Interkulturelle Pädagogik in der DDR


Seminararbeit, 2002
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die ideologische Erziehung in der DDR unter dem Aspekt der Völkerfreundschaft
2.1 Das sozialistische Verständnis von Internationalismus und Kosmopolitismus
2.2 Der Ethnozentrismus des Gleichheitsprinzips
2.3 Antirassistische Erziehung
2.4 Antifaschistische Erziehung

3. Ausländer in der DDR
3.1 Die Arbeits- und Lebensbedingungen von Ausländern in der Deutschen Demokratischen Republik
3.2 Ausländerfeindlichkeit in der Deutschen Demokratischen Republik

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus in den neuen Bundesländern –ein Thema, dass seit 1989 nicht mehr aus den Schlagzeilen kommt.

Rostock und Hoyerswerda sind traurige Beispiele dafür, wie der Hass gegen Fremde in seiner schärfsten Form zum Ausdruck kam.

Erst seit dem Fall der Mauer wurde bekannt, wie Ausländer und Minderheiten in der DDR lebten, welchen Problemen und Anforderungen sie gegenüberstanden.

Seitdem versuchen Sozial- und Gesellschaftswissenschaftler das Phänomen Fremdenfeindlichkeit nach der „Wende“ in den neuen Bundesländern zu erklären.

Da die Vermutung nahe liegt, dass Fremdenfeindlichkeit schon als ein latentes Problem in der DDR bestanden hat, gilt es zu untersuchen, welche Ursachen und Gründe es dafür gab. Wie konnte es demnach sein, dass spätestens seit Mitte der 80er Jahre die Ausgrenzung von „Fremden“ zunehmend offener und gewalttätiger geschah, obwohl die SED – Führung und DDR – Regierung jahrzehntelang den Anspruch erhoben, eine Politik zu betreiben, die Frieden und Völkerfreundschaft anstrebe, dem Antifaschismus und Internationalismus verpflichtet sei und die der Verbreitung von Rassismus, Ausländerhass und Antisemitismus den entscheidenden Kampf ansagte?

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass es eine spezielle interkulturelle Pädagogik in der Deutschen Demokratischen Republik nicht gab. Die DDR sah sich selbst als einen homogenen deutschen Staat an, in dem es höchstens zu vernachlässigende Minderheiten gab.

Folglich ist die Quellenlage zu diesem Thema relativ dürftig, zumal mit Ausländern oft nur die, in der DDR arbeitenden ausländischen Arbeitskräfte gemeint waren. Trotzdem war die DDR-Erziehung auf Internationalismus und Völkerfreundschaft ausgerichtet. In dieser Hausarbeit sollen die Bemühungen der DDR im Hinblick auf internationalistische Erziehung beleuchtet werden. Da die DDR ein totalitärer sozialistischer Staat war, werden hier ideologische Elemente unzweifelhaft auch eine wichtige Rolle spielen.

Weiterhin soll das Leben der Ausländer in der DDR und ihre Einstellung, beziehungsweise ihre Position zum gegenseitigen Miteinander, mit Bürgern der DDR dargestellt werden.

Zum Schluss wird die Frage diskutiert, wie es zu einer sich steigernden Ablehnung von Ausländern in den achtziger Jahren kommen konnte. Verschiedene Gründe und Erklärungsansätze sollen angesprochen werden.

2. Die ideologische Erziehung in der DDR unter dem Aspekt der Völkerfreundschaft

2.1 Das sozialistische Verständnis von Internationalismus und Kosmopolitismus

„Die deutsche demokratische Republik sichert das Voranschreiten des Volkes zur sozialistischen Gemeinschaft allseitig gebildeter Menschen, die vom Geist des sozialistischen Patriotismus und Internationalismus durchdrungen sind und über eine hohe Allgemeinbildung und Spezialbildung verfügen.“1

Der hier dargestellte Artikel 25, Absatz 2 der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik zeigt deutlich, von welchem Gewicht die Begriffe Internationalismus und Patriotismus als durch Erziehung und Bildung anzustrebende Persönlichkeitsmerkmale des sozialistischen Menschen waren. Die ausdrückliche Nennung der beiden Begriffe im verfassungsmäßigen Rahmen zeigt weiterhin, welche zentrale Rolle sie im Bildungswesen der Deutschen Demokratischen Republik einnahmen.

Der Internationalismusbegriff wird im allgemeinen mit weltumspannender Völkerfreundschaft assoziiert. Jedoch ist dieser Begriff, im Sinne sozialistischem Denkens, klar von dem des Kosmopolitismus zu trennen.

