbemerkung sollen mögliche Gründe für Differenzen und Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Entwicklungen aufgezeigt werden.

2. Vorbemerkungen

Im Folgenden soll kurz die historische Situation zu Beginn der Avantgardezeit erläutert werden, da sie einen großen Einfluss auf das Entstehen der neuen Literaturströmung hatte. Weiterhin werde ich kurz den geschichtlichen Ablauf sowie die wesentlichen Inhalte der Avantgardebewegung darstellen, wobei ich auf den Poetismus als besonderen Abschnitt der tschechischen Avantgarde in einem gesonderten Absatz eingehe.

2.1. Ausgangssituation

Mit dem Ende des I. Weltkrieges und der damit verbundenen Neuordnung Europas sah man sich in den europäischen Staaten an der Schwelle zu einer neuen Epoche. Die politische Landkarte war neu gezeichnet worden, Völker wie Tschechien und Polen, die seit Jahrhunderten für einen eigenen Staat gekämpft hatten, hatten diesen endlich erhalten. Auch in den vorherigen Weltmächten Deutschland und Russland kam es zu politischen Umbrüchen und Neuanfängen. Gleichzeitig lagen weite Teile Europas in Trümmern und mussten neu aufgebaut werden.

In Tschechien war die erste Tschechoslowakische Republik unter Präsident Masaryk gegründet worden, auch die französische Gesellschaft sah sich durch den Wiederaufbau nach dem Krieg und die neue veränderte Stellung in Europa vor einer Epochenschwelle. Gleichzeitig führten die zunehmende Industrialisierung und Automatisierung zu vielen Veränderung in der alltäglichen Lebenswelt der Menschen. Das Vertrauen in die Zukunft war gewachsen, und gleichzeitig war das Bewusstsein vorhanden, dass soziale Veränderungen den arbeitsweltlichen folgen müssten. Auch in der Kunst sah man sich am Beginn einer neuen Epoche: wenn es auch schon vor dem Krieg kleinere Gruppierungen gegeben hatte, die für eine Neudefinierung der geltenden Maßstäbe eingetreten war, so war nun auch objektiv der Neuanfang gegeben. Unter den neuen Bedingungen war bei den Künstlern das Vertrauen in die Zukunft gestiegen sowie das Bewusstsein für die Verantwortung, diese Zukunft selbst mitgestalten zu müssen. Vor diesem Hintergrund ist die Entstehung der Avantgardebewegung zu sehen.

2.2. Anfänge der Avantgardebewegung

Für die Künstler stellte sich die Frage, wie man der Aufgabe, zu den bevorstehenden sozialen Veränderungen beizutragen, gerecht werden sollte. Dazu stellte man fest, dass die bisherige Kunst mit den vom Bürgertum geprägten Maßstäben der Ästhetik und Verfahren nicht sinnvoll anknüpfen konnte und beschloss, diese radikal zu verwerfen. Die radikale Ablehnung gegenüber der Tradition ist ein wesentliches Merkmal der Avantgarde, vor allem in deren Anfangszeit. Diese insgesamt kritische und ablehnende Haltung führte oft auch zu inneren Spannungen in der Avantgardebewegung selbst: Die beständige Bemühung, alles alte abzulehnen sowie das Bewusstsein, etwas ganz neues schaffen zu wollen lassen die Avantgardisten sehr von sich überzeugt sein, wodurch sie ihren Kollegen gegenüber untolerant wurden und damit die Avantgardebewegung als ganzes untereinander von inneren Spannungen und Streitereien geprägt ist.

Auch über die Inhalte, sie künftig Kunst und Literatur bestimmen sollten, war man sich nicht einig, da es keine vorherrschende Richtung mehr gab und sich die Kunst erst sammeln musste. (vgl. Müller, 1978: 26). In Tschechien hatten vor dem Krieg das Besingen der nationalen, unter der österreich-ungarischen Fremdherrschaft unterdrückten tschechischen Kultur im Vordergrund gestanden, jetzt hatten die Tschechen ihren eigenen Staat und damit die Freiheit, sich anderen Themen zuzuwenden. Wie auch in Polen distanzierte man nun sich deutlich von der Nationalromantik und suchte nach neuen Wegen. In Frankreich war man sich im Großen und Ganzen einig, dass die althergebrachte bürgerliche Kunst am Ende war und ging bei der Suche nach neuen Inhalten verschiedene Wege. Es wurden hierbei viele verschiedene Experimente durchgeführt, so dass die Zeit von Ende des Krieges bis Anfang der 30er Jahre in der Literaturgeschichte auch als die „années folles“ bezeichnet wird. „Kunstgeschichtlich kennzeichnet die „années folles“ eine schwindelerregende Abfolge avantgardistischer Bewegungen, die sich gegenseitig überbieten: Dada, Surrealismus, Neokubismus, Neoklassizismus, „Art déco“, Abstraktion, Neue Sachlichkeit. In der Literatur konkurrieren mehrere Generationen miteinander. Während die großen Autoren ihr Werk im Geist der Belle Époque fortsetzen, zieht eine Generation junger, vom Krieg direkt betroffener Autoren unerbittlich die Konsequenzen aus dem Versagen einer bürgerlichen Kultur, die den Tod von zehn Millionen Menschen nicht hatte verhindern können.“ (Grimm, 1994: 299)

