Vor nun fast zehn Jahren ging mit der Bundestagswahl 1998 die Ära Kohl zu Ende, die sowohl vom zeitlichen Umfang wie auch von den innerstaatlichen Veränderungen her in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland seinesgleichen sucht. Sechzehn Jahre zuvor hatte Helmut Kohl, nach dem geglückten konstruktiven Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt, dessen Nachfolge als Bundeskanzler angetreten. Schon in den ersten beiden Regierungserklärungen 1982 und 1983 wurde deutlich, dass Kohl den Regierungswechsel nicht nur als politische Wende, sondern auch als Beginn einer „Geistig-moralischen Wende“ betrachtete. Darauf, dass er mit dem Regierungswechsel auch die Förderung des historischen Bewusstseins und die Schaffung einer nationalen Identität sowie eine Neujustierung des Verhältnisses der deutschen Bevölkerung zur NS-Zeit beabsichtigte, deuteten bald sowohl öffentliche, symbolische Akte und Reden als auch Regierungsinitiativen - wie der Bau von historischen Museen - hin. Viele sahen in dieser Art der Vergangenheitsbewältigung eine zielgerichtete „Geschichtspolitik“ Helmut Kohls. Ihm wurde vorgeworfen, die Geschichte für seine gegenwärtigen und zukünftigen Interessen zu instrumentalisieren. Sein eigentliches Ziel wäre die Durchsetzung eines neo-konservativen Geschichtsbildes und der Wiederbelebung des Nationalbewusstseins. Dies würde er durch eine Relativierung der NS-Verbrechen oder milder ausgedrückt durch eine „Entkonkretisierung der NS-Herrschaft“ in Reden und inszenierten Symbolakten zu erreichen versuchen.
Linksliberale Intellektuelle sahen vor dem Hintergrund der Art des Umgangs der Regierung Kohl mit der NS-Vergangenheit auch in der Geschichtswissenschaft die Tendenz der Geschichtsrevision aufkommen. So entbrannte im Juni 1986 ein Streit unter Historikern u. a. über die Singularität der Judenvernichtung während der NS-Zeit. Dieser vom Philosophen Jürgen Habermas ausgelöste so genannte „Historikerstreit“ sollte sich zur größten zeitgeschichtlichen Kontroverse der Nachkriegszeit entwickeln. Die vorliegende Hauptseminararbeit verfolgt das Ziel die Vergangenheitsbewältigung in der Anfangsphase der Ära Kohl zunächst auf politischer Ebene zu analysieren, um dann - mit dem „Historikerstreit“ Mitte der 80er Jahre - die Vergangenheitsbewältigung dieser Zeit auf wissenschaftlicher Ebene darzustellen und historisch einzuordnen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. „Vergangenheitsbewältigung“ vor der Ära Kohl
2. „Vergangenheitsbewältigung“ in den ersten Jahren der Ära Kohl (politische Ebene)
a. Die „Gnade der späten Geburt“
b. Die „Bitburg-Kontoverse“
c. Der 8. Mai 1945 - „Tag der Befreiung“
Zwischenfazit: „Vergangenheitsbewältigung“ in den ersten Jahren der Ära Kohl (politische Ebene)
3. Der „Historikerstreit“ 1986/87
Ein „Stellvertreterkrieg“ mit geschichtspolitischem Hintergrund (Schlussbetrachtung)
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die geschichtspolitische Strategie der Regierung Kohl in der Anfangsphase ihrer Regierungszeit sowie deren wissenschaftliche Resonanz im sogenannten „Historikerstreit“. Dabei soll geklärt werden, inwiefern die Instrumentalisierung von Geschichte zur Schaffung einer nationalen Identität sowie zur Relativierung der NS-Vergangenheit in der politischen Praxis und der wissenschaftlichen Debatte eine Rolle spielte.
- Politische Geschichtspolitik der frühen Ära Kohl
- Symbolische Akte als Mittel der Identitätsstiftung
- Analyse der Kontroverse um den „Historikerstreit“ 1986/87
- Verhältnis zwischen politischer Wende und geschichtswissenschaftlicher Debatte
Auszug aus dem Buch
a. Die „Gnade der späten Geburt“
Vom 24. bis 29. Januar 1984 begab sich Bundeskanzler Helmut Kohl nach Israel. Innenpolitisch angeschlagen durch die so genannte Wörner/Kießling-Affäre, stand auch der Staatsbesuch in Israel unter schlechten Vorzeichen, hatte Kohl doch erst ein paar Monate zuvor Israels Nachbar im Nahen Osten Saudi-Arabien besucht und dem dortigen Machthaber umfangreiche Waffenlieferungen in Aussicht gestellt. Dennoch ging Helmut Kohl davon aus, dass sein Staatsbesuch sowohl in der Bundesrepublik als auch in Israel, „als Zeichen einer Verbesserung der Beziehungen“ und „als Symbol eines Brückenschlags zwischen (…) beiden Ländern und Völkern“ angesehen werden würde.