Kosmopolitismus ist ein Begriff der Philosophie, der die Idealvorstellung einer Weltbürgerschaft beschreibt, in der sich der Einzelne als Bürger einer Bürgerschaft aller Menschen, insofern er in erster Linie Mensch ist, einordnen kann.

Aufklärerisch und humanistisch orientierte Strömungen des 18. Jahrhunderts verstanden den Kosmopolitismusbegriff im Sinne eines Weltbürgertums, dass den Menschen als Element der gesamten Menschheit und nicht einer einzelnen Nation betrachtete.2

Zwar wurde der Bedeutungsinhalt des Kosmopolitismus auch in der Deutschen Demokratischen Republik rezipiert, jedoch bekam er dort durch ideologische Umdeutung eine politische Färbung. So wurde im „Jugendlexikon Philosophie“ noch in der Ausgabe von 1981 der Begriff des Kosmopolitismus als „Ideologie der aufstrebenden, revolutionären Bourgeoisie gegen feudale Unterdrückung anderer Völker, gegen feudale Zersplitterung und feudalen Provinzialismus,“ der die „weltoffenen Entwicklung der bürgerlichen Nation fördern“3 sollte, dargestellt.

Diese Beschreibung lässt darauf schließen, dass die marxistisch – leninistische Geschichtsauffassung diesen Begriff im Bezug auf den „gesetzmäßigen Kampf der Klassen“, eindeutig in einer bestimmten politischen Ausrichtung verstanden wissen wollte.

Der Kosmopolitismus wurde zum Teil der „feindlichen“ Ideologie des amerikanischen Imperialismus deklassiert, die sich in dem Bestreben äußerte, die nationale Souveränität anderer Völker einzuschränken, das nationale Kulturerbe zu zerstören und die nationale Unabhängigkeit der Völker auflösen zu wollen. „ Der heutige Kosmopolitismus [...] ist dagegen Bestandteil der reaktionären imperialistischen Ideologie, er ist Ausdruck der Tatsache, dass das Monopolkapital sich internationalisiert und andere Völker schonungslos Ausbeutet und politisch unterdrückt. Der heutige Kosmopolitismus soll die gegen die nationalen Interessen der Völker gerichtete Herrschaft des internationalen Monopolkapitals und den Verrat der imperialistischen Bourgeoisie an den Lebensinteressen der eigenen Nation rechtfertigen.“4 Aufgrund diesen Verständnisses von Kosmopolitismus wurde die ursprüngliche Intension des Begriffes, der grundsätzlich freundschaftlichen Beziehungen aller Völker untereinander, ins Gegenteil umgewandelt.

Durch die ideologische Umdeutung konnte sich der Sozialismus von anderen, im Regelfall „imperialistischen“ Staaten abgrenzen. Etwaige Gemeinsamkeiten untereinander, hier am Beispiel der Völkerfreundschaft, wurden so trotzdem unterschiedlich dargestellt und gewertet.

Problematisch war nun, wie die freundschaftlichen Beziehungen zu anderen Staaten definiert werden sollten. In diesem Zusammenhang bot sich der ebenfalls historisch determinierte, in der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts entstandene Begriff des Internationalismus an.

Der sogenannte „Proletarische Internationalismus“ bedeutete soviel wie die Einheit der Arbeiterklasse der Erde, welche das Pendant zur Internationalisierung des Kapitals darstellte. Dieser erstmals im Jahre 1884 formulierte Gedanke „Proletarier aller Länder vereinigt euch“ fand Eingang in das Repertoire der sozialistischen Ideologie und sollte als ein entscheidender Inhalt des „sozialistischen Bewusstseins“ umgesetzt werden. Demnach besagte der proletarische Internationalismus im Hinblick auf die Gestaltung der Beziehungen zu anderen Völkern: „Der bestimmende Grundgedanke des proletarischen Internationalismus ist der Zusammenschluss der Arbeiter aller Länder, Völkerschaften und Nationen im Kampf gegen kapitalistische Ausbeutung und Unterdrückung für den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft.“5 Folglich konnte vom Kosmopolitismusgedanken keine Rede mehr sein. Die freundschaftlichen Beziehungen zu anderen Ländern stellten sich als Beziehungen zu deren Arbeiterklasse heraus. In der Praxis bedeutete dies, dass die kapitalistischen Länder der Erde davon ausgenommen waren, da sie ja faktisch über keine Arbeiterklasse verfügten, beziehungsweise befanden sich die Arbeiter dieser Länder, aus sozialistischer Sicht, noch unter dem Joch der „imperialistischen Oberschicht“ und warteten sozusagen auf ihre Befreiung durch die sozialistische Weltrevolution.