Hans Robert Jauss datiert in seinem Vortrag „Die Epochenschwelle von 1912“ den Beginn der Avantgarde auf den Dezember 1912, zwischen dem Erscheinen von G. Apollinaires Gedicht „Zone“ und „Les Fenêtres“. Obwohl vorher bereits in theoretischen Manifesten viel über die Avantgarde diskutiert wurde, ist Zone das erste Gedicht, das wirklich auf die neue Art und Weise geschrieben wurde. Anhand des Gedichtes „Zone“ kann nicht nur der Einfluss auf die tschechische Avantgarde gezeigt werden, sondern auch die Inhalte der Avantgarde an sich. Aus diesem Grund wird in einem späteren Abschnitt dieser Arbeit auf dieses Gedicht ausführlicher eingegangen.

2.3. Die tschechische Avantgardebewegung

Die Anfänge der tschechischen Avantgardebewegung liegen in einer Gruppe von Prager Künstlern, der sogenannten 1914er Gruppe. Hier waren Theer, die Brüder Čapek und Neumann die führenden Köpfe, wobei starke inhaltliche Differenzen insbesondere zwischen Theer und Neumann bestanden. Auch in Tschechien war die Entwicklung der Literatur durch den Krieg unterbrochen. Jedoch wurde das Gefühl, an der Schwelle zu einer neuen Epoche zu stehen, besonders in Tschechien dadurch verstärkt, dass man zum ersten Mal eine eigene tschechische Republik hatte. Auch hier war die Epochenschwelle objektiv (ähnlich in Russland durch die Oktoberrevolution) in größerem Maße bereits objektiv gegeben und musste nicht erst durch die Künstler ausgerufen werden. „Während der westeuropäische Dadaismus und Surrealismus ihre Energien auf Protest und Provokation richten müssen, kann der sowjetische LEF in seinen Aktivitäten praktische Erfolge verbuchen.“ (Müller: 1978, 6)

Einen Meilenstein für die Entwicklung der tschechischen Avantgardebewegung stellte die K. Čapek veröffentlichte Übertragung des Apollinaire-Gedichtes „Zone“ ins tschechische (pásmo), die 1919 erschien, sowie die 1920 folgende Anthologie „Francouzská poezie nové doby“ (Französische Poesie der neueren Zeit). Hierbei handelte es sich um eine große Auswahl von Gedichten französischer Autoren, u.a. Sully Prudhomme, Baudelaire, Cendrars. Drews beschreibt den Einfluss, den diese Werke auf die damalige tschechische Literaturlandschaft hatten, folgendermaßen: „Erregte Pásmo noch relativ wenig Aufsehen, so wurde die Anthologie und vor allem die darin enthaltenen Gedichte von Apollinaire (insbesondere Pásmo) jetzt fast zu einer literarischen Bibel der jungen Generation“ (Drews: 1983, 210). Hierzu ist anzumerken, dass die erste Ausgabe der Anthologie das Gedicht „pásmo“ noch nicht enthielt, sondern dieses erst in der erweiterten Ausgabe von 1936 eingefügt wurde. Doch rückte bereits 1920 durch das Erscheinen der Anthologie auch „pásmo“ in den Blickpunkt der Künstler.

Dann Devětsil-Bewegung. „Noch vor der Entstehung der Literární skupina im Februar 1921 wurde in Prag nach über ein Jahr dauernden Diskussionen am 5.10.1920 die Vereinigung tschechischer Künstler Devětsil gegründet, die am 6.2.1921 erstmals an die Öffentlichkeit trat“ (Měšt’an: 239). „Devětsil“ bedeutet „Pestwurz“, ein Gewächs, das im Volksmund auch als „Neunkraft“ bezeichnet wurde. Es ist ein programmatischer Name, da die Pestwurz eines der ersten im Frühling blühenden Gewächse ist. Der Devětsil wurde zur führenden Bewegung innerhalb der tschechischen Avantgarde, „alles, was man als tschechische Avantgarde-Kunst bezeichnen kann, hängt auf die eine oder andere Weise mit dem Devětsil zusammen“ (Mestan, 240). Aus dem Devětsil heraus entstand der Poetismus als „avantgardistische, vor allem dichterische Kunstrichtung“ (ebd), die eine spezifisch tschechische Form der Avantgarde darstellt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Achse Prag-Paris: Poetismus und französische Avantgarde
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Slavistik)
Veranstaltung
Hauptseminar "Die Avantgarde bei den Westslaven"
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V87431
ISBN (eBook)
9783638064903
Dateigröße
600 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Achse, Prag-Paris, Poetismus, Avantgarde, Hauptseminar, Westslaven
Arbeit zitieren
Gerrit Langel (Autor), 2004, Achse Prag-Paris: Poetismus und französische Avantgarde, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87431

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