Bereits bei der Begrüßung am Flughafen erklärte Kohl, dass er „als erster Bundeskanzler aus der Nachkriegsgeneration“ den Staat Israel besuchen würde, und dass mit seinem Amtsantritt „ein ‚neuer Geist’ in der Bundesrepublik eingezogen sei“. Auch beim Festbankett im Jerusalemer Hilton ließ Helmut Kohl keinen Zweifel aufkommen, dass er sich selbst als Repräsentant einer Generation sähe, für die die Geschichte Deutschlands keine Last, sondern vielmehr ein „‚Auftrag für die Zukunft’“ darstellte. Kohl wies mehrmals auf diesen Generationenwechsel hin, der sich in beiden Ländern vollziehen würde. In der Bundesrepublik wäre nun eine Generation herangewachsen, welche die NS-Verbrechen nicht selbst miterlebt hatte, sich jedoch ihrer historischen Verantwortung bewusst wäre.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit führt in die Ära Kohl ein, skizziert den Vorwurf der politisch motivierten Geschichtspolitik und formuliert das Ziel, den Zusammenhang zwischen der politischen „Wende“ und dem „Historikerstreit“ zu untersuchen.
1. „Vergangenheitsbewältigung“ vor der Ära Kohl: Dieses Kapitel beschreibt die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und den Umgang mit der NS-Vergangenheit vor 1982, geprägt durch einen Generationswechsel und einen Wandel in der Erinnerungskultur.
2. „Vergangenheitsbewältigung“ in den ersten Jahren der Ära Kohl (politische Ebene): Die Arbeit analysiert die „Geschichtspolitik“ Kohls anhand zentraler Ereignisse wie der Israelreise, der Bitburg-Kontroverse und der Weizsäckerrede.
Zwischenfazit: „Vergangenheitsbewältigung“ in den ersten Jahren der Ära Kohl (politische Ebene): Das Zwischenfazit fasst die Ergebnisse zur politischen Ebene zusammen und stellt fest, dass „Bitburg“ das Ende der ersten Phase der Kohlschen Geschichtspolitik markierte.
3. Der „Historikerstreit“ 1986/87: Dieses Kapitel widmet sich der wissenschaftlichen Kontroverse, ihren Akteuren, den inhaltlichen Streitpunkten zur Singularität der NS-Verbrechen und dem Vorwurf der politischen Instrumentalisierung.
Ein „Stellvertreterkrieg“ mit geschichtspolitischem Hintergrund (Schlussbetrachtung): Die Schlussbetrachtung ordnet den Historikerstreit als politischen „Stellvertreterkrieg“ ein, der in engem Zusammenhang mit der geschichtspolitischen Agenda der Ära Kohl stand.
Schlüsselwörter
Ära Kohl, Geschichtspolitik, Vergangenheitsbewältigung, Historikerstreit, NS-Vergangenheit, Holocaust, Gnade der späten Geburt, Bitburg-Kontroverse, Nationale Identität, Ernst Nolte, Jürgen Habermas, Bundesrepublik Deutschland, Geschichtswissenschaft, NS-Forschung, Erinnerungskultur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die geschichtspolitischen Ansätze des Bundeskanzlers Helmut Kohl in den frühen 1980er Jahren und setzt diese in Bezug zum sogenannten „Historikerstreit“ der Jahre 1986/87.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der politische Umgang mit der NS-Vergangenheit, die Suche nach einer neuen nationalen Identität in der Bundesrepublik und die Rolle der Geschichtswissenschaft in politischen Debatten.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, ob ein inhaltlicher Zusammenhang zwischen der politischen „Wende“ von 1982/83 und dem „Historikerstreit“ 1986/87 bestand.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine zeithistorische Analyse, die auf einer Auswertung von Fachliteratur, zeitgenössischen Reden, politischen Erklärungen und dokumentierten Kontroversen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst der geschichtliche Kontext vor der Ära Kohl, dann die politischen Ereignisse wie der Israelbesuch und die Bitburg-Kontroverse und abschließend die wissenschaftliche Debatte des Historikerstreits detailliert untersucht.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind „Geschichtspolitik“, „Gnade der späten Geburt“, „Historikerstreit“, „NS-Vergangenheit“ und „nationale Identität“.
Wie bewertet der Autor Kohls Rolle bei der Bitburg-Kontroverse?
Der Autor konstatiert, dass Kohl durch ungeschicktes Timing und eine unklare geschichtspolitische Strategie bei der Bitburg-Kontroverse erheblichen Widerstand hervorrief, der die Schwierigkeiten bei der Konstruktion eines konsensfähigen Geschichtsbildes verdeutlichte.
War der Historikerstreit aus Sicht des Autors eine reine Fachdebatte?
Nein, der Autor bezeichnet den Historikerstreit als „geschichtspolitische Schlammschlacht“ und „Stellvertreterkrieg“, da die wissenschaftliche Dimension stark von politischen Intentionen beider Seiten überlagert wurde.
- Citation du texte
- Manuel Limbach (Auteur), 2008, Vergangenheitsbewältigung in der Ära Kohl: Der "Historikerstreit", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87468