Der sozialistische Internationalismus richtete sich jeweils nur auf bestimmte sozial definierte Teile eines fremden Volkes beziehungsweise bestimmter Länder aufgrund ihrer sozialistischen Gesellschaftsordnung. Die in den Internationalismus einbezogenen Gruppen waren: die sozialistischen Länder, die Arbeiterklasse der kapitalistischen Welt sowie die nationalen, antiimperialistischen Befreiungsbewegungen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas.

Besonders deutlich wird die Selektivität des Internationalismusbegriffes im Zusammenhang mit der Fremdsprachenausbildung an den Schulen der Deutschen Demokratischen Republik. Der Fremdsprachenunterricht stand, wie andere Fächer z.B. Geschichte und Staatsbürgerkunde auch, unter dem Gesichtspunkt der ideologischen Erziehung. Das ideologische Ziel des Russischunterrichts war: „Im Russischunterricht steht die Erziehung zur deutsch – sowjetischen Freundschaft, zur brüderlichen internationalistischen Verbundenheit mit dem Lande Lenins, mit der führenden Kraft für Sozialismus und Fortschritt im Vordergrund.“6 Während das Ziel des Englisch- und Französischunterrichts ein anderes war: „Im Englisch- und Französischunterricht kommt es vor allem darauf an, den Schülern tiefer bewusst zu machen, dass der Imperialismus ein menschenfeindliches System darstellt, dass die Arbeiterklasse unter Führung ihrer marxistisch – leninistischen Parteien an der Spitze des Kampfes um eine glückliche Zukunft für alle Menschen steht; dass die aktive Solidarität Ausdruck des weltweiten Kampfes gegen den Gemeinsamen Gegner ist.“7 In diesen Ausführungen kommt wiederum klar der Gedanke zum Ausdruck, das nicht alle Völker vorbehaltlos gleichermaßen umfassende freundschaftliche Beziehungen pflegen konnten, sondern das auf eine klare politische Einordnung Wert zu legen war.

Fasst man das eben geschilderte Verständnis der Begriffe Kosmopolitismus und Internationalismus zusammen, muss man folgendes feststellen: Der Begriff Kosmopolitismus, der an sich einen humanen Inhalt impliziert, wurde durch die Ideologie der DDR verworfen, da er zu einem gewissen Teil gleiche Anschauungen im Bezug auf Völkerfreundschaft, auch nichtsozialistischer Länder, beinhaltete. Da der Klassenfeind jedoch offiziell keine Gemeinsamkeiten mit den fortschrittlichen Ländern der Arbeiterklasse haben durfte, wurde der Begriff Kosmopolitismus durch den Begriff Internationalismus ersetzt. Durch diese Substitution war es im Sinne der sozialistischen Ideologie möglich, Völkerfreundschaft zu ihrem Zwecke zu definieren. Nämlich als eine Freundschaft nur zu bestimmten Ländern, soweit sie die geforderten Bedingungen erfüllten. Eine Abgrenzung zu den kapitalistischen Ländern wurde dementsprechend ideologisch begründbar, da eine Freundschaft aufgrund fehlender Vorraussetzungen nicht in Frage kam. Stattdessen wurden die freundschaftlichen Beziehungen der kapitalistischen Länder zu anderen Ländern durch den von der DDR Ideologie umgedeuteten Begriff Kosmopolitismus erklärt, der die Völkerfreundschaft dieser Länder in ein schlechtes Licht rückte und das eigene Bestreben nach Internationalismus als einzig richtige Form der Freundschaft herausstellte.

[...]


1 Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1968, S. 27

2 vgl. Christiane Griese, Helga Marburger: Zwischen Internationalismus und Patriotismus, Frankfurt/M. 1995, S.

35

3 Jugendlexikon Philosphie, hrsg. von Frank Fiedler und Günter Gust, Leipzig 1981, S.117

4 a.a.O., S.117

5 Kosing, Alfred: Nation in Geschichte und Gegenwart, Berlin 1976, S.240

6 Allgemeinbildung, Lehrplanwerk, Unterricht, hrsg. von der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der

Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1972, S.58

7 Allgemeinbildung, Lehrplanwerk, Unterricht a.a.O.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Interkulturelle Pädagogik in der DDR
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg  (Professur für allgemeine Pädagogik)
Veranstaltung
Grundbegriffe der Interkulturellen Pädagogik
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
20
Katalognummer
V8753
ISBN (eBook)
9783638156431
ISBN (Buch)
9783656902676
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interkulturelle, Pädagogik, Grundbegriffe, Interkulturellen
Arbeit zitieren
Rene Hoffmann (Autor), 2002, Interkulturelle Pädagogik in der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8753